© Kool (aus "Ex libris")

Im Affekt #5: Der zuhörende Körper

Donnerstag, 16.04.2020

Diskussion

Auf Amazon Prime gibt es Frederick Wisemans Porträt der New Yorker Public Library „Ex Libris“ zu sehen. Till Kadritzke hat sich den dreieinhalbstündigen Film für seinen Blog „Im Affekt“ noch einmal angesehen – und nähert sich dem Verhältnis von Affekt und Politik über die Bilder zuhörender Gesichter.


Ein dreieinhalbstündiger Film über Bücher, Wissen und Bildung, oder: die stille Beobachtung einer Institution; das klingt zunächst wenig aufwühlend. Wenn Affekte sich aber nicht zuletzt als Berührungen auf Distanz verstehen lassen (also als exakt jener Unterschied zwischen physischer und sozialer Distanzierung, der derzeit oft beschworen wird), dann ist „Ex Libris“ ganz unmittelbar ein Film der Affekte: Gedanken, Sätze, Töne, Information durchschneiden hier die Räume der New York Public Library und verzeichnen allerlei Effekte auf Körpern aller Art.

Denn einen nicht unerheblichen Teil des Porträts der New York Public Library von Frederick Wiseman nehmen zuhörende Gesichter ein. Ob beim Vortrag über das Verhältnis von Islam und Sklaverei, ob bei einer Aufsichtsratssitzung der Bibliothek rund ums Thema Digitalisierung, ob bei einer Poetry-Performance, einer Paneldiskussion oder den Kurzvorträgen auf einer Jobmesse: Close-ups sind hier die vorwiegenden Rezeptionsflächen, der Film mitunter ein Medley der Augenpaare, mal neugierig und aufmerksam, mal müde und gelangweilt, mal konzentriert, mal irritiert, mal entnervt.


Das Zuhören als ein Auffangversuch

Die Montage des Films wiederholt dabei, was man eigentlich weiß: Die Vermittlung von Wissen ist ein Schuss, der niemals ganz ins Schwarze trifft. Deshalb sind die Gegenschüsse auf die Zuhörenden auch nie ganz synchron mit der Tonspur; jeder Schnitt funktioniert als visuelles Störgeräusch zwischen Sender und Empfängerin. Zwar steht Wiseman wie kein anderer für ein Kino der nüchternen Beobachtung, aber er ist den filmischen Mächten des Falschen ebenso verpflichtet wie der dokumentarischen Wahrheit. Sprechen heißt Zielen und Verfehlen, das Zuhören ist ein Auffangversuch, aber die Beute landet eben doch in einer eigenen Tasche, die schon ziemlich prall gefüllt ist.

Bildung in der New York Public Library: Eine Szene aus "Ex Libris"
Bildung in der New York Public Library: Eine Szene aus "Ex Libris"

Das heißt nicht, dass „Ex Libris“ ein pessimistischer Film wäre, denn vom Ideal der Horizonterweiterung, von der Vermittlungsarbeit und ihrem ungeheuren (materiellen, kommunikativen, affektiven) Aufwand ist der Dokumentarfilm ernsthaft fasziniert. Workshops zum Erlernen der Blindenschrift, der Verleih von Laptops und WLAN-Sticks, Hausaufgabenbetreuung, Digitalisierung von historischen Quellen: Die Bibliothek ist mehr als ein Bücherlager; dieser Satz fällt häufiger. Aber auch ein kindliches Staunen über den Bestand der NYPL durchzieht den Film. Im Bilderarchiv finden sich Abbildungen von allem, was man sich nur vorstellen kann, „wir haben Bilder von Atombombenexplosionen, aber auch von Gurken“, erklärt der Leiter einer Besuchergruppe.

Die Verbindung vom Gewaltigsten zum Profansten: auch das ein schönes Bild für Wisemans Kino. Vom Gebäudemanagement zur Ausleihlogistik zu Lesungen zu Konzerten zu Vorträgen zu Aufsichtsratssitzungen zu Jubiläumsfeiern zum Treffen der reichsten privaten Spender, eine skurrile Ansammlung greiser Weißköpfe, die am Ende fürs alljährliche Foto posiert: Für Wiseman sind das nicht unterschiedliche Ebenen, sondern lediglich Knoten in einem einzigen Geflecht. Auch deshalb kommen einem seine Filme selten so lang vor, wie sie tatsächlich sind: Sie suchen sich stets einen sehr spezifischen, sehr kleinen Ausgangspunkt, doch von dem scheint immer die ganze Welt auszugehen.

Die Bibliothek als Bilder-Fundus
Die Bibliothek als Bilder-Fundus


Das Partikulare zerrt an jedem Strang

Nur darf man bei diesem Lob nicht stehen bleiben, sonst läuft man Gefahr, mit dieser Welt zu einverstanden zu sein. Dass die Welt ein Geflecht ist, heißt gerade nicht, dass sie demokratisch oder gerecht wäre. So klinisch Wiseman die Institutionen, die er porträtiert, untersucht, so unübersichtlich und vermurkst sind die Wucherungen, die sich hinter jedem Einschnitt verbergen.

Die unzähligen Bilder von Zuhörenden zeugen also nicht nur von einem abstrakten Begehren der Vermittlung (und seiner Verfehlung), sondern sind auch ganz konkret Bilder von unterschiedlichen Zuhörenden. Hier kommt ins Spiel, was ich in diesem Blog „Affektpolitik“ nenne und als Korrektiv zu einem naiven Begriff des filmischen Affekts verstehe. "Ex Libris" zehrt einerseits von den universalen Kräften des Kinos, versucht zu zeigen, was es auf sich hat mit der Arbeit einer Bildungsinstitution, mit der Vermittlung von Wissen, mit dem Zuhören. Andererseits sind diese Kräfte eben nicht zu trennen von den partikularen Kräften, die den Zugang zu allem regeln, mit dem es etwas auf sich hat.

Wir sehen in den Close-ups also nicht einfach das menschliche Antlitz, sondern sozial zugerichtete Körper; und je länger wir Leute zuhören sehen, desto augenfälliger wird, welche Art von Publikum welche Veranstaltungen besucht, wer in welcher Zweigstelle arbeitet, wer über neue Lehrmaterialien in der eigenen Community diskutiert, und wer darüber entscheidet, welche Milliarden des Bibliotheksbudgets in welche Projekte gesteckt werden. „Ex Libris“ braucht, um politisch zu sein, um Klassen- und Race-Fragen zu stellen, eben keinen Kommentar, keine Agenda, sondern nur Beobachtungen und ihre kluge Montage.


Eine Aufforderung zum Einmischen

Fast ganz zum Schluss geht es nochmal nach Harlem, wo Khalil Muhammad, Leiter des Schomburg Center for Research in Black Culture, einer Gruppe von Lehrerinnen (es sind fast ausschließlich schwarze Frauen) besucht. Eine von ihnen erklärt den Zuhörenden den Rechtsstreit mit einem großen Schulbuchverlag, in deren Werken die „Geschichte der Einwanderung“ in die USA auf eine Leugnung der Sklaverei hinausläuft: während die Lohnknechtschaft europäischer Einwanderer moralisch angeprangert wird, erscheint die transatlantische Verschleppung vom afrikanischen Kontinent als eine Art freiwillige Arbeitsmigration. In dieser ausführlichen Sequenz laufen die Fäden noch einmal wunderbar sorgfältig auseinander.

Der Film, der fasziniert ist vom Wissen und seiner Vermittlung und sich für steinalte Bücher genauso interessiert wie für die Herausforderungen ihrer Digitalisierung, endet mit der Einsicht, dass dieses Wissen nicht zur Vermittlung bereitliegt, sondern umkämpft ist. „Sie haben noch Glück, sie haben hier in Harlem das Schomburg Center, und damit Zugang zu einem Archiv, das versucht, der Komplexität der Dinge recht zu werden“, sagt Muhammad den Lehrerinnen zum Schluss, und das ist das einzige vorsichtige Bildungspathos, das sich „Ex Libris“ dann doch erlaubt; vielleicht, damit das mit dem umkämpften Wissen nicht als resignierte Einsicht, sondern als Aufforderung zum Eingriff verstanden wird.



Hier geht es zu allen Beiträgen des Blogs Im Affekt"von Till Kadritzke sowie vielen anderen Texten, die im Rahmen früherer Siegfried-Kracauer-Stipendien entstanden sind.

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