© Entertainment One (aus "Berlin Alexanderplatz")

Aus dem Wettbewerb der Berlinale 2020: Franz heißt jetzt Francis

Donnerstag, 27.02.2020

Berlinale 2020: Kontroverse Diskussionen um die Filme „DAU. Natasha“ von Ilya Khrzhanovskiy und „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani

Diskussion

Auf der Zielgeraden der „Berlinale“ haben im Wettbewerb zwei schon vorab vielbeachtete Filmprojekte für Aufsehen gesorgt. Der als Teil eines Mammut-Kunstprojekts realisierte russische Film „DAU. Natasha“ ist eine unbequeme Sehherausforderung, aber nicht der von manchen Medien kolportierte Skandal. Die stilisierte Döblin-Modernisierung „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani, die die Hauptfigur Franz Biberkopf vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise neu deutet, empfahl sich derweil für Auszeichnungen für die Preisgala.


Ein filmisches Rundum-Wohlfühl-Paket hat sich die „Berlinale“ bei ihrer 70. Ausgabe nicht geschenkt, das kann man nach mehr als der Hälfte des Festivals bereits als Fazit festhalten. Insbesondere der Wettbewerb dürfte in seiner Gesamtheit der düsterste und forderndste seit Jahren sein, von Ausnahmen einmal abgesehen wie der gagreichen, aber auch etwas läppischen Komödie „Effacer l’historique“ der Belgier Benoît Delépine und Gustave Kervern, der grandiosen Zuspitzung misslingender Kommunikation in Hong Sang-soos „Domangchin yeoja“ oder Christian Petzolds romantischem Liebesfilm „Undine“. Denn Tod, Krankheit, verpfuschte Leben, Liebesunfähigkeit, Ausgrenzung und Unterdrückung sind immer wiederkehrende Themen der Wettbewerbsfilme, die zudem mit einer Schonungslosigkeit daherkommen, die wenig Hoffnung für die menschliche Spezies erkennen lässt.

     

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Der Ruch des Skandalösen

Auch der russische Film „DAU. Natasha“ von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel reiht sich in diese dunkle Phalanx ein. Der Film handelt von den Umtrieben eines sowjetischen Forschungsinstituts und des brutalen Geheimdienstapparats während des Kalten Kriegs. Die Premiere von „DAU. Natasha“ hob sich aus verschiedenen Gründen von denen der anderen Wettbewerbsbeiträge ab. Das lag zum einen schon am ungewöhnlichen Aufwand, mit dem Khrzhanovskiy und seine Mitstreiter das gesamte sogenannte „DAU“-Projekt entwickelt haben: über einen Zeitraum von 15 Jahren entstanden gewaltige Sets, 700 Stunden Filmmaterial, eine Auswertung in -zig Großausstellungen und Spielfilmen.

Doch noch mehr haftete „DAU. Natasha“ der Ruf des Skandalösen an, da in den Wochen vor der „Berlinale“ ältere Vorwürfe wieder hochgespielt wurden, dass das Filmteam die Laiendarsteller zu erniedrigenden Handlungen vor der Kamera gezwungen hätte. Solche Gerüchte überlagerten die Premiere, ungeachtet dessen, dass zu den Rekordzahlen des Projekts auch ausnehmend lange Casting-Prozesse zählten und alle Beteiligten, darunter auch international anerkannte Produzenten und Filmtechniker, die Vorwürfe zurückgewiesen haben.

"DAU.Natasha" (© Phenomen Film)
"DAU.Natasha" (© Phenomen Film)

Tatsächlich ist der bei der „Berlinale“ präsentierte Film eine höchst anstrengende Sehherausforderung, mitunter unbequem bis zur Schmerzgrenze, grell und exzessiv. Ein Skandalon aber ist „DAU. Natasha“ nicht. Die Geschichte, die dieser Ausschnitt des Gesamtprojekts präsentiert, rückt eine Protagonistin ins Zentrum, die mit der Arbeit des Instituts und der titelgebenden Figur „Dau“ (womit der Physiker Lew Landau gemeint ist) nur am Rande zu tun hat. Natasha (Natasha Berezhnaya) arbeitet gegen Ende der Stalin-Zeit als Kellnerin in einer Kantine, in der die Wissenschaftler regelmäßig essen; gelegentlich muss sie an deren wilden Feiern teilnehmen und führt nach Feierabend mit ihrer jüngeren Kollegin Dispute, die durch den reichlich konsumierten Alkohol im Exzess, in wüsten Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten enden. Eine Nacht verbringt Natasha mit einem ausländischen Wissenschaftler, der sie danach mit Missachtung straft; allerdings wird die Kellnerin dadurch für den Geheimdienst MGB interessant, der rigoros durchsetzt, dass sie fortan mit Spitzeldiensten gefällig ist.

Natasha Berezhnaya in "DAU.Natasha" (© Phenomen Film)
Natasha Berezhnaya in "DAU.Natasha" (© Phenomen Film)

Bedrängende, aber keineswegs exploitative Szenen

Neben Streit- und Schmähszenen, die in ihrer Heftigkeit mit Blick auf Vorbilder von Ingmar Bergman bis Andrej Zvyagintsev aber kein Neuland betreten, bietet der Film eine explizite, aber keineswegs Grenzen einreißende Sexszene, einige weitere Momente der Nacktheit, sichtlich ungesunde Mengen an Wodka und die Anwerbung von Natasha durch einen MGB-Offizier – eine Mischung aus Verhör und Demütigung, bis hin zu ihrer erzwungenen Entkleidung und Folter mit einer in ihre Vagina eingeführten Flasche. Exploitativ inszeniert ist diese bedrängende, in stark gedämpftem Licht gedrehte Sequenz allerdings nicht; hier wie auch an vielen anderen Stellen wird stattdessen Anteilnahme geweckt.

Die Abwehrreflexe gegen „DAU. Natasha“ sind zwar verständlich, aber nicht zweckdienlich. Schwerer wiegt, dass eine wirkliche Einschätzung des Films ohne Kenntnis des Gesamtprojekts unmöglich ist; die Arbeit der Jury dürfte das nicht eben erleichtern.

Franz kommt jetzt aus Guinea-Bissau

Anders sieht es da bei Burhan Qurbanis modernisierter Adaption von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus. Qurbani verschränkt den Literaturklassiker derart virtuos mit Einlassungen auf die Flüchtlingsthematik, Rassismus und männliche Behauptungssucht, dass „Berlin Alexanderplatz“ bei der Preisverleihung wohl kaum leer ausgehen dürfte.

Jella Haase und Welket Bungué in "Berlin Alexanderplatz" (© Entertainment One) (
Jella Haase und Welket Bungué in "Berlin Alexanderplatz" (© Entertainment One) (

Qurbani und sein Co-Autor Martin Behnke bleiben bemerkenswert eng an der Vorlage, deren Stationen ebenso erhalten sind wie die Einspeisung unterschiedlichster Zitate, die das Schicksal des Protagonisten kommentieren. Dieser heißt hier Francis und hat offenbar schon in Guinea-Bissau eine kriminelle Existenz geführt, bevor er bei der Immigration nach Europa eine Schuld auf sich geladen hat, die ihn zum Schwur verleitet, in seinem neuen Leben gut sein zu wollen. Eine Absicht, die bei Qurbani über die von Döblin übernommenen Schläge hinaus immer auch durch die Ressentiments der Gesellschaft wegen Francis’ schwarzer Hautfarbe durchkreuzt wird.

Spannung erzeugt der mit formaler Finesse inszenierte Film insbesondere durch die Beziehung zwischen Francis (Welket Bungué) und dem flatterhaften Drogendealer Reinhold, den Albrecht Schuch außerordentlich nuancenreich interpretiert. Die spätere Liebe zwischen Francis und der Prostituierten Mieze (Jella Haase) fällt neben dem Gerangel und dem Widerstreit der beiden Männer zwischen Abstoßung und Faszination im Vergleich filmisch sogar zurück, hat aber dennoch ihren Anteil an der Intensität der Geschichte.

Tiefe Anteilnahme am Schicksal der Figuren

Qurbani scheut dabei mit raunenden Off-Stimmen, schicksalsschwerer Musik und hochbeweglicher Kamera weder Pathos noch Aufwand, was dem Film eine fiebrige Klasse verleiht. Auch hier stellt sich bei aller Düsterkeit aber nicht das Gefühl ausgeschlachteten Elends ein, sondern vielmehr tiefe Anteilnahme am Schicksal der Figuren.

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