© imago/Berlinale

"Berlinale" 2020: Offen für Neues

Sonntag, 01.03.2020

Ein Fazit der 70. „Berlinale“ als erstem Jahrgang unter Leitung der Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

Diskussion

Auch wenn vieles bei der „Berlinale“ 2020 bekannt anmutete, hat das neue Führungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek einen neuen Ton gesetzt: zurückhaltend im Stil, aber recht kompromisslos in der Auswahl der Filme. Die 70. Jubiläumsausgabe des Filmfestivals präsentierte sich als Einladung zur Aufgeschlossenheit – und lässt auf Fortführung hoffen.


Das Gelände öffnet sich in alle Richtungen, überall wachsen neue Häuser aus dem Boden, die durch kleine Details einen ersten Hauch von Zivilisation verströmen. Die Möglichkeiten, die sich den Siedlern in Kelly Reichardts „First Cow“ im Mittleren Westen der USA im 19. Jahrhunderts eröffnen, scheinen beträchtlich. Der sanftmütige Cookie, den es als Scout hierher verschlagen hat, und der Chinese King-Lu sind alles andere als wackere (Film-)Pioniere; in der großmütigen Erzählweise von „First Cow“ dürfen sie zumindest eine Zeitlang auf ihren Anteil am „Amerikanischen Traum“ hoffen. Indem sie den anderen Siedlern mit köstlichem Gebäck das schwere Leben versüßen, tut sich für Momente sogar die utopische Ahnung auf, dass sich aus all den Einzelkämpfern tatsächlich eine Gemeinschaft entwickeln könnte, die ihre besten Eigenschaften bereitwillig mit anderen teilt. „Die Geschichte kommt, aber diesmal sind wir früh dran. Womöglich schaffen wir es, sie nach unseren Bedingungen abzuhalten“, hatte es in „First Cow“ zuvor einmal geheißen. Am Ende dieses ruhig fließenden Films, der eines der Highlights der „Berlinale“ 2020 war, blieb diese Hoffnung allerdings uneingelöst – Harmonie lässt sich eben nicht erzwingen, selbst da nicht, wo wie in „First Cow“ alle Voraussetzungen dafür gegeben wären.


Anpassungen an bestehende Traditionen

Kelly Reichardt verschweigt freilich nicht, dass die Blickweise der Siedler stark vereinfacht ist, denn natürlich ist das „neu“ erschlossene Gebiet in Wahrheit längst vor ihnen mit Leben gefüllt gewesen. Pflanzen, Tiere und auch die Ureinwohner waren dort heimisch und hatten sich mit den harten Bedingungen lange vor den Neuankömmlingen aus dem Osten arrangiert.

Was „First Cow“ von der Ambivalenz einer lautstark verkündeten Zähmung eines Gebiets erzählt, die in Wahrheit in vielem eine Anpassung an lange Traditionen ist, ließ sich auch an der 70. Ausgabe der „Berlinale“ (20.2.-1.3.2020) beobachten. Nach 18 Jahren unter der Ägide von Dieter Kosslick war das erste Festival unter Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek alles andere als ein rigoroser Bruch mit den gewohnten Formen. Keine der etablierten Sektionen erschien in grundsätzlich verändertem Gewand; für Glamour war ebenso gesorgt wie für die Auftritte der Stars auf dem roten Teppich; und auch die Anzahl der Filme orientierte sich ebenso an den Vorjahren wie der Zuschauerzuspruch bei eigenwilligen Werken.

Ein Highlight des Wettbewerbs: "First Cow" von Kelly Reichardt
Ein Highlight des Wettbewerbs: "First Cow" von Kelly Reichardt

Selbst die politischen Ansprüche des Festivals wurden auf gelungene Weise bedient, indem die Auszeichnung des „Goldenen Bären“ am Ende an den iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof und seinen Film „Es gibt kein Böses“ ging. Eine Entscheidung, die nicht nur wegen der kunstvoll verdichteten Ablehnung der Todesstrafe vollauf gerechtfertigt ist, sondern auch daran erinnerte, welchen Repressalien gesellschaftskritische Regisseure wie Rasoulof in totalitären Regimen ausgesetzt sind.


Ein Wandel im Tonfall

Anders als bei vergleichbaren „Bären“-Entscheidungen in früheren Jahren kam es aber nicht zu einer Indienstnahme von „Es gibt kein Böses“ für die politische Agenda der „Berlinale“, wie es bei Kosslick gang und gäbe war. Überhaupt fiel beim Wechsel an der Spitze des Festivals nichts so sehr ins Auge wie der angenehme Wandel im Tonfall. Wo das exaltierte Auftreten von Kosslick oft den Blick auf die Filme verdeckt hatte, spielten sich Chatrian und Rissenbeek die gesamte „Berlinale“ über nie in den Vordergrund, sondern wirkten stets dem Dienst an den präsentierten Werken verpflichtet – ohne Allüren, aus der Luft gegriffene Mottos oder schamlos bevorzugte Einzelfilme, dafür aber mit präzisem Gespür für die spezifischen Vorzüge von Kunstwerken.

Dazu passte ein Wettbewerb mit Filmen, die eine hohe Bereitschaft zur Einlassung auf eigenwillige Erzählformen, Konzentration und Geduld erforderten. Auch die auffallende Menge an harten, kompromisslos präsentierten Stoffen (vgl. Zwischenbericht) ließ sich als Signal verstehen, dass die neue Doppelspitze vielleicht auch ein Gegenprogramm zur Harmonieseligkeit des „Berlinale“-Jahrgangs 2019 im Sinn hatte. In ihrem ersten Jahr bot der Wettbewerb jedenfalls eine geballte Anhäufung einprägsamer Filme, die es sich und oft auch dem Publikum nicht leichtmachen.


Eigenwillig-herausfordernde „Handschriften“

Es gibt kein Böses“ gehörte dabei trotz seiner unmissverständlichen Haltung sogar noch zu den zugänglicheren Werken, da Rasoulof sein humanistisches Anliegen sehr abwechslungsreich und mit geschickt angewandten filmischen Mitteln zur Spannungssteigerung umsetzt. Andere Filmemacher folgten hingegen ganz ihren jeweiligen Visionen: etwa Abel Ferrara mit „Siberia“ und Sally Potter mit „The Roads Not Taken“, beides hochkomplex angelegte Künstlerreflexionen über verpasste Chancen im Leben, über Schuld und die immer wieder scheiternde Suche nach Erlösung. Tsai Ming-Liang reduzierte in „Rizi“ („Days“) seinen gedehnten Stil auf ein Minimum an Handlung und Dialogen, Rithy Panh mutete in „Irradiés“ („Irradiated“) eine hochassoziative Reflexion der Kriege und Kriegsbilder des 20. Jahrhunderts zu. Hinzu kam „DAU. Natasha“, ein unabhängig von den Diskussionen um womöglich fragwürdige Vorgänge bei den Dreharbeiten schwer erträgliches Drama über gesellschaftliche Brutalität in der späten Stalin-Zeit. Hong Sang-soo bot mit einer virtuosen Variante vertrauter Themen in „Domangchin yeoja“ („The Woman Who Ran“) angesichts solcher Konkurrenz fast schon leichtgestimmte Kost, ähnlich wie Christian Petzold in der konsequent romantischen Mythos-Annäherung „Undine“; beide Filme sorgten im Wettbewerb für eine gewisse Stimmungsauflockerung auf hohem filmischen Niveau.

Sorgte für einen Stimmungsaufschwung: "Undine" von Christian Petzold
Sorgte für einen Stimmungsaufschwung: "Undine" von Christian Petzold

Nicht alle Filme konnten ähnlich überzeugen, doch zeigte sich auch in anfechtbareren Beiträgen ein Unterschied zur Kosslick-Ära: Wo die Wettbewerbsbeiträge 2020 scheiterten, geschah dies in der Regel durch die eigenen künstlerischen Ansprüche und Umsetzungen und nicht durch von Anfang an aufgebauschte „gewichtige“ Themen.

So fordernd der Wettbewerb auch war, haben Chatrian und Rissenbeek in ihrem ersten Jahr allerdings auch kein Wunder vollbracht: Nicht nur im Bereich der Starpower ist Berlin weiterhin nicht mit Cannes oder Venedig zu verwechseln; auch die wichtigsten Autorenfilmer dürfte es in Zukunft weiterhin eher zu den Festivals später im Jahr ziehen.


Gute Filme werfen Fragen auf

Auf der anderen Seite erwies sich die „Berlinale“ aber keineswegs als nahtlose Fortsetzung von Chatrians Zeit beim Festival in Locarno: Filme mit extremer Laufzeit, experimentelle Dokumentarfilme oder auch wagemutige Genreauslotungen, wie sie in Locarno ohne weiteres im Wettbewerb liefen, bevölkerten eher die neu ins Leben gerufene Reihe „Encounters“, die sich mit einem ebenfalls hohen Niveau gut ins Festival einführte, selbst wenn ihre Notwendigkeit als eigene Sektion sich nicht ganz erschloss.

„Die Bildwelt des Kinos tritt nicht mit Bestimmtheit auf, wie jemand, der andere überzeugen muss, sondern sie wirft Fragen auf, mit denen die Menschen sich auseinandersetzen sollten. Kino bietet nichts an, was man kaufen kann, es hinterlässt Zweifel“, schrieb Chatrian in seinem Grußwort zum „Berlinale“-Programm. In der Tat erlaubte die Auswahl der „Berlinale“ 2020 in seltener Dichte die Begegnung mit Filmen, die sich nicht im dröhnenden Predigerton oder mit lauten Effekten an die Zuschauer wenden, sondern sanfte Angebote der Vermittlung machen. So wie die ungewöhnlich zahlreichen Geister und körperlosen Stimmen insbesondere in Wettbewerbsbeiträgen darauf zielten, die Offenheit auch für das Nicht-Offensichtliche zu erhalten, lässt sich wohl auch die Jubiläumsausgabe der Berliner Filmfestspiele als Einladung zur Aufgeschlossenheit zusammenfassen.

Ein Anfang ist gemacht: Carlo Chartrian (l.) und Mariette Rissenbeek
Ein Anfang ist gemacht: Carlo Chartrian (l.) und Mariette Rissenbeek

Die Chancen stehen gut, dass der Filmkunst auf diesem Gelände in den nächsten Jahren noch viele unerwartete Monumente errichtet werden.


Weitere Berichte über die "Berlinale" 2020 finden sich hier:


Kommentar verfassen

Kommentieren