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Der Geist des Bienenstocks

Sonntag, 07.06.2020

Zur Filmmusik der Britin Mica Levi

Diskussion

Die 1987 im britischen Surrey geborene Komponistin Mica Levi hat sich innerhalb weniger Jahre als eine der aufregendsten Klangkünstlerinnen des Kinos etabliert. In ihren Filmkompositionen von „Under the Skin“ bis aktuell zu „Monos - Zwischen Himmel und Hölle“ (hier geht es zur Filmkritik) lässt sie sich von den Bildern und Tönen der Filme inspirieren und schickt den Zuschauer auf eine abgründige Reise.


Es ist wahrscheinlich keine Übertreibung, die Kompositionen Mica Levis für Jonathan Glazers Under the Skinals herausragende filmmusikalische Leistung des vergangenen Jahrzehnts zu betrachten. Ihre Töne evozieren zugleich das Bedrohliche, Verführende und Fremde. Selten hat der etwas abgenutzte Begriff „Klangteppich“ besser gepasst als hier. Es vibriert unter dem Film, ein Tremolo-Rauschen drückt die Bilder gen Abgrund, doch immer wieder schälen sich sanfte Melodien aus den Verzerrungen und Disharmonien. Levi, für die „Under the Skin“ ihr Debüt als Filmkomponistin markierte, verglich ihre Musik für den Film mit einem Bienenstock.

Honig erntete sie unter anderem in Form eines Lobs des legendären Ryūichi Sakamoto, der vollends begeistert war, als er diese Musik als Jurymitglied in Venedig 2013 hörte. Was ihm besonders imponierte, war Levis Fähigkeit, aus höchst ungewöhnlichen, experimentellen Ansätzen klassische musikalische Strukturen und Motive zu entwickeln. Die Vermischung analoger Unberechenbarkeit mit digitalen Eingriffen und menschlichen Tönen wie Gesang oder Pfeifen zeichnet auch Levis Bandprojekt Micachu and the Shapes aus.

Bedrohlich, verführerisch und fremd: „Under the Skin“ © Senator/Universum
Bedrohlich, verführerisch und fremd: „Under the Skin“ © Senator/Universum

Kein Ton muss auf dem nächsten stehen

Kein Ton muss mehr auf dem nächsten stehen, kein Akkord kann nicht zerbrechen. Pablo Larraín, der ebenfalls in der Jury Venedigs saß, arbeitete in seinem Biopic Jackiemit Levi zusammen. Für die deutlich zurückhaltendere, aber trotzdem aneckende, ins Halluzinogene driftende Musik erhielt Levi eine „Oscar“-Nominierung. Damit war sie erst die sechste Komponistin in der Geschichte der Preisverleihung, der diese Ehre zuteilwurde.

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Dabei gehört Levi zusammen mit Hildur Guðnadóttir (Joker), Lesley Barber (Manchester by the Sea), immer noch Anne Dudley (Elle) oder Rachel Portman (Alles, was wir geben mussten), Yoko Kanno (Unsere kleine Schwester) und Christine Ott (die unter anderem einen wunderbaren neuen Soundtrack zu Murnaus Tabu einspielte) zu einer aufregenden Gruppe Filmkomponistinnen der vergangenen Jahre. Ihre Musik sticht dabei aber nochmal heraus.

Arbeit mit dem vorhandenen Ton

Das liegt auch daran, dass Levi Musik niemals als reine Untermalung des Geschehens versteht. Stattdessen arbeitet sie mit dem bereits vorhandenen Ton und erschafft Gegensätze sowie unheimliche Überlappungen. In „Monos - Zwischen Himmel und Höllezum Beispiel setzt Levi Geräusche aus dem Dschungel, in dem ein Großteil des Films angesiedelt ist, in ihre Musik ein. Man kann nicht immer sicher sein, ob man gerade ein Instrument oder das Rascheln eines Blätterwaldes hört. Sieht man sich etwa Glazers Kurzfilm „The Fall“ an, hört man kaum einen Unterschied zwischen Ton und Musik. Alles geht ineinander über und hebt sich doch deutlich voneinander ab. Denn Levi produziert musikalische Geräuschkulissen, die direkt aus dem Film und seinen Figuren zu kommen scheinen, aber noch viel eher aus dem Jenseits und den Träumen, die man nach dem Sehen des Films haben wird. In ihrer bisherigen Arbeit schaut sich die Komponistin die Filme erst an, wenn sie fertig geschnitten sind. Sie möchte weder Drehbücher lesen noch mit den Filmemachern vorher über die Musik sprechen. Ihre Musik ist auch eine Reaktion auf die Bilder, es ist die Musik einer Zuschauerin.

Musik als Reaktion einer Zuschauerin auf die Bilder: „Monos“ © DCM
Musik als Reaktion einer Zuschauerin auf die Bilder: „Monos“ © DCM

In ihrer Arbeit mit Jonathan Glazer gibt es ein choreographiertes Zusammenspiel. Denkt man zum Beispiel an die Sequenzen in „Under the Skin“, in denen der von Scarlett Johansson verkörperte Alien Männer verführt und langsam in eine schwarze Luftblase führt, meint man fast, dass sich die Schauspielerin zur Musik bewegt und nicht andersherum. Es entsteht ein Zusammenspiel zwischen den Bewegungen, die immer drohen zu kippen, sich ins Monströse, völlig Entgleiste zu flüchten, an einen Nullpunkt der Psyche zu gelangen.

Levis Musik fühlt sich dort am Wohlsten, wo die Welt nur noch scheinbar normal ist. In „Marjorie Prime“, einem etwas saftlosen Film über eine digitale Zukunft, in der Hologramme verstorbener Partner den realen Lebensgefährten Gesellschaft leisten, hört man gleich zu Beginn ein schrilles Crescendo des Unwohlseins. Levis Filmmusik beschreibt oft dystopischen Horror, untermauert von Sehnsucht und Brisen des Glücks. Man hört sofort, dass etwas nicht stimmt, kann es aber nicht zuordnen. Besonders eindrücklich sind jene Momente, in denen sich die Kamera langsam auf ein Objekt oder ein Gesicht zubewegt und man im Meer der Töne rätselt, ob die Musik aus dem Innen der Figuren oder aus dem Außen des Betrachtens kommt.

Tausende kleinster Bewegungen

Die filmtheoretische Unterscheidung zwischen Zeit- und Bewegungsbild findet bei Levi ihre musikalische Überbrückung. Sie macht Musik, die gleichermaßen Gedanken und Gefühle beschreibt, aber Handlungen voraussetzt. Musik, die tatsächlich an einen Bienenstock erinnert, in dem alles organisiert ist und ein großes Ganzes bildet, aber man gleichzeitig tausende kleinster Bewegungen erkennt. „Monos - Zwischen Himmel und Höllebildet musikalisch einen weiteren dieser dystopisch entrückten Bienenstöcke. Der Film beschreibt lange eine merkwürdige Gleichzeitigkeit zwischen Unschuld und Verbrechen, Spiel und Horror, und Levis Musik drückt sich aus, indem sie in genau diesen Ambivalenzen arbeitet.

Spiel mit Ambivalenzen: „Monos“
Spiel mit Ambivalenzen: „Monos“

Regisseur Alejandro Landes setzt die Musik an ausgewählten Stellen ein und macht unablässig Gebrauch von einer Art Voraussicht, die sich durch die Musik erzählt. Man spürt, dass etwas auf einen zukommt, aber es ist schwer zu beschreiben. Wie ein Grummeln in der Magengegend oder ein sich aus der Ferne ankündigender Helikopter zwingt einen Levis Musik zur Aufmerksamkeit. Handtrommeln, tiefe Bässe, man bekommt das Gefühl, dass höhere Mächte im Spiel sind. Dazu mischen sich von Ennio Morricone beeinflusste Pfiffe, und ehe man sich verhört, verliert man sich in abgründigen Träumen auf entlegenen Planeten. Die Musik von Levi schickt einen auf eine Reise. Zuerst bewegt man sich aus den Fiktionen in sich selbst und dann wieder zurück, mitten hinein ins Herz der Filme.

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