© DEFA-Stiftung (Renate Krößner in "Solo Sunny")

Nachruf auf Renate Krößner

Mittwoch, 27.05.2020

Als unverdrossene Schlagersängerin in „Solo Sunny“ wurde die Schauspieler Renate Krößner (17.5.1945-25.5.2020) berühmt. Der Glanz dieser Rolle ging um die Welt und illuminierte auch ihr späteres Werk

Diskussion

Der Part der unverdrossenen Schlagersängerin in „Solo Sunny“ war für Renate Krößner (17.5.1945-25.5.2020) die Rolle ihres Lebens. Doch auch sonst war die vielfältige Schauspielerin mit einem Temperament, „wie’s in unseren Breiten selten ist“, immer gut im Geschäft; wenn nicht auf der Leinwand oder im Fernsehen, so auf der Bühne, zunächst im Osten, später dann auch im Westen.


Als sich der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und der Regisseur Konrad Wolf mit der Schauspielerin Renate Krößner zum Gespräch verabredeten, wussten die beiden Männer nicht viel von ihr. „Von einem Film, der eine Weile zurücklag, hatte ich alles vergessen, bis auf die Art, wie sie gelacht hatte“, schrieb Kohlhaase später. Wolf hingegen habe es gefallen, wie sie in einem anderen Film in Jeans, aber auf hohen Hacken durch Berlin gestöckelt sei, die Nase aufwärts und eine Zigarette im Mundwinkel. Keck und verwegen, von heiterem Gemüt trotz tiefer Verwundungen, dazu mit einem Gespür für soziale Genauigkeit bis in den Augenaufschlag, bis ins Fingerschnipsen hinein – jemanden, der so was war und konnte, hatten Wolf und Kohlhaase gesucht. So wurde Renate Krößner zur Schlagersängerin Sunny.

Die Rolle ihres Lebens: Renate Krößner in "Solo Sunny" (1980)
Die Rolle ihres Lebens: Renate Krößner in "Solo Sunny" (1980)

Solo Sunny(1980), in der DDR ein Publikumserfolg und gleich nach der Premiere auch in den Wettbewerb der „Berlinale“ geschickt, avancierte zur Rolle ihres Lebens. Renate Krößner erhielt dafür den Silbernen Bären, und noch 30 Jahre später, in oft kleineren und nie mehr ganz so guten Rollen, leuchtete eine Ahnung jener Sunny hervor: Die Offenheit, der helle Klang, die Lebensgier, die Sehnsucht gebraucht zu werden, dafür einen eigenen Weg einzuschlagen und auch eigene Fehler zu machen, all das und noch viel mehr machte den Zauber der Figur aus. Eine Strahlkraft, die von Ost-Berlin um die Welt ging. Wann war das einem DEFA-Film schon mal vergönnt? Und wann einem Star aus dem kleineren Deutschland?


Das Debüt gefiel nicht allen

Dabei musste Renate Krößner für den, der die Babelsberger Filmproduktion verfolgte, durchaus keine Unbekannte sein. Sicher, ihr Kinodebüt „Tiefe Furchen“ (1965) hatte sich nicht in die Filmgeschichte eingeschrieben. Dort war sie als ein Flüchtlingsmädchen besetzt, das geschunden und misshandelt wird und doch, gemeinsam mit einem gleichaltrigen Jungen, von einem eigenen Bauernhof träumt. Weil dem Autor der literarischen Vorlage, dem linientreuen Schriftsteller Otto Gotsche, die erotischen Momente des Films missfielen, drängte er auf Schnitte. Dem fiel auch eine längere Szene mit der 20-jährigen Krößner zum Opfer. Nach dem 11. Plenum der SED im Dezember 1965 verschwand auch „Tiefe Furchen“ schnell aus den Kinos.

Zehn Jahre dauerte es für Renate Krößner bis zum nächsten Kinofilm. Die an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide ausgebildete Darstellerin absolvierte derweil eine Lehrzeit an verschiedenen Theatern: Parchim und Stendal, Senftenberg und Brandenburg. Häuser in der Provinz, aus denen mitunter starke Inszenierungen kamen. Die DEFA meldete sich mit „Eine Pyramide für mich“ (1975) zurück, wieder ein Stoff über die Nachkriegszeit. Ihre Figur gehört zu einem Ensemble von jungen Leuten, die nun, im Frieden, alles anders und besser machen wollen und dabei viele Scherben hinterlassen.

Renate Krößner in "Eine Pyramide für mich" (1975)
Passte der SED nicht: "Eine Pyramide für mich" (1975)

Dabei hatte das Bild der „Aufbaugeneration“, das Autor Karl-Heinz Jakobs und Regisseur Ralf Kirsten zeichneten, kaum etwas mit dem Selbstbild der Parteioberen von ihrer eigenen Jugend zu tun: Es reflektierte auch über Unrecht und Verhärtungen in der Vergangenheit, das Abdriften in Anpassung und Selbstgenügsamkeit in der Gegenwart. So musste der Film umgearbeitet werden, kam erst mit weit über einem Jahr Verspätung zum Publikum.


„Ein Temperament, wie’s in unseren Breiten selten ist“

In „Feuer unter Deck“ (1976), einem ihrer nächsten DEFA-Filme, durfte Renate Krößner ihr Temperament voll ausleben. An der Seite von Manfred Krug spielt sie die Kellnerin einer Schifferkneipe, die zur Chefin eines eigenen Schiffsrestaurants aufsteigt, aber auch immer wieder mit dem Anarchismus ihres Geliebten kollidiert. Eine deftige Komödie – nur leider wechselte Manfred Krug nach Beendigung der Dreharbeiten in den Westen, und die Obrigkeit im Osten entschied, den Film zwar für den Export freizugeben, ihn im eigenen Land aber nicht zu zeigen. Erst drei Jahre später, kurz vor „Solo Sunny“, fand „Feuer unter Deck“ mit wenigen Kopien den Weg ins Kino.

Flogen in „Feuer unter Deck“ die Fetzen, zeigte Renate Krößner im Fernsehfilm „Cyankali“ (Regie: Jurij Kramer) nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Wolf, dass sie auch anders konnte: Hier spielte sie das Mädchen Hete, das in der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre sein Kind nicht zur Welt bringen will. Eine ergreifende Studie einer Proletarierin in Not, mit vielen leisen Tönen. Über Krößners ebenso zarte wie lebenspralle Figur der Tilli, einer jungen Berlinerin, die in „Bis dass der Tod euch scheidet“ (1979) von Heiner Carow ihrer Freundin in allen Nöten zur Seite steht, urteilte eine Kritikerin: „Töne und Zwischentöne sitzen. Ein Temperament, wie’s in unseren Breiten selten ist.“

Ein spannungsgeladenes Paar: Renate Krößner (l.) und Manrfed Krug (r.) in "Feuer unter Deck"
Spannungsgeladen: Renate Krößner (l.) und Manrfed Krug (r.) in "Feuer unter Deck"

Mit „Solo Sunny“ war der Olymp erreicht. Renate Krößner mochte die Hoffnung gehabt haben, dass es so weitergehen würde. Aber Rollen wie die Sunny waren – und sind – ein seltener Glücksfall. Das DDR-Fernsehen bot Krößner die Titelfigur in der Literaturverfilmung „Mathilde Möhring“ (1983, Regie: Karin Hercher) an; doch ein Klassiker von Theodor Fontane war nicht das, was die Erfüllung brachte. Damals mutmaßte Renate Krößner, das kämpferische Selbstbewusstsein der Sunny werde von den DDR-Oberen als Negativfolie auch auf sie übertragen. Gerüchte wurden laut, sie wolle ihr Glück bald im Westen versuchen. In der DDR genügte das, um Misstrauen zu erregen. Ab da blieben Rollenangebote vollkommen aus – eine bedrückende Situation, die dazu führte, dass Krößner gemeinsam mit ihrem Partner, dem Schauspieler Bernd Stegemann, tatsächlich einen Ausreiseantrag stellte. Nach rund zwei Jahren Wartezeit, Ende Juli 1985, siedelten sie in den Westen über. Und schon Anfang August 1985 erging an alle Bezirksfilmdirektionen der DDR die Weisung, mit sofortiger Wirkung die Filme „Zünd an, es kommt die Feuerwehr“, „Feuer unter Deck“, „Bis dass der Tod euch scheidet“, „Solo Sunny“ und „Einer vom Rummel“ (1983), den letzten Krößner-Film der DEFA, zu sperren: „Das gesamte Werbematerial dieser fünf Filme ist einzulagern.“


Auch später gut im Geschäft

Renate Krößner spielte weiter Theater, jetzt in Basel, München, Essen, Berlin. Sie drehte mit Regisseuren wie Hajo Gies, Sigi Rothemund, Werner Herzog, Dani Levy; in Sebastian Petersons DDR-Farce „Helden wie wir“ (1999) ist sie eine Lehrerin, und für die Rolle der Geliebten eines jungen Fußballers in Adolf Winkelmanns „Nordkurve“ (1991) erhielt sie den Bundesfilmpreis. In Rainer Simons letztem Kinofilm „Fernes Land Pa-isch“ (1993) überzeugte sie in der Charakterstudie einer gebrochenen Frau und Trinkerin, die mit ihrem Leben und dem ihrer Kinder nicht mehr fertig wird, in Verzweiflung, Angst und Gewalt abdriftet.

Immer wieder war sie auf dem Bildschirm zu sehen, in Tatorten, Polizeirufen, bei Stubbe und in der „Lindenstraße“. In mehreren Folgen von „Liebling Kreuzberg“ traf sie erneut auf Manfred Krug als Partner, in der Fernsehserie „Bruder Esel“ (1996) auf Dieter Pfaff, den sie bekehrte, aus dem Franziskanerkloster ins pralle Leben zu wechseln: ein sinnliches Abenteuer. Renate Krößner hatte gut zu tun. Doch wenn sie eingeladen wurde, noch einmal über „Solo Sunny“ zu erzählen, vor Fan- und Filmclubs, kam sie gern.

An Krebs erkrankt, verstarb Renate Krößner am 25. Mai 2020 in Blankenfelde-Mahlow bei Berlin. Ihrem letzten Wunsch, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Seite vieler Freunde und Kollegen beigesetzt zu werden, sollte die Stadt Berlin nachkommen.




Hinweis

Das mdr Fernsehen zeigt in Erinnerung an Renate Krößner den Film "Feuer unter Deck" am Donnerstag, 28. Mai, 12.35-13.58 Uhr, und am Samstag, 30. Mai, um 00.20-01.45 Uhr.

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