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Filmklassiker: Dr. Jekyll & Mr. Hyde

Dienstag, 05.05.2020

Die 1920 von John S. Robertson in Szene gesetzte Adaption des Romans von Robert Louis Stevenson zählt zu den berühmtesten Verfilmungen, insbesondere durch die schauspielerische Ausdruckskraft von Hauptdarsteller John Barrymore.

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Der berühmte Roman von Robert Louis Stevenson über den angesehenen Arzt Dr. Jekyll und sein bösartiges Alter Ego Mr. Hyde wurde etliche Male verfilmt. John S. Robertsons Adaption von 1920 zählt zu den berühmtesten, insbesondere durch die schauspielerische Ausdruckskraft von Hauptdarsteller John Barrymore. Der in Deutschland aktuell als DVD erschienene Stummfilm führte neue Elemente in die Geschichte ein, die auch spätere Verfilmungen wieder aufgriffen.


Die Begegnung mit dem eigenen Ich, das bestürzende Zusammentreffen mit einem Doppelgänger zählt zu den stärksten Horrormotiven überhaupt. Das hat 2019 noch einmal Jordan Peeles US-amerikanischer Schocker Wir demonstriert, in dem eine amerikanische Durchschnittsfamilie von lebenden Spiegelbildern ihrer selbst terrorisiert wird.

Mit „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ hat Robert Louis Stevenson Ende des 19. Jahrhunderts einen Klassiker der Gruselliteratur geschrieben. In diesem Roman findet keine Begegnung des Helden mit seinem Doppelgänger statt, sondern der edle, aber ehrgeizige Arzt und Wissenschaftler Dr. Jekyll verwandelt sich selbst in den bösartigen Mr. Hyde. Zunächst ist es ein von Jekyll gemixtes Elixier, das dieser im Selbstversuch zu sich nimmt und dadurch zu seinem Alter Ego Mr. Hyde mutiert. Doch bald kann Jekyll die Verwandlung nicht mehr kontrollieren, sie findet auch ohne Droge statt. Am Ende hat Hyde gänzlich von Jekyll Besitz ergriffen, nur durch Hydes gewaltsamen Tod kann auch der Arzt erlöst werden.


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Anders als fast alle Verfilmungen des Romans – Wikipedia listet über 30 Kurz- und Spielfilme sowie TV-Adaptionen – enthüllt Stevenson die Tatsache, dass Jekyll und Hyde ein- und dieselbe Person sind, erst am Schluss seines Romans. Das Buch wurde aber schnell so berühmt, dass die Personalunion von Held und Schurke in den Filmen kaum als finale Überraschung getaugt hätte. So zeigen die Stevenson-Adaptionen inklusive des verschollenen Murnau-Films „Der Januskopf“ (1920) – in dem Conrad Veidt kein Gebräu trinkt, sondern durch eine rätselhafte Janusbüste verwandelt wird – von Anfang an die Identitätsstörung und den moralischen Verfall der Hauptfigur.


Jekyll & Hyde fast ohne Make-up

Aus dem Jahr 1920 stammt auch die erste abendfüllende Adaption made in USA, Paramounts Stummfilm „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, für dessen Rang vor allem der Schauspieler John Barrymore sorgte. Barrymore spielte während der Dreharbeiten Shakespeares „Richard III.“ am Broadway und musste nach Drehschluss (auf Long Island) regelmäßig zum Broadway aufbrechen. Die Doppelbelastung soll zu einem Nervenzusammenbruch geführt haben, wovon im Film nichts zu spüren ist: Mit Leib und Seele wirft sich Barrymore in die Doppelrolle, keinem Darsteller davor und danach ist eine derart beklemmende Jekyll-und-Hyde-Performance gelungen, wobei Barrymore weitgehend ohne Make-Up und Kameratricks auskam, wenn sich der blendend aussehende Doktor in den verkrüppelten, schiefgesichtigen Triebtäter verwandelte.

Der Moment der Verwandlung
Der Moment der Verwandlung

Ungefähr um dieselbe Zeit erlebte auch Lon Chaney, der „Mann mit den 1000 Gesichtern“ seinen Durchbruch als Star des Horrorfilms, und mutmaßlich hat Chaneys Ruhm es verhindert, dass Barrymore weitere Rollen in diesem Fach spielte – dank seiner charismatischen Stimme zählte er jedoch in der Tonfilmzeit zu Hollywoods großen Charakterdarstellern.

Bei weiten nicht so verunglückt wie Metro Goldwyn Mayers „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, der ebenfalls 1920 ins Kino kam, war die Paramount-Produktion doch nicht die gelungenste aller „Jekyll and Hyde“-Verfilmungen. Die von Rouben Mamoulian 1931 inszenierte Version mit Fredric March in der Titelrolle gilt zu Recht als stärkste Hollywoodversion. Die Regie des Barrymore-Films durch John S. Robertson wirkt uneben, kann mit Mamoulians späterer Atmosphäre und filmischer Eleganz in der Retrospektive nicht mithalten. Das Drehbuch von Clara S. Beranger, die sich glücklicherweise nicht sklavisch an Stevensons Roman hielt, ist allerdings interessant. Beranger schärft die Gesellschaftskritik der Vorlage, indem sie die psychosexuelle Motivation der Hauptfigur herausarbeitet. Stevenson überlässt es der Fantasie des Lesers, welchen Gelüsten sich Jekyll als Hyde im Londoner Nachtleben hingibt. Beranger etabliert zwei Frauenfiguren, Jekylls engelhafte Verlobte einerseits und eine aus niederen Kreisen stammende Frau andererseits, der Hyde nachsteigt.


Unterschicht-Frauen als Lockvögel wider Willen

1920 ist es die Tänzerin Gina (Nita Naldi), 1931 die Prostituierte Ivy (Miriam Hopkins), die Jekyll auf die sündige Seite zieht. 1941 sorgte Ingrid Bergman als Ivy für einen Glanzpunkt in einer mit Spencer Tracy als Jekyll/Hyde nicht adäquat besetzten Verfilmung von Victor Fleming (Arzt und Dämon). Die Unterschicht-Frau als Lockvogel wider Willen – Gina oder Ivy sind letztlich nur Opfer des schurkischen Hyde – hat also Clara S. Beranger, die Autorin des ersten Jekyll/Hyde-Langfilms eingebracht. Ihr Drehbuch integriert Züge der moralisch schillernden Welt von Oscar Wilde. Entsprechend scheint auch Barrymore anzudeuten, dass weniger der Forschungsdrang denn die pure Ödnis einer aufopferungsvollen Existenz Jekyll in sein desaströses Rollenspiel treibt.

Als Mr. Hyde wird Dr. Jekyll zum gefährlichen Psychopathen.
Als Mr. Hyde wird Dr. Jekyll zum gefährlichen Psychopathen.

Von einem Kameranegativ des Films kann angesichts des Produktionsdatums nicht die Rede sein. Entsprechend unscharf und voller Kratzer ist das aus vom Original weit entfernten Kopien generierte Bild der angeblich restaurierten DVD-Ausgabe des Labels Inter-Pathé. Neben einer Schwarz-weiß-Version des Films enthält die Silberscheibe noch eine fragwürdige kolorierte Fassung, die nicht den Viragen der Entstehungszeit entspricht, sondern die Filmbilder nach dem Muster von Zweistreifen-Technicolor in zwei Grundfarben quasi-realistisch einfärbt. Ganz glücklich wird man mit Barrymores Jekyll-und-Hyde also nicht – aber immerhin ist dieses wichtige Stummfilm-Dokument, anders als Murnaus „Januskopf“, überhaupt der Nachwelt erhalten geblieben.

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