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Filmklassiker: "Montparnasse 19"

Samstag, 30.05.2020

Die ursprünglich von Max Ophüls geplante, dann aber von Jacques Becker umgesetzte Biografie „Montparnasse 19“ (1957) über den Maler Amedeo Modigliani (1884-1920) erteilt filmischen Künstlerklischees eine Abfuhr

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Die ursprünglich von Max Ophüls geplante, dann aber von Jacques Becker umgesetzte Biografie „Montparnasse 19“ (1957) über den Maler Amedeo Modigliani (1884-1920) erteilt filmischen Künstlerklischees eine Abfuhr. Hinter der selbstzerstörerischen Lebensweise des erfolglosen Malers steht die Frage, welchen nicht mit Geld zu bemessenden Wert die Kunst besitzt. Der Film ist aktuell beim Streaming-Anbieter MUBI zu sehen.


Amedeo Modigliani trinkt. Im Gegensatz zum US-amerikanischen Millionär, der ihm in seinem Hotelzimmer die Wahl zwischen Cognac, Brandy und Whisky bietet, kann er seinen Durst jedoch weder kontrollieren noch bezahlen. Der italienische Maler ist kaum älter als 30 Jahre, drogenabhängig, verarmt und an Tuberkulose erkrankt. Der arrogante Millionär bietet ihm die seltene, vielleicht letzte Chance, Teile seines Werkes zu verkaufen.

Ein zwielichtiger Kunsthändler (Lino Ventura, l.) setzt Modigliani (Gérard Philipe, r.) zu
Ein zwielichtiger Kunsthändler (Lino Ventura, l.) setzt Modigliani (Gérard Philipe, r.) zu

So wie der reiche Tourist aus Genuss und der verarmte Künstler aus Zwang trinkt, ist das, was für den US-Amerikaner ein Stück französisch-italienischen Kulturerbes ist, das er besitzen und genießen will wie einen guten Wein oder einen teuren Champagner, für Modigliani ein Teil seiner selbst. Der Millionär will diesen Teil erwerben, um ihn zum Etikett seiner Parfümmarke zu machen. Sein Werk als Massenprodukt wird zur einzigen Möglichkeit der Wertschöpfung für den Künstler. Doch Modigliani wählt lieber die Armut.

Es ist ein entzaubertes Bild, das Regisseur Jacques Becker in „Montparnasse 19“ von Amedeo Modigliani zeichnet. Das kurze, exzessive Leben des Ausnahmekünstlers, der Stoff zahlreicher Legenden, wird von Beckers Ästhetik immer wieder in einen ernüchternden Kreislauf gedrängt. Die Trinkgelage des Künstlers bieten dabei ebenso wenig Glanz wie seine Affäre mit der Autorin Beatrice Hastings (Lilli Palmer). In der ersten Szene, die beide miteinander teilen, ist der Liebesakt bereits vorbei. Modi, wie ihn ganz Paris nennt, ist schon aufgestanden, um volltrunken ein Glas in seinem Spiegelbild zu zerschmettern. Kurz darauf wendet er sich Beatrice zu, deren Talent zur Parodie Lilli Palmer hier wunderbar zu Schau trägt, bis Modi ihr direkt ins Gesicht schlägt. Die Künstlerin ist von seinem Ausbruch weder beeindruckt noch überrascht.


Leid und Leidenschaft inspirieren nicht

Leid und Leidenschaft sind hier kein einzigartiges oder gar inspirierendes Phänomen. Die gemeinsame Nacht ist ein trauriger, selbstzerstörerischer Alltag, den Modigliani am nächsten Morgen allein in den Bars von Montparnasse fortsetzt. In einem Lokal wird er gleich wieder vor die Tür gesetzt, im nächsten zeichnet er eine Skizze für den Tischnachbarn. Der will sie nicht haben, spendiert ihm aber trotzdem die Getränke – als Almosen.

Schwerstarbeit: Anouk Aimée (r.) und Gérard Philipe
Schwerstarbeit: Anouk Aimée (r.) und Gérard Philipe

Der Künstleralltag erscheint in „Montparnasse 19“, allen Drogen, Affären und dem gewaltigen Talent Modiglianis zum Trotz, wie Schwerstarbeit. Ein Kreislauf, der einzig in den Szenen unterbrochen wird, in denen Modigliani Zeit mit Jeanne Hébuterne (Anouk Aimée) verbringt. Die junge Künstlerin ist nicht nur eine Muse – auch wenn sie im Film die einzige ist, die Modi eine Art von positiver Inspiration zu vermitteln scheint –, sie ist seine große Liebe. Die Stunden und Tage, die das Paar in Paris und später in Nizza verbringt, sind die einzigen (betont elliptisch erzählten) Momente, in denen der Film nicht um die destruktive Regelarbeitszeit des legendären Künstlers kreist. Der Alltag ist für Modigliani weniger eine ständige Suche nach Geld als eine Sehnsucht nach Anerkennung für seine Malerei.


Die traurige Grazie der Künstlerhände

„Montparnasse 19“ lässt den Ausnahmekünstler erfolglos der Antwort auf die Frage hinterherrennen, die ihn heimsucht: Welchen Wert hat die Kunst, der nicht mit Geld bemessen werden kann? Die Antwort liegt für Jacques Becker nicht in der so oft für den Exzess bemühten formalen Extravaganz, sondern im nüchternen, fast elterlichen Blick, mit dem der Regisseur jede Geste und jeden prosaischen Alltagsweg des zu diesem Zeitpunkt bereits schwer kranken Künstlers abtastet. Gérard Philipe verleiht Modigliani mit diesen Gesten eine traurige Grazie. So elegant er die Hände zur Größe eines Wasserglases auseinanderzieht, um Beatrice an der Bar zu signalisieren, dass er mehr Whisky braucht als in ein Schnapsglas passt, so verbissen ringt er auf dem Heimweg mit dem eigenen Gleichgewicht. Allein die Straßenlaternen werfen ein wenig Licht auf das Kopfsteinpflaster und die Hauswände, an denen sich der Schatten des Künstlers entlangschleppt.

Die Kunsthändler der Stadt kreisen in diesen Stunden wie Geier um Modigliani. Je berauschter, je kränker der Künstler erscheint, desto näher rückt ihre Chance auf das große Geschäft, dem sich der Künstler mit letzter Kraft verweigert. Umgeben von umgedrehten Leinwänden, als habe das Werk sich vom Künstler abgewandt, kratzt Modigliani wieder und wieder seine Skizzen vom Boden auf, um seine nächste Runde durch die Bars von Montparnasse zu drehen, auf der Suche nach dem Wert, den seine Kunst zu Lebzeiten nie haben wird.


Hinweis

"Montparnasse 19" ist derzeit bei MUBI zu sehen.

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