© Pro Quote Film / Fotograf: Dietmar Gust

Zwei Panels beleuchten auf der Berlinale 2020 das weibliche Filmschaffen

Donnerstag, 27.02.2020

Shifting, Sharing, Storytelling: Veranstaltungen der Initiative ProQuote und des Internationalen Frauenfilm Festival Dortmund/Köln

Diskussion

Shifting, Sharing, Storytelling: Eine Veranstaltung der Initiative ProQuote und eine Podiumsdiskussion des Internationalen Frauenfilm Festival Dortmund/Köln beleuchten die Situation von Frauen in der Filmbranche.


Tag 6 der „Berlinale“, Halbzeit. Eine erste, vorsichtige Bilanz der 70. Berlinale 2020 unter neuer Leitung lässt erahnen: Es funktioniert eigentlich alles wie immer. Und doch fällt die Erwartung auf positive Veränderung etwas ernüchternd aus.

Beim Panel des Internationalen Frauenfilm Festivals Dortmund/Köln (IFFF), dem Netzwerktreffen zur Situation und Gleichstellung von Frauen in der Filmbranche, spricht niemand mehr von Dieter Kosslicks medienwirksamer Unterzeichnung des „50/50“-Versprechens für das Jahr 2020. Die neue Leitung unter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek hat den Vertrag nicht übernommen. Auf der Pressekonferenz und im persönlichen Gespräch wird wieder von „Wir sind noch nicht soweit, aber wir arbeiten daran“ gemurmelt. Kaum zu glauben, dass der Satz „Wir müssen eben nach guten Filmen Ausschau halten“ fällt. Er stammt vom Kurator des Wettbewerbs und soll die Frage beantworten, warum das weibliche Filmschaffens im diesjährigen „Berlinale“-Wettbewerb so unterrepräsentiert ist.

Nach einem solchen (Rück-)Schlag wirken die beiden Veranstaltungen von ProQuote Film und dem Frauenfilm Festival Dortmund/Köln (IFFF) wie Inseln im ewigen Meer. Während es bei ProQuote Film um Geschlechterbilder in Film und Fernsehen geht, verfolgte das IFFF-Panel neue feministische Trends in der Entwicklung von Drehbüchern.

ProQuote Panel: „Share Your Power“

Weibliche Figuren im Film und Fernsehen bestimmen die gesellschaftlichen Bilder von Frauen und Männern. Es ist wichtig, sich dieser impliziten Wirkung bewusst zu sein, damit sich jenseits bekannter Stereotype neue Handlungsräume auftun, die eine diverse, vielfältigere Gesellschaft abbilden. „Die diverse Gesellschaft muss als normal und gesellschaftlich richtig daherkommen“, sagt die Bundesstaatssekretärin Julia Seifert in einem Grußwort. Das scheinbar selbstverständliche Bild einer heteronormativen, in Männer-Frauen-Dualitäten interpretierten Gesellschaft entspricht längst nicht mehr der Realität; es blockiere die Veränderung zu mehr Gerechtigkeit und Gleichstellung.

Beim "Prio Quote"-Panel in der Akademie der Künste (©Pro Quote Film/Fotograf: Dietmar Gust)
Beim "Pro Quote"-Panel in der Akademie der Künste (©Pro Quote Film/Fotograf: Dietmar Gust)

Denn Frauen sind in Gremien noch immer unterrepräsentiert; das Verhältnis von Filmhochschulabsolventinnen und Projekten ist unausgewogen. 44 Prozent aller Studierenden an Filmhochschulen, die das Studium abschließen, sind weiblich, allerdings arbeiten danach nur 23 Prozent als Regisseurinnen. Wen wundert es da noch, dass die Filmlandschaft von Stereotypen geprägt ist und immer noch überdeutlich die männliche Perspektive abgebildet wird?

Schluss mit stereotypen Rollenbildern

„Film ist ein System, männlich dominiert“, heißt es während der Diskussion einmal; das Bedürfnis, Filme anders zu machen, sei ein Grund, um Filmemacherin zu werden. Die Schauspielerin Mateja Meded schlägt deutlichere Töne an. Sie spricht von einer „Freiheit des Filmemachens“, um andere Bilder zu zeigen, von „einer Freiheit, die uns keineswegs geschenkt wird. Diese Freiheit muss man sich erkämpfen. Wir müssen intervenieren. Das System muss gehackt werden.“ Nachdem ihr als Schauspielerin nur wenige Rollen angeboten wurden und diese auch noch auf ihren Migrationshintergrund stereotypisch reduziert waren, macht Mateja Meded jetzt als Bloggerin auf sich aufmerksam.

„Wie lassen sich stereotype Rollenbilder vermeiden“, fragte die Regisseurin Tatjana Turanskyj, eine der Mitgründerinnen von ProQuote Film, im Interview die Autorin Lara-Sophie Milagro. „Eine gute Methode, Stereotype zu vermeiden - und das fängt bei den Drehbüchern an, ist es meist, sich an das zu halten, was auch künstlerisch am interessantesten ist: komplexe Figuren und Charaktere zu kreieren. Also eine Figur nicht auf bestimmte Lebenslagen oder Erfahrungen zu reduzieren, also beispielsweise: Schwarzer Mensch gleich Fluchterfahrung gleich Exotik und Fremdheit, egal ob jemand tatsächlich geflüchtet ist, woher er oder sie kommt oder wie er oder sie sich selbst definiert. Ein größeres Bedeutungsspektrum aufzumachen und schlicht keine eindimensionalen Charaktere zu entwerfen, ist das beste Mittel gegen stereotype Rollen.“

Solche Stereotype festigen sexistische und eindimensionale Darstellungen von Frauen auf der Leinwand. Diese Bilder beeinflussen das Bewusstsein und schaffen damit eine neue Realität. Vielfältige und vielschichtige Figuren und Geschichten, die aus diesem Muster ausbrechen, sind gefordert.

IFFF Panel: „The Other Story“

Beim Panel des Frauenfilmfestival (IFFF) ging es um feministische Drehbücher im aktuellen Kino „The Other Story: Feminist Scripts in Cinema Now“, lautete der Titel einer Diskussion darüber, wie wichtig schon bei der Drehbuchentwicklung die Struktur der Charaktere ist. Die Autorin Kathrin Resetarits analysierte in ihrer Keynote die fortwährende Wiederholung alter Muster in den Dramaturgien und der Entwicklung filmischer Charaktere. Ein in der Regel männlicher Protagonist hat das erklärte Ziel, gegen das Böse zu kämpfen. An seine Seite: ein weiblicher Engel in unbequemen Schuhen. Sie versucht den Helden, so gut es in ihrer hinderlichen Kleidung eben geht, zu unterstützen: „Goal, Action, Winner. Solche Geschichten funktionieren immer“.

Kathrin Resetarits (Regisseurin, Drehbuchautorin, Dramaturgin, Dozentin) beim IFF-Panel (©Magdalena Kallenberger//IFFF Dortmund | Köln
Kathrin Resetarits beim IFF-Panel (©Magdalena Kallenberger//IFFF Dortmund | Köln)

Resetarits erzählte aus ihrer Kindheit, dass die Erkenntnis, nie Steve McQueen werden zu können, ihr als Mädchen einen ersten Vorgeschmack auf mediale Rollenbilder serviert hatte. Mädchen lernen heute, sich in Wettbewerben zu behaupten, die „Germany’s Next Topmodel“ heißen. Im Film werden schillernde Ausnahmecharaktere gezeigt, doch die Realität findet nicht statt. Ihre Großmutter, die ein bescheidenes Leben voller Anstrengung und Arbeit geführt habe, finde keine Abbildung auf der Leinwand. Warum auch? Schließlich bemerkte ja schon der große Hitchcock: „Die langweiligen Aspekte des Lebens sollten im Film ausgelassen werden.“ Also keine Abbildung von Realität, denn diese interessiere die Zuschauenden nicht?

„Tell Other Stories“, forderte das IFFF-Panel: lebensnahe (Frauen-)Figuren und Geschichten, die sich nicht auf eindimensionale Gut-Böse-Schemata reduzieren lassen. „Lass die Zuschauenden alles sehen und nicht nur Teile!“, ermunterte Resetarits: „Der Kaiser ist nackt, und wir sind es auch.“

Gute Zahlen zur Drehbuch-Entwicklung

Beim Drehbuch-Wettbewerb "If she can see it, she can be it" des österreichischen Drehbuchforums werden 75 Prozent aller Einreichungen von Frauen geschrieben. Auch in Deutschland sieht es gut aus, Tendenz steigend. Die Filmförderungsanstalt (FFA) notiert in ihre Förderbilanz für 2019, dass zwar der Anteil an Projektförderungen für Regisseurinnen und Autorinnen leicht zurückgegangen, dafür aber die Zahl der Produzentinnen und bei der Drehbuch-Förderung gestiegen ist. In Sachen „Gender“-Verteilung konnte die FFA richtig glänzen. Erstmals wurde die 50-Prozent-Hürde bei der Produktionsförderung für Regisseurinnen oder gemischte Regie-Teams erreicht.

Netzwerken und Austauschen: Beim IFFF-Panel (
Netzwerken und Austauschen: Beim IFFF-Panel (©Magdalena Kallenberger)

Anderes berichtete Elma Tataragić, die das Drehbuch zu „God Exists, Her Name is Petrunya“ geschrieben hatte. Noch vor 15 Jahren seien im bosnischen Kino Frauen und Kinder lediglich in helfenden Rollen im Hintergrund abgebildet worden. Das habe sich inzwischen zwar etwas geändert, aber es sei noch ein langer Weg, um auf Augenhöhe arbeiten zu können. Der Erfolg von „Petrunya“ hat dabei aber geholfen.

Im deutschen Filmförderdschungel geht das etwas leichter, auch wenn man an die Fördertöpfe meist nur mit einem ausformulierten Drehbuch herankommt. Die Regisseurin Melanie Waelde, die mit ihrem Spielfilmdebüt „Nackte Tiere“ auf der „Berlinale“ gerade für Aufsehen sorgt, tut sich allerdings schwer damit, Geschichten so zu erzählen, dass sie sich in wenigen Worten zusammenfassen lassen. Für sie sei Filmemachen eher eine Suche nach Formen denn klassisches Storytelling. Sie hadert mit dem Schreiben von Drehbüchern auf dem Weg zu neuen Formaten, die alles öffnen und wenig einschränken. In der Diskussion, bei der es um die Entwicklung von Drehbüchern mit neuen feministischen Trends geht, hielt sie sich bedeckt. Ihr Film „Nackte Tiere“ zeige das, was sie auf dem IFFF Panel nicht sagen konnte.

Auch Tatjana Turanskyj kennt das Hadern mit Vorlagen in Gestalt von Drehbüchern. Im Jahr 2014 hatte sie gemeinsam mit Marita Neher den Film „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ über den Umgang mit dem Grenzregime ohne Drehbuch gedreht. Für sie stelle sich immer wieder neu die Frage: Wie kommen Drehbuch und Realisierung zusammen, und wie viel muss improvisiert bleiben? In Anlehnung an Jean-Luc Godard warf sie die Frage in die Runde, ob man statt feministischer Filme nicht Filme lieber feministisch drehen sollte, das heißt, dass sich vor allem die Produktionsbedingungen ändern sollten. Das wäre ein schönes Thema für die nächste Panel-Reihe auf der „Berlinale“ 2021.

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