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Im Affekt #8: Vom Eigenen absehen

Montag, 18.05.2020

Über die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve (2)

Diskussion

Wenn eine beiläufige Geste eine ganze Welt eröffnet: Im zweiten Teil seiner Würdigung der Filme von Mia Hansen-Løve widmet sich Till Kadritzke einer Szene aus „Eden“, in der die Zeit angehalten wird – und aus der eine Ethik des filmischen Affekts spricht.


Der Moment findet gegen Ende des Films statt: Paul lehnt seinen Kopf gegen die Wand und blickt verträumt zum anderen Ende des Raumes. Er ist längst nicht mehr der aufstrebende DJ, sondern der hängengebliebene Mittdreißiger mit Drogenproblemen und finanziellen Schulden. Vom neuesten Genre elektronischer Tanzmusik hat er noch nie etwas gehört; längst hat eine neue Generation das Ruder übernommen. Als er seinen Kopf gegen die Wand legt und der jungen Frau zusieht, die sich auf der anderen Seite auf ihr Set vorbereitet, scheint er mit diesem Umstand seinen Frieden gemacht zu haben.


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Es ist, als würde Paul mit dieser Geste des Loslassens ein Lied durch den Raum schicken. Während Daft Punks „Within“ die Tonspur immer stärker für sich einnimmt, schwenkt die Kamera von Denis Lenoir weg von Paul und in einer langsamen Kreisbewegung durch den noch leeren Club. Schärfe muss nicht nachgezogen werden, weil „Eden“ hier, ungewöhnlich für das Kino von Mia Hansen-Løve, einen Raum ohne Perspektive betritt, einen Raum der Unschärfe, der diffusen Lichter, der abstrakten Flächen und Party-Silhouetten, ein affektiv aufgeladener Raum, der sich erst wieder schließt, als der Song beim Refrain und der Schwenk auf der anderen Seite des Raums angekommen ist, bei der jungen DJ und ihrem MacBook.


„There are so many things that I don’t understand“

Nun wird die Szene klassisch als Schuss-Gegenschuss aufgelöst, aber Pauls Blick auf die junge Frau ist kein männlicher, die Frau ist kein love interest, sie bleibt für sich, verloren in ihren Kopfhörern, in ihrer Arbeit, inmitten einer Erfahrung, von der wir, von der auch Paul, ausgeschlossen sind. Sobald sie zurück durch den Raum blickt, während sie einen Schluck aus dem Wasserglas nimmt, fällt sie einem Schnitt zum Opfer, für immer.

Die Strophe von „Within“ füllt den Raum, den der Kameraschwenk öffnet, und die Zeit, die das Bild braucht, um von Paul zur Künstlerin zu kommen. Die für Daft Punk typische verzerrte, körperlose, geschlechtslose Computer-Stimme übersetzt die Unschärfe des Bildes in eine existenzielle Verunsicherung. „There are so many things that I don’t understand. There’s a world within me that I cannot explain. Many floors to explore but the doors look the same. I am lost, I can’t even remember my name.“ Ein Ich erklärt seinen Bankrott.

Für mich erzählt diese Szene von Pauls Einverständnis mit der Tatsache, dass die Welt ohne ihn weitergehen wird. Die Kamera sieht von Paul ab, weil Paul vom Eigenen absieht. Erfahrbar ist das nur erst in der ganzen epischen Breite, die in „Eden“ angelegt ist. Der Film umspannt etwa 20 Jahre. So lange ist es in etwa her, als Paul das erste Mal vor einem Auftritt vor seinen Plattentellern gestanden hat. Wiederum hat sich Mia Hansen-Løve radikal einer Hauptfigur verschrieben, wiederum bringt sie uns diese Figur nicht näher, indem sie sie ausführlich charakterisiert, sondern indem sie ihre Lebenswelt und Zeiterfahrung in eine Erzählung überführt.


Film ist, was passiert, während die Figuren Pläne schmieden

Wie immer bei Hansen-Løve ist der Film also, was passiert, während seine Figuren Pläne schmieden. Es gibt kaum eine Regisseurin, die sich derart klug und genau mit Zeit beschäftigt: nicht als philosophisches Konzept, sondern als alltags-affektive Erfahrung vergehender Lebenszeit und der Übersetzung dieser Erfahrung in filmische Konstrukte. In „Eden“ ist diese Besonderheit nochmal verstärkt, weil das Sujet des Films eine Welt ist, in der dem Vergehen der Zeit getrotzt werden soll. Es geht um Techno, um den Club, um die Musik, um den Moment, um den Versuch, mithilfe von Bass, Bewegung und verschiedenen Substanzen diese Zeit anzuhalten.

Und es geht um eine Gruppe von Freunden, die dieses Zeitanhalten zu ihrer Berufung gemacht haben, aber trotzdem älter werden, die sich verlieren wollen und doch immer wieder finden. Hansen-Løve beobachtet ohne jede Romantisierung oder Verurteilung, unaufgeregt und empathisch, wie ganze Leben vergehen, während man die Nacht zum Tag macht. So ist auch Paul drauf, während er den Kopf an die Wand legt: unaufgeregt und empathisch.


Wenn das Selbst über sich hinaus wächst

Das Absehen vom Eigenen wird häufig, zurzeit auch in Sachen Corona und Solidarität, als ein altruistischer Akt der Disziplin verstanden, als ein Verzicht zugunsten anderer. Aber wenn filmischen Affekten eine Ethik innewohnt, dann die, dass das zeitweilige Absehen vom Eigenen diesem Eigenen nichts nimmt, sondern etwas hinzufügt, es verlängert, es über sich hinaus wachsen lässt, bis es die Gegenwart eines Gemeinsamen spürt. Im Kino verzichte ich nicht, sondern habe Teil an einem Leben, das nicht meines ist, und so ist das ja eigentlich auch da draußen in der Welt.

Wenn Paul die junge Frau ansieht, dann ist das also mehr als nur die nostalgische Erinnerung an die eigenen Anfänge, oder die melancholische Erkenntnis, dass er nicht mehr dazugehört, dass jetzt andere an der Reihe sind. Es ist vor allem keine reumütige Einsicht in die Vergeblichkeit des Ganzen, in die Falschheit des gewählten Lebens, sondern, im Gegenteil, in seine Richtigkeit. Es sind jetzt eben andere Zeitgenossen, die die Zeit genießen. Affiziert von der eigenen Vergangenheit, gelingt es Paul, vom Eigenen abzusehen, in einer Erfahrung fortzuleben, deren Subjekt er nicht mehr ist. So lehnt hier einer seinen Kopf gegen die Wand, und schickt Kamera und Song auf eine Reise durch einen Raum, in dem irgendwie dann doch die Zeit angehalten scheint. Und das Ich erklärt seinen Bankrott: „There’s a world within me that I cannot explain.“


Eden – Lost in Music“ ist auf DVD/BD bei Alamode erschienen und als VoD bei allen gänigen Streamingplattformen zu sehen.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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