© Rapid Eye Movies (aus "Mr. Long")

Alles außer Mainstream

Samstag, 11.04.2020

Ein Überblick über Streaming-Anbieter von Filmkunst jenseits von Netflix, Amazon und Co., Teil 2

Diskussion

Nun, da die Kinos geschlossen sind und man in den eigenen vier Wänden nach Fenstern in fremde Welten sucht, merkt man plötzlich, dass sich im Internet jenseits von Netflix & Co. viele neue Möglichkeiten eröffnen. Eine Auswahl verschiedener Anbieter mit einem vielgestaltigen Filmkunst-Angebot, erweitert mit zahlreichen aktuellen Filmtipps.


Kinoflimmern

Der Name trügt: bei Sodawasser Pictures geht es nicht um Getränke, sondern um Filme. Während das Mutterunternehmen selbst produziert, sorgt das hauseigene Streamingangebot für Kinoglück auf dem Sofa mit einem breiten Angebot. Was zuerst auffällt: das breite Angebot von Klassikern. Von einigen Filmen Alfred Hitchcocks über eine Reihe Romy-Schneider-Filme (darunter Andrzej Zulawskis wunderschöner „Nachtblende“) bis zu Christoph Schlingensiefs modernem Klassiker „Das deutsche Kettensägenmassaker“. Wer also bei der Krimiunterhaltung mal das Register wechseln möchte, dem sei Hitchcocks Stummfilmklassiker „Der Mieter“ ans Herz gelegt. Mit Anklängen der Jack-the-Ripper-Panik inszeniert Hitchcock einen Film, der sich gut als Einstieg in die Filmwelt des Stummfilms eignet. Ebenfalls im Angebot: Marlon Brandos Regiearbeit „Der Besessene“ von 1961 und Will Trempers ultimativer Berlin-Film der 1960er-Jahre „Flucht nach Berlin“. Dank der Kooperation mit Verleihern wie Dropout kann Kinoflimmern eine große Auswahl von Skurrilitäten bieten, das zeigt sich vor allem bei den Genrefilmen. So finden sich unter den Western auch eine Reihe selten gesehener Eurowestern. Das Angebot an aktuellen Filmen ist etwas unübersichtlich auf der Seite.

Um das Angebot nutzen zu können, muss man sich auf der Seite registrieren. Alsdann hat man entweder die Möglichkeit, einzelne Filme zu kaufen oder ein Abonnement zu erwerben. Die günstigen Preise laden zum Stöbern ein. Sehr schön auch die Vielfalt an Sprachfassungen, die jeweils klar benannt werden.

https://www.kinoflimmern.com

Bei Kinoflimmern: "Abschied in der Nacht" © Studio Hamburg
Bei Kinoflimmern: "Abschied in der Nacht" © Studio Hamburg



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Rapid Eye Movies

Der Kölner Verleih Rapid Eye Movies ist schon lange zu einer festen Adresse für asiatisches Kino in Deutschland geworden. Damit auch in Zeiten ohne Kinosäle niemand auf die Filme der Kölner verzichten muss, gibt es nun ein Video-on-Demand-Angebot. Das wirkt zunächst klein, hat es aber in sich. Wer es historisch mag, fängt mit zwei Martial-Arts-Filmen von Hongkong-Großmeister King Hu an: „Dragon Inn - Die Herberge zum Drachentor“ und „A Touch Of Zen - Ein Hauch von Zen“ sind beides Klassiker des Genres, die man dank der fantastischen Bilder und der überragend choreographierten Kampfszenen immer wieder sehen kann. Zwei aktuelle Beispiele für Genrekino mit einem Autorentwist sind „Mr. Long“ des japanischen Regisseurs Sabu über einen kochenden taiwanesischen Auftragskiller und das Porträt des Überlebens in philippinischen Slums von Regietausendsassa Khavn de la Cruz („Alipato“). Wer es trippiger mag, dem sei der afrofuturistische Klassiker Sun Ra - Space Is The Place ans Herz gelegt, wer Dokumentarfilme bevorzugt, greift zu Romuald Karmakars Porträt der Club-Kultur in Denk ich an Deutschland in der Nacht. Jeder, der eine Internetverbindung hat, sieht bitte Jia Zhang-kes Touch of Sin.

Die Filme sind jeweils einzeln erhältlich und stehen zum Leihen und Kaufen bereit.

https://rem-shop.de/Filme/VOD

https://vimeo.com/selectedbyrem/vod_pages/

Bei Rapid Eye Movies: "Space Is The Place" © Rapid Eye Movies
Bei Rapid Eye Movies: "Space Is The Place" © Rapid Eye Movies

Interfilm

Wer Kurzfilm denkt, denkt Interfilm. Das Berliner Publikums-Kurzfilmfestival lässt schon seit längerer Zeit im Rahmen der Reihe Shorts Attack Kurzfilme durch Kinos toben. Wenn die Kinos zuhaben, müssen die Filme woanders toben, deshalb gibt es Shorts Attack jetzt on Demand. Das Programm im April trägt den Titel „Sex und Wahnsinn“ und umfasst neun Filme. Wie aus den Programmen während des Festivals gewohnt, ist die formale Bandbreite groß, die Filme allgemein zugänglich. Tero Peltoniemi lässt ein Paar in der Schlammgrube ringen, in Tomas Leachs „Delay“ berichten acht Männer unterschiedlichen Alters, woran sie denken, um den Höhepunkt hinauszuzögern. Raynor Arkenbout wiederum gibt uns einen Einblick ins Sexualleben der Lachse.

Mit den knapp 9 EUR für das Programm kann man ein Kino seiner Wahl unterstützen.

http://www.shortsattack.com/sex-und-wahnsinn-2/

Bei Interfilm im April: Shorts Attack
Bei Interfilm im April: Shorts Attack - Sex und Wahnsinn

IDFA

Wer hingegen Dokumentarfilm denkt, denkt oft an das International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA). Das IDFA hat schon eine ganze Weile ein beeindruckendes Onlineangebot und hat dieses nun anlässlich der Coronakrise noch einmal ausgebaut. Die meisten der Filme sind in Originalfassungen mit englischen Untertiteln, doch auch wer sich auf das deutschsprachige Angebot beschränkt, findet ein paar Perlen: Leonhard Müllner und Robin Klengel haben in „Operation Jane Walk“ ein Computerspiel in einen virtuellen Stadtrundgang durch das postapokalyptische New York zweckentfremdet. Joerg Wagner widmet dem Show-Fahren mit Motorrädern auf Jahrmärkten seinen kurzen Dokumentarfilm „Motodrom“.

Die Filme im Onlinearchiv des IDFA sind über dessen Website frei zugänglich.

https://www.idfa.nl

Beim IDFA: "Motodrom" © Dirk Manthey Prod.
Beim IDFA: "Motodrom" © Dirk Manthey Prod.

dffb-archiv

Wie sie wurden, was sie sind. Aus Anlass des 50. Jubiläums der Gründung der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) haben die Filmhochschule und die Deutsche Kinemathek, die das Archiv der Filmhochschule betreut, eine Vielzahl von Filmen ehemaliger Studierender online gestellt. Die Website zu dem Projekt lädt zum Stöbern ein, was heute bekannte Namen in ihrer Frühzeit an der Filmhochschule so getrieben haben. Angela Schanelecs Kurzfilm „Schöne gelbe Farbe“ findet sich unter den Filmen, die komplett zu sehen sind, diverse Filme aus der Kampagne gegen den Springer-Konzern von Harun Farocki, Helke Sander und anderen, aber auch die zu Unrecht vergessenen Filme von Skip Norman wie „Blues People“. Norman arbeitete an unzähligen Filmen von Studierenden als Kameramann mit, war darüber hinaus aber wichtig, weil er die Theorien der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der Black Panther in die Hochschule brachte. Ein Meilenstein des Kinos der Migration in Deutschland ist Sema Poyraz’ „Gölge“ über ein junges Mädchen aus einer türkischen Familie im Kreuzberg der 1980er-Jahre. Als Dokument ist auch „Allein machen sie dich ein“ über die Besetzung des Bethanien-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg mit Musik von „Ton Steine Scherben“ interessant.

Die Filme sind frei zugänglich. Die Suche ermöglicht es leider nicht, nach Filmen zu unterscheiden, die nur als analoge Filme im Archiv liegen und solchen, die auf der Website verfügbar sind. Dafür werden viele der Filme von zusätzlichen Materialien begleitet.

https://dffb-archiv.de/

Im dffb-Archiv: "Allein machen sie dich ein" © Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen
Im dffb-Archiv: "Allein machen sie dich ein" © Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen

Vertov-Archiv des Filmmuseum Wien

Wie es alles begann… Schon seit den 1970er-Jahren besitzt das Österreichische Filmmuseum eine bedeutende Sammlung zum sowjetischen Dokumentarfilmpionier Dsiga Wertow. Seit einigen Jahren präsentiert das Filmmuseum einen relevanten Teil dieser Sammlung auch im Internet. Wer die Zeit der Coronakrise für einen Crashkurs zu den Anfängen des Dokumentarfilms nutzen möchte, ist mit der Seite gut beraten. Die beiden Wochenschau-Reihen Kinonedelja (ab 1918) und Kino-Pravda (ab 1922) geben einen guten Einstieg. Die Filme sind zwar ohne Übersetzung der Zwischentitel der stummen Wochenschauen eingebunden, die Zwischentitel werden aber auf der Website selbst unter den Filmen ausführlich übersetzt und teils kommentiert.

https://vertov.filmmuseum.at/

Dsiga Wertow © Österr. Filmmuseum
Dsiga Wertow © Österr. Filmmuseum


EMAF

Nun also auch das EMAF. Das European Media Art Festival zeigt jährlich in Osnabrück eine beeindruckende Auswahl an zeitgenössischer Medienkunst. Weil das in diesem Jahr auch in Osnabrück nicht mit Publikum geht, zeigt das Festival nun eine Auswahl im Netz. Die Filmprogramme des Wettbewerbs und einige ausgewählte weitere Programme werden vom 22. bis 26. April zu streamen sein.

http://streaming.emaf.de/

Das European Media Art Festival bietet vom 22. bis 26.4. sein Programm zum Streamen an.
Das European Media Art Festival bietet vom 22. bis 26.4. sein Programm zum Streamen an.

Filmgarten

Auch der österreichische Filmverleih Filmgarten hat ein Video-on-Demand-Angebot. Große Teile davon richten sich aus rechtlichen Gründen nur an österreichische Internetanschlüsse, doch vier Titel sind weltweit zu sehen. Christiana Perschons Dokumentarfilm Sie ist der andere Blick über Künstlerinnen des Wiener Aktionismus, die zugleich in der Frauenbewegung aktiv waren. Ivette Löckers Was uns bindet, in der sich die Filmemacherin mit dem geerbten Haus der Eltern auseinandersetzen muss. Lisa Truttmann widmet sich in Tarpaulins der Insektenbekämpfung an der Westküste der USA und Lukas Valenta Rinners Parabellum einem Geschäftsmann, der aus seinem Alltag in ein abgelegenes Hotel entflieht.

http://www.filmgarten.at

Bei Filmgarten on Demand: "Sie ist der andere Blick" © Filmgarten
Bei Filmgarten on Demand: "Sie ist der andere Blick" © Filmgarten

Noch einmal: Arsenal 3

Das Streamingangebot des Berliner Kinos Arsenal hat sich schnell zu einem Supertip entwickelt. Seit die Kinosäle geschlossen bleiben, tobt das Leben im Netz. Das Angebot wurde schon ausführlich vorgestellt, doch die Updates von dieser Woche sollen nicht unerwähnt bleiben. Am bemerkenswertesten: Zwei halblange Filme von Riki Kalbe – einer über eine feministische Hackerin in den 1980er-Jahren und einer über drei Frauen, die einen Störsender bauen, um gegen Sexismus zu kämpfen. Außerdem neu im Programm „Les sauteurs“ von Moritz Siebert, Estephan Wagner und Abou Bakar Sidibé. Siebert und Wagner gaben Abou Bakar Sidibé eine Kamera, um das Leben in einem provisorischen Camp in der Nähe der spanischen Exklave Melilla zu dokumentieren. Nahezu Tag für Tag brechen alle Einwohner des Camps auf, um den Zaun zu überwinden, der sie von Europa trennt.

https://www.arsenal-berlin.de/de/mitgliedschaft/arsenal-3/anmeldung.html

Im Arsenal 3: "Les sauteurs" © Arsenal Institut
Im Arsenal 3: "Les sauteurs" © Arsenal Institut

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