© Internationale Kurzfilmtage Oberhausen / Design: pbldsgn, Hamburg

Im Würgegriff der Pandemie

Mittwoch, 25.03.2020

Die deutschsprachigen Filmfestivals stemmen sich gegen den Corona-Virus und suchen nach Alternativen.

Diskussion

In den letzten beiden Wochen ist es schon zur traurigen Gewohnheit geworden: ein Filmfestival nach dem anderen wird abgesagt. Meist heißt es dann noch, dass man versuchen werde, wenigstens einen Teil des ausgefallenen Festivals online stattfinden zu lassen. Besonders hart traf das Festivals, die kurz vor dem Start standen, als die Krankheitswelle in Deutschland ankam und die Sicherheitsvorkehrungen erhöht wurden. Zeit für einen Streifzug durch die deutschsprachige Festivallandschaft.

Am Dienstag, 24. März 2020, hätte in Köln das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) eröffnen sollen. Das Filmfest, das im jährlichen Wechsel zwischen Köln und Dortmund stattfindet, hatte noch kurz zuvor gehofft, durch Umstrukturierungen doch noch starten zu können. Das Publikum sollte in den Kinos reduziert werden, Empfänge unterbleiben. Doch letztlich blieb dann nur die Konsequenz, das Festival vor Ort abzusagen und in wenigen Tagen auf ein Onlinefestival umzustellen. Zu Recht weist das IFFF darauf hin, dass die Situation für weibliche Filmschaffende oft nochmal prekärer als bei den männlichen Kollegen ist, weil sie öfter mit geringeren Budgets arbeiten, die noch weniger Luft für Rücklagen lassen. Fürs Erste hat das Festival jetzt ein Rumpfprogramm angekündigt, das im Laufe der nächsten Tage weiter ergänzt werden soll.

Festivals leben von der Begegnung

Ein Festival binnen weniger Tage ins Internet zu verlagern, ist eine enorme logistische Herausforderung. Denn Filmfestivals leben wie Messen von der Präsenz ihrer Gäste und den Treffen vor Ort. All das muss rückabgewickelt werden, während gleichzeitig Lösungen für Filmgespräche gefunden und Lizenzfragen geklärt werden müssen. Die Frage, ob man die fürs Festival ausgewählten Filme ins Netz verlagern darf, ist kniffelig. Denn für die Rechteinhaber und Verleiher der Filme sind Aufführungen in Kinos etwas komplett anderes als die Lizenzierung für Streaming und andere Nutzungsformen; diese sind beispielsweise durch Geoblocking oft regional beschränkt und in den Sprachfassungen und Untertiteln festgelegt. Dass Festivals wie das IFFF nun überhaupt Filme online zeigen können, ist eine beachtliche Leistung.

Ebenfalls am Dienstag hätte in Graz die Diagonale eröffnen sollen. Auch hier findet stattdessen ein kleineres Programm im Netz statt, verteilt über eine ganze Reihe österreichischer Streaminganbieter. Der Österreichische Rundfunk zeigt bei FM4 ebenfalls eine kleine Auswahl; mehr wird auf Flimmit angeboten, der Video-on-demand-Plattform des Senders. Unterm Strich ist es recht beeindruckend, was in kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde. Zusätzlich ist im Herbst eine Veranstaltungsreihe geplant. Im Pressedossier zur Diagonale, die nun als „Die Unvollendete“ bezeichnet wird, betonen die Festivalleiter trotz der widrigen Umstände die Unverzichtbarkeit des Kinos als sozialem Ort. Die Frage, „Findet das Festival […] nun online statt?“, wird explizit verneint. Das Festival als solches bleibt unvollendet, dokumentiert im bereits erschienenen Katalog. Das Programm im Netz soll eher eine Idee vermitteln, was das Festival hätte sein können.

Demgegenüber sind Festivals, deren Termine noch ein wenig weiter in der Zukunft liegen, in einer beinahe komfortablen Situation. Das Crossing Europe Festival in Linz hat noch drei Wochen, um zu prüfen, wie eine Online-Notausgabe aussehen könnte, die Kurzfilmtage Oberhausen und das DOK.fest München sogar fast zwei Monate. Was die Rahmenbedingungen angeht, sollte das keine Illusionen wecken; andererseits steht aber zu erwarten, dass man den Sommer und Herbst über ein vielstimmiges Laboratorium mitverfolgen kann, welche Formate Filmfestivals für das Internet entwickeln, wie Filme sich präsentieren lassen und welche Formen des Zusammenkommens möglich sind. Es gehe ja nicht darum, wie die Kurzfilmtage sehr richtig mitteilen, ein „alternatives Netflix“ aufzubauen.

Blickt man auf die Festivals als Institution, gibt es durchaus Grund zur Hoffnung: Die meisten berichten von großem Verständnis und Entgegenkommen von Förderern und anderen Partnern. Viele Festivals werden von den Städten und Regionen, in denen sie stattfinden, unterstützt, aus der schwierigen Situation das Beste zu machen.

Wohl und Wehe der Mitarbeiter

Die großen Sorgen gelten derzeit den zahlreichen Menschen, die die Festivals am Laufen halten, den unzähligen Mitarbeitenden in der Gästebetreuung, den Übersetzungs- und Pressebüros oder dem technischen Personal. Sie alle hangeln sich meist von einem prekären Job zum nächsten. Schon im Normal-Zustand sind Festivals selten willens oder in der Lage (und noch seltener beides), alle ihre Mitarbeitenden angemessen zu vergüten. Die AG Filmfestivals, in der sich eine Vielzahl von Festivals zusammengeschlossen hat, erklärt treffend: „Oberste Priorität haben erstens das gesundheitliche Wohlergehen aller Beteiligten, zweitens die soziale Absicherung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und drittens die Fortdauer von kultureller Vermittlung während der Krise.“

Einige Filmfestivals wie etwa das Filmfest Dresden hoffen noch, ihre Festivalausgaben im Herbst nachholen zu können. Aktuell scheint es aber eher unwahrscheinlich, dass es vor der Entdeckung und Verbreitung eines Impfstoffs wieder einen regulären Kinobetrieb geschweige denn Filmfestivals geben wird. Und selbst wenn das der Fall sein sollte, ist der Festivalkalender im Herbst gewöhnlich so voll, dass das nur in Ausnahmefällen möglich sein dürfte. Realistischer scheint wohl der Blick ins nächste Jahr.

Das wirft aber weitere Fragen auf: Wird es angesichts der sich weltweit häufenden Drehstopps überhaupt genug Filme geben, die gezeigt werden können? Werden die Kinos, in denen die Festivals stattfinden, dann noch existieren? Wie wird die Erfahrung der Pandemie das Sozialverhalten der Menschen auch in Bezug auf Kinos mittelfristig prägen? Keine dieser Fragen ist aktuell zu beantworten. Angesichts der veränderten Zeitwahrnehmung, die mit den Wellen von Krankheitsfällen einhergeht, gibt es auch keine Dringlichkeit.

Banger Blick in die Zukunft

Sinnvoller scheint der Versuch, in der Gegenwart zu realisieren, was möglich ist und so viele der Strukturen wie nur eben möglich zu erhalten. Wenn all dies gelingt, sind die Voraussetzungen nicht die schlechtesten, irgendwann in der Zukunft den angestauten Wunsch nach Begegnungen mit Menschen, deren Wege sich seit Jahren auf Festivals kreuzen, und mit Filmen, die die eigenen Sehgewohnheiten und Komfortzonen in einer Weise herausfordern, wie es kein Streamingdienst vermag, in eine große Festivalsaison des Wiedersehens zu kanalisieren. Bis dahin winken wir aus dem Homeoffice in die Kamera des eigenen Computers und grüßen uns aus der Ferne.

Kommentar verfassen

Kommentieren