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Wie von einem anderen Planeten

Montag, 27.04.2020

Der aus Südtirol stammende Komponist Giorgio Moroder beeinflusste mit seinen elektronischen Samples in den 1980er-Jahren nachhaltig die Filmmusik.

Diskussion

Mit der Kombination aus elektronischen Beats und ekstatischen Tönen verlieh der aus Südtirol stammende Komponist Giorgio Moroder nicht nur der Disco-Musik einen Hauch von Science-Fiction, sondern beeinflusste in den 1980er-Jahren auch die Filmmusik nachhaltig. Ein Streifzug durch das vielfältige Schaffen eines Minimalisten mit barockem Überschwang, der am 26. April 80 Jahre alt geworden ist.


Die Cellistin Madeline (Virginia Madsen) probt zu Hause Bachs Menuett in G-Dur. Plötzlich dringen aus dem Lüftungsschacht außergewöhnliche Klänge, die sie zu einem Duell herausfordern. Die von einem poppigen Beat angetriebenen Töne haben zwar die Kraft eines Orchesters, aber man erkennt kein Instrument. Von diesem Moment an ist Madeline wie vernarrt in ihren Nachbarn Miles (Lenny von Dohlen), weil sie ihn für ihren geheimen Duett-Partner hält. Tatsächlich musiziert hat sie aber mit seinem Supercomputer, der gerade dabei ist, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln.

Die Szene stammt aus der Komödie „Electric Dreams“ (1984) und die seltsame Computermusik von Giorgio Moroder. Der Musiker aus Südtirol, der am 26. April 2020 seinen 80. Geburtstag feierte, hat etliche Kapitel der Musikgeschichte mitgeschrieben. Seine Karriere, die er in den späten 1960er-Jahren als Schlagerproduzent und Beat-Musiker Giorgio begann, reicht bis in die Gegenwart. Noch vor ein paar Jahren hat er mit Kylie Minogue und Sia neue Songs aufgenommen.

Viele Hits entstanden für Filme

Auffällig an Moroders aus allen Nähten platzendem Werk ist, dass viele seiner größten Hits für Filme entstanden sind: Blondies „Call Me“ zählt ebenso dazu wie David Bowies „Putting Out Fire“, Berlins „Take My Breath Away“ genauso wie Irene Caras „What a Feeling“ oder Limahls „The NeverEnding Story“.

Eine Mensch-Computer-Romanze mit Giorgio Moroders Musik: "Electric Dreams" © Tobis
Eine Mensch-Computer-Romanze mit Giorgio Moroders Musik: "Electric Dreams" © Tobis

Allerdings beschränken sich Moroders Arbeiten fürs Kino bei weitem nicht auf klassische Lieder. Ohnehin war es einst der größte Verdienst des Produzenten, sich von allzu strengen Songstrukturen zu lösen. Ab Mitte der 1970er-Jahre verlieh Moroder der Disco-Musik einen Hauch von Science-Fiction und wurde damit zu einem Pionier elektronischer Tanzmusik. Besonders ein Track aus dem Jahr 1977 begründet diesen Ruhm: Jeder Titel auf Donna Summers Album „I Remember Yesterday“ sollte ein anderes musikalisches Jahrzehnt verkörpern. „I Feel Love“ stand dabei mit seiner endlos pulsierenden Moog-Basslinie und Summers unwirklich hohem Gesang für die Zukunft.

Es ist diese Spannung zwischen Technologie und Emotion, die Moroders Musik häufig auszeichnet. Und so wie sich in „Electric Dreams“ der Supercomputer am Ende selbst in Madeline verliebt, bekommt man auch bei der niemals kalt oder mechanisch klingenden Musik den Eindruck, als würden die Maschinen Gefühle entwickeln.

Minimalistisch mit barockem Überschwang

Warum sich gerade Moroders Produktionen so gut für Filme eignen, scheint naheliegend: Gerade durch ihre häufig sehr simple Struktur verstärken sie eher die Kraft der Bilder als von ihr abzulenken. Bereits mit seinem ersten Soundtrack für „Die Klosterschülerinnen“ (1972) von Eberhard Schröder bewies Moroder, wie sich mit einem sehr schlichten Gerüst maximale Wirkung erreichen lässt. Der Episodenfilm kreist um den Konflikt zwischen der Lebensrealität junger Mädchen und den weltfremden Dogmen der Kirche. Das psychedelische Stück „Tears“ wird dabei zum dramatischen Leitmotiv. Die synthetische Orgelmelodie brennt sich sogleich in den Gehörgang ein, wird durch Zugabe einer Frauenstimme immer ekstatischer und schließlich von schweren Gitarren-Riffs akzentuiert. Die Form ist extrem minimalistisch, aber der Ausdruck voller barockem Überschwang.

"Oscar"-gekrönt: Der Soundtrack zu "12 Uhr nachts" © Sony
"Oscar"-gekrönt: Der Soundtrack zu "12 Uhr nachts" © Sony

Ähnlich reduziert, wenn auch weniger exzessiv ist die elektronische Instrumentalmusik, die Moroder für Filme wie „12 Uhr nachts – Midnight Express“ (1978) und „Katzenmenschen“ (1982) komponierte. Oft sind es warme Melodien, die sich nur ein paar Schritte die Tonleiter rauf und runter bewegen, während sie von düster atmosphärischen Klangflächen umhüllt werden. Häufig ist auch ein Pochen zu hören, das an einen Herzschlag erinnert. Aber auch wenn die Musik eng mit der Gefühlswelt der Protagonisten verknüpft ist, umgibt die synthetischen Klänge wegen ihrer abstrakten Herkunft etwas Geheimnisvolles. Es ist wie Musik von einem anderen Planeten.

Es ist deshalb auch kein Wunder, dass für die US-Version der Michael-Ende-Adaption „Die unendliche Geschichte“ (1984) Klaus Doldingers ursprünglicher Soundtrack teilweise durch Synthesizer-Kompositionen von Moroder ersetzt wurde. Für das ebenso unheimliche wie zauberhafte Traumland Phantásien ist seine entrückte – und diesmal etwa pompösere – Musik wie geschaffen.

Im Reich der Fantasien und (Alb-)Träume

Und es ist ebenso wohl kein Zufall, dass Moroders Hochphase als Filmkomponist gerade in den 1980er-Jahren lag. Fast logisch erscheint es, dass es ihn mit Tony Scott, Adrian Lyne, Paul Schrader oder Brian De Palma in die Arme von Regisseuren mit einem besonders ausgeprägten ästhetischen Stilwillen trieb. Die cleanen Sounds und mitreißenden Beats liefern die perfekte Untermalung für eine Welt voller glänzender Oberflächen, athletischer Körper und stylischer Outfits.

Sucht man nach ikonischen Bildern für diesen Sound, fallt einem Richard Gere ein, wie er in „Ein Mann für gewisse Stunden“ (1980) mit dem Cabrio durch L.A. kurvt. Oder Tom Cruise, wie er in „Top Gun“ (1986) mit gestähltem, braungebranntem Oberkörper Volleyball am Strand spielt. Oder auch Michelle Pfeiffer, die in „Scarface“ (1983) kühl und unnahbar in einem VIP-Club tanzt. Sie alle stammen aus einer Welt, die nicht sklavisch die Realität kopiert, sondern eher von Fantasien und Träumen geformt ist. Nicht selten auch von Albträumen.

Die Musik zum Aufstieg und Fall eines Gangsters: "Scarface" © Universal
Die Musik zum Aufstieg und Fall eines Gangsters: "Scarface" © Universal

Dabei ist Moroders Musik nicht nur mit der Seelenwelt und dem Lifestyle der Figuren verbunden, sondern auch entschieden körperlich. Das pumpende „The Chase“, mit dem in „12 Uhr nachts“ eine Verfolgungsjagd unterlegt ist, bringt auch heute noch regelmäßig Clubs zum Kochen. In Mario Orfinis Thriller „Mamba“ (1988) rächt sich ein kaltblütiger Computerspiel-Designer an seiner Ex-Freundin, indem er eine tödliche Giftschlange in ihrer Wohnung aussetzt. Mit unterschwelligem Brodeln, plötzlichen Schlagzeug-Ausbrüchen und künstlichen Tierlauten braut sich auf der Tonspur eine schweißtreibende Pop-Symphonie zusammen, die dem kammerspielartigen Film eine ungeheure Dynamik verleihen.

„Metropolis“ als Musikvideo

1984 wurde Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ (1927) für eine Neufassung im Schnitt aufgepeppt. Für die Musik einer urbanen Dystopie war Moroder genau der Richtige. Mit selbst produzierten Songs, die etwa von Freddie Mercury oder Bonnie Tyler interpretiert wurden, entstand ein komplett neuer Soundtrack. Während das Projekt für Stummfilm-Puristen erwartungsgemäß das pure Grauen war, erschien es für einen Produzenten, bei dem Vereinfachung und Überhöhung alles sind, völlig konsequent. Was altbacken und schwerfällig war, muss Musikvideo werden.

Moroders Schnittfassung von "Metropolis" als überlanger Video-Clip © Metropol
Moroders Schnittfassung von "Metropolis" als überlanger Video-Clip © Metropol

Bereits ab dem Tanzfilm „Flashdance“ (1983) steuerte Moroder immer wieder Soundtrack-Alben bei, die überwiegend aus Songs bestanden. Heraus kam eine aufgekratzte, zunehmend von Rock-Einflüssen geprägte Selbstermächtigungsmusik, in der sich der Ehrgeiz der Figuren spiegelte. In Menahem Golans schwer unterschätztem Underdog-Melodram „Over the Top“ (1987) wirken die Power-Balladen, die Moroder gemeinsam mit seinem langjährigen Songtexter Tom Whitlock schuf, wie eine Ode an die unbegrenzten Möglichkeiten der USA. Für den schicksalsgebeutelten Trucker Hawk (Sylvester Stallone) bedeutet das vor allem, einen eigenen Weg jenseits von bürgerlichen Idealen zu finden.

Flashdance“ zeichnet eine kühlere und noch deutlich radikalere Version des amerikanischen Traums. Hier muss man etwas nur richtig wollen, um es zu erreichen. In dem „Oscar“-prämierten Titelsong von Irene Cara pumpt und pfeift es so wie in dem Stahlwerk, in dem Alex (Jennifer Beals) arbeitet. Wenn die junge Schweißerin nachts in einer Kaschemme tanzt, gerät das zu einer Hochleistungsperformance, bei der sie selbst irgendwie zur Maschine wird.

Auch die furchtlosen Navy-Piloten in „Top Gun“ wachsen über sich selbst hinaus. Der Kenny-Loggins-Song „Danger Zone“ feiert dazu mit abgehackten Gitarren-Riffs, martialischen Drums und einer gehörigen Portion Pathos das Draufgängertum seiner Protagonisten. Aber selbst solche menschlichen Optimierungsfantasien erdet Moroder verlässlich mit einem schönen Liebesthema. Es braucht nicht mehr als die träumerisch-brummende Hookline aus „Take My Breath Away“, um einem Angeber wie Maverick (Tom Cruise) den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Hochleistungsperformance in "Flashdance" © Universal
Hochleistungsperformance in "Flashdance" © Universal

Together in Electric Dreams

Nicht immer enden solche kämpferischen Hollywood-Geschichten im Triumph. In Brian De Palmas „Scarface“ arbeitet sich der kubanische Flüchtling Tony Montana (Al Pacino) vom Tellerwäscher zum Gangsterboss hoch. Doch was mit halbwegs gesundem Ehrgeiz beginnt, artet bald in Gier und Paranoia aus. Moroders Songs wie „Push It to the Limit“ haben zwar den gewohnten Antrieb, aber man ahnt schon die Erschöpfung, die auf den Rausch folgen wird. Wenn Tony am Schluss wahnsinnig und zugekokst in seinem Palast zusammenbricht, wird er von sakralen Synthesizer-Akkorden geradezu überrollt. Es wirkt wie ein Requiem auf die falschen Versprechungen des amerikanischen Traums.

Solche finsteren Visionen bleiben in Moroders Gesamtwerk aber eher Ausnahmen. Die meiste Zeit geht es der Musik dann doch darum, Körper in Schwingung zu versetzen und Hörer zum Träumen zu bringen. Der mit Human-League-Sänger Philip Oakey aufgenommene Titelsong aus „Electric Dreams“ bringt dieses utopische Potenzial auf den Punkt. Um eine unmögliche Liebe möglich zu machen, muss man nur die Augen schließen und mit den Maschinen träumen: „Together in Electric Dreams“.

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