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Filmklassiker: History is Made at Night

Freitag, 17.04.2020

Romantisches Melodrama von Frank Borzage über eine tiefe Zuneigung, die jeder Anfeindung trotzt

Diskussion

In seinem 1937 entstandenen romantischen Melodram schöpft der US-amerikanische Genre-Spezialist Frank Borzage aus dem Vollen: In der Liebe einer unglücklich verheirateten Frau zu einem charmanten Franzosen erzählt der Regisseur von der Tiefe einer Zuneigung, die jeder Anfeindung und allen Widerständen vom Mordverdacht bis zum Schiffbruch trotzt – und schert sich dabei in vollem Bewusstsein nicht um Wahrscheinlichkeit. Der Film ist aktuell auf Youtube zu sehen.


Ein romantisches Melodram, 1937 inszeniert vom Meister des romantischen Melodrams: Frank Borzage. „History is made at Night“ – was für ein ingeniöser, passender Filmtitel. „Es ist nicht nur der romantischste Titel in der Geschichte des Kinos, sondern auch ein tiefempfundener Ausdruck von Borzages Verpflichtung für die Liebe über die Wahrscheinlichkeit“, schrieb Andrew Sarris bewundernd. Der deutsche Verleihtitel mochte da nicht hintenanstehen: „…und ewig siegt die Liebe“ lautet er, als der Film nach dem Krieg im Jahr 1953 in die Kinos kam.

Liebe über Wahrscheinlichkeit – das ist, wie so oft, die Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick. Mann und Frau wissen sofort, dass sie zueinander gehören. Und dennoch nimmt ihre Liebe, aufgehalten durch Intrigen, Rache, Mord und eine Schiffskatastrophe, riesige Umwege. „Seelen werden groß durch Liebe und Hindernisse – dieses Borzage gemäße Diktum aus Street Angel gilt hier noch mehr als in seinen anderen Filmen.


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Jean Arthur spielt Irene Vail, die sich von ihrem Mann Bruce (Colin Clive), einem eifersüchtigen Schiffseigner, scheiden lassen will. Der wiederum will ihr die Schuld für die Trennung in die Schuhe schieben. Darum schickt er seinen Chauffeur als vermeintlichen Liebhaber auf ihr Pariser Hotelzimmer, um beide in flagranti erwischen zu können. Da kommt Charles Boyer alias Paul Dumond ins Spiel. Vom nebenan liegenden Balkon hat er alles mit angehört. Wie ein Schatten, den Hut tief ins Gesicht gezogen, taucht er aus dem Dunkel auf, gibt vor, ein Juwelendieb zu sein und Irene als Geisel zu benötigen. Erst im Taxi wird er die Inszenierung auflösen und Irene den Schmuck zurückgeben.

Der Falle entgangen: Ein unbekannter Franzose rettet Irene vor dem Komplizen ihres Mannes.
Der Falle entgangen: Ein unbekannter Franzose rettet Irene vor dem Komplizen ihres Mannes.


Erst in der Maskerade glückt die Annäherung

Noch weiß man (und ebenso Irene) nicht, wer Paul eigentlich ist. Zusammen trinken sie ein Glas Champagner im Château Bleu. Eigenartigerweise sind sie die einzigen Gäste in dem noblen Restaurant. Der Koch kocht nur für sie, die Band spielt nur für sie. Zeit und Raum scheinen völlig entrückt. Doch noch trennt die Liebenden die Furcht, sich dem anderen zu öffnen, sich eine Blöße zu geben. Und so erfindet Borzage einen Mittler, der Irene und Paul einander näherbringt: Paul malt sich ein Gesicht, bei dem sich Daumen und Zeigefinger zu einem sprechenden Mund treffen, auf die linke Hand, nennt es „Coco“ und lässt es die Fragen stellen, zu denen ihm der Mut fehlt: „Warum hast du geheiratet? Was hat denn dein Mann mit dieser Dummheit bezweckt?“ Erst in der Maskerade, in der Vorgabe, jemand anderes zu sein, gelingt die Annäherung. Ein Kunstgriff, der auch der verschlossenen Irene zugutekommt: Sie bittet „Coco“, Paul zu sagen, dass er sie zum Tanzen auffordern möge.

Nun folgt eine der schönsten Liebesszenen in Borzages Werk. Die Kamera geht ganz nah an die beiden heran, isoliert sie von ihrer Umwelt und lässt sie als das ideale Paar erscheinen. Immer wieder blickt die Kamera auf die tanzenden Beine, die geschickt der Bewegung des anderen ausweichen oder folgen, sich verschränken und dann wieder voneinander lösen. Die Körper der beiden haben sich schon aneinander gewöhnt. Und mit einem Mal bekommt die Romanze etwas Märchenhaftes. Irene verliert, wie Aschenbrödel auf dem großen Ball, einen Schuh, Paul nimmt ihr wie der Prinz auch noch den zweiten ab. Später wird der Koch entgeistert auf die Schuhe blicken, ein wenig weiter liegt der abgestreifte Pelzmantel. Symbole des Wohlstandes, die Irene nun nicht mehr braucht. Irene hat ihren Schutzmantel im wahrsten Sinne des Wortes abgelegt.

Lange muss dieser „Tango of Love“ gedauert haben, denn mehr und mehr Musiker sind eingenickt, bis nur noch der Geiger aufspielt. In kleinen Ellipsen spart Borzage das Offensichtliche aus und lässt die Zeit dahinrasen. Später, als Paul gefragt wird, wie lange er Irene schon kenne, antwortet er: „Schon immer.“ „History is Made at Night“ ist ein Film über die Zeitlosigkeit der Liebe, über ihre Reinheit und Unantastbarkeit.

Alles in Vorbereitung im romantischen Restaurant Château Bleu.
Alles in Vorbereitung im romantischen Restaurant Château Bleu.


Eifersucht und Opfer

Doch der „Tango of Love“ ist auch ein Tango der Eifersucht. In kurzen Zwischenschnitten zeigt Borzage, wie Bruce den Chauffeur, den Paul zuvor beim vermeintlichen Schmuckraub niedergeschlagen hatte, tötet. Nun will er die Tat dem Nebenbuhler in die Schuhe schieben. Dass Irene noch immer die Perlen trägt, die Paul „gestohlen“ hatte, reicht ihm als Bestätigung für ihren Seitensprung. Um Pauls Leben zu retten, willigt Irene ein, mit ihrem ungeliebten Mann nach New York zu gehen. Sich für den anderen aufopfern, vielleicht sogar sein Leben geben – auch das gehört elementar zu Borzages Romantizismus.

Aus der Romanze mit komischen Zwischentönen ist urplötzlich ein Melodram geworden. Paul erfährt aus der Zeitung, dass Irene mit ihrem Mann abgereist ist. Doch seine Intuition sagt ihm, dass etwas nicht stimmen kann. Wie mit einem unsichtbaren Band sind die Liebenden miteinander verbunden. Körperliche Trennung, räumliche Distanz und die Unmöglichkeit zu kommunizieren, sind dabei kein Hindernis. Konsequenz: Paul fährt mit dem Schiff nach New York.

Mittlerweile hat man erfahren, dass er der Geschäftsführer des Château Bleu ist. Der entgeisterte Koch, Cesare, ist sein bester Freund. Erst nach und nach lüften sich die wahren Identitäten und geben ihr Innerstes preis. Oder sie müssen, wie Irene, ihre Identität erst noch finden: Irene muss sich von dem Geld und dem Wohlstand ihres Mannes lösen und die romantische Liebe zu einem anderen akzeptieren. Erst die Liebe gibt ihr die Kraft, ihren eigenen Weg zu gehen und zu sich selbst zu stehen. Borzage stellt die Liebe immer über die Dinge. Sie ist das Einzige, was zählt.

Das oberste Ziel im romantischen Melodram: Die Vereinigung der Liebenden.
Das oberste Ziel im romantischen Melodram: Die Vereinigung der Liebenden.

Paul hat derweil einen Weg gefunden, Irene auf sich aufmerksam zu machen. Er hat ein nachlässig geführtes Lokal mit Hilfe seines Freundes Cesare kurzerhand in das beste Restaurant New Yorks verwandelt. Wie von Geisterhand gezogen, taucht Irene eines Abends mit ihrem Mann auf. Und nach einem kurzen Missverständnis – Irene muss vor Erleichterung über das Wiedersehen mit Paul so schallend lachen, dass es auf ihn beschämend wirkt – holen sie jenen Spaziergang nach, für den in Paris keine Zeit mehr war. Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht mehr – wie noch im Château Bleu – ignorieren. In Paris ist ein Unschuldiger wegen des Mordes an Bruces Chauffeur verhaftet worden. Paul muss zurückkehren, um den Mann (und sich selbst) zu entlasten. Der Entwurf einer absoluten Liebe, die sich selbst genügt und die Welt ausschließt, ist gescheitert. Vorerst.


Die Macht der Liebe trotzt dem Schiffbruch

Was nun folgt, mutet wie ein vorweggenommener Gegenentwurf zu Titanic an. Wo James Cameron über drei Stunden braucht, reichen Borzage 20 Minuten, um das Schiff – es gehört Bruce und hat den bezeichnenden Namen „Princess Irene“ – in See stechen und mit einem Eisberg kollidieren zu lassen. Borzage hat die technische Seite der Spezialeffekte vernachlässigt; Authentizität ist nicht seine Sache. Die Tricks sind immer als solche erkennbar. Was „History is Made at Night“ allerdings mit „Titanic“ verbindet, ist die Macht der Liebe. Je mehr die Paare in beiden Filmen in Gefahr geraten, desto mehr rücken sie zusammen. „Denke nur an heute, an uns, an unsere Liebe“, tröstet Paul die weinende Irene, während das Schiff auf Bruces Geheiß mit viel zu großer Geschwindigkeit durch den Nebel gleitet, immer in Gefahr, mit einem der vielen unsichtbaren Eisberge zu kollidieren.

Da ist es nur folgerichtig, dass sie noch einmal dasselbe Mahl – Hummer Kardinal – zu sich nehmen wie damals im Château Bleu. Hummer Kardinal? Cesare hat sich an Bord geschlichen, um Paul in Paris beizustehen. „History is Made at Night“ ist auch ein Film über eine große Männerfreundschaft.

Auch im Angesicht des Eisbergs gerät die Liebe nicht aus dem Blick.
Auch im Angesicht des Eisbergs gerät die Liebe nicht aus dem Blick.

Und doch ist etwas anders seit jenem Abend in Paris. Worte sind jetzt nicht mehr nötig, um sich gegenseitig die Liebe einzugestehen. Einmal sitzen sie auf einer Treppe – das Schiff hat schon ordentlich Schlagseite – und sehen sich tief in die Augen. „Wie lieb du mich ansiehst. Woran denkst du?“, fragt sie. „An dich.“ Ihre ganze Liebe füreinander ist in diesem Blick enthalten. Und nun kommt der Moment, wo Borzage – ganz der Romantiker – die Liebe über das Böse triumphieren lässt. Bruce nimmt sich das Leben. Und mit einem Mal scheint das Böse seine ganze Kraft zu verlieren. Wie von Zauberhand geführt, hört das Schiff zu sinken auf. Borzage bemüht sich gar nicht erst, eine Erklärung dafür zu finden. Man sieht nur, wie schnell noch ein, zwei Schotten geschlossen werden, sodass – so muss man annehmen – kein Wasser mehr eindringen kann.


Das Heil der Helden als grundlegende Sorge

Es ist eines dieser Wunder, die Borzage so sehr liebte. „Die grundlegende Sorge von Borzage ist das Heil seiner Helden“, schrieb der Filmhistoriker John Belton. Und so zeigt Borzage die Liebenden in der Schlusseinstellung in inniger Umarmung. Die anderen Menschen sind im Hintergrund nur schemenhaft zu erkennen. Wieder hat der Regisseur seine Protagonisten von der Umwelt isoliert. Als wären sie ins Château Bleu zurückgekehrt.


„History is Made at Night“ ist auf Youtube in der Originalfassung zu sehen.

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