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Serie: Grantchester - Staffel 3

Montag, 09.03.2020

Diskussion

In einer seiner Predigten spricht Sidney Chambers (James Norton) vom „Krieg zwischen dem Geist und dem Fleisch“, dem Kampf zwischen Pflichten und Begierden, der in jedem Menschen tobe, und warnt seine Gemeinde wortreich vor der Versuchung. Es ist nicht gerade Sidneys überzeugendste Predigt – weil man ahnt, dass der junge Priester vor allem zu sich selbst spricht, angesichts einer sehr konkreten Versuchung namens Amanda (Morven Christie), die vor ihm in der Kirchenbank sitzt und deutlich signalisiert, was sie von seiner Moralpredigt hält.

Sie und Sidney verbindet eine lange gewachsene Zuneigung. Aus Standesgründen hat Amanda einst einen anderen Mann geheiratet und ein Kind mit ihm bekommen, doch mittlerweile lebt sie in Trennung, steht finanziell auf eigenen Beinen und ist bereit, mit ihrer großen Liebe Sidney ein neues Leben zu beginnen. Der anglikanische Priester befindet sich allerdings in einem Dilemma: Er erwidert Amandas Gefühle, doch ist ihm in den 1950er-Jahren eine offizielle Verbindung mit einer demnächst geschiedenen Frau nicht erlaubt – woran ihn der Erzdiakon höchstselbst erinnert, als er von der Affäre Wind bekommt.

Ein moralisches Dilemma

Dieses Dilemma auf ein einfaches Gut-Böse-Schema von Pflicht versus Begierde herunterzubrechen, wie Sidney es in seiner Predigt indirekt versucht, ist allerdings viel zu einfach und wird weder Amanda noch ihm gerecht. Sidney weiß das auch und hadert mit seinen Optionen: Weder will er seine Loyalität zu Amanda und ihrem Kind aufkündigen, für das er längst ein Ersatzvater ist, noch auf seine Berufung verzichten und nicht mehr für die Menschen in der südenglischen Gemeinde da sein. Doch es liegt auch nicht in seiner Macht, die Kirche und die gesellschaftlichen Vorstellungen zu ändern, die ihm verbieten, beides miteinander zu vereinen.

Staffel 3 der auf den „Sidney Chambers“-Romanen von James Runcie beruhenden Krimi-Serie rückt, wie schon Staffel 2, parallel zu den „Ein Fall pro Folge“-Mordfällen übergreifende Dramen ins Zentrum. Dabei geht es immer wieder ums moralische Klima der „Mid-Century“-Ära und speziell um die Haltung zu Ehe, Liebe und Sexualität – und ums Vorbeben der gesellschaftlichen Veränderungen, die in den späten 1960er-Jahren die Geschlechterverhältnisse durchrütteln werden.

Wenn die Versuchung wie eine Pflicht aussieht

Neben Sidney sind davon auch die anderen Hauptfiguren der Serie betroffen, vom Polizisten Geordie (Robson Green), der sich auf eine außereheliche Affäre eingelassen hat, bis zum homosexuellen Kaplan Leonard (Al Weaver): Sie alle geraten in „Versuchung“, wobei diese mitunter sogar wie ein vernünftiges Zugeständnis an die Pflicht aussehen kann – wenn Leonard sich auf das Liebeswerben einer jungen Frau einlässt, die ihm die Option eröffnet, sich vor seinen eigenen Gefühlen in den kirchlich-gesellschaftlich anerkannten Hafen der Ehe zu flüchten.

Auch in Staffel 3 gelingt es den Drehbuchautoren geschickt, in der Ausmalung dieser Wirren zwischen Melodramatischem und Tragikomischem zu changieren und nebenbei die Spannungsmomente nicht zu kurz kommen zu lassen. Die Verbrechen, die Sidney und Geordie aufzuklären haben – vom Banküberfall bis zum Gift-Anschlag beim Cricket-Match, von der Kindsentführung bis zur Blutrache – sind so konstruiert, dass sie dieses Zeitbild spannungsvoll erweitern. Immer wieder geht es dabei um gesellschaftliche Schieflagen wie die Missachtung von Frauen bzw. das subkutane Gewaltpotenzial eines rigide geordneten sozialen Kosmos, der alles irgendwie „Andersartige“ – seien es Personen anderer Hautfarbe, seien es Behinderte – und Rebellionen gegen bestehende Rollenbilder streng sanktioniert. Und es geht um eine tief verwurzelte Bigotterie, die dazu führt, dass mancher im Zweifelsfall lieber tötet, anstatt unliebsamen oder schambesetzten Wahrheiten ins Auge zu blicken.

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