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Nachruf auf Gene Deitch

Donnerstag, 23.04.2020

Zum Tode des amerikanischen Animationsfilmers (8.8.1924-16.4.2020)

Diskussion

„Don’t conform! Do it your way!“ , lautete das Motto des Animationsfilmers Gene Deitch. Der gebürtige US-Amerikaner wechselte um 1960 auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs, in die Tschechoslowakei, wo er der günstigeren Produktionsbedingungen und der Liebe wegen blieb. Dort entstanden sein „Oscar“-geehrter Film „Munro“ , Kultserien wie „Tom & Jerry“ und „Popeye“ sowie eine erste „Hobbit“-Adaption. Erinnerungen an einen Mann, dessen Arbeit zahlreiche andere Trickfilmer inspirierte.


Gene Deitch ist gestorben. Einen Nachruf zu verfassen ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Den Einen, die nicht wissen, wer er war und was er machte, müsste man vieles erklären, während die Anderen, die ihn näher kannten, so viel mehr Persönliches zu sagen hätten. So bleibt ein Nachruf immer Stückwerk, kann sich meist nur auf sicheres lexikalisches Gelände zurückziehen und nur hoffen, möglichst großes Interesse an der verstorbenen Person zu zeitigen, so dass der geneigte Leser über den Artikel hinaus weiter Nachforschungen über Leben und Werk des Verstorbenen entwickelt.

Ein Glücksfall für die Geschichte der Animation

Gene Deitch war Trickfilmer, Regisseur, Illustrator, Autor, Studioleiter und ein Glücksfall für die Geschichte der Animation, denn er lebte seine Berufung und inspirierte durch seine Arbeit, durch Reden, Bücher und Artikel viele heute tätige Animationskünstler. Er lebte ein selbstbestimmtes Leben in durchaus dramatischen Zeiten, gewann einen „Oscar“ für den besten Trickkurzfilm und eine „Annie“, den Preis der „Association internationale du film d’animation“ (ASIFA), fürs Lebenswerk und fand die Liebe seines Lebens ausgerechnet hinter dem Eisernen Vorhang. Er animierte „Tom & Jerry“ in Prag, erschuf Charaktere wie Tom Terrific und Nudnik, brachte als erster eine „Hobbit“-Verfilmung zustande und zeigte, dass kapitalistische und kommunistische Blöcke sich keineswegs unverständlich gegenüber stehen mussten.

Eugene Merril Deitch wurde am 8. August 1924 in Chicago geboren. Sein Interesse an Trickfilm und Illustration zeichnete sich rasch ab, und über diverse Stationen landete er schließlich mit 22 Jahren bei UPA (1946), den United Productions of America, einem Trickfilmstudio, das sich bewusst vom damals vorherrschenden Disney-Stil absetzen wollte. Walt Disney hatte in den 1930er Jahren die Animation neu definiert und derartig in Beschlag genommen, dass die Öffentlichkeit das Medium mit ihm gleichsetzte. Dem traten die Gründer von UPA ab 1943 entgegen.

Bild aus dem Film „Home Sweet Nudnik“ (im Youtube-Kanal „Nudnik“, betrieben von Rembrandt-Films)
Bild aus dem Film „Home Sweet Nudnik“ (im Youtube-Kanal „Nudnik“, betrieben von Rembrandt-Films)

Die Möglichkeit einer neuen visuellen Sprache

Von John Hubley, einem der Gründer, erhielt der junge Deitch als Begrüßungsgeschenk Gyorgy Kepes' Buch „Language of Vision“. Kepes war Bauhaus-Schüler, und seine Lehren wurden zur Grundlage des Schaffens von Deitch. „Alles, was man wissen musste über die Dynamik von graphischem Design, war darin zu finden!“ Animation bot für die Zeichner von UPA nach ihrer Überzeugung die Möglichkeit einer neuen visuellen Sprache. Dabei ist wichtig zu begreifen, worum es sich bei dem Medium Animation eigentlich handelt.

Deitch definierte Animation als das „Abfilmen von individuell erschaffenen Phasen einer imaginierten Aktion in der Art und Weise, dass die Illusion einer Bewegung entsteht, zeigt man sie in einer konstanten, vorher festgelegten Bildrate, um damit die menschliche Persistenz des Sehens zu überschreiten.“

Diese technische Definition war zwingend nötig, um zu begreifen, welche künstlerischen Möglichkeiten sich hier boten, jenseits der etablierten Erwartungshaltungen der damaligen Öffentlichkeit und Studios. UPA nutzte sie, um einen neuen Stil zu kreieren, abstrakt, reduziert, graphisch orientiert in Richtung Illustration und Cartoons. Dies stieß die Tür auf zu einer grenzenlosen Welt, in der alles möglich war, was man zeichnen konnte. Diesem künstlerischen Credo blieb Deitch seine gesamte Karriere über treu und fasste es prägnant in seine eigenen Worte: „Don’t conform! Do it your way!“

1955 übernahm er die Leitung der Terrytoon Studios in New York und modernisierte erfolgreich die altbackene Firma mit seiner Philosophie, wurde nach drei Jahren gefeuert, gründete seine eigene Firma und flog, immer mehr konfrontiert mit dem Missverhältnis zwischen Budget und Anspruch, in die Tschechoslowakei auf der Suche nach kostengünstigeren Produktionsverhältnissen. Der Trip war auf 10 Tage angelegt, er sollte sein ganzes Leben dauern. Denn er traf dort nicht nur talentierte und gleichgesinnte Trickfilmer, sondern unter ihnen auch seine spätere Frau Zdenka, für die er alle Zelte in den USA abrach. Und gleich das erste Projekt des neuen Studios in Prag, „Munro“, gewann den „Oscar“ 1961.

Bild aus „The Hobbit“ © Youtube/Rembrandt-Films
Bild aus „The Hobbit“ © Youtube/Rembrandt-Films

Ein positiver, optimistischer Advokat in Sachen Trickfilm

Und von Prag aus arbeite Deitch als einer der ganz wenigen Amerikaner hinter dem Eisernen Vorhang an Serien wie „Tom & Jerry“, „Popeye“, „Krazy Kat“, adaptierte aber auch Kinderbücher wie „Wo die wilden Kerle wohnen“ oder „Die drei Räuber“. Der Versuch, Tolkiens „Hobbit“ erstmalig zu adaptieren, brach in der Finanzierungsphase zusammen, der etwa 10-minütige „Proof of Concept“ kann bei Youtube eingesehen werden. Drei weitere „Oscar“-Nominierungen folgten, 2003 wurde Deitch mit dem „Windsor McKay Award“ von der ASIFA Hollywood ausgezeichnet für seinen Beitrag zur Kunst der Animation. Wo er auftrat, immer zusammen mit seiner Frau Zdenka, war er ein positiver und optimistischer Advokat in Sachen Trickfilm, der seine Zuhörer mitriss und denen er selbst immer aufgeschlossen zuhörte.

Der amerikanische Trickfilmhistoriker Jerry Beck drückte es gekonnt aus: Für jeden, der seine Filme kannte, wird Gene Deitch ewig weiterleben – jeder, der ihn persönlich kannte, wird ihn vermissen. Gene Deitch starb viel zu früh und für alle überraschend am 16. April in Prag, mitten im Leben mit 95 Jahren.


Buchhinweise:

Györgi Kepes: „Language of Vision“

Gene Deitch: „How to Succeed in Animation (don’t let a little thing like failure stop you!)“


Gene-Deitch-Filme bei Youtube:

Munro

Where the Wild Things are

The Hobbit

Dokumentarfilm: For the Love of Prague


Website:

https://genedeitchcredits.com/

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