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@home: Das 35. Dok.fest München

Montag, 18.05.2020

Ein gelungener Versuch: Das 35. Internationales Dokumentarfilmfestival München (6.-24.5.2020) als Online-Edition

Diskussion

Bis einschließlich Sonntag, 24. Mai steht die Online-Version des 35. Dok.fest München noch im Netz, die das Festival mit einer klugen Kuratierung über den Shutdown hinweggerettet hat. Sie demonstriert eindrucksvoll, was der dokumentarische Film alles kann: versöhnen, nachdenken, reflektieren, Chroniken erzählen, ein politisches Fanal setzen. Oder einfach muntere Geschichten erzählen.


Zum ersten Mal findet ein großes deutsches Filmfestival im Online-Format statt. Corona-bedingt präsentiert sich das DOK.fest München (6.-24.5.2020) noch bis 24. Mai als @home-Version. Deutschlandweit kann man sich aus dem bunt gefächerten Programm – insgesamt sind es 121 Filme aus 42 Ländern – seine persönlichen Rosinen picken und dabei über die thematisch-stilistische Vielfalt des dokumentarischen Genres staunen. Natürlich vermisst man das leibhaftige Kinoerlebnis; es fehlen die zufällig sich ergebenden Diskussionen, der spontane Austausch, aber immerhin gibt es online ein reichhaltiges Angebot an Filmgesprächen, die helfen, das Filmerlebnis zu klären und zu vertiefen.

Festivalchef Daniel Sponsel kann dramatisch davon erzählen, wie er mit seinem Team Anfang März das Programm „wie ein mit Kostbarkeiten gefülltes Schatzkästlein“ wunschgemäß beisammenhatte, um dann erleben zu müssen, dass die Pandemie alles durchkreuzte. Von den drei Optionen: Verschiebung, Absage oder Internet-Edition, wählte man die Online-Version. Mit viel Glück und Verhandlungsgeschick war es möglich, den Großteil der Filme dafür zu bewahren. So konnte das Festival am 6. März mit einem berührenden Eröffnungsfilm gestartet werden: „The Euphoria of Being“ der ungarischen Choreografin und Regisseurin Réka Szabó.

Eine Tanzperformance der besonderen Art

Der Film handelt von der Entstehung einer Tanzperfomance der besonderen Art. Wir erleben spannungsreich, wie sich der tänzerische Dialog zwischen einer jungen, versierten Modern-Dance-Tänzerin (Emese Cuhorka) und der 90-jährigen Éva Fahidi entwickelt. In ihrer Autobiographie „The soul of things“ erzählt Fahidi davon, wie sie als 18-Jährige mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde und als Einzige überlebte. In der Performance soll sich all das spiegeln: Erinnerung und Schmerz, das Trauma und der Versuch einer tänzerischen Trauma-Bearbeitung. Ein schwieriger, schmerzhafter Prozess, der aber auch wunderbare Momente bereithält, in denen Fahidi ihre „Euphorie da zu sein“ aufstrahlen lässt. Dass Kunst therapeutisch wirksam sein kann, zeigt „The Euphoria of Being“ beglückend.

"The euphoria of Being" (©Campfilm/The Symptoms )
"The euphoria of Being" (© Campfilm/The Symptoms )

Filme zu Erfahrungen von Leid, Krankheit und Tod

Hier wurde ein Thema angeschlagen, dem sich variantenreich mehrere Filme des Dokfest-Programms stellten: die Erfahrung von Leid, Krankheit und Todesnähe. Davon, dass die künstlerische Auseinandersetzung damit nicht automatisch heilsame Wirkung entfaltet, legte die norwegische Dokumentation „The Self Portrait“ (Regie: Margreth Olin, Katja Hogset, Espen Wallin) ein bewegendes Zeugnis ab: ein Porträt der Fotografin Lene Marie Fossen, die 20 Jahre lang unter Anorexie litt.

Der zutiefst aufwühlende Film ist streckenweise schwer auszuhalten, weil man angesichts der zum Gerippe abgemagerten Fossen einfach nicht wahrhaben will, dass der dunkle Sog der Magersucht stärker ist als der Lebenswille. Wenn Fossens Fotos, vor allem ihre bestürzenden Selbstporträts, höchste Anerkennung in der skandinavischen Kunstszene finden, entsteht für Augenblicke die Hoffnung, dass sie ihre Fotokunst aus dem tragischen Anorexie-Verhängnis herausholen könnte. „Ich bin gefangen in mir“, sagt sie, „die Krankheit regiert tyrannisch. Das Leben ist ein großes wunderbares Geschenk – aber wir sind nicht fähig, es zu leben!“

Erstaunlich, dass sich die Arbeiten von Christoph Schlingensief, der 2010 im Alter von 49 Jahren an einer Krebserkrankung verstarb, kunsttherapeutisch lesen lassen. In „Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien“ bringt die Filmemacherin Bettina Böhler das Schlingensief-Oeuvre mit faszinierendem Archivmaterial in Erinnerung. Kunsttherapie à la Schlingensief funktioniert etwa so: Wir sind immer dabei, unsere dunklen, abgründigen Seiten zu verbergen und zu verdrängen. Schlingensiefs filmische und theatralische Provokationen wollen die Verdrängung durchbrechen, das Dunkle hervorholen und abarbeiten. Eine Art therapeutischer Entgiftungsprozess, den Schlingensief auch noch bei seiner Arbeit an der Wagner-Kultstätte Bayreuth im Sinn hatte.

Über den Umgang mit der Natur

Eine zweite thematische Linie des Dokfest-Programms betrifft unseren Umgang mit der Natur. Aktuell zwingt die Coronavirus-Attacke, uns wieder in besonderer Weise als Naturwesen wahrzunehmen. Die ökologischen Krisen nötigen dazu schon seit längerem. Es wäre an der Zeit, die Auffassung, dass der Mensch „Beherrscher und Besitzer“ (Descartes) der Natur sei und sie beliebig ausbeuten dürfe, als Verblendung und katastrophalen Irrtum zu erkennen. Zum Ende seiner in prächtigen Bildern geschilderten Alaska-Expedition in „Der Bär in mir“ (Regie: Roman Droux) kommt der Schweizer Biologe David Bittner, der seit 15 Jahren eine riskante Nähe zu Alaska-Grizzlys sucht, zu dem Fazit, dass wir Menschen „nicht Herren der Natur sind, sondern gerade so wie der Bär, der Lachs, der Wolf und all die anderen Tiere Kinder der Natur!“

"Sidik en de panter" (©Dieptescherpte BV)
"Sidik en de panter" (© Dieptescherpte BV)

Noch umfassender sieht der weise Sidik unseren Naturzusammenhang in „Sidik en de Panter“ (Regie: Reber Dosky): „Alles hat seine Wurzeln in der Natur: die Würde des Menschen, sein Stolz, das Ganze seiner Existenz!“ Sidik durchstreift die noch unverschandelte Landschaft seiner heimatlichen, kurdischen Bergwelt und sehnt die Rückkehr des Leoparden herbei. Eine herrliche Naturmeditation, bei der die Geschichte vom Leoparden langsam aus der Sphäre der Legende hinübergleitet in die Wirklichkeit und dabei sogar politische Aktualität gewinnt: „Wenn der Leopard zurückkehrt, heißt das, dass unsere Heimat gerettet und geschützt ist, denn dann können wir diese Berge zum Nationalpark erklären!“

Urlaub im Bayerischen Wald

Das Urlaubsabenteuer „Lene und die Geister des Waldes“ beginnt mit der Legende vom siebenjährigen Peter, der einst im Wald verschwand, in der „Grotte der schlafenden Seelen“, und erst zurückkehren wird, wenn wir fähig werden, die „Schönheit und Geheimnisse des Waldes“ wieder zu entdecken. Auf eine solche Entdeckungsreise begeben sich Kinder und Jugendliche, die ihren Sommerurlaub im Bayerischen Wald verbringen. Regisseur Dieter Schumann erzählt davon nicht pädagogisch-betulich, sondern keck und abenteuerlich aus der Perspektive der zehnjährigen Lene.

In einer Art philosophischen Meditation denken Sylvain L'Espérance und Marie-Claude Loiselle in dem frankokanadischen Essayfilm „Le chant d’Empédocle“ über unser Naturverhältnis nach. Enigmatische Bilder einer Griechenland-Wanderschaft, dazu Texte von Dichtern und Denkern wie Nietzsche, Büchner oder Rilke. In mythischen Dimensionen wird die Welt betrachtet, in Referenz zum antiken Naturphilosophen Empedokles: vom Urchaos der Schöpfung bis zum heutigen großstädtischen Leben. Idyllisch erscheint die mittelmeerische Küstenlandschaft mit ihren Schafherden, Ölbäumen und traditionellen Volksfesten. Traurig und bedrohlich wirken dagegen die Industrielandschaften. Einst haben die olympischen Götter die Titanen besiegt und der Menschenwelt Raum gegeben. Doch es scheint, als hätten die Erdgeborenen mit ihren großindustriellen Ambitionen die Titanen wieder zur Herrschaft zurückgebracht.

Wie traditionelle Lebensformen und alte Kulturlandschaften technischen Großprojekten (Fernbahn, Staudamm) weichen müssen, zeigt „Aether“ (Regie: Rûken Tekeş) in der Türkei, und „A tunnel“ (Regie: Nino Orjonikidze, Vano Arsenishvili) in Georgien. Hübsch intim und komplizenhaft erzählt „Acasa, my home“ (Regie: Lina Vdovii, Radu Ciorniciuc) davon, wie abenteuerliches, naturnahes Leben in der Nachbarschaft urbaner Wucherungen zur verbotenen Randexistenz wird.

"Aether" (©Sarya Films Collective)
"Aether" (© Sarya Films Collective)

Suche nach familiären Wurzeln

Auf eine dritte thematische Spur führen uns die Filme, in denen es um die Suche nach familiären Wurzeln und Zugehörigkeiten geht und das Sehnsuchtsbild einer fürsorglich gelingenden Mutter-Kind-Beziehung ins Zentrum rückt. „Bin ich manchmal stinkig auf meine Mutter, warum sie mich so in die Welt gesetzt hat, warum sie mich nicht gleich im Bauch getötet hat“, sagt Bernd in „Die Heimreise“ (Regie: Tim Boehme), Sohn einer Mutter, die während der Schwangerschaft ihrem Alkoholismus treu blieb. Bernds Gehirn konnte sich nicht voll ausbilden, als „geistig Behinderter“ wuchs er bei Pflegeeltern und in Heimen auf, jetzt aber, unterstützt vom Filmemacher, und begleitet von seinem Kumpel Joann, macht er sich auf den Weg, das Grab seiner Mutter zu suchen und Kontakt zu Verwandten herzustellen, von denen er bislang nichts wusste. Eine rührende Heimfindung in familiäre Bezüge, die zugleich lässig und hochemotional daherkommt und mit einem Happy End erfreut.

Auf die Suche nach seiner Mutter, die ihn in einem kirchlichen Waisenhaus zur Welt brachte und zur Adoption weggab, begibt sich Regisseur Claude Demers in „Une femme, ma mère“. Wie „Le chant d’Empédocle“ ein Film, der zum frankokanadischen Programmschwerpunkt zählt und all die Tugenden der traditionsreichen frankokandischen Doku-Schule mitbringt: Poesie und Prägnanz, visuelle Schönheit und gedankliche Kühnheit. Claude Demers vermeidet es, einen klagenden oder anklagenden Ton anzustimmen; er kommt ohne Selbstmitleid und ohne die Beanspruchung der Opferrolle aus. Daraus bezieht „Une femme, ma mère“ seine überwältigende Kraft. Demers sagt: „Manchmal geben verlassene, verstoßene, verwaiste Kinder auf und wollen sterben. Ich aber habe mich entschieden zu leben!“

"Une femme, ma mère" (©Les Films de l'Autre/ K - Films Amérique
"Une femme, ma mère" (© Les Films de l'Autre/ K - Films Amérique)

Weitverzweigte Familienerkundungen, spannend geschildert, präsentieren Janna Ji Wonders in „Walchensee forever“, einem der Publikumslieblinge des Festivals, und Susanne Kovács in „It takes a family“. Beiden Filmen gelingt mühelos die Verknüpfung von Zeit- und Familiengeschichte, und sie weisen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf, auch wenn die geschilderten Milieus und Welten weit auseinander liegen.

Mit funkelnder Erzähllust

Mit funkelnder Erzähllust, genauem Gespür für Rhythmus und Spannungskurven entspinnt Janna Ji Wonders ihre matriarchal definierte Familiengeschichte, die in einem Anwesen am schönen Walchensee verortet ist, aber vielfältig in die große weite Welt ausschweift. Der dänische Film von Susanne Kovács erspürt die Spannungen, die sich daraus ergeben, dass die Mutter der Regisseurin deutscher Herkunft ist, ihr Vater aber einer jüdisch-ungarischen Familie entstammt, deren größter Teil in NS-Vernichtungslagern ermordet wurde. „Meine Großmutter wollte nicht vom KZ erzählen“, berichtet Susanne Kovács, „aber als eine Familie sind doch unser aller Schicksale miteinander verwoben, also habe ich entschieden, dass wir miteinander reden!“

Beide Regisseurinnen sind selbst vor kurzem erst Mütter geworden, woraus für beide wohl der Anstoß kam, die eigene Familiengeschichte einmal gründlich, am besten über fünf Generationen hinweg, aufzuzeichnen, und zwar mit dem entschiedenen Willen, den wunden Punkten nicht auszuweichen. Beide haben reichhaltiges Foto- und Amateurfilmmaterial zur Verfügung, sodass die Zeitreisen plastisch vor Augen treten, und beide haben Eltern, die in der Hippie-Ära ihren jugendlichen Neuaufbruch erlebten, also zumindest für einen kurzen historischen Augenblick denken und träumen durften, dass gesellschaftlich und privat nur das Eine zählt: „All you need is love“!

Natürlich bietet das Programm auch jenseits der hier verfolgten thematischen Linien - Kunst als Therapie / Unser Umgang mit der Natur / Familiäre Bande - viele sehenswerte Filme, zum Beispiel „Nachspiel“ von Christoph Hübner und Gabriele Voss: der einfühlsam gefilmte Abschluss ihrer Fußballer-Trilogie. Vor 20 Jahren hatten Hübner/Voss drei Spieler aus der Jugendakademie von Borussia Dortmund genauer unter die Lupe genommen, denen man nun wiederbegegnet: Mohammed Abdulai, Heiko Hesse und Florian Kringe. Den einst erträumten großen Starruhm hat keiner von ihnen errungen, aber die freundschaftliche Nähe, die Hübner/Voss ihren Protagonisten entgegenbringen, lässt keine Bitterkeit aufkommen, sondern macht die gelungenen Lebenslinien erkennbar.

Aus dem Geist der Versöhnung

Packend schildert Zhou Bing in „Hong Kong Moments“ die eskalierenden Demonstrationen der Hongkonger Demokratiebewegung im Sommer 2019. Bei aller Sympathie, die Zhou Bing den demonstrierenden Jugendlichen entgegenbringt, tut der Filmemacher die prochinesische Seite keineswegs einfach ab, sondern schenkt auch ihr gebührende Aufmerksamkeit. So entsteigt dem Geschehen inmitten höchster Dramatik und Brisanz doch ein Geist der Versöhnung.

All das kann der dokumentarische Film: der Versöhnung dienen, ein politisches Fanal setzen, Poem oder Chronik, philosophischer Essay oder munterer Geschichtenerzähler sein. Das DOK.fest München hat immer schon darauf geachtet, die Vielgestaltigkeit des Genres zur Geltung zu bringen; bei der diesjährigen Online-Edition gelingt das mit besonderer Überzeugungskraft.

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