© Filmmuseum Wien (Bruce Baillie in "All my Life")

Zum Tod von Bruce Baillie

Donnerstag, 16.04.2020

Nachruf auf den US-amerikanischen Filmemacher Bruce Baillie (24.9.1931-10.4.2020)

Diskussion

Als Co-Gründer des in San Francisco ansässigen Canyon Cinema ging der US-amerikanische Filmemacher Bruce Baillie (24.9.1931-10.4.2020) in die Geschichte ein. Doch die Spuren seiner Filme finden sich bei so unterschiedlichen Regisseuren wie George Lucas, Stan Brahkage oder Apichatpong Weerasethakul. Ein Nachruf auf einen Outlaw, für den das Zeigen und Drehen von Filmen untrennbar zusammengehörte.


Der amerikanische Filmkritiker J. Hoberman schrieb in seinem Nachruf auf den bedeutenden Kino-Avantgardisten Bruce Baillie (24.9.1931-10.4.2020), dass dieser auch eine Figur aus der Feder Jack Kerouacs sein könnte. Ein leuchtender Stern aus dem Geist der 1960er-Jahre, „dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlichtmaschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd“, wie es in einer Übersetzung von Allen Ginsbergs „Howl“ geschrieben steht. In seinem quasi-autobiografischen Film „Memoirs of an Angel“ (2008) inszeniert sich Baillie auch selbst mit Blick in den Himmel, der mit Fernglas nach Bildern sucht, die ein Leben erklären. In seinem intimen Psychotrip „Quick Billy (1971) sieht man ihn als titelgebenden Cowboy davonreiten, ein Titel erscheint: „Ever Westward Eternal Rider“. Das erste Mal, als er Baillie gesehen habe, berichtet der österreichische Filmemacher Peter Kubelka, hätte dieser vor seinen Studenten einen Kopfstand vorgeführt, bevor er mit allen rausgegangen wäre, um Müll einzusammeln.

Keine Angst vor Gegensätzen

Als Outlaw, der die Bürde der USA auf seinen Rücken trug, verstand sich der nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren verstorbene Filmemacher. Seine Filme folgen betörend wirkenden Gegensätzen: rauf und runter, Paradies und Vertreibung, Müßiggang und Aktivismus, Intimität und Epik, Yin und Yang. Sein Einfluss auf das Kino ist enorm. So unterschiedliche Filmemacher wie George Lucas, Stan Brakhage und Apichatpong Weerasethakul tragen Spuren von Baillie in ihrem Schaffen. Dieses Schaffen umfasst nicht nur ein erstaunliches filmisches Werk zwischen 16mm-Kodachrome-Rausch und Videoarbeiten, sondern auch essentielle vermittelnde Arbeiten.

Zusammen mit Chick Strand gründete Baillie Canyon Cinema. Was als informelle Screening-Reihe im Hinterhof seines Hauses begann, mit einer zwischen zwei Bäumen aufgehängten Leinwand, kostenloser Verpflegung mit Wein, Popcorn und der Möglichkeit, einen von Baillie selbst gemachten Kuchen zu gewinnen, entwickelte sich zu einem legendären, bis heute existierenden Filmvertrieb. Außerdem gründete die Gruppe die San Francisco Cinematheque. Das Zeigen und Drehen von Filmen war für Baillie essentiell miteinander verbunden. Von seinem ersten Gehalt kaufte er sich einen Filmprojektor. Im Rahmen der Filmvorführungen entstand eine enge Gemeinschaft von Unangepassten, die allesamt hochindividuell waren, aber dennoch im Kollektiv arbeiteten und atmeten. Alles war induziert von einem West-Coast-Vibe, der den formal strengeren Ansätzen des experimentellen Films, den man etwa in New York oder Wien beobachten konnte, entspannte Lebenslust und Somnambulismus beibrachte.

Der inneren Zerrissenheit der USA auf der Spur

Baillies Filme sind Dokumentationen von inneren Zuständen, Phantasmagorien und Offenlegungen eines sich zersetzenden Landes. Zu seinen herausragenden Arbeiten zählt „Castro Street“ (1966), eine Dokumentation über eine Straße, in der die Industrie die Natur verdrängt. Dabei folgen die doppelt belichteten Bilder der Straße in entgegengesetzten Richtungen. Wundervoll ist Baillies früher Porträtfilm „Mr. Hayashi“ (1961). Darin filmt er den titelgebenden Gärtner mit großer Zärtlichkeit, erklärt den unscheinbaren Mann zum Helden des Alltags. Eine andere Großtat von Baillie ist sein Kurzfilm „Valentin de las Sierras“ (1971). Er belegt nicht nur Baillies wunderbaren Sinn fürs Experiment (er arbeitete mit Gläsern, die er vor die Kameralinse hielt und wechselte zwischen schwarz-weißem und farbigem Material), sondern auch die Nähe seines Kinos zur Musik.

Egal ob Ella Fitzgerald, gregorianische Gesänge, Wagner oder Mahler: Bei Baillie werden die Bilder selbst zu einem Teil der Musik, oder die Musik schreibt sich so in die Bilder ein, dass alles zu Wasser wird und man gleich den Wasserläufer, die in mehreren seiner Filme auftauchen, auf den Oberflächen tanzt, in die fließende Feuchtigkeit eindringt und am liebsten nie wieder auftauchen würde. Er filmt die kleinen Abschürfungen der Haut an den Fingernägeln, die müden Pupillen eines Schlepptiers, die sich im trüben Meer spiegelnde Sonne.

Mit Baillie kann man sich von Neuem ins Licht verlieben. Aber hinter der schwelgerischen Haltung verbergen sich Abgründe. Das gilt etwa für „Mass for the Dakota Sioux“ (1964), der mit dem Tod eines Mannes auf der Straße beginnt und endet. Niemand beachtet ihn, die Zivilisation verdrängt ihre Opfer. Noch eindrücklicher aber offenbaren sich Abgründe in „Quixote“ (1965), einer symphonischen Behandlung von Vergänglichkeit, Verwesung und Liebe. Ein Film über die Verlorenheit auf der Suche nach US-amerikanischen Helden. Der Held ist Quixote, der nach Träumen sucht, die es nicht gibt oder die von den Menschen ignoriert werden. Stattdessen dominieren Rassismus und Ausbeutung. Jonas Mekas schrieb über den Film: „Ich habe ,Quixote‘ inzwischen 20 Mal gesehen und finde, dass es einer der wenigen wichtigen epischen Arbeiten der Dekade ist.“.

Mit Bruce Baillie ist einer jener seltenen Filmemacher von uns gegangen, für den das Kino eine Form war, zu rebellieren, zu lieben und zu leben.


Vor einigen Jahren hat Bruce Baillie auf seinem eigenen Youtube-Kanal einige seiner Arbeiten öffentlich zugänglich gemacht. Die Erfahrung dieser digitalen Abzüge hat wenig mit der des Kinos gemein. Als eine Idee seines Schaffens und als Erinnerung sind Filme wie seine Parsifal-Verfilmung „To Parsifal (1963) aber dennoch berührend.

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