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Zum Tode von Otto Mellies

Dienstag, 28.04.2020

Ein Nachruf auf den aus Pommern stammenden Schauspieler Otto Mellies (19.1.1931-26.4.2020)

Diskussion

Otto Mellies war ein hochgewachsener Mann von aufrechtem Gang, als dessen Markenzeichen seine sonore Stimme galt. „Du darfst dich nicht draufsetzen“, warnte ihn Intendant Wolfgang Langhoff, der ihn 1956 an das Berliner Deutsche Theater engagierte. Mellies nahm diese Mahnung ernst: Mit seiner Stimme zelebrierte er die „Fülle des Wohllauts“ (Thomas Mann); der tiefe, warme Klang erfüllte den Theaterraum – und nahm auch im Film seinen gebührenden Platz ein. Langhoff, sein Prinzipal, setzte ihn auf der Bühne vor allem als jugendlichen Helden in klassischen Dramen ein. Mellies spielte den Ferdinand, den Tellheim oder den Tempelherrn in „Nathan der Weise“.

Die DEFA konnte gar nicht anders, als sich daran zu orientieren: Regisseur Martin Hellberg, der selbst vom Theater kam, verpflichtete ihn 1959 ebenfalls als Ferdinand in der Kinoversion von Kabale und Liebe und 1962 als preußischen Major von Tellheim in Minna von Barnhelm. Und Gottfried Kolditz nutzte Mellies’ Charme, um ihn als galanten Abenteurer in Jacques Offenbachs Operette Die schöne Lurette (1960) zu präsentieren. Mellies spielte diese klassischen Charaktere leidenschaftlich und differenziert und trug dazu bei, sie einem zeitgenössischen Publikum zu erschließen.

Und doch hatte ihn die DEFA-Leitung nicht unbedingt auf dem Schirm, als es darum ging, junge Schauspielerinnen und Schauspieler im Kino zu etablieren. Mit Armin Mueller-Stahl, Manfred Krug, Hilmar Thate und Ulrich Thein war die männliche Seite des darstellerischen Nachwuchses bereits gut repräsentiert; für Mellies, der sich sowieso mehr dem Theater verpflichtet fühlte, fielen da nur Gelegenheitsarbeiten ab. So wie der Arzt von Bothenow (1960), in dem er einen noch wenig erfahrenen, aus der Arbeiterklasse stammenden Mediziner spielte, der nach einer Pflichtverletzung zur Strafe von der Stadt aufs Land versetzt wird und hier wieder Boden unter den Füßen findet. Das war einer jener DEFA-Filme der frühen 1960er-Jahre, in denen bürgerliche Intelligenzler der DDR als unsichere Kantonisten porträtiert wurden: ein bisschen zu schematisch fürs große Publikum.

Otto Mellies in "Raus aus der Haut" (1997)
Otto Mellies in "Raus aus der Haut" (1997)

Ein Ereignis: „Dr. Schlüter“

Dagegen wurde sein Dr. Schlüter (1965/66) in einem mehrteiligen Fernsehfilm von Achim Hübner zum Ereignis. Das war die Figur eines von seiner Arbeit besessenen Chemikers, der sich im Dritten Reich ganz in den Dienst der Großindustrie stellt, bis er die Aufgabe erhält, als Leiter eines chemischen Werks in einem Konzentrationslager zu arbeiten. Schlüter weicht in die Wehrmacht aus, gerät in sowjetische Gefangenschaft und entscheidet sich dort für die „richtige“ Seite. Lange war nach einem Schauspieler für diese Rolle gesucht worden, sogar der in der Bundesrepublik lebende Wolfgang Kieling wurde angefragt, bis sich der Regisseur für Mellies entschied.

Gebraucht wurde ein Mann von bürgerlichem Habitus, dem man die Wandlung auch abnahm. Tatsächlich stülpte Mellies, ohne zu chargieren, die innere Zerrissenheit des Helden nach außen und machte den schweren Weg der Erkenntnis deutlich: die Zweifel, den Hader, die Furcht. Kulturpolitisch gelang es dem DDR-Fernsehen, sich mit „Dr. Schlüter“ aus dem Kahlschlag des 11. Plenums der SED 1965 herauszuwinden, als Film und Medien gerade ins Visier der ideologischen Hardliner geraten waren. Während Otto Mellies groß gefeiert wurde, landete der gegenwartskritische DEFA-Film Der Frühling braucht Zeit (1965), in dem sein zwei Jahre älterer Bruder Eberhard Mellies die Hauptrolle spielte, auf den Index.

Ein Nathan ohne väterliche Zuversicht

Geboren 1931 im ostpommerschen Schlawe als Sohn eines Flughafen-Inspektors, verschlug es Otto Mellies 1947 nach Schwerin. An der Schauspielschule des dortigen Theaters wurde er von Lucie Höflich unterrichtet und spielte danach an Theatern in Neustrelitz, Stralsund, Rostock und Erfurt. Am Deutschen Theater in Berlin war er bis 1967 fest angestellt, dann wechselte er zum Schauspielerensemble des DDR-Fernsehens. Als Gast kehrte er freilich immer wieder zum Deutschen Theater zurück, bis hin zu seinem legendären „Nathan der Weise“ in der 1987 erstmals gezeigten Inszenierung von Friedo Solter.

In der letzten Fernsehrolle in "Tatort - Das Leben nach dem Tod" (2019)
In der letzten Fernsehrolle in "Tatort - Das Leben nach dem Tod" (2019)

Mellies hatte, zumindest bei älteren Zuschauern, gegen die starken Erinnerungen anzuspielen, die mit der Nathan-Gestaltung von Paul Wegener, Eduard von Winterstein und Wolfgang Heinz an diesem Haus verbunden waren. Es gelang ihm mit Bravour, nicht zuletzt weil er weitgehend auf die väterliche Zuversicht verzichtete, die bisher stets mit dem Nathan verbunden war, sondern auch resignative Züge in seine Gestalt einfließen ließ, das Wissen um die „beschwerlichen, dornenreichen, vielleicht vergeblichen Wege“ transparent machte, „die zu einem vernünftigen menschlichen Zusammenleben gegangen werden müssen“ (Christoph Funke).

Die DEFA hielt zur selben Zeit eine veritable Komödienrolle für ihn bereit: den Fahrlehrer Benno Hempel in Bernhard Stephans Fahrschule(1986). Mellies stattete diese Figur mit einer ganzen Palette von Eigenschaften aus: von selbstgefälligem Stolz bis zu verbissenem Zorn, von Schleimerei bis kühler Arroganz. Eine weitere starke DEFA-Rolle ging dann in den Wirren der DDR-Endzeit unter: der Generaldirektor in Ein brauchbarer Mann (1989), ein pragmatischer Zyniker, der seine Angestellten kaputtzumachen bereit ist, wenn es ihm selbst nutzt. Im Grunde ein Perestroika-Film, den jetzt aber niemand mehr brauchte.

Nach der Wende: Theater, Filmpreis und Synchronarbeit

Nach 1990 blieb Mellies dem Deutschen Theater treu, trat aber auch in Fernsehfilmen der Reihen „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ auf, und mehrfach in der Arztserie „In aller Freundschaft“. In Gero von Boehms Karol Wojtyla – Geheimnisse eines Papstes (2006) spielte er Juri Andropow, in Roland Suso Richters Die Spiegel-Affäre (2014) Konrad Adenauer. Andreas Dresen besetzte ihn in seinem Jugenddrama Raus aus der Haut (1997) als Schuldirektor und übertrug ihm in Halt auf freier Strecke (2011) die Rolle des Vaters eines an Hirntumor erkrankten Mannes – dafür erhielt Mellies den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller.

Er las Hörbücher ein und synchronisierte, unter anderem Christopher Lee in „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“, Paul Newman in „Road to Perdition“, Frank Langella in „Frost/Nixon“ und Albert Finney in „Das Bourne Ultimatum“. Beim Mitteldeutschen Rundfunk moderierte er fünf Jahre lang, bis 2019, die Sendung „Abschied ist ein leises Wort“, in der er an verstorbene Kolleginnen und Kollegen erinnerte. Zugleich eine tiefe Verbeugung vor vielen, mit denen er selbst ein Leben lang auf der Bühne und vor der Kamera gestanden hatte.

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