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Filmklassiker: Guilty Bystander

Mittwoch, 18.03.2020

Ein albtraumartiger Low-Budget-Thriller, der einen abgehalfterten Alkoholiker in New York nach seinem entführten Sohn suchen lässt.

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Im WDR lief dieser Film von Joseph Lerner unter dem schönen Titel „Hotel der Verlorenen“. Denn tatsächlich zeigt der Film eine Welt voller Verlierer, die sich mit ihren Schwächen und Fehlern selbst im Weg stehen, vom Hypochonder bis zur dicken, selbstgefälligen Concierge. Einer dieser Verlierer ist Max Thursday, ein ehemaliger Polizist, der wegen seiner Alkoholsucht aus dem Dienst entlassen wurde. Nun arbeitet er als Hausdetektiv in einer heruntergekommenen Absteige, dem Bridgeport Hotel, in dem er auch wohnt.

In seiner ersten Szene liegt Thursday bäuchlings auf dem schäbigen Bett, offensichtlich seinen Rausch ausschlafend. Das hässliche, dunkle Zimmer ist nur spärlich eingerichtet und lange nicht mehr geputzt worden. Das Klopfen an der Tür hört der Betrunkene lange nicht. Bis Georgia, seine Ex-Frau, einfach eindringt, sich ihren Weg durch die vielen leeren Flaschen bahnt und ihn ruppig wachrüttelt. Dann teilt sie ihm umstandslos mit, dass ihr gemeinsamer Sohn entführt wurde. Ihr Bruder Fred Mace habe ihn einfach mitgenommen, als er auf dem Weg zu Dr. Elder, einem Gangsterboss, gewesen sei.

Im Büro des Gangsterbosses

Thursday reißt sich am Riemen und taumelt halbwegs nüchtern durch New Yorks Unterwelt. Und nun beginnt eine der erstaunlichsten Szenen des Films. Nachdem Thursday mit einem Lastenaufzug, dessen Gitter ihn förmlich gefangen halten, in Elders Büro fährt, sitzt ihm zunächst ein desillusionierter, zynischer Mann namens Varkas gegenüber, alt, herzkrank, schwitzend, die Augen verdrehend, sich gelangweilt im Sessel wiegend. Er flüstert nur und misst ständig seinen Blutdruck, unzählige Medikamentenflaschen zieren seinen Schreibtisch. So wie J. Edward Bromberg ihn spielt, mit verhaltener Wut und unterschwelliger Verzweiflung, ist Varkas eher ein bedrohlicher als ein gebrechlicher Mann. Varkas ahnt nämlich Thursdays Schwäche, er verführt ihn zum Trinken. Als der Ex-Cop wieder aufwacht, sitzt er ausgerechnet in einer Polizeiwache. Der Vorwurf: Thursday soll Dr. Elder erschossen haben.


Das ist erst der Beginn eines Thrillers, in dem es nicht nur um Kindesentführung, sondern auch um Juwelenschmuggel geht. Die Handlung entwickelt sich so kompliziert, wie man es von einem Film noir erwarten darf, zahlreiche Dialoge verschleiern mehr als dass sie erklären. Dieser Umstand ist dem schmalen Budget geschuldet: „Guilty Bystander“ ist eine echte Independent-Produktion aus der Schmiede von Laurel Films (die insgesamt nur vier Filme produziert hat), am Rande der Filmindustrie mit wenig Geld entstanden. Das geht vor allem auf Kosten des Production Designs, das in seiner Ärmlichkeit aber stets den Lebensumständen seiner Figuren entspricht.

Düsterer Großstadtdschungel

Joseph Lerner, der lediglich sechs B-Filme inszenierte (darunter „C-Man“), und sein Kameramann Gerald Hirschfeld nutzen darüber hinaus geschickt die Originalschauplätze New Yorks – ein düsterer, gleichwohl aufregender Großstadtdschungel, in dem sich jeder der nächste ist, in dem niemandem mehr zu trauen ist. Das beweist besonders die Auflösung des Falles, die mit einer überraschenden Pointe – ohne allzu viel zu verraten – wieder ins Bridgeport Hotel zurückkehrt.

Im Mittelpunkt aber steht Zachary Scott (1914-1965) als abgehalfterter Cop. Scott begann seine Karriere 1944 bei Warner Brothers mit Die Maske des Dimitrios, Jean Renoirs Der Mann aus dem Süden und Michael Curtiz’ Solange ein Herz schlägt folgten. Unvergessen auch seine Rolle als skrupelloser Aufsteiger in Edgar Ulmers Melodram Ohne Erbarmen. Scott spielte zumeist aalglatte Schufte und Ganoven, nur selten war er als sympathischer Held zu sehen. Als Alkoholiker, der in Sorge um seinen Sohn quasi über Nacht nüchtern wird, überzeugt er aber auf ganzer Linie.

Mubi zeigt „Guilty Bystander“ in restaurierter Fassung. Grundlage war die einzige noch existierende 35mm-Kopie, die Teil des Filmarchivs von Nicolas Winding Refn ist.

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