© Ali Ghandtschi/ Berlinale (Nachhaltigkeit auf dem Roten Teppich: mit einer Elektro-Kehrmaschine)

Roter Teppich für Grün

Montag, 09.03.2020

Green Shooting: Nachhaltigkeit & Filmproduktion. Ein Überblick über den Stand der Planungen und Initiativen

Diskussion

„Die Zeit läuft, der Planet wartet nicht“: Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema der deutschen Film- und Fernsehbranche, das zeigte sich auch bei der „Berlinale“. Den Absichtserklärungen sollen nun Initiativen folgen, etwa die Einführung eines „grünen“ Zertifikats für Filmproduktionen. Ein Überblick.


Ein Ruck geht durch die deutsche Film- und Fernsehindustrie. In den vergangenen Wochen haben sich immer mehr Unternehmen, Organisationen und Verbände dazu bekannt, stärker auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu achten. Einen Tag vor der „Berlinale“ unterzeichneten 24 Sender, Filmförderungen, Medienunternehmen, Verbände und andere Institutionen im Bundeskanzleramt eine „Gemeinsame Erklärung“, in der sie sich zu größerer Nachhaltigkeit in der Film- und Serienproduktion verpflichten. Nur fünf Tage später nutzten der Arbeitskreis „Green Shooting“ und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) die „Berlinale“ als medienwirksame Plattform, um eine umfassende Nachhaltigkeitsinitiative zu starten. Gemeinsam wollen sie damit ein demonstratives Zeichen für mehr Klima- und Umweltschutz bei der Film- und TV-Produktion setzen.


Mit gutem Beispiel vorangehen

In der „Gemeinsamen Erklärung“ heißt es zur Motivation der Erstunterzeichner: „Zu den drängendsten Themen unserer Zeit gehören der Klima- und der Umweltschutz. Wir tragen alle gemeinsam – im Großen wie im Kleinen – die Verantwortung dafür, die Erde als vielfältigen Lebensraum für die Generationen von morgen zu bewahren. Dieser Verantwortung müssen und wollen wir uns national und international gerade auch im Bereich der Film- und Fernsehwirtschaft stellen.“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte dazu: „Eine Branche, die sich nicht zu Unrecht als Teil der gesellschaftlichen Avantgarde versteht, sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen.“ Egal, ob Branchenvertreter, Filmförderer oder Politiker – alle stünden in der Verantwortung, den ökologischen Fußabdruck der audiovisuellen Branche messbar zu reduzieren. Grütters verwies darauf, dass eine auf Nachhaltigkeit setzende Film- und Serienproduktion auch ein Standortfaktor sei, der Chancen für neues Wachstum und sichere Arbeitsplätze biete. Dabei soll nicht zuletzt wissenschaftliches Know-how genutzt werden. „Wir unterstützen die Etablierung wissenschaftlich basierter Praktiken in der Film- und Fernsehwirtschaft, die den Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren“, heißt es in der „Gemeinsamen Erklärung“.


      Das könnte Sie auch interessieren:


Die Branche fange ja nicht bei null an, so die Staatsministerin weiter. Als Beispiele nannte sie Selbstverpflichtungserklärungen wie die des deutschen Produzentenverbandes oder den Arbeitskreis Green Shooting. Der Arbeitskreis wurde 2017 von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) gegründet. Ihm gehören fünf Produktionsfirmen, die Sender ARD, ZDF, Sky und die Mediengruppe RTL, die Deutsche Filmakademie, die Filmverbände Produzentenallianz und Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen sowie als bisher einzige weitere Filmfördereinrichtung die Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein an.


Nachhaltigkeits-Zertifikat für Film- und TV-Produktionen

Grütters kündigte die Einführung eines freiwilligen Zertifikats an, das besonders nachhaltige Produktionen in Film und Fernsehen erhalten sollen. Das Vorhaben wird im Sommer 2020 mit einer wissenschaftlichen Pilotphase an den Start gehen. „Die in der Pilotphase gesammelten Erfahrungen bilden die Basis dafür, in einem zweiten Schritt verbindliche Nachhaltigkeitskriterien in der Filmförderung des Bundes festzulegen“, so Grütters. Konkret sollen diese Kriterien in die nächste Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG) einfließen, dessen geltende Fassung Ende 2021 ausläuft.

Weitere Einzelheiten zum geplanten Zertifikat wurden am 24. Februar bei einer Info-Veranstaltung in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin bekanntgegeben, zu der das Bundeskulturministerium (BKM) und der Arbeitskreis eingeladen hatten. Bewerbungen dafür können ab 1. Juli 2020 eingereicht werden. Die Filmförderungsanstalt (FFA) wird das Label im Auftrag der BKM an interessierte Produktionen vergeben. Das Zertifikat soll unter wissenschaftlicher Begleitung zu einem bundesweiten Standard weiterentwickelt werden.

BKM-Ministerialdirektor Günter Winands betonte, die wissenschaftliche Expertise sei „die Prämisse für die Glaubwürdigkeit“ des Zertifikats, für das man noch einen Namen finden müsse, der „international verwendbar“ sei. Man strebe an, das Zertifikat, „als Premiumsiegel auszugestalten“. Dabei gelte es, jeglichen Verdacht auf „Greenwashing“ zu vermeiden, also eine missbräuchliche Nutzung zur Imageverbesserung.


Einheitliche europäische Standards werden gesucht

Der FFA-Vorstand Peter Dinges drückte bei dem Berliner Panel aufs Tempo: „Die Zeit läuft, der Planet wartet nicht.“ Er kündigte an, bei der Erteilung des Zertifikats „bürokratische Hürden so gering wie möglich zu halten“. In einem ersten Schritte wolle man 20 Produktionen auswählen: große und kleine, Arthouse und Blockbuster, mit Dreharbeiten in der Stadt und auf dem Land. Die jetzigen ökologischen Kriterien würden dabei laufend überprüft. „Angedacht ist auch eine Anhörung“, erklärte Dinges, der zugleich auf die Notwendigkeit hinwies, einheitliche europäische Standards zu entwickeln.

Bereits jetzt haben sich die Mitglieder des Arbeitskreises Green Shooting freiwillig verpflichtet, in diesem und dem nächsten Jahr 100 Film- und Fernsehproduktionen nach ökologischen Nachhaltigkeitskriterien herzustellen. Dazu zählen sechs Daily Soaps wie „Sturm der Liebe“, 17 Serien wie „Soko Stuttgart“, 20 Folgen der TV-Krimi-Formate „Tatort“ und „Polizeiruf“, 17 fiktionale Fernsehfilme und elf Kinofilme. Vorgesehen ist, dass ein Teil dieser Produktionen auch an der Pilotphase des freiwilligen Zertifikats teilnimmt. Außerdem sollen die Abschlussberichte der 100 Projekte wissenschaftlich ausgewertet werden. Bei der Zahl 100 soll es aber nicht bleiben. „Wir rechnen für die kommenden Monate mit vielen weiteren Anmeldungen unserer Mitglieder“, sagte der Sprecher des Arbeitskreises, MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen.


Konkrete Maßnahmen

Insgesamt zielt die Nachhaltigkeitsinitiative von BKM und Branche darauf ab, den Ressourcen- und Energieverbrauch bei der Herstellung audiovisueller Inhalte deutlich zu verringern. Was heißt das konkret? „Sowohl das Zertifikat als auch die Selbstverpflichtung der Branche forcieren unter anderem die Verwendung von Ökostrom, von emissonsreduzierten PKWs und LKWs, einen Verzicht oder eine deutliche Reduktion von Diesel-Generatoren, Flugreisen und umweltschädlichen Substanzen, den Einsatz nachhaltigen Caterings sowie konsequente Mülltrennung und die Verwendung von energiesparenden Leuchtmitteln.“

Bergengruen ergänzte in Berlin, dass die Selbstverpflichtung ein „Selbstversuch der Branche“ sei. Ein Ziel sei es auch, „herauszufinden, was noch nicht funktioniert und welche Maßnahmen für eine weitergehende CO2-Reduzierung entwickelt werden müssen“.

Welche Kriterien müssen die 100 Projekte der Nachhaltigkeitsinitiative erfüllen? Für den Arbeitskreis erläuterte der Herstellungsleiter des Südwestrundfunks (SWR), Michel Becker, dass alle Produktionen drei Grundkriterien erfüllen müssen: Sie müssen einen Fachberater hinzuziehen, die Daten der CO2-Emissionen erfassen und bilanzieren sowie einen abschließenden Rechenschaftsbericht erstellen. Zudem müssen sie bei einer Film- oder Serienproduktion zehn von 14 festgelegten Kriterien erfüllen und bei Unterhaltungsformaten im Studio elf Kriterien. Diese 14 Kriterien reichen vom Aus für Einwegbatterien über umweltfreundliche Hotels und reduzierten Papier- und Holzverbrauch bis zur Vermeidung von Einweggeschirr.


Nachhaltigkeit als Förderkriterium

Schon vor diesen Berliner Initiativen wurde deutlich, dass dem sogenannten Grüne Drehen und Grüne Produzieren immer größeres Gewicht beigemessen wird. Als erste regionale deutsche Filmförderung hat die MFG in Baden-Württemberg mit Beginn des aktuellen Förderzyklus ökologische Nachhaltigkeit zu einem Förderkriterium erhoben. „Seit 5. November 2019 ist bei allen Förderanträgen für die Produktion von Filmen und Serien eine detaillierte Selbstauskunft zu geplanten ökologisch nachhaltigen Maßnahmen bei den Dreharbeiten verpflichtend“, erklärte die baden-württembergische Staatssekretärin Petra Olschowski.

Diesen Kurs verschärft die MFG nun: Die Vergabejury verlangt noch präzisere Angaben zur Umweltbilanz der beantragten Produktionen. Mit dem neuen Förderzyklus ab 19. Februar müssen alle Antragsteller eine „detaillierte Berechnung des sogenannten CO2-Fußabdrucks, also der voraussichtlich hervorgerufenen CO2-Emissionen“ vorlegen. Für diese Berechnung stellt die MFG einen selbst entwickelten CO2-Rechner bereit.

MFG-Chef Bergengruen verpackt dabei geschickt die schärferen Vorgaben: „Wir arbeiten nicht mit Verboten, sondern mit Anreizen. Wer Filme und Serien ökologisch nachhaltig dreht, erhöht bei uns seine Chancen auf Förderung.“ Bei diesem aktuellen Öko-Vorstoß soll es nicht bleiben: Die MFG plant für Mitte 2020 ein zusätzliches Förderinstrument, das besonders umweltfreundlich hergestellte Film- und Serienproduktionen unterstützen soll. In diesem Zusammenhang weist die Fördergesellschaft darauf hin, dass der Kohlendioxid-Ausstoß eines Industrielandes wie Deutschland höher ist als gemeinhin angenommen. Eine französische Studie habe ergeben, dass dieser so hoch sei wie in der gesamten Telekommunikationsbranche.


Grüner von der Projektentwicklung bis zum Verleih

Besonders aktiv in Sachen Klimaschutz ist auch die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH). Sie gab am 5. Februar im Rahmen einer Richtlinien-Anpassung bekannt, dass das nachhaltige Produzieren für Antragsteller sozusagen Pflicht wird. Dazu wird der 2012 gegründete Grüne Drehpass in einen Grünen Filmpass umgewandelt. Für Projekte, die majoritär deutsch finanziert sind und in der Bundesrepublik gedreht werden, wird dieser Filmpass obligatorisch. „Somit soll künftig nicht nur das Drehen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt werden – von der Projektentwicklung bis zum Verleih“, schreibt die FFHSH.

Zweite wichtige Neuerung: Bei der Beurteilung von Förderanträgen wird die FFHSH in Zukunft auf mehr Diversität achten und dazu im April eine Diversity-Checkliste als Antragsvoraussetzung einführen. „Mit dieser Liste wollen wir für mehr Vielfalt im Filmgeschäft sorgen – vor und hinter der Kamera“, betont der Geschäftsführer Helge Albers.


Auch Österreich setzt auf Green Shooting

Auch im benachbarten Österreich breitet sich das Klimaschutzanliegen im Mediensektor aus. So hat im Januar der Filmfonds Wien seine Richtlinien novelliert und damit die Voraussetzungen für ein grünes Produzieren der finanziell geförderten Projekte geschaffen. Er empfiehlt nun ausdrücklich, bei der Herstellung geförderter Filme und Fernsehbeiträge die geltenden Umweltstandards einzuhalten und die Richtlinien des Österreichischen Umweltzeichens zu erfüllen. Der Filmfonds unterstützt nach eigenen Angaben Produzenten bei dem Ziel, durch nachhaltiges und ökologisches Wirtschaften klimaneutral zu produzieren. „Globale Verantwortung erfordert lokales Handeln und von der Filmförderung eine klare Weichenstellung“, betonte die Geschäftsführerin Gerlinde Seitner.

Kommentar verfassen

Kommentieren