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Die perfekte Oberfläche: Mark Romanek

Samstag, 02.05.2020

Ein Porträt des Filmkünstlers, der mit Musikvideos und Werbeclips in den 1990er-Jahren bekannt wurde, sich seit der Jahrtausendwende aber vermehrt fiktionalen Stoffen zuwendet

Diskussion

Mit Musikvideos und Werbeclips hat sich Mark Romanek in den 1990er-Jahren während der Hochphase von Sendern wie MTV einen Namen gemacht und die Karrieren berühmter Musiker befördert. Nach der Jahrtausendwende aber wandte er sich der Inszenierung von Spielfilmen zu. Seine jüngste Regiearbeit ist der Pilotfilm zur ersten Staffel der Serie „Tales from the Loop“.


Nach dem Erfolg des Musikvideos zu Are you gonna go my way sei seine Karriere regelrecht durch die Decke gegangen, sagt Lenny Kravitz. Konzipiert und inszeniert wurde der Clip von Mark Romanek – eine wilde Tanzperformance, in der Kravitz, oft eindrucksvoll aus der Untersicht gefilmt, seine Dreadlocks ununterbrochen durch die Luft fliegen lässt und in der ihm eine riesige Lichtanlage beinahe die Show stiehlt. 1000 Lichter drehen sich an der Decke der Halle im Kreis, tanzen, leuchten auf und verdunkeln sich im treibenden Rhythmus der Musik.

Tausend Lichter: "Are You Gonna Go My Way" mit Lenny Kravitz
Tausend Lichter: "Are You Gonna Go My Way" mit Lenny Kravitz

Der Clip aus dem Jahr 1993 ist simpel gehalten, aber ungemein effektiv. Romanek ist ein Handwerker mit Hang zum Perfektionismus und dem Auge eines Fotografen, der genau weiß, welche Wirkung er durch Licht, Farbe und Bildausschnitt erzielen kann. Dennoch ist Romanek, der immer wieder beweist, wie gut er sich im Feld der visuellen Künste auskennt, recht zurückhaltend und beschreibt seinen Job eher nüchtern: Er werde angeheuert, um ästhetische Antworten auf Probleme zu finden. Regie als Auftragsleistung zwischen Popkultur und Kunst.


Schöne flüchtige Bilder

Auf den ersten Blick wirken viele Arbeiten des 1959 geborenen Romanek, der sich ab 1987 einen Namen als Videoclip-Regisseur machte und die Bildkultur der damaligen Zeit durch Sender wie MTV maßgeblich geprägt hat, tatsächlich so, als ob man sie nebenbei „weggucken“ könnte. Die Bilder fließen, die Stars werden ausnahmslos prominent ins Licht gerückt, von David Bowie über Madonna und Michael Jackson bis zu Jay-Z. Stets erhält jeder Künstler eine extrem publicitytaugliche Nahaufnahme.

Auf Dauer wirken Romaneks Clips daher auch etwas ermüdend. Trotz unterschiedlichster Musikrichtungen bleibt der Stil der Videos eher gleichförmig. Es fehlen die verspielten visuellen Konzepte, die etwa die zur gleichen Zeit entstandene Arbeiten von Michel Gondry auszeichnen; sie haben auch nicht die oft raue Unmittelbarkeit der Videos von Spike Jonze.

Wirklich provokativ waren Romaneks Clips eigentlich nur, wenn er die düsteren Industrial-Songs von Nine Inch Nails bebildert hat: ein gekreuzigter Affe, ein abgetrennter Schweinekopf, eine nackte Frau, der sich in der Luft drehende Trent Reznor. Mit „Closer“ (1994), der auf MTV nur in einer geschnittenen Version ausgestrahlt wurde, kam Romanek den verstörenden Clips von Chris Cunningham ästhetisch sehr nahe.

Im Unterschied zu Cunningham sind die Videos von Romanek in aller Regel leicht konsumierbar, immer auf die Performance konzentriert und meist ohne bedeutende Narration. Was sie auszeichnet, ist der elegante Fluss der Bilder und Sounds und die unaufdringliche Einbindung von Einflüssen aus der bildenden Kunst. Auffällig sind die exakte Cadrage, das Gespür für die Inszenierung von Räumen, die Darstellung von Raumtiefe, das Spiel mit Farbe und Farbkontrasten. Unabhängig von der Bewertung des Gezeigten sind es die schönen Bilder, durch die die Clips Aufmerksamkeit auf sich ziehen.


Leidenschaft für Momentaufnahmen

Romanek ist nicht nur Regisseur, sondern auch ein Fotograf mit einem besonderen Faible für Schwarz-weiß-Porträts. Diese Leidenschaft greift er in seinen Regiearbeiten thematisch wie formal immer wieder auf. Das im Schnappschuss-Look gedrehte Musikvideo zu Fiona Apples Criminal (1997) betont die vermeintliche Zufälligkeit der Aufnahmen, Rote-Augen-Effekte und Blitzlichtbeleuchtung inklusive (wobei unklar ist, inwieweit sich die damals noch sehr junge Singer-Songwriterin darüber klar war, wie voyeuristisch sie hier inszeniert wurde). Der Clip zu Got ’til it’s gone (1997) von Janet Jackson inszeniert eine ausgelassene Party aus der Zeit der Apartheid nach und orientiert sich dabei vor allem an Fotografien des südafrikanischen „Drum Magazine“ der 1960er-Jahre – ein Versuch, den stark klischeebehafteten und sexistischen HipHop-Musikvideos der 1990er-Jahre andere Bilder der „black culture“ entgegenzustellen und eine alternative Form des Selbstbewusstseins und der Coolness zu gestalten.

Videoclip "Got 'Til It's Gone" (1997) mit Janet Jackson
Videoclip "Got 'til it's gone" (1997) mit Janet Jackson

US-amerikanische Vertreter der Street Photography standen Pate für das in Schwarz-weiß gehaltene, in Brooklyn gedrehte Video zu 99 Problems (2004) von Jay-Z. Can’t Stop (2003) ist von den Fotos des österreichischen Künstlers Erwin Wurm inspiriert und lässt die Musiker von „Red Hot Chili Pepper“ dessen berühmte „One Minute Sculptures“ nachstellen, „Closer“ (1994) imitiert durch das absichtlich zerkratzte und verätzte Filmmaterial und die surrealistischen Motive die Arbeiten des US-amerikanischen Fotografen Joel-Peter Witkin.

Einen Wendepunkt führte das Johnny-Cash-Musikvideo zu Hurt (2003) herbei. Romanek filmte den sichtlich gealterten Sänger in seinem Haus, mit Bildern, die an ein Stillleben erinnern. Eher aus Verlegenheit und dem Gesundheitszustand von Cash geschuldet, arbeitet Romanek hier mit einer Mischung aus Performance und Archivmaterial aus Cash-Filmen. Doch gerade daraus bezieht der Clip, auch in Verbindung mit der sehr eigenen Interpretation des von Trent Reznor geschriebenen Songs, seine emotionale Wucht. Er erzählt über ein vergangenes Leben, das unwiderruflich vorbei ist, kontrastiert Jungsein und Alter und ist ganz nah bei seinem Protagonisten. Ein Requiem – und ein doppelter Abschied. Im Laufe der folgenden Jahre drehte Romanek nur noch wenige Musikvideos und wandte sich mehr Spielfilmen zu.


Kühle Dramen und ruhige Science-Fiction-Filme

Vehement postuliert Romanek One Hour Photo (2002) als sein Spielfilmdebüt. Seinen Film „Static“ aus dem Jahr 1985, in dem ein Mann behauptet, Bilder des Himmels zeigen zu können, verschweigt er – weil ihm damals noch die Reife für diese Aufgabe gefehlt habe. So bleibt „Static“ unerhältlich, und die offizielle Spielfilm-Karriere von Romanek beginnt mit dem Psychogramm eines innerlich zutiefst verletzten Mitarbeiters eines Fotogeschäfts in einem Supermarkt, der sich obsessiv mit der Geschichte einer bestimmten Familie beschäftigt, die er für perfekt hält – bis er auf Hinweise stößt, dass der Mann seine Frau betrügt. Ein Fehltritt, den er nicht hinnehmen will; schon deshalb, weil damit seine idyllische Traumwelt ins Wanken geraten ist.

Eine strenge Bildgestaltung prägt das Thriller-Drama, in dem sich vieles aus Romaneks Musikvideos wiedererkennen lässt. Die bunte, auf seltsame Weise farblich geordnete Kaufhauswelt wirkt so künstlich wie die Familie, in die sich der von Robin Williams gespielte Fotospezialist hineinträumt. Wieder sind es Fotos, um die sich alles dreht, und die zur Obsession wie zur Offenbarung werden.

Neuer Look: "Alles, was wir gegen mussten"
Neuer Look: "Alles, was wir gegen mussten"

Mit der Adaption von Alles, was wir geben mussten nach dem Roman von Kazuo Ishiguro und dem Drehbuch von Alex Garland schlug Romanek 2010 einen neuen Weg ein. Die glatte und aseptische Oberfläche aus „One Hour Photo“ weicht darin warmen und realistischen, aber nicht weniger bedrückenden, statischen Bildern. Der Film spielt in der alternativen Wirklichkeit der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre, in dem drei geklonte Menschen, zwei Frauen und ein Mann, auf ihr Schicksal warten: ihr einziger Zweck besteht in der Organspende. Typische Science-Fiction-Bilder sucht man in „Alles, was wir geben mussten“ allerdings vergeblich. Stattdessen rückt ein Thema in den Vordergrund, das Romanek schon häufiger beschäftigt hat. Man kann das Drama als Fortsetzung des Johnny-Cash-Musikvideos „Hurt“ verstehen oder als Vorläufer zu Tales from the Loop (2020): Alle drei Arbeiten erzählen wehmütig über das Verstreichen von Zeit und über Vergänglichkeit bis hin zum Tod, und darüber, wie Menschen mit ihrer Lebenszeit umgehen.


Blaupause für eine visionäre Serie

Schon einmal hat Romanek den Pilotfilm für eine Serie inszeniert – eine prestigeträchtige Aufgabe, da von dessen Erfolg nicht nur die Zukunft einer Serie abhängt, sondern der Pilot im besten Fall zur Blaupause und zum Styleguide für alle folgenden Episoden wird. Mit der Comic-Adaption „Locke & Key“ war ihm allerdings kein Glück beschieden. Nach der Premiere auf der Comic Con 2011 verschwand der Pilotfilm in der Versenkung, bis er Anfang dieses Jahres inoffiziell wiederaufgetaucht ist. (Mit der aktuellen Locke & Key“-Produktion hat er nichts zu tun.)

Jetzt hat Romanek die Inszenierung der ersten Episode von „Tales from the Loop“ übernommen. Dass ihn das Konzept der Serie angesprochen hat, ist nicht schwer zu verstehen, basiert diese doch auf den visionären digitalen Gemälden des schwedischen Künstlers Simon Stålenhag. Auch sie entführen in eine Vergangenheit, die es nie gab, obwohl sie dennoch irgendwie vertraut wirkt. Verträumte schwedische Landschaften reichert Stålenhag mit abenteuerlustigen Kindern und klobigen Robotern an und erfindet um sie herum die Geschichte einer unterirdischen Forschungsstation, durch die das Raum-Zeit-Gefüge gestört wird.

Die starke Bildvorlage diente als Inspiration für die acht locker verbundenen Episoden der Serie, die einen ins ländliche Ohio verlegten Mikrokosmos entwirft, in dem der Science-Fiction-Anteil zugunsten der menschlichen Konflikte genauso heruntergespielt wird wie in „Alles, was wir geben mussten“.

Intensive Blicke, distanzierte Totalen: "Tales from the Loop"
Intensive Blicke, distanzierte Totalen: "Tales from the Loop"

Auch in „Tales from the Loop“ kann man Romaneks Ansatz aus den Clips erkennen: Die Bilder, die er gemeinsam mit dem Kameramann Jeff Cronenweth findet, sind ungemein schöne, intensive Aufnahmen von Blicken oder distanzierte Totalen, mit stetigen Bild-im-Bild-Cadragen, einer sorgsam gedämpften Farbpalette und bemerkenswerten Motiven, die sich wie manche der ikonischen Einstellungen aus den Musikvideos tief ins Gedächtnis brennen. Wenn zwei Kinder ein altes, verfallenes Haus entdecken, in dem Schnee sanft nach oben zu schweben scheint, dann fängt diese kurze traumhafte Sequenz die Stimmung der ganzen Serie ein – was gut zu den melancholischen Bildern von Stålenhag passt, die durch eingefrorene Momente ebenfalls Räume öffnen.

Zugleich aber wird im Zusammenspiel mit den anderen Episoden, die beispielsweise von Jodie Foster und Andrew Stanton inszeniert wurden, auch sichtbar, was Romanek nicht so gut kann. Als Regisseur des Pilotfilms sowie als Produzent hat er der Serie mit dem kühlen Look, dem vorwiegend an europäischen Filmemachern geprägten ruhigen Inszenierungsstil und einprägsamen Einstellungen seinen Stempel aufgedrückt; Herz, Seele und Wärme sind jedoch eher in den Arbeiten der anderen Regisseure zu finden.

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