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Filmklassiker: Das große Fressen

Samstag, 06.06.2020

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Marco Ferreris „Das große Fressen“ – das ist zunächst einmal die Geschichte eines handfesten Skandals, in einer Zeit, in der Skandale noch möglich waren. Bei seiner Uraufführung in Cannes im Mai 1973 sorgte „La grande abbuffata“, so der italienische Originaltitel, für reichlich Wirbel. Von den Kritikern wurde der Film höchst kontrovers aufgenommen. „Voll vulgärem Sex und Völlerei“, meckerte der „Spiegel“, „Dekadent, zynisch und oft obszön“, befand Roger Ebert in der „Chicago Sun Times“. „La grande bouse“ – „Der große Kuhfladen“, titelte eine Zeitschrift in Verballhornung des französischen Originaltitels „La grande bouffe“. Die Autoren des Rowohlt-Filmlexikons gingen sogar so weit, den Film für „in jeder Hinsicht grässlich“ zu halten und machten „den vorläufigen Tiefpunkt im Abstieg eines großen Talents“ aus.

Die Fernsehaufnahmen der Pressekonferenz in Cannes, wo „Das große Fressen“ im Wettbewerb lief, zeigen Marco Ferreri (1928-1997), angetan mit Hosenträgern und einem hässlichen Hemd, als Showman, der einfach aufspringt, sich der Fehde mit den Journalisten stellt und seinen Film leidenschaftlich verteidigt. Davon zeugen auch seine blitzenden blauen Augen. Ich erinnere mich noch gut, dass ich beim deutschen Start im September 1973 zu jung war, um den Film im Kino sehen zu dürfen, da er erst ab 18 Jahren erlaubt war. Das machte die Sache aber noch interessanter.


Satirische Parabeln über gesellschaftliche Missstände

Schon sein unvorteilhafter Pilgerbart, also jener Vollbart, bei dem Oberlippe und Wangen ausrasiert sind und die verbleibenden Haare die untere Gesichtshälfte mit einem Halbkranz umschließen, hebt Marco Ferreri heraus. Er ist der Außenseiter, der die Dinge anders macht als andere. Ein „autore scomodo“ (Bruno Torri), ein „unbequemer Autor“, der mit bizarren, surrealen und satirischen Parabeln seinem Zorn über gesellschaftliche Missstände Ausdruck verleiht. Er schockiert, er provoziert, er untergräbt systematisch Werte wie Reinheit, Zivilisiertheit und Heroismus. Dabei sucht er stets das überraschende Bild, den grellen Effekt, das polemische Thema, den unkonventionellen Plot.

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In „La donna scimmia“ (1964) ist eine Frau am ganzen Körper stark beharrt, in „L’harem“ (1967) unterhält eine andere Frau zu fünf Männern gleichzeitig Beziehungen, in „Dillinger ist tot“ (1968) reinigt ein Mann umständlich seine Pistole, um dann seine Frau zu erschießen, in Allein mit Giorgio (1972) unterwirft sich eine Frau dem Mann, indem sie seinen Hund tötet und dessen Platz einnimmt, „Berühre nicht die weiße Frau“ (1974) hingegen ist ein Western, der mitten in Paris in einer riesengroßen Baugrube die Schlacht von General Custer am Little Big Horn nachstellt. „Die letzte Frau“ (1975) gipfelte gar in der Kastration des Mannes, in „Affentraum“ (1978) widmet ein Mann seine Gefühle einem Affen.


Dabei demonstriert Ferreri plakativ die zerstörerischen Folgen falscher Werte auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Seine Filme handeln von der Unmöglichkeit, aber auch der Nutzlosigkeit zu kommunizieren. Zwei Phänomene der 1970er-Jahre nahm Ferreri bereits vorweg: die Verletzlichkeit des Paares sowie den vergeblichen Versuch des Mannes, seine Dominanz in sexuellen Beziehungen zu bewahren. Ähnlich wie bei Michelangelo Antonioni ist auch bei Ferreri die Frau dem Mann überlegen. Allerdings hat man ihm auch wegen „Die Bienenkönigin“, „La donna scimmia“ und „Allein mit Giorgio“ Antifeminismus und Frauenhass vorgeworfen. Seine Monstren sind immer auch Produkte der Gesellschaft – das macht Ferreris Filme so politisch. Auch wenn er dieser Einschätzung vehement zurückwies.

Ein streitbarer, temperamentvoller Geist

Wer Ferreri einmal leibhaftig erlebt hat, zum Beispiel bei der Pressekonferenz während der „Berlinale“ 1991 anlässlich seines Wettbewerb-Beitrags „Haus der Freuden“, weiß, was für ein streitbarer Geist er war. Kritikern begegnete er mit aufbrausendem Temperament, andere Meinungen ließ er nur ungern zu. „Mit Ihnen rede ich nicht!“, musste sich ein Filmjournalist abkanzeln lassen, nachdem er eine unangenehme Frage gestellt hatte. Ferreri scherte sich nicht um Konventionen. Er hat nie versucht, ein populärer Unterhalter zu sein. Marco Ferreri machte sein eigenes Ding.

Das große Fressen“, 1973 gedreht, ist, nicht zuletzt wegen des Skandals und der damit verbundenen Medienaufmerksamkeit, Ferreris bekanntester und erfolgreichster Film. Er beschreibt, wie sich vier Vertreter der Bourgeoisie – ein Richter, ein Pilot, ein Koch und ein Fernsehredakteur – in einer hochherrschaftlichen Villa treffen, um dort über mehrere Tage und Nächte hinweg ein ausuferndes Schlemmermahl abzuhalten. Ganze Wagenladungen von köstlichen Nahrungsmitteln werden angeliefert. Doch die vier Männer fressen sich buchstäblich zu Tode, am Ende ist jeder auf andere, aber makabre Weise gestorben. Die Speise, die eigentlich nötig ist, um das Leben zu erhalten, wird hier in ein Mittel umgewandelt, den Tod hervorzurufen. Die Lust am Essen verkehrt sich in ihr Gegenteil.


Ein satirisches Abbild der Konsumgesellschaft

Ferreri konterkariert die Rituale des Essens, er kritisiert Hedonismus und Konsum; die vornehme Gesellschaft landet auf dem Seziertisch. „Ferreri hat diesem satirischen Abbild einer am Konsum und am Fressen (im weitesten Sinn) orientierten Gesellschaft polemisch und surreal zugespitzte Züge gegeben, den ,guten Geschmack‘ durch die Vorführung von allerlei Scheußlichkeiten systematisch verletzt. (…) Er inszeniert das Sich-zu-Tode-Fressen als ein spannendes, pittoreskes, höchstens in seiner Konsequenz bedenkliches Schauspiel“, schreibt Ulrich Gregor in seiner „Geschichte des Films ab 1960“.

Und dann sind da noch die vier Schauspieler: Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Philippe Noiret und Michel Piccoli. Vier große Stars des europäischen Kinos, die sich mit Mut und Begeisterung in das ausufernde Geschehen werfen. Besonders Michel Piccoli entledigt sich hier seiner Rolle als kultivierter und soignierter Lebemann. Wenn er furzend und schnaufend in seinen eigenen Exkrementen dahinsiecht, muss man diese schauspielerische Tour de Force einfach bewundern.

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