© Imago Images

Im Affekt #10: Affekt, Polizei, Gewalt

Sonntag, 31.05.2020

Wie sich Bilder weißer Polizeigewalt in den aktuellen Nachrichten und in einem „New Hollywood“-Klassiker miteinander verbinden

Diskussion

Bilder weißer Polizeigewalt, in den Nachrichten und im „New Hollywood“. In seinem Affekt-Blog geht Till Kadritzke in dieser Woche von den Verbindungen aus, die sich zwischen einem persönlich gefärbten Buch, dem neuen Realismus des „New Hollywood“-Kinos und den Nachrichten auftun.


Verbindungen tauchen unerwartet auf, weil wir immer mit allem gleichzeitig beschäftigt sind. Ein Buch, das ich gerade lese, Imani Perrys „Brief an ihre zwei Söhne“, beginnt mit einem Zitat: „Es muss schrecklich sein, einen schwarzen Jungen in Amerika großzuziehen.“ Das Zitat ist keiner bestimmten Person zugeordnet, denn Imani Perry bekommt es andauernd zu hören. „Selten sage ich auch nur ein Wort dazu,“ erzählt sie. „Ich bin wütend über ihren bemitleidenden Blick. Ich will nicht ihre emotionale Show sein. Ich will, dass sie zugeben, dass ihr Menschen seid. Schwarze Jungs. Menschen. Diese Tatsache, so einfach sie ist, sollte nicht an der Oberfläche bleiben. Sie sollte durchdringen. Das tut sie häufig nicht. Zumindest nicht in diesem Land.“

„Breathe“ heißt das Buch, Atmen. „I can’t breathe“, hatte Eric Garner im Juli 2014 im Würgegriff eines weißen Polizisten gesagt, kurz bevor er in diesem Griff starb; „I can’t breathe“, hat vor wenigen Tagen George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten gesagt, kurz bevor er unter diesem Knie starb. Die entsprechende Szene muss ich nicht sehen, sie ist überall beschrieben.

Popeye Doyle (Gene Hackman, l.) drangsaliert einen schwarzen Kleinkriminellen in "French Connection"
"The French Connection": Popeye Doyle (Gene Hackman, l.) drangsaliert einen schwarzen Kleinkriminellen


Eine andere Szene muss ich sehen, ich muss sie detailliert beschreiben, für eine wissenschaftliche Arbeit, an der ich gerade sitze. Popeye Doyle, Protagonist aus „The French Connection“ (1971), jagt einen schwarzen Kleinkriminellen einmal quer durch Brooklyn, überwältigt ihn, schlägt ihn ein bisschen zusammen, um ihn besser verhören zu können.


Der Rassismus pflügt sich durch die Bilder

Weiße Polizisten, schwarze Opfer, alles im Bild. Zusammenhänge. Aber wie sind sie beschaffen? Wie doof die Frage, ob „French Connection“ rassistisch ‚ist‘, denn was sollte das bedeuten, wie würde die Beweisführung ablaufen, was würde das nach sich ziehen? Ebenso wie Gewaltbilder nicht direkt zu Gewalt führen, stellen rassistische Figuren nicht automatisch Rassismus her, und doch pflügt sich der Rassismus durch die Bilder, werden Affekte eingeübt, gibt es mannigfaltige Infektionsketten, die jene weiße Überlegenheit am Leben halten, die sich in dem Video ausdrückt, das ich nicht sehen will.

Von Hate Crimes ist häufig die Rede, aber Hass scheint mir verfehlt, nicht das richtige Wort, scheinbar so bestimmt und eigentlich so unbestimmt, gleiches gilt für den Ausdruck Macht, denn natürlich geht es immer um Macht, aber wie leer das klingt, wenn Handkameras aufzeichnen, wie Polizisten Menschen erwürgen. Das mit der Macht, das ist halt so, das mit dem Hass, das sind die anderen, beides bleibt auf Distanz. Macht braucht ein bisschen Widerstand, irgendwann, irgendwie, Hass braucht ein bisschen Liebe, und die haben wir ja, und wir sind viele, oder? Die Sache ist vertrackter.

Hass ist nicht cool, aber Popeye Doyle ist es irgendwie, und Popeye Doyle ist auch nicht die Macht, sondern der Widerstand. Er widersteht seinen Vorgesetzten, sogar dem FBI, widersteht allen Hindernissen, und selbst wenn er am Ende an den eigenen Obsessionen scheitert, sich völlig verrennt, tut das seiner kulturellen Autorität doch keinen Abbruch. Die „New York Times“ schrieb damals, Doyle sei „brutal, rassistisch, vulgär, engstirnig, zwanghaft, lüstern, aber noch in seinen miesesten Zügen als Mensch erkennbar, und damit mehr als nur der eindimensionale Bulle der liberalen Folklore.“ In einem Screening in den Südstaaten, berichtet die gleiche Zeitung, wird Doyles Prügelverhör von einem ausschließlich weißen Publikum recht eindimensional bejubelt.


Zweierlei Maß für Dirty Harry und Popeye Doyle

Der Filmwissenschaftler Nicolas Godfrey hat in seinem Buch „The Limits of Auteurism“ die Rezeption von „The French Connection“ mit der von „Dirty Harry“ verglichen und darauf hingewiesen, dass für die Filme unterschiedliche Regeln galten. Ein leichtes war es, „Dirty Harry“ zum reaktionären Machwerk zu erklären, ließ sein formaler Klassizismus die politischen Inhalte doch in klarem Licht erscheinen. Friedkins Film dagegen wurde als waschechter New-Hollywood-Streifen rezipiert, im Kontext eines noch jungen Film-als-Kunst-Diskurses als subtiles, anspruchsvolles Werk besprochen. Dirty Harrys Chauvinismus war ein Problem, Popeye Doyles Rassismus Teil eines aufregend neuen Realismus im US-Kino.

"Dirty Harry": Ein Leichtes, ihn als reaktionär zu identifizieren
"Dirty Harry": Nicht schwer, ihn als reaktionär zu identifizieren


War ja auch gut recherchiert, der Film: Die Figur des Popeye Doyle basierte auf NYPD-Cop Eddie Egan, der sich in einem Interview mit der Zeitschrift „Life“ Anfang der 1970er-Jahre beschwerte, dass er nur noch Papierkram erledigen dürfe, wo er doch eigentlich da draußen Schädel einschlagen wollte, um die Straßen sicher zu machen für die Bürger, die morgens zur Arbeit gehen. „The French Connection“ entstand außerdem zu einer Zeit, als die Nixon-Administration den sogenannten „War on Crime“ lostrat, der Beginn jenes Zeitalter der Masseninhaftierung und Polizeigewalt, das heute als State of the Art des institutionalisierten Rassismus in den USA gilt. Unter Nixon wurden härtere Strafen für geringfügige Vergehen eingeführt und Gefängnisse gebaut – und durch Verhaftungsquoten und den verstärkten Einsatz von Undercover-Einheiten sollte die Polizeiarbeit für unterbezahlte, frustrierte Cops wieder aufregender werden.

Die Historikerin Elizabeth Hinton hat auf eine entsprechende affektive Dissonanz hingewiesen: Nach den städtischen Aufständen Ende der 1960er-Jahre hatten Untersuchungskommissionen eigentlich angeregt, dass die Polizei in den schwarzen Vierteln der US-Metropolen stärker Community-Arbeit leisten müsste. Doch die Cops, die intern gefeiert wurden, waren die Polizisten undercover und in Zivil – die, die sich in Schießereien verwickeln ließen und Verdächtige durch die Straßen jagten. Die Eddie Egans, und die, die Popeye Doyles werden wollten. Alles, was junge Cops wollen, erklärte Eddie Egan einst gegenüber „Life“, ist dranzubleiben am eigenen Fall, dabei bloß nicht allzu strikt den Regeln folgen, vor allem dann nicht, wenn man genau weiß, dass man im Recht ist.


„Don’t shoot, can’t breathe, can’t run…“

Alles, was junge Cops wollen. Affektive Anerkennung. Luft abschnüren. Recht ist relativ, das Leben erst recht. Jubel im Kino. Eine „Epipher unserer Zeit“ bringt Imani Perry in ihrem Brief an die Söhne unter. Sie geht so: „Hands up, don’t shoot, can’t breathe, can’t run, can’t play, can’t drive, can’t sleep, can’t lose your mind unless you are ready to lose your life, dead dead dead. We wail and cry, how many pietàs? We protest their deaths; we protest for our lives.“


Die genannten Bücher:

Imani Perry: Breathe: A Letter to My Sons (2019)

Nicholas Godfrey: The Limits of Auteurism: Case Studies in the Critically Constructed New Hollywood (2018)

Elizabeth Hinton: From the War on Povertyto the War on Crime: The Making of Mass Incarceration in America (2016)


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren