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Filmklassiker: Nebel

Sonntag, 12.04.2020

Auf DVD wiederzuentdecken: Ein DEFA-Kriminalfilm von Regisseur Joachim Hasler, in dem die Bergung eines Schiffswracks und ein Mord die Geister der (NS-)Vergangenheit herauf beschwören

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Im Sommer 1963 schickt die DEFA ihren Kriminalfilm „Nebel“ zu den Internationalen Moskauer Filmfestspielen. Als die Babelsberger Delegation das Kino betritt, ist die Überraschung groß: Alle Plätze sind belegt, sogar auf den Treppen drängen sich die Zuschauer. Sollten wir hier inzwischen einen so guten Ruf haben, fragt sich der DEFA-Direktor und ist zufrieden. Wenig später offenbart sich das Geheimnis: Die Moskauer Organisatoren zeigen die eingeladenen Filme nie in Einzelvorstelllungen, sondern stets im Doppelpack. Und „Nebel“ ist ausgerechnet mit Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ gekoppelt. Deswegen also standen die Moskauer Schlange!

Aber auch der DEFA-Beitrag kommt bei den Festivalgästen gut an. Ein Politthriller und Gerichtsfilm, und doch kein Krimi von der ideologischen Stange. Stattdessen eine atmosphärische Studie mit allen Ingredienzien, die ein Stoff, der in England spielt, gern nutzt: regennasse Hafenstraßen, nächtliche Kaie, lange Schatten und eben jener berüchtigte Nebel, der sich über die Menschen legt und gleichsam zum Symbol eines schwer durchdringlichen Geflechts aus Schuld und Sühne wird. Der englische Nebel: Im westdeutschen Kino der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre feiert er seinen filmischen Triumphe in der Edgar-Wallace-Reihe, umhüllt Hexer, Zinker, die toten Augen von London und den legendären Frosch mit der Maske. Im DEFA-Kino, das andere Prioritäten setzt, andere Ziele verfolgt als nur den puren Nervenkitzel, droht sich der Nebel über ein politisches Verbrechen ungeahnten Ausmaßes und seine Folgen auszubreiten.

Das unselige Wirken der Nazis

Regisseur Joachim Hasler, seit den Anfängen der DEFA im Studio angestellt, Kameraassistent von Bruno Mondi, dann langjähriger Kameramann, legt damit die vierte eigene Inszenierung vor. Seinen ersten Film hatte er 1957 gedreht: „Gejagt bis zum Morgen“, ein expressiv erzähltes Kinderschicksal aus dem Berlin der Kaiserzeit. Danach folgt eine kleine Liebesgeschichte, „Wo der Zug nicht lange hält“ (1960). Mit „Der Tod hat ein Gesicht“ (1961) scheint Hasler dann bei seinem eigentlichen Thema angekommen, dem unseligen Wirken alter Nazis in der Bundesrepublik, hier exemplifiziert an einem Chemieunfall, der auf Experimente mit Giftgas in einer fränkischen Chemiefabrik hindeutet und deshalb vertuscht werden muss. Mit „Nebel“ knüpft er nun erneut an diese Thematik an.

In einer englischen Stadt soll das Wrack des im Zweiten Weltkrieg untergegangenen Passagierschiffes „Princess of India“ aus der Fahrrinne des Hafens geborgen werden. Es war von einem deutschen U-Boot versenkt worden, obwohl der NS-Kriegsmarine genau bekannt war, dass sich auf dem Schiff englische Kinder befanden, die nach Kanada evakuiert werden sollten. Neue Planungen sehen nun vor, das Städtchen zum Ölhafen zu machen. Zu den Auftraggebern der Schiffsbergung gehört auch ein Deutscher, ein gewisser Eberhard Wedel, der plötzlich tot aufgefunden wird: erschossen. Und als Täter wird schnell ein britischer Taucher ausgemacht: Bill Smith, der damals an Bord der „Princess of India“ war ...


Im schönsten Kino-Format aller Zeiten: CinemaScope

Hasler, der auch selbst, gemeinsam mit Helmut Grewald, die Kamera führt, entscheidet sich in „Nebel“ für das Format CinemaScope und Schwarzweiß, im Grunde das schönste Kino-Format aller Zeiten. Er kippt die Kamera oft an, zeigt Straßen, Häuser und Menschen in schrägem Anschnitt, nutzt auch die Tiefenschärfe hinter Gesichtern, um die Figuren und ihre Umgebung in erzählerische Korrespondenz zu bringen. Eberhard Esche als Bill Smith, „ein sehr disziplinierter, ausdrucksstarker Schauspieler von eigenwilliger Intelligenz“ (Christoph Funke), zeigt seinen Charakter als verschlossenen Grübler, hinter dessen Stirn die Gedanken toben: Er schwankt zwischen Tatenscheu und Tatendrang, bis hin zur Gerichtsverhandlung, in der es endlich aus ihm herausbricht. Auch die ihn umgebenden Figuren erweisen sich als widersprüchlich und gebrochen, sind keineswegs platte politische Stichwortgeber. Das trifft auf den alten Inspektor (Johannes Arpe) ebenso zu wie auf den unerfahrenen, aber furchtlosen Verteidiger (Günther Simon), nicht zuletzt auf den Fischereifabrikbesitzer (Hannes Fischer), der die Zukunft des Hafens für eigene Grundstücksspekulationen zu nutzen sucht.

Eindringlich das Motiv einer Glockenboje, die mit ihrem ständigen Läuten an das Verbrechen aus dem Krieg erinnert: Der Ton liegt nahezu über dem gesamten Film, unauslöschbar, auch nicht so leicht aus dem Gedächtnis der Zuschauer zu tilgen. Auch Manfred Krug hat seinen Auftritt, der als Sänger in der Hotelbar „O when the saints go marchin’ in“ intoniert: die Geister der Vergangenheit, lebendig bis in die Gegenwart hinein.


Eine Warnung vor dem Vergessen

„Es ging uns“, so erklären Regisseur Hasler und sein Co-Drehbuchautor Horst Beseler seinerzeit, „um das Geheimnis des Teufelskreises selbstmörderischer Inaktivität.“ Der Mord an dem deutschen Geschäftsmann führt schließlich dazu, dass im Gerichtsprozess die Wahrheit zum Vorschein kommt: Der Tote war damals einer der Hauptschuldigen an der Versenkung des Schiffes. Und das britische Hafenstädtchen soll nun neuer Anlaufpunkt für die NATO werden, mit (west-)deutschen Generälen als Befehlshaber, die für ihre NS-Vergangenheit nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Wie ein Damoklesschwert hängen Sätze über den Figuren des Films: „Vielleicht wird man England eines Tages überhaupt nicht mehr fragen...“ Und: „Was sollen wir den Menschen sagen, wenn das deutsche U-Boot einläuft?“ Haslers „Nebel“ verstand sich, nur knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges gedreht, als Warnung vor dem Vergessen und als Mahnung vor neuem Größenwahn.

Christoph Funke, der Kulturredakteur der Ost-Berliner liberaldemokratischen Tageszeitung „Der Morgen“, schloss seine Kritik zu diesem Film mit der Bemerkung: „Hoffen wir, dass der dritte Streich Joachim Haslers auf der Linie ,Der Tod hat ein Gesicht‘ und ,Nebel‘ zum internationalen Erfolg wird.“ Tatsächlich gelang dem Regisseur zwei Jahre nach „Nebel“ mit „Chronik eines Mordes“, der Verfilmung von Leonhard Franks Roman „Die Jünger Jesu“, seine stärkste Leistung: wiederum ein Drama um Schuld und Rache. Danach wandte sich Hasler radikal von Politthrillern ab, nannte sich nur noch „Jo“ und verlegte sich aufs Gebiet des Musicals: Mit „Reise ins Ehebett“ (1966), „Heißer Sommer“ (1968) und „Nicht schummeln, Liebling“ (1972) war er an einem ganz anderen Ufer der filmischen Unterhaltung angekommen.

„Nebel“ ist in HD remastered als DVD beim Label Icestorm Entertainment erschienen

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