© Österreichisches Filmmuseum (Sarah Maldoror in „Women Make Film: A New Road Movie Through Cinema“, 2019, Mark Cousins )

In memoriam Sarah Maldoror

Mittwoch, 15.04.2020

Zum Tode der Regie-Pionierin (19.7.1929-13.4.2020)

Diskussion

Domingos ist stark und überragt durch seine Größe alle Kollegen. Die Kinder in seinem Dorf spielen gerne mit ihm, seine Frau Maria ist stolz. In der portugiesischen Kolonie Angola verhält er sich den Weißen gegenüber so unterwürfig, wie diese das von einem Schwarzen verlangen. Auf welcher Seite steht er? Einem Kollegen steckt er heimlich Flugblätter zu, die zum Aufstand gegen die Kolonialherren aufrufen. Rasch wird er verhaftet, aus seinem Dorf gezerrt und in die nächste Großstadt gebracht. Zunächst bäumt er sich noch gegen die Schläge der Polizisten auf, dann sackt sein Körper immer mehr zusammen und ist schließlich wie ein Samson ohne Haare den Sadisten hilflos ausgeliefert.

Sambizanga“ war 1972 Sarah Maldorors erster Spielfilm, beruhend auf der Erzählung „Das wahre Leben des Domingos Xavier“ des angolanischen Schriftstellers José Luandino Vieira. Maldorors Film spielt zehn Jahre zuvor, am Vorabend des Unabhängigkeitskriegs in Angolat, nichtsdestotrotz stand die Produktion in den frühen 1970er-Jahren noch voll in der Gegenwart dieses Kampfes. Autor Vieira saß im Gefängnis, Portugal war die letzte Kolonialmacht in Afrika. Der stolze und dann zu Tode geprügelte Domingos wird zum Fanal für den Kampf gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Armut. Doch das ist nur die eine Seite von Maldorors Film, jene, die sich treu an die literarische Vorlage hält. Maldorors Kino lässt sich indes nicht allein auf die Barrikaden reduzieren, auf die die Regisseurin immer wieder gerne gestiegen ist.

Sozialisation in den Pariser Künstlerkerisen der 1950er-Jahre

Sarah Maldoror wurde am 19. Juli 1929 geboren. Der Vater kam aus Guadalupe und folgte seiner Frau in ihre Heimat im Südwesten Frankreichs. Maldoror berichtete von einer armen, harten Kindheit, dem elterlichen Haus konnte sie schließlich entkommen und fand sich in den Pariser Künstlerkreisen der 1950er-Jahre wieder. Dort nahm sie ihren Künstlernamen, Maldoror, an, geborgt von Lautréamonts „Die Gesänge des Maldoror“. Sie gründete mit anderen zusammen die Theatergruppe „Les griots“, das erste afrokaribische Ensemble, das zeitgenössisches Theater in Frankreich inszenierte. Vom Theater ging Maldoror zum Film, studierte in den 1960er-Jahren in Moskau.

Die Französin wurde zur wichtigsten Regisseurin des neuen afrikanischen Kinos oder vielmehr eines Kinos für das neue Afrika. Wie viele andere afrikanische Filme jener Jahre, die für die Selbstbestimmung und Anerkennung der afrikanischen Kulturen kämpfen, ist Maldorors „Sambizanga“ ein offener, unabgeschlossener und umso aufwühlenderer Film. Die Filmemacherin schneidet gegen die brutalen Bilder von Domingos Folterung die stoische Suche seiner Frau nach ihm. Bereits in ihrem Kurzfilm „Monangambée“ (1968) besucht eine Frau ihren inhaftierten Mann, der in Folge eines Missverständnisses grausam gefoltert wird. In „Sambizanga“ singt Maria wie zur Beruhigung Lieder. Nachdem sie von Domingos Tod erfahren hat, findet sie sich auf einem Partisanenfest wieder. Und auch dort werden wieder Gesänge angestimmt, die so gar nicht zu den erschütternden Szenen zuvor passen wollen.

Kunst für den Aufbau einer schwarzen Identität und Emanzipation vom Kolonialismus

Bereits „Monangambée“ wurde eine Schönheit der Inszenierung zur Last gelegt – ein Vorwurf, dem Maldoror die Allgegenwart des Horrorfilms im kommerziellen Kino entgegengehalten hat. Die Regisseurin negiert das Leiden der Unterdrückten nicht, aber sie will ihnen die Hoffnung auf eine Zukunft, auf ein Anderswo offenhalten.

Ihre Auffassung von Kunst ist von ihrer Begegnung mit der Négritude in den 1950er-Jahren geprägt, jener künstlerischen Strömung, die den Aufbau einer schwarzen Identität und die politische Emanzipation vom Kolonialismus anstrebte.

Über deren Protagonisten drehte Maldoror kurze bis mittellange Dokumentarfilme. In „Un portrait de Madame Diop“ (1986) stellt sie Christine Diop vor, die nach dem Tod ihres Mannes Alioune die Zeitschrift „Présence Africaine“ übernommen hat, jene Zeitschrift, in der seit 1949 die wichtigsten Texte zur Négritude veröffentlicht wurden, darunter von Aimé Césaire. Über Césaire drehte sie 1988 den Dokumentarfilm „Aimé Césaire, le masque de mots“, mit Gesprächen auf langen Spaziergängen.

Ansteckende Offenheit

Léopold Sédar Senghor spricht in „Les Caraïbes et la Négritude“ über die Kraft der Poetik Césaires und betont den universellen Anspruch des Autors aus Martinique. Daraufhin lässt Maldoror eine junge Frau aus Césaires „Cahiers d’un retour au pays natal“ („Zurück ins Land der Geburt“) vorlesen. Sie sitzt in einem Zug, der durch Miami fährt. Hinter den großen Scheiben sieht man die Stadt vorbeiziehen. Das Bild ist in permanenter Bewegung. Maldoror stemmte sich gegen jede Fixierung und war fasziniert von der Offenheit von Ideen.

Diese Offenheit war durchaus ansteckend. Noch vor ein paar Jahren konnte man die Regisseurin mit schlohweißen Haaren auf Festivals und in Kinematheken erleben, wie 2018 in Wien. Es ist zu kurz gegriffen, Maldoror allein auf ein afrikanisches Programm festzulegen. In ihrem Werk stehen diese Filme neben Dokumentationen über den Dichter Louis Aragon, den Maler Joan Miró oder die Kirche Saint-Denis. Maldoror drängte zur Vielfalt und zu einem Freiheitskino mit universellem Anspruch.

Mit 90 Jahren ist Sarah Maldoror am 13. April 2020 an COVID-19 in Paris gestorben.



Um Regisseurin Sarah Maldoror und ihr Werk geht es – neben vielen anderen Filmemacherinnen – in dem fünfteiligen dokumentarischen Epos „Women Make Film: A New Road Movie Through Cinema“ des irischen Filmemachers Mark Cousins. Eine Präsentation des Mehrteilers war für 1.-5. Juni im Filmmuseum Wien geplant, musste aber wegen der Covid-19-Pandemie auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

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