© Entertainment One

Im Affekt #6: Im Upside Down Berlins

Freitag, 08.05.2020

So wuchtig wie wichtig: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani. Endlich mal kein deutscher Film über das Flüchtlingsthema, sondern ein Film über Deutschland aus flüchtiger Perspektive

Diskussion

Desintegration im Kino: Zum 8. Mai denkt Till Kadritzke in seinem Siegfried-Kracauer-Blog über Deutschland nach – mit Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“-Verfilmung, die längst in den Kinos hätte anlaufen sollen und die gern bediente Tendenz des deutschen Films zur gesellschaftlichen Konsensfähigkeit mit einer expressiven Inszenierung unterläuft.


„Ich bin ein Mensch!“, so hätte Francis seine pathetische Ansprache eigentlich beenden müssen, wir sind hier schließlich im deutschen Kino. „Nennt mich nicht Refugee“, hatte er wenige Momente zuvor geraunt, während er den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft, in der er selbst längst nicht mehr wohnt, erklärte, dass auch sie es schaffen können. Dass auch er mal da unten stand, wo sie jetzt stehen. Jetzt aber steht er oben auf dem Stuhl, hält seine flammende Rede und wirft mit Geldscheinen um sich. „Ich bin der deutsche Traum“, ruft er. Und kürzt dann nochmal ab: „Ich bin Deutschland.“

Welket Bungué als Francis, aus dem Franz wird.
Welket Bungué als Francis, aus dem Franz wird.

Der Typ, der mithilfe dieser Rede ein paar Helfer für den Drogenhandel rekrutieren will, ist eine große Romanfigur der deutschen Literaturgeschichte: als Franz Biberkopf von Alfred Döblin in die Welt der 1920er-Jahre gebracht, als westafrikanischer Geflüchteter Francis von Burhan Qurbani in ein Deutschland versetzt, das schon lange nicht mehr auf jene Weise deutsch ist, wie das viele derjenigen gerne hätten, die die Journalistin Charlotte Wiedemann „langheimisch deutsch“ nennt. Also diejenigen von uns, die keine nicht-deutschen Wurzeln haben. (In der doppelten Verneinung liegt die Kraft, uns zu Fremden zu machen.)


Ähnlich wie Max Czollek in seiner Polemik Desintegriert euch variiert auch Wiedemann in ihrem Buch Der lange Abschied von der weißen Dominanz den Begriff der Integration. Während Czollek dazu aufruft, das Integrationsparadigma zu verabschieden, weil es auf der Vorstellung eines Zentrums basiert, das weder einer gesellschaftlichen Realität entspricht noch irgendwie wünschenswert wäre, schreibt Wiedemann über die Gastarbeiter*innen und ihre Rolle in der internationalen Wahrnehmung Deutschlands: „Sie haben uns integriert, haben uns der Welt weniger verdächtig gemacht.“


Der deutsche Film ist oft gewalttätig integrativ

Kann Berlin Alexanderplatz vielleicht ähnliches für den deutschen Film schaffen? Vor allem in seiner Fernsehfilm-Variante funktioniert dieser schließlich oft ähnlich gewalttätig integrativ. „Wir möchten nicht hören, dass Vielfalt ‚ein Gewinn‘ oder ‚eine Chance‘ ist – denn es geht nicht darum, ob unsere Anwesenheit jemandem nützt“, schreiben die Neuen Deutschen Organisationen in ihrem Manifest, und beschreiben damit irgendwie auch den Gestus vieler kultureller Erzeugnisse langheimisch-deutschen Ursprungs. Noch dort, wo man „unangenehme Fragen“ stellt oder sich der multikulturellen Sache verschreibt, macht man das hierzulande gerne von der Perspektive eines Zentrums aus, das eigentümlich stabil erscheint.

Für Qurbanis Film gilt gerade das nicht: Er ist radikal zentrifugal, er besitzt, ebenso wie seine Hauptfigur, keinen Pass. „Desintegration bedeutet die Anerkennung der Abgründe, die durch uns alle hindurchgehen“, schreibt Czollek, und so in etwa fühlt sich das ästhetische Programm von „Berlin Alexanderplatz“ an; auch deshalb hat mich der Film im Februar mit ganzer Wucht getroffen. Obwohl oder gerade weil alles andere als makellos erscheint, problematisch in mancherlei Hinsicht, fühlte er sich dringlich an, auch irgendwie bitter nötig: keine ehrfürchtige Literaturverfilmung, sondern schamlose Aneignung nationaler Kultur für eine postmigrantische Gegenwart.

Deutsche Kultur in migrantischer Aneigung: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani
Deutsche Kultur in postmigrantischer Aneignung: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani

Im Voice-over die literarische Stimme: „Er musste müssen“, heißt es immer wieder über Francis. Dabei wollte der eigentlich doch nur noch Gutes tun, nachdem er einen Bootsunfall auf dem Mittelmeer überlebt hat. Aber ohne Pass ist das schlicht nicht möglich, so die prägnante Prämisse des Films. Francis wird gefeuert, er dealt, er lernt eine Frau kennen – die Erzählerin Mieze, die für Geld mit Männern schläft; er wird kriminell und reich und schlecht. Eine dreistündige Tour de Force ist „Berlin Alexanderplatz“ geworden, ein schneller, ja atemloser, stylischer Film über den Dreck der Straße.


Soziale Realität, expressiv in den Blick genommen

Es gibt hier keine sozialen Probleme, sondern eine soziale Realität, es gibt kein Milieu, das studiert werden könnte, sondern eine Welt, deren Eigenlogik man ausgeliefert ist, es gibt keine gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse, sondern Kämpfe ums Überleben. Es geht nicht ums Individuum und seine moralischen Konflikte, sondern um Verhältnisse, die jede Zuflucht in derlei simple Strickmuster des Politischen als viel zu beruhigende Fantasie entlarven. Diese Verhältnisse nimmt Qurbani nicht analytisch in den Blick, sondern expressiv, löst sie gewissermaßen in ihren Affekten auf, anstatt sie für soziologische Befunde anschlussfähig zu machen, ein bisschen wie Scorsese das im Wolf of Wall Street gemacht hat.

„Er musste müssen“: Diese Welt der Notwendigkeit kennen die meisten derjenigen nicht, die in den Feuilletons des Landes derzeit ihre persönliche Freiheit für beschnitten erklären. „Berlin Alexanderplatz“ dagegen ist konsequent einem Blick von unten verhaftet, der sich durch keine denkbare Bildregie mal eben in den bürgerlichen Diskurs einspeisen lassen könnte. Prostitution, Gewalt, Drogenhandel, nichts lässt sich hier gemütlich von draußen betrachten, in alles sind wir verstrickt. Der Film spielt, um mit Stranger Things zu sprechen, in einem sehr realen Upside Down des hippen Underground-Berlins. Und spielt darin mit den Abgründen, die durch uns alle hindurchgehen.


Deutschwerdung statt Menschwerdung

Man hörte schon vor der Premiere des Films von Leuten, die sich empörten: Natürlich müsse die Neuverfilmung eines Klassikers jetzt einen Flüchtling ins Zentrum nehmen, raunten diese Stimmen, die neue politische Korrektheit schlage halt mal wieder zu. „Berlin Alexanderplatz“ ist aber gerade keine Moralisierung, vielmehr ein wuchtiger Gegenschlag gegen jene politischen Feel-Good-Filme, die auf die banale These hinauslaufen, dass X oder Y auch nur ein Mensch ist – als würde das zu einer Debatte führen, die auch nur annähernd interessant wäre. Deshalb ist Francis’ Rede die entscheidende Szene des Films: weil sie auf keine Menschwerdung, sondern auf eine Deutschwerdung zusteuert.



Max Czollek beschreibt das Ziel des Projekts der Desintegration an einer Stelle in seinem Buch damit, „radikale Diversität als Grundlage der deutschen Gesellschaft ernst zu nehmen und ästhetisch durchzusetzen“. Qurbanis Film fühlt sich, bei all seinen Schwächen, wie ein Beitrag zu diesem Projekt an, über den sich zu streiten lohnt. Denn es ist, endlich mal, kein deutscher Film über das Flüchtlingsthema. Es ist ein Film über Deutschland, aus flüchtiger Perspektive, mitten aus dem Affekt, und gerade deshalb so wuchtig wie wichtig.


Kommentar verfassen

Kommentieren