© Neue Visionen (Szene aus "Über die Unendlichkeit")

Im Affekt #2: Im Home-Office

Donnerstag, 19.03.2020

Die Ästhetik der Vereinzelung in den Filmen von Roy Andersson passt zu seiner eigenen Produktionspraxis: ein weltgewandter Regisseur im Home-Office.

Diskussion

Und auf einmal sieht die Welt aus wie bei Roy Andersson. In den Filmen des schwedischen Regisseurs geht es um eine existenzielle Einsamkeit, die plötzlich sehr real und konkret erscheint. Till Kadritzke spürt in seinem Siegfried-Kracauer-Blog Anderssons Ästhetik der Vereinzelung nach – und findet Situationen, die vollkommen singulär und doch kollektiven Ursprungs sind.


Ein Mann will zum Arzt, aber darf nicht, denn die Praxis macht gerade zu. Flehend läuft er trotzdem in den Raum. Die Sprechstundenhilfe und der Arzt müssen ihn schließlich unliebsam aus der Tür bugsieren. Dort wird er bleiben, draußen vor der Tür, während man drinnen darauf wartet, dass seine verzweifelten Schreie leiser werden.

Die filmische Erfahrung, so gern wir uns in ihr verlieren, ist immer vom Kontext abhängig, in dem wir sie machen. Und da man in diesen Tagen fast alles durch den Corona-Filter sieht, schimmert das Virus auch durch Filmbilder hindurch; es kommt zu Assoziationen, die uns sonst nicht eingefallen wären. „Sonst“ heißt in diesem Fall: wenn Roy Anderssons neuer Film „Über die Unendlichkeit“ wie ursprünglich geplant, am heutigen Donnerstag, 19. März 2020, in den deutschen Kinos angelaufen wäre. Dann hätte die Szene eine absurde Tragik mit existenzieller Dimension besessen – der Patient ist ein Priester, der vom Glauben abgefallen ist –, und erschiene nicht wie ein dunkler Vorbote auf viel zu reale Szenen.


Die Figuren halten grundsätzlich Abstand

Für den schwedischen Regisseur ist soziale Distanz kein Gebot in einer Ausnahmesituation, sondern die „conditio humana“ schlechthin. Seine Figuren halten generell Abstand, und falls es mal zu körperlichen Berührungen kommt, geht das selten gut. Anderssons Filme in diesen Tagen zu sehen – etwa seine „Living“-Trilogie mit „Songs from the Second Floor“, „Das jüngste Gewitter“ und „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – besitzt eine eigentümliche, fast furchterregende Dimension. Wie schnell abstrakte Bilder, die sich der Einsamkeit des Menschen nähern, jetzt fast wie Dokumentationen einer gerade sehr konkret einsamen Welt erscheinen: „Es ist plötzlich so leer hier“, bemerkt ein Mann auf einem Bahnhof in „Songs from the Second Floor“.

"Songs from the Second Floor"
"Songs from the Second Floor"

Anderssons Filme, die von der Malerei stärker beeinflusst sind als vom Kino, bestehen aus dem, was man gemeinhin statische Einstellungen nennt; es sind Gemälde, durch die sich Menschen bewegen, auf dem Weg irgendwohin, häufig in Sackgassen aller Art. Die Szenen, die sich manchmal zu kleinen Narrativen ausformen, manchmal für sich stehen, finden mal im Privaten statt, mal im öffentlichen Raum, manchmal im Traum und manchmal im politischen Unbewussten.

Andersson taucht dann in das unzensierte Bildreservoir unserer sogenannten Zivilisation ab. Einem alten Oberkommandanten wird zum 100. Geburtstag eine riesige Aufwartung mitsamt pathetischer Rede im Krankenhaus gemacht, und der greise Alte in seinem Käfigbett stammelt nur, man solle Göring von ihm grüßen, bevor er den Arm zum Hitlergruß erhebt.

Wenn Anderssons „conditio humana“ also durchaus eurozentrisch ist, dann im besten Sinne, nämlich so, dass es weh tut. Da verprügeln ein paar Neonazis auf offener Straße einen Mann, der nicht gut Schwedisch spricht; er bleibt blutend liegen und wird dem Film bald so egal sein wie den Passanten, die auf der anderen Straßenseite auf den Bus warten, oder den beiden Jugendlichen, die auf der Straße vorbeiskaten – so egal wie vielen gerade diejenigen sind, für die humanitäre Hilfe gerade aufgrund von humanitärer Hilfe ausgesetzt wurde. Mensch ist halt doch nicht gleich Mensch, das muss einer wie Andersson wissen, der nach eigener Aussage Filme über die Schwierigkeit macht, Mensch zu sein.


Menschsein ist kein Kompliment

Wenn Anderssons Tableaus nicht im Alltag verbleiben, sondern auch ins Politische wuchern und sich ins Herz der Bestie wagen – in „Über die Unendlichkeit“ gibt es sogar eine Szene im Führerbunker –, dann ist das das Gegenteil einer verharmlosenden Vermenschlichung. Menschsein ist kein Kompliment und kein Ideal, sondern eine Problembeschreibung. Anderssons Utopie steckt dementsprechend nicht in einem emphatischen Begriff des Menschen, sondern eher im Aufspüren dessen, was die Autorin Kathleen Stewart „gewöhnliche Affekte“ nennt (siehe Im Affekt #1), im stetigen Suchen nach beispielhaften Situationen, die zugleich vollkommen singulär und oftmals grotesk sind, in denen sich aber doch eine gemeinsame Erfahrung artikuliert.

"Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach"
"Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach"

In „Über die Unendlichkeit“ gibt es eine schöne Szene, die selbst Affekttheorie leistet: Zwei Jugendliche sitzen in einem Zimmer, und der Junge beeindruckt das Mädchen mit ein bisschen Thermodynamik: „Du bist Energie. Ich bin Energie. Und deine Energie und meine Energie wird nie verschwinden. Sie kann nur in etwas Neues umgewandelt werden. Also, rein theoretisch, ist es möglich, dass sich unsere Energien in Millionen Jahren neu begegnen. Vielleicht ist aus dir dann eine Kartoffel geworden. Oder eine Tomate.“ „Dann wäre ich lieber eine Tomate“, sagt das Mädchen, Wissenschaft in Begehren umwandelnd.


Ganz und gar teilbar

Für Andersson sind wir eben nicht einfach In-dividuen, sondern ganz und gar teilbar. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eine albtraumhafte Szene in „Songs from the Second Floor“ handelt von einem Zauberer, der mit dem bekannten Trick einen Menschen in zwei Hälften zerteilen will, dem Opfer dann aber tatsächlich in den Bauch sägt. Ein Schnitt führt direkt ins Krankenhaus.

Überhaupt: Wenn die physische Distanz bei Andersson einmal doch überwunden wird, folgt daraus selten etwas Gutes. In „Über die Unendlichkeit“ fürchtet sich ein Patient beim Zahnarzt vor der Spritze und verzichtet deshalb auf eine Betäubung. Beim Bohren schreit er dann aber so nervtötend, dass der Zahnarzt ihn auf dem Stuhl zurücklässt und an der nächstgelegenen Theke etwas trinken geht. Draußen schneit es. Ein Mann in der Bar fragt die Anwesenden: „Ist es nicht fantastisch?“ - „Was denn?“, fragt einer zurück. „Alles“, sagt der Mann.

Einen ähnlich erhabenen Moment gibt es in „Songs from the Second Floor“: Ein Mann, der gerade seine eigene Firma abgebrannt hat, steht rußgeschwärzt in einer vollen U-Bahn, in der alle für sich sind und starr Richtung Kamera in eine unsichere Zukunft blicken. Im Hintergrund ist eine leise Arie zu hören, in die wie auf Knopfdruck alle Passagiere einstimmen und die in die nächste Szene klingt: einem echten Hopper-Bild, in dem eine Frau ihrem Mann ins Telefon erklärt, dass sie im Stau stehe und in vier Stunden nur ein paar Meter vorangekommen sei. Und tatsächlich: Draußen steht dichtgedrängt Auto an Auto. Die Apokalypse scheint nahe.

"Songs form the Second Floor"
"Songs form the Second Floor"


Ästhetik der Vereinzelung

Um all diese Szenen zu drehen, musste Andersson nicht einmal das Haus verlassen. Der schwedische Regisseur dreht alles im untersten Geschoss seines Hauses, das er zu einem riesigen Studio umfunktioniert hat. Hier lässt er Kulissen bauen und hier finden auch die Dreharbeiten statt; die Postproduktion sitzt ein Stockwerk darüber.

Roy Andersson scheint also nicht nur aufgrund seiner Ästhetik der Vereinzelung gerade ganz passend, sondern auch als Mann der Praxis: ein weltgewandter Filmemacher im Home-Office.


Hier geht es zu allen Beiträgen des Blogs "Im Affekt" von Till Kadritzke sowie vielen anderen Beiträgen, die im Rahmen früherer Siegfried-Kracauer-Stipendien entstanden sind.


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