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Filmklassiker: "Infam" von William Wyler

Samstag, 07.03.2020

Der Drama von William Wyler aus dem Jahr 1961 handelt von der zerstörerischen Macht des Gerüchts

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Audrey Hepburn und Shirley MacLaine geraten ins Kreuzfeuer einer bigottenGesellschaft. Der Klassiker von Regisseur William Wyler handelt vom Fluch des Gerüchts, von Homophobie und der desaströsen Kraft der Vorurteile.

Eine Gruppe von Mädchen fährt mit ihren Rädern einen Wiesenweg entlang. Dann legt sich der Titel, im Orignial "Infam" (im Original „The Children’s Hour“,  die Stunde der Kinder) über das Bild. Der positive Eindruck, den dies vermitteln könnte, wird sogleich von der Musik unterbunden. Man ahnt, dass die Geschichte dunkler wird, als sie sich im Sonnenlicht auf der Wiese und beim familiären Klavierspiel im Mädcheninternat darstellt.

Die Kamera, fast ein eigenständiger Charakter, fährt auf Augenhöhe vorsichtig und etwas wacklig auf das Internat zu. Schnell werden die drei Hauptcharaktere eingeführt: Die Kamera schwenkt auf die Schülerin Mary Tilford (Karen Balkin), die als bösartiger Störenfried gekennzeichnet wird, um dann die Blicke auf die beiden gut gelaunten und als freundlich inszenierten Lehrerinnen Karen Wright (Audrey Hepburn) und Martha Dobie (Shirley MacLaine) zu lenken. Nicht viel später wird sich das Internat aufgrund eines lebenszerstörenden Gerüchts von Mary leeren und die Leben der beiden Leiterinnen zerrüttet sein.

Der Vorwurf: „Unnatürlicher Handlungen“

Der Inhalt des Gerüchts scheint vorerst zweitrangig. Der Originaltitel legt den Kern der Erzählung fest: Die Kinder haben die Fäden in der Hand, ohne auch nur im Ansatz zu ahnen, mit welchen Folgen die verwickelten Personen zu kämpfen haben. Der deutsche Verleihtitel bezieht viel deutlicher Stellung zur Handlung der Kinder. Gleichzeitig bewertet auch er nicht den Inhalt: Zwei Lehrerinnen seien in einer homosexuellen Beziehung miteinander in einer Zeit und Umgebung, in der dies unaussprechlich, unvorstellbar, unglaublich war.

Audrey Hepburn (l.) und Shirley MacLaine (r.)
Audrey Hepburn (l.) und Shirley MacLaine (r.)

Der Film basiert auf einem Theaterstück über eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1809 in Schottland. Die Leben zweier befreundeter Leiterinnen eines Internats für Töchter aus gutem Hause werden von einer ihrer Schülerinnen durch ein Gerücht ruiniert. Es seien durch ein – nachweislich nicht existierendes – Schlüsselloch „unnatürliche Handlungen“ beobachtet worden. 1931 erschien in einem Buch („Bad Companions“) ein Kapitel über die fast zehn Jahre dauernde Gerichtsverhandlung. Die Autorin Lilian Hellman kreierte auf dieser Grundlage ein Theaterstück, das Ende 1934 am Broadway uraufgeführt wurde.

William Wylers erster Versuch, das Theaterstück filmisch zu bearbeiten, endete wegen des sogenannten Hays Code – eigentlich Motion Picture Production Code, der von 1934 bis 1968 bestand und fragwürdige moralische Richtlinien für Spielfilme festlegte – in einem Drama über eine heterosexuelle Dreiecksgeschichte („Infame Lügen“, 1936). 

Erst 1961 schaffte Wyler mit „Infam“ den ersten Film mit der Darstellung eines homosexuellen Charakters seit Einführung des Hays Codes, der nun eine vermeintlich zeitgemäße Behandlung des Themas erlaubte.

In dem Film stehen die gesellschaftliche Vorstellung und soziale Einordnung von Homosexualität im Vordergrund. Das Gerücht über Homosexualität ist für das sich entwickelnde Drama nicht nur dramaturgisches Werkzeug und plot point, sondern gleichzeitig Ausgangspunkt und Kern der Filmhandlung von Drehbuchautor John Michael Hayes.

Die Bilder machen die Engstirnigkeit sichtbar

Die Engstirnigkeit sozialer Konstrukte und der unerbittliche Einfluss des sozialen Gefüges, in dem man aufwächst und lebt, werden in der Bildgestaltung deutlich: Die Handlungsorte des Internats und der Villa Tilford wirken beengend und klein. Fast der gesamte Film spielt in Innenräumen, in denen die Charaktere nahezu als Tableaus inszeniert werden. Selbst Spaziergängen haftet durch konsequente Nahaufnahmen der Protagonisten eine Beengtheit an. 

Es werden viele Close-Ups der Hauptprotagonistinnen eingesetzt. Insbesondere die rachsüchtige Schülerin Mary und ihre Mitschülerin Rosalie Well (Veronica Cartwright) zeichnet Kameramann Franz Planer wiederholt nah. Weit aufgerissene Augen hier, zusammengekniffene Augen da, ein bösartiges Schmunzeln der Lippen werden durchgehend inszenatorisch eingesetzt. Wenige Totale am Anfang und Ende des Films rahmen diese Enge und verleihen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit noch mehr Nachdruck. Es ist die Visualisierung gesellschaftlicher Engstirnigkeit, aber auch einer Gefangenschaft in sozialer Herkunft und Erziehung des Einzelnen.

Der Film kreist um das Unaussprechliche

Dieser vordergründigen Bildsprache ist ein klares Nichtzeigen entgegengesetzt: Das vermeintliche Bild der Gesellschaft von Homosexualität wird visuell nicht unterfüttert. Stattdessen kreiert Wyler Bilder, bei denen selbst das Aussprechen des Gerüchts ohne hörbare Worte stattfindet, hinter vorgehaltener Hand und einer Glasschreibe. Dadurch wirkt der Film hin und wieder, als würde er das eigentliche Thema nicht zeigen und ansprechen. Doch dies ist keine Oberflächlichkeit, sondern eine starke Filmsprache.

Damit ist „Infam“ nur auf den ersten Blick kein politischer Film, kein politisches Statement. Hier gibt es kein explizites Plädoyer für die Rechte einer queeren Community. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein emotionales Drama über zwei Frauen, denen großes Unrecht geschieht. Trotzdem ist „Infam“ ein gesellschaftskritischer Film über ein soziales Gefüge, das durch seine inkohärenten Gegebenheiten aus den Fugen gerät – auf beiden Seiten.

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