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Erinnerungen an Irm Hermann

Freitag, 29.05.2020

Ein Nachruf auf die Fassbinder-Schauspielerin Irm Herrmann (4.10.1942-26.5.2020) und ihr bewegtes Leben

Diskussion

Eine der freiesten und beweglichsten deutschen Schauspielerinnen ist tot: Irm Hermann (4.10.1942-26.5.2020) wurde von Fassbinder entdeckt und auf die Rolle der frustrierten Spießerin festgelegt. Doch sie wusste sich zu wehren, gewann Abstand und fand in Berlin Anschluss an viele interessante Milieus.



Schon in seinem ersten, nur zehnminütigen Film „Der Stadtstreicher“ gab Rainer Werner Fassbinder der damaligen Verlagskauffrau und ADAC-Sekretärin Irm Hermann die Chance, vor der Kamera zu stehen. Da zieht ein Clochard durch München und singt vor einer Wohnungstür ein Liedchen: „In Europa ist alles so groß, so groß – Und in Japan ist alles so klein!“ Die Frau, die die Tür öffnet, reicht ihm eine Scheibe Brot, womöglich angerührt von dem Gesang, oder auch nur, weil sie ihn loswerden will. Irm Hermann, hager, distanziert, mit dem unergründlichen Lächeln einer Frau, die in den Fangnetzen des Kleinbürgertums festgezurrt ist und sich dort auch bequem eingerichtet hat. Von da an gehörte sie, bis hin zu „Lili Marleen“ (1980), zum festen Team des Regisseurs, wurde von ihm geprägt und geformt.

Dreharbeiten zu "Angst essen Seele auf": Irm Hermann (l.) und Rainer Werner Fassbinder
Dreharbeiten zu "Angst essen Seele auf": Irm Hermann (l.) und Rainer Werner Fassbinder

„Fassbinder“, so sagte sie später in einem Interview, „war gewissermaßen mein erster Meister, der mich wie einen Kieselstein abgeschliffen hat. Er hat versucht, mich zu zerbrechen. Mitunter war ich so verzweifelt, dass ich am Rande des Todes vorbeigeschliddert bin.“ Dennoch blieb sie ihm dankbar dafür, dass er sie erkennen ließ, wie sehr das Schauspielen ihre Existenz war.


Fehlende Theorie ersetzte sie durch Praxis

Eine Schauspielschule hatte Irm Hermann nie besucht. Fehlende Theorie wurde durch Praxis ersetzt. Die Rollen in Fassbinders Action- und anti-Theater, unter anderem in „Iphigenie auf Tauris“ und „Die Bettleroper“, aber vor allem in seinen Filmen bildeten die Grundlage der Erkenntnis, dass Schauspielen eine bewusste Tätigkeit sein muss. Diese Erkenntnis entwickelte sich mit und zugleich gegen ihn und führte schließlich zur Abnabelung von Fassbinder.

Spätestens Mitte der 1970er-Jahre war es Irm Hermann leid, von Fassbinder stets als frustrierte Spießerin besetzt zu werden: „Er hat mir überhaupt keine Möglichkeiten gegeben, irgendeine Rolle zu spielen, wo ich ein Fitzelchen Menschlichkeit zeigen konnte.“ Natürlich wusste sie, dass sie mit diesen traurigen, unglücklichen, andere und sich selbst zerstörenden Figuren – die Zimmerwirtin des Gastarbeiters in „Katzelmacher“(1969), die geldgeile Ehefrau des Obstverkäufers in „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971), die Sekretärin in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972), die Tochter Brigitte Miras in „Angst essen Seele auf“ (1973) – zu einer Ikone im Fassbinder-Clan geworden war. Doch auch die Ambivalenzen dieser Beziehung wurden ihr bewusst: „Wir ließen uns so viel gefallen, weil wir etwas wollten. Fassbinder hat Stars aus uns gemacht.“ Mehr und mehr begriff sie, dass Fassbinder sie und die anderen, wie Georg Seeßlen schreibt, „aus ihren bürgerlichen Gefängnissen gelockt hatte, damit sie zu Darstellern dieses Gefängnisses wurden. Der Preis für die Befreiung von einer Klasse war die Abhängigkeit von einer Person.“ So blieb sie ihrem Entdecker und zeitweiligem Lebenspartner zwar treu bis zu dessen Tod. Aber sie suchte und gewann Abstand.


Mit allen Großen des westdeutschen Films

1975 zog sie nach Berlin, vier Jahre später nahm sie ein Theaterengagement an der Freien Volksbühne an, blieb aber auch Film und Fernsehen verbunden. Werner Herzog, Reinhard Hauff, Hans W. Geissendörfer, Percy Adlon, Helmut Dietl: Sie arbeitete mit nahezu allen Großen des westdeutschen Films, wenngleich in vielen Rollen das Fassbinder-Stereotyp der verhärmten Kleinbürgerin nur aufgefrischt wurde. Selbst in der Loriot-Komödie „Pappa ante portas“ (1991) durfte sie im Grunde das alte Stereotyp nur variieren: Als Tante Hedwig gab sie das Schreckensbild einer scheinbar grundgütigen, tatsächlich aber tyrannischen Ehefrau, die ihren Mann an der kurzen Leine führt.

Dabei ließ sich Irm Hermann durchaus auch von Filmen abseits des Mainstreams faszinieren. Sie spielte bei Ulrike Ottinger, zunächst als Assistentin der Pressezarin Dr. Mabuse in „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ (1984), dann als bildungsbeflissene deutsche Studienrätin in „Johanna d’Arc of Mongolia“ (1989). Sie trat bei der DEFA als Gefängniswärterin mit dem anspielungsreichen Namen Margot in Jörg Foths groteskem Clownsspiel „Letztes aus der Da Da eR“ (1990) auf. Und sie gehörte zum bevorzugten Personal von Christoph Schlingensief, der sich den Spaß machte, sie in seinem Horrorspektakel „Die 120 Tage von Bottrop“ (1997) als Liselotte Pulver zu besetzen.


Irm Hermann (4.10.1942-26.5.2020)
Irm Hermann (4.10.1942-26.5.2020)

Schon in „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1991) war sie eine Zöllnerin mit sichtlichem Spaß daran, die Ereignisse der deutschen Vereinigung zum blutigen Rausch zu verfremden. Bei Schlingensief traf Irm Hermann erneut auf alte Fassbinder-Kämpen: Volker Spengler, Udo Kier, Kurt Raab, Margit Carstensen. Die Fäden zur neuen Theatergeneration, zu Frank Castorf, Martin Wuttke, Sophie Rois, die ebenfalls mitspielten, waren da freilich längst geknüpft. Sie signalisierten eine Nähe von Irm Hermann zur Berliner Volksbühne, die in der Castorf-Ära vielleicht nicht gerade zu ihrer neuen künstlerischen Heimat, aber doch zu einem Ort des intellektuellen Aufbruchs geworden war, den sie lieben gelernt hatte.


Sich nicht fügen und gehorchen

Die Filmografie von Irm Hermann zählt über 160 Einträge, darunter viele Minutenauftritte, vor allem im Fernsehen. Selbst im dritten Teil von „Fack ju Göhte“ (2017), als Ploppis Oma, leuchtete ihr kritischer Geist beim Blick auf deutsches kleinbürgerliches Gehabe hervor. Und wer wollte, konnte Irm Hermann auch in der Berliner Komischen Oper sehen: In Sebastian Baumgartens Inszenierung der Operette „Im weißen Rössl“ (2010) trat sie kerzengrade vors Publikum, um die restaurativen Weisheiten des österreichischen Kaisers in einem an Brecht gemahnenden Sprechgesang zu zelebrieren und zu konterkarieren: „Schweige und begnüge dich, lächle und füge dich...“ – Genau das wäre Irm Hermann selbst nie in den Sinn gekommen. Vielleicht hatte sie gerade deshalb ein so reiches Leben und wurde „eine der freiesten, beweglichsten, offensten und direktesten Schauspielerinnen unserer Zeit“ (Ulrich Seidler).

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