© Petrolio / Dirk Lütter (aus "Oeconomia")

Lauter Anfänge

Donnerstag, 05.03.2020

Unter der neuen Leitung von Cristina Nord behauptet sich das „Forum“ bei der Berlinale 2020 souverän gegen die neue Konkurrenz der „Encounters“-Sektion

Diskussion

Jubiläen und personelle Neuanfänge häuften sich bei der „Berlinale“ 2020 in einer Weise, dass man gebannt nach Neuerungen im Programm Ausschau hielt. Nicht nur der Wettbewerb und mit ihm das Festival insgesamt hatte unter einer neuen Doppelspitze seinen 70. Geburtstag zu feiern.

Auch das Forum beging sein 50. Jubiläum. Gegründet 1971 als „Internationales Forum des jungen Films“, verdankte die neue Sektion ihre Etablierung einem kulturpolitischen Skandal während der „Berlinale“ des Jahres 1970. Michael Verhoevens Film über den Vietnamkrieg, „o.k.“, führte damals zum Abbruch des Festivals, wodurch sich damals der Eindruck verfestigte, dass es mit der „Berlinale“ nicht einfach so weitergehen könne; das autonome „Forum“ für ambitionierte bis schwierige Filme wurde fortan als eigene Sektion in die „Berlinale“ integriert.

Unter der neuen Leiterin Cristina Nord feierte das Forum nun seinen runden Geburtstag mit einer Verdopplung des Programms: Es zeigte nicht nur die neuen Filme, sondern auch den allerersten Jahrgang, der retrospektiv veranschaulichte, welche Horizonterweiterung die Sektion mit ihrer Suche nach neuen Weltzugängen mit sich brachte.

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„WR“ und „o.k.“

Das Programm des Jahres 1971 wurde auf alle zehn Tage verteilt, so dass jeden Tag ein oder zwei Filme der ersten Edition zu sehen waren. Darunter fanden sich Dušan Makavejevs „WR – Mysterien des Organismus“, ein subversives Schlüsselwerk der Kulturrevolution von 1968, dessen Mixtur aus sexual-politischem Radikalismus, sarkastisch decouvrierendem Antistalinismus und anarchistischem „Dritten Bewusstsein“ der US-amerikanischen Gegenkultur auch heute noch ihre provozierende Wirkung erahnen lässt.

Führte zur Etablierung des Forums: "o.k." von Michael Verhoeven © R.C.S.
Führte zur Etablierung des Forums: "o.k." von Michael Verhoeven © R.C.S.

Die brisante Aktualität von „WR – Mysterien des Organismus“ erwächst aus seinem Collage-Prinzip, aus der Kollision beziehungsweise Korrelation divergierender Zitate aus Spiel- und Dokumentarfilmen, womit authentische und fiktive Materialien in konfrontierende Bezüge zueinander gebracht werden und verblüffende Erkenntnisse ermöglichen. Anarchistische Visionen einer disparaten Welt, in der die zeitlich-räumliche Kontinuität und die narrative Logik visuell-politischen Assoziationen Platz machen, die ideologische Muster kapitalistischer oder kommunistischer, faschistischer, stalinistischer oder auch außerparlamentarisch-alternativer Provenienz im Sturm dekonstruieren. Ein Forums-Film par excellence. Dušan Makavejev saß 1970 in der Jury, die unter dem Präsidenten George Stevens „o.k.“ aus dem Wettbewerb kippen wollte. Mit seinem öffentlich erhobenen Zensur-Vorwurf war er maßgeblich daran beteiligt, dass das Festival nicht mehr zur Tagesordnung zurückkehren konnte. Ein Jahr später lief sein kontroverses Werk im ersten Forums-Jahrgang.

Neben Klassikern von Alexander Medwedkin, Luchino Visconti oder Nagisa Oshima waren unter den 43 Filmen auch frühe Werke von Alexander Kluge, Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki, Theo Angelopoulos und Chris Marker. Was für ein Jahrgang! Ein kleiner Überblick über das thematische Spektrum offenbart die ideologischen Fallgruben wie auch die geopolitischen Konstellationen jener Zeit: Groupe Medvedkine, zu der auch Chris Marker zählte, zeigte in „So-chaux, 11 Juin 68“ Arbeitskämpfe im Prisma revolutionärer Vorbilder aus der Sowjetunion und der chinesischen Kulturrevolution, deren dogmatische Parolen unhinterfragt weiterkolportiert wurden.

Im Verhältnis dazu nimmt sich „Eine Prämie für Irene“ von Helke Sander geradezu pragmatisch aus, da der Film vor allem zeigt, was das Arbeiten in einer Waschmaschinenfabrik mit dem Leben einer Frau macht.

Ein Schwerpunkt lag 1971 auf dem „schwarzen“ Kino

Einen gewichtigen Schwerpunkt im 1971er-Forums-Programm bildeten Afrika und Afroamerika. Eine ganze Reihe von US-amerikanischen Dokumentationen widmete sich der Black-Panther-Bewegung (Howard Falks „Die Ermordung Fred Hamptons“, William Kleins „Eldridge Cleaver, Black Panther“) oder der kommunistischen Aktivistin Angela Davis. Französische Filmemacher beschäftigten sich mit Fragen zur Lage der afrikanischen Migranten in ihrem Land („Mes Voisins“ von Med Hondo, „El Ghorba“ von Annie Tresgot).

Teil des Jubiläumsprogramms: "Eldridge Cleaver, Black Panther" © Still from Ruben/Benston Film Collection Walker Art Center
Teil des Jubiläumsprogramms: "Eldridge Cleaver, Black Panther" © Still from Ruben/Benston Film Collection Walker Art Center

Unter den zahlreichen Dokumentarfilmen gab es auch zwei Werke von Produktionskollektiven, die später entscheidende Weichen für die gesellschaftliche Entwicklung ihrer Länder stellten: etwa die finstere Bestandsaufnahme der Apartheid „Phela-Ndaba“ (End of the Dialogue) von der Gruppe Members of the Pan Africanist Congress, die heute als Schlüsseldokument der frühen Antiapartheid-Bewegung in Südafrika gilt; oder das feministische Werk des Newsreel Kollektivs „The Woman’s Film (Newsreel #55)“. Ebenfalls in diesem historischen Programm vertreten war Rosa von Praunheims provokante Kino-Polemik Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Ein gesellschaftspolitisches Pamphlet, das nach seiner Uraufführung im „Forum“ 1971 zu einem Wegbereiter der Schwulenbewegung in Deutschland wurde.

Zu den Neuerungen im Programm der 70. Berlinale 2020 gehörte die Einrichtung der Sektion „Encounters“. Festivalchef Carlo Chatrian setzt darin auf „ungeahnte Ideen, Visionen und Erzählweisen“, die für Überraschungen sorgen sollen. Diese konzeptionelle Ausrichtung rückt die neue Sektion in unmittelbare Konkurrenz zum Forum. Überblickt man die Filme der ersten „Encounters“-Ausgabe, findet man sowohl Themen wie Namen, die bislang eher im Forum vertreten waren: von Alexander Kluge und Heinz Emigholz über Cristi Puiu oder Victor Kossakovsky, aber auch Neuzugängen wie Melanie Waelde oder Mariusz Wilczyński.

Unsichtbare Sehnsuchts- und Zufluchtsorte

Das unter diesen erschwerten Bedingungen erstellte Forums-Programm konnte sich dennoch sehen lassen. Unter den herausragenden Beiträgen fanden sich zwei diametral entgegengesetzte Spielfilmdebüts. Die Brüder Arie und Chuko Esiri haben den beiden Teilen ihres in Nigeria spielenden Films „This is my Desire“ die Titel „Spanien“ und „Italien“ übergestellt. Die Titel markieren unsichtbare Sehnsuchts- und Zufluchtsorte des Elektrikers Mofe und von Rosa, einer Friseurin, die in Lagos für ihre jüngere Schwester sorgt. Beide bereiten ihre Migration nach Europa vor, besorgen Fotos, Pässe, ein Visum, bleiben aber durch Schicksalsschläge in ihrem Alltag stecken, der einem permanenten Ausnahmezustand gleicht. Ob eine(r) von ihnen den Sprung über das Mittelmeer schafft, wird in dem unaufgeregt realistischen Film nicht auserzählt.

"This Is My Desire" © Eyimofe LLC
"This Is My Desire" © Eyimofe LLC

Artifiziell verspielt kommt hingegen die Filmsatire „The Twentieth Century“ des Kanadiers Matthew Rankin daher, die in einer von Guy Maddin inspirierten Ästhetik und auf Schmalfilm das surreale Porträt eines angehenden Kandidaten für das Amt des Premierministers erzählt, sehr frei nach der Biografie von William Lyon Mackenzie King. Befangen zwischen einer ödipalen Mutter-Beziehung, seiner Obsession für getragene Schuhe und Anti-Onanie-Therapien, bewegt sich der Held durch eine klaustrophobische Welt, die ihren ultimativen Ausdruck in einer minimalistisch-expressionistischen Bühnenkulisse aus Pappmaché findet.

Formal ähnlich versiert geht Radu Jude mit dem Theaterstück um, das seinem Dokudrama „Uppercase Print“ zugrunde liegt. Es fußt auf einem realen Fall, als 1981 in der rumänischen Stadt Botosani mit Kreide geschriebene Parolen im öffentlichen Raum auftauchten, die Freiheit und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln einforderten, vom Geheimdienst aber umgehend beseitigt wurden. Die Sätze stammten von einem Schüler, dessen Fall anhand von Securitate-Akten rekonstruiert wird, die Schauspieler in Auszügen vortragen. Zwischen die Lesungen werden Archivaufnahmen aus dem rumänischen Fernsehen geschnitten: an Biederkeit und Harmoniesucht kaum zu überbietende Volksmusik-Auftritte, Kochsendungen, sensationsträchtige Unfallberichte, Anweisungen zum Heimsport in beengten Plattenbauten. Bilder eines totalitären Staates, die in ihrer dialektischen Montage die offiziell genehmigte Volksunterhaltung des Ceaușescu-Regimes zu dessen Entlarvung nutzen.

Die Absurdität des Neoliberalismus

Nicht unerwähnt darf der Dokumentarfilm „Oeconomia“ von Carmen Losmann bleiben, in dem die Filmregisseurin eine filmische Reise in strategische Zentren der Finanzwelt unternimmt, um der Verbindung von Schulden und Wachstum nachzuspüren. Als sie trotz der behaupteten Transparenz von Banken und Geldinstituten auf Abwehr und verschlossene Türen stößt, greift sie auf Telefonprotokolle und computergenerierte Bilder zurück, um die abstrakten Zusammenhänge zu veranschaulichen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, bei dem es gelingt, die Absurditäten der neoliberalen Wirtschaftsordnung mit einer Dosis trockenem Humor vor Augen zu führen.

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