© Capelight

Filmklassiker: The Virgin Suicides

Dienstag, 07.04.2020

Sofia Coppolas fulminantes Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1999 ist auf BD wiederzuentdecken

Diskussion

Ein Mädchen mit langem blondem Haar schlotzt an einem Lolli, ein Mann wässert den Rasen, zwei Frauen führen den Hund aus, ein Junge spielt Basketball, warmes Sonnenlicht bricht durch die hohen Bäume. Eine Stimmung von Abschied und Verlust hängt über den fast schmerzhaft idyllischen Bildern einer amerikanischen Vorstadt, die bald in schleppend-flauschige Synthieklänge gebettet werden. „Cecilia war die erste, die ging“, sagt eine Jungenstimme aus dem Off. Und schon findet der Suburbia-Impressionismus sein vorläufiges Ende. In einem Badezimmer liegt ein Mädchen mit leichenblassem Gesicht in der Wanne, auf den Fliesen ein blutverschmiertes Marienbildchen. So beginnt „The Virgin Suicides“ von Sofia Coppola – und die Filmografie der vielleicht stilbewusstesten Autorin des US-amerikanischen Kinos.

In der Bubble der Lisbon-Schwestern

Auch 20 Jahre nach Coppolas Debut wird man immer noch in die schwer greifbare Bubble der Lisbon-Schwestern hineingezogen. Die in warmen Gelb- und Orangetönen gehalten Bilder erinnern an vergilbte Poster, die über Jahre zu nah am Fenster hingen, und das französische Popduo Air lässt seine düster-schönen Melodien in sie hineinsickern wie Sirup – „I'm a high school lover, and you're my favorite flavor“ heißt es in „Playground Love“. Doch vor allem sind da Cecilia, Lux, Bonnie, Mary und Therese. In den Augen der Kamera erscheinen sie wie geheimnisvolle Wesen von einem anderen Stern. Die eingeschworene, sich immer mehr dem Zugriff der Jungs (und der Betrachterin) entziehende Gemeinschaft der Mädchen, wird dabei zur universellen Projektionsfläche für eine Trauer um alles Verlorene: verpasste Begegnungen, unerfülltes Begehren. Der Verlust der Jugend.

Schwer greifbar: Kirsten Dunst in "Virgin Suicides"
Schwer greifbar: Kirsten Dunst in "Virgin Suicides"

In ihrer Adaption des gleichnamigen Romans von Jeffrey Eugenides rekapituliert Coppola das Rätsel eines kollektiven Selbstmords von fünf Schwestern, die Mitte der 1970er-Jahre in einem überbehüteten Elternhaus aufwachsen. Die gleitenden Kamerafahrten durch den Vorort mit seinen adretten Einfamilienhäusern suggerieren eine Aufgehobenheit und Gesundheit, deren Falschheit schon in den ersten Minuten enthüllt wird. Vorboten des Unglücks sind die kranken Ulmen. Ihr Todesurteil steht ebenso fest wie das der Lisbon-Schwestern.

Jungs-Blicke und weibliche Adoleszenzerfahrung

Eher im Hintergrund geht es in „The Virgin Suicides“ um familiäre beziehungsweise institutionelle Gewalt und Repression, um Initiationsriten wie den ersten Kuss und den Schulball, um den Verlust der Jungfräulichkeit. Das eigentliche Thema sind die weibliche Adoleszenz und ihre schon in Coppolas Kurzfilm „Lick the Star“ (1998) adressierte Mystifizierung. Denn erzählt wird die Geschichte der Selbstmordschwestern aus der Perspektive einer Gruppe von Nachbarjungs, deren Erfahrungen sich in einer Off-Stimme bündeln. „The Virgin Suicides“ bringt dabei eine sehr spezielle Form des „male gaze“ ins Spiel. Vordergründig geht es um die Spekulationen und Projektionen der Jungs. Um die Fantasien und Bilder, die sie sich von den Mädchen machen und die Coppola im Rückgriff auf die soft-sexuelle Ästhetik eines David Hamilton ironisch überzeichnet.

Weichgezeichnete Beauties
"Traumfrauen": Drei der fünf Lisbon-Schwestern

In diesen explizit voyeuristischen Blick – die „peeping boys“ beobachten die Mädchen von ihrem Fenster durch ein Fernrohr – schiebt sich jedoch eine andere Perspektive. Und diese erzählt durchaus von weiblicher, adoleszenter Erfahrung. „The Virgin Suicides“ öffnet keinen Einblick in die Figurenpsychologien der Lisbon-Girls – und das durchaus gewollt. Doch im Zusammenspiel von subjektiven Wahrnehmungen und Atmosphären, von Licht, Farben und Sounds findet sich ein – auch zeitgenössisches – Lebensgefühl formuliert, das in Melancholie und Einsamkeit seinen affektiven Fixpunkt gefunden hat. Die Gewalt des Selbstmords allerdings fällt in Coppolas vermittelter Erinnerungserzählung auf weichen Boden.

Verblüffend: Sofia Coppolas Stilsicherheit

An „The Virgin Suicides“ verblüfft heute vor allem Coppolas Stilsicherheit. Ihre Signatur, die auch ihre nachfolgenden Filme „Lost in Translation“ (2003), „Marie Antoinette“ (2006), „Somewhere“ (2010) und „Die Verführten“ (2017) auszeichnet – die neutral gehaltene und nahezu unempathische Celebritykulturkritik „The Bling Ring“ (2013) steht in ihrem Werk etwas abseits – ist im Debüt bereits etabliert: Pastellfarben, traumwandlerische Kamerabewegungen, das Interesse für die Objektwelt beziehungsweise für die Ikonisierung von Dingen, eine organische Erzählung und verführerische Popklänge. Der Stil geht dabei vollständig in Coppolas bevorzugten Themen auf: Entfremdung, Einsamkeit, Identitätskrisen und Ennui in der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft.

Dass ihre Filme genau jene Oberflächen glamourisieren, in denen sie gleichzeitig das Indiz der Oberflächlichkeit und Leere ausmachen, ist der Regisseurin gelegentlich vorgeworfen worden. Tatsächlich schwingt bei Coppola immer beides mit: gedankenlose Affirmation und reflektierte Überaffirmation, Distanz und stilistische Emphase. Die große Schwester von „The Virgin Suicides“ ist sicherlich „Die Verführten“. Hier wird Coppola eine weibliche Gemeinschaft noch einmal ganz anders formulieren: bösartiger, raffinierter – und in ihrer Handlungsmacht aktiver.


"The Virgin Suicides" ist seit 28.2.2020 erstmals als BD und zudem als DVD und VoD verfügbar. Anbieter: Capelight



Kommentar verfassen

Kommentieren