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Zum Tod von Lynn Shelton

Mittwoch, 20.05.2020

Die US-amerikanische Independent-Regisseurin Lynn Shelton (27.8.1965-15.5.2020) galt als eine Ikone des Mumblecore-Films

Diskussion

Die US-amerikanische Independent-Regisseurin Lynn Shelton (27.8.1965-15.5.2020) galt als eine Ikone des Mumblecore-Films. Mit ihrem Do-it-yourself-Konzept hat sie sich gegen die Einflussnahme von außen geschützt und vielschichtige und kluge Beziehungskomödien geschaffen.


Filme mit der US-amerikanischen Regisseurin Lynn Shelton zu machen muss eine wahre Freude gewesen sein. Zumindest erzählen alle, die jemals mit ihr gearbeitet haben, wie familiär, großherzig und angenehm die Atmosphäre an ihren Sets gewesen ist. Die britische Schauspielerin Keira Knightley bemerkte sofort, dass beim Dreh von „Laggies“ (2014), der den merkwürdigen deutschen Titel „Grow up!? Erwachsen werd‘ ich später“ trägt, etwas anders war als bei despotischen Regisseuren mit Allmachtsfantasien. Denn Shelton kannte nicht nur die Namen jedes Teammitglieds, vom Kabelträger bis zum Beleuchter, sondern auch die ihrer Lebenspartner und Kinder. Rosemarie DeWitt beschrieb die Dreharbeiten mit Shelton wie ein großes Dinner mit lieben Menschen. Schnell bildete sich ein Freundeskreis um Shelton, denn viele ihrer Mitstreiter blieben wie Satelliten in ihrem Orbit hängen und arbeiteten an mehreren Filmen mit ihr zusammen: Mark Duplass, Alycia Delmore, Kaitlyn Dever und ihr späterer Partner Marc Maron.

Inspirierende Dreharbeiten: "Grow Up!?" mit Keira Knightley (r.) und Chloe Grace Moretz (l.)
Inspirierende Dreharbeiten: "Grow Up!?" mit Keira Knightley (r.) und Chloe Grace Moretz (l.)

Fehler machen, nochmal neu anfangen

Ihren ersten Spielfilm schrieb und drehte Lynn Shelton erst mit 37 Jahren – nach Hollywoodmaßstäben war sie also eine Spätzünderin. In „We Go Way Back“ (2006) stellt sich eine Mittzwanzigerin im Dialog mit ihrem Teenager-Ich den Selbstzweifeln, die sie lange davon abhielten, Schauspielerin zu werden. Es liegt nahe, den Film als eine Art Selbstbetrachtung von Shelton zu lesen. 1965 in Oberlin, Ohio, geboren, studierte sie in New York Fotografie, zog mit ihrem damaligen Freund nach Seattle und arbeitete anschließend lange als Editorin, bisweilen auch als Schauspielerin in kleinen Nebenrollen. Der „New York Times“ sagte sie einmal, dass sie ein Interview mit der französischen Filmemacherin Claire Denis ermuntert habe, den Traum von der eigenen Regie zu wagen. Dank der zu Beginn der 2000er-Jahre immer günstiger werdenden Technik war es möglich, für 1500 Dollar eine Kamera zu kaufen und einfach draufloszufilmen – „Man kann Fehler machen, kehrt sie unter den Teppich und fängt nochmal neu an.“

Diese Do-it-yourself-Herangehensweise mit Microbudgets machte Shelton zu einer der wichtigsten Vertreterinnen des sogenannten „Mumblecore“-Kinos, jener Strömung, die 2005 mit „Mutual Appreciation“ von Andrew Bujalski, „The Puffy Chair“ von Mark und Jay Duplass und „Kissing on the Mouth“ von Joe Swanberg Fahrt aufnahm. Sie alle zielen auf authentische Geschichten mit wiedererkennbaren Figuren ab und erzählen deshalb oft aus dem eigenen Alltag. Unverfälschte Emotionen und Darstellungen stehen hier im Vordergrund, nicht die perfekt geglättete Oberfläche: Handkamera mit naturalistisch-rauen Bildern und eine technisch oft unperfekte Umsetzung verleihen den Filmen eine im Kino seltene Unmittelbarkeit – und ihre Genrebezeichnung. Das Gemurmel bezieht sich auf die meist recht kruschelige Tonspur.


Der Durchbruch gelang mit „Humpday“ (2009)

Kurz nach dieser Kehrtwende im US-Indie-Film machte Shelton mit ihrem Kumpel Mark Duplass den Film „Humpday“ für weniger als 50.000 Dollar. Der Film über zwei Hetero-Männer, die gemeinsam an einem Wettbewerb für Schwulenpornos teilnehmen wollen, gewann 2009 in Sundance den „Special Jury Award“. Danach tourte er auf Festivals bis nach Cannes und wurde 2010 mit einem „Independent Spirit Award“ ausgezeichnet, quasi dem „Oscar“ des Independentfilms – verdient, denn so abgedroschen die Prämisse klingt, so unerwartet leichtfüßig und menschlich ist diese Komödie über zwei fehlbare, aber im Herzen gute Männer.

Lynn Shelton (M.) bei Dreharbeiten
Lynn Shelton (M.) bei Dreharbeiten

Sheltons Karriere ging von da an steil bergauf. Sie nahm Angebote an, bei wegweisenden Serien wie „Mad Men“, „The Mindy Project“ und „Glow“ in einzelnen Folgen Regie zu führen. Ihre Ausflüge ins Fernsehgeschäft machten sie offener für Studioproduktionen, doch blieb sie weiterhin im Independentfilm verwurzelt und wohnte auch bis zuletzt in ihrer Wahlheimatstadt Seattle. In einem Interview bekannte sie, dass sie sich als Frau im Filmgeschäft ihren eigenen Weg gesucht habe, um niemals jemanden um Erlaubnis oder Geld fragen zu müssen: „Je mehr Geld ins Spiel kommt, desto komplizierter wird es, weil dann Leute involviert sind, die sicherstellen wollen, dass ich ihr Geld nicht total versenke.“ Neben Lena Dunham, die mit der Serie „Girls“ (2012-2017) den Durchbruch schaffte, und Greta Gerwig, die sich mit „Frances Ha“ (2012) und „Lady Bird“ (2018) als Schauspielerin wie als Filmemacherin etablierte, war Lynn Shelton eine der Vorreiterinnen des Mumblecore.

Anders als im klassischen Filmgeschäft arbeitete Shelton mit improvisierten Scripts. Mit einem festen Konzept im Kopf und einer klaren Idee für eine Szene ließ sie die Akteure viel improvisieren, weil sie davon überzeugt war, dann bessere und authentischere Performances zu erhalten. Vor allem ihre Frauenfiguren sind besonders dreidimensional und lebensnah. Hatten sich bis dahin immer nur junge Männer im Kino treiben lassen, sind es bei Shelton Frauen wie die Masseurin Abby in „Touchy Feely“ (2013), die plötzlich Angst vor der Berührung von menschlicher Haut empfindet und sich auf einen Selbstfindungstrip begibt, oder die übermutige Megan, die in „Laggies“ vor Ehe und Eigenheim zurückschreckt und lieber bei einem Teenager und dessen Dad einzieht.


Erwachsensein, Freundschaft, Sexualität

Frauen wie Männer treffen bei Lynn Shelton gleichermaßen schlechte Entscheidungen. Das hebt sie vom Podest der polierten Schablonen herunter und macht sie zu normalen Menschen. Lynn Shelton inspiziert interessiert und wohlwollend Themen wie das Erwachsensein, Freundschaft und Sexualität.

Dass sie dabei nie das Gleichgewicht zwischen Komödie und Charakterstudie verlor, gehört zu ihren Stärken. Ihr Anspruch, naturalistisches, nachvollziehbares Kino zu machen, ging in diesen Momenten des Grenzgangs mehr als auf. Mit jedem Film, den sie drehte, scheint sie mehr hinter der Kamera hervorzuschauen und zu sagen: „Den habe ich nur für dich gemacht!“, denn Beziehungskomödien über dysfunktionale und bisweilen durchgeknallte Figuren können eigentlich nur schiefgehen: zu kitschig, zu klamaukig, zu deprimierend. Lynn Shelton aber hat nicht nur bewiesen, dass diese Gratwanderung möglich ist, sondern dass diese Filme immer auch etwas Universelles im Persönlichen finden können und man deshalb als Zuschauer etwas von sich selbst in diesen oft zweifelnden und suchenden Figuren findet. Das ist eine seltene Kunst, die trotz vieler Nachahmer fehlen wird.

Der letzte Film von Lynn Shelton: "Sword of Trust"
Der letzte Film von Lynn Shelton: "Sword of Trust"

Ihr letzter Spielfilm „Sword of Trust“ feierte 2019 auf dem South-by-Southwest-Festival (SXSW) in Austin Weltpremiere. Darin spielt Marc Maron einen Pfandleiher, der versucht, ein Schwert zu verkaufen, das angeblich beweist, dass die Südstaaten den US-amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen haben. Lynn Shelton hatte einen kleinen Gastauftritt als seine Freundin; die beiden waren auch im wahren Leben liiert. Maron kommentierte ihren Tod mit den Worten: „Ich war in Lynn Sheltons Augen ein besserer Mensch.“

Lynn Shelton starb am 15. Mai 2020 im Alter von 54 Jahren an einer vorher unerkannten Blutkrankheit.

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