© imago images / United Archives (beim Dreh von „Als der Wind den Sand berührte“)

Erinnerungen an Marion Hänsel

Montag, 15.06.2020

Nachruf auf die belgische Filmemacherin Marion Hänsel (12.2.1949-8.6.2020)

Diskussion

Die belgische Regisseurin Marion Hänsel erkundete mit poetischen, literarisch beeinflussten Filmen die schweren Lasten von Familienbeziehungen und Traumata der Vergangenheit. Viele ihrer preisgekrönten Werke besaßen malerische und philosophische Qualitäten und näherten sich sensibel dem Geheimnis des Lebens. Ein Nachruf auf die im Alter von 71 Jahren verstorbene Filmemacherin.


Ihre erste große Leidenschaft galt der Malerei. Deshalb besuchte sie eine Kunstschule in Großbritannien, bevor die Schauspielerei lockte. 1967 besuchte sie eine Schauspielschule, anschließend in New York das Actor’s Studio, dann eine Zirkusschule in Paris. Sie spielte in Filmen und versuchte sich in der Avantgarde-Theaterszene von Brüssel. Doch der ästhetischen Bildgestaltung, der Auswahl von poetischen, magischen, naturalistischen Tableaus ist Marion Hänsel ein Leben lang treu geblieben. Einflüsse stilprägender Maler wie Pieter Brueghel, Willam Turner, James Ensor, Paul Delvaux oder René Magritte sind in ihren 14 Filmen immer wieder zu spüren.

Die am 12. Februar 1949 in Marseille als Marion Ackermann geborene Marion Hänsel wuchs in der flämischen Hauptstadt Antwerpen auf. Zeit ihres Lebens war sie eine Reisende, eine Entdeckerin, eine Abenteuerin. Das Festival in Rotterdam widmete ihr noch im Januar 2020 eine komplette Retrospektive, inklusive des letzten Films mit dem Titel „Il était un petit navire“: ein intimes, von Krankheit bestimmtes Selbstporträt im Stil von „Wolken“.


Eine Liebeserklärung an den Sohn

Mit Wolken – Briefe an meinen Sohn (2001) realisierte Marion Hänsel eine Art poetischen Essay. Diese sehr persönliche, emotional-reflektierte Liebeserklärung und Standortbestimmung an das Universum und die Erde mit ihren permanenten Metamorphosen ist aus der Perspektive eines Wolkenbetrachters fotografiert, der dem Fluss der Zeit und dem Wechsel der Himmelsgebilde folgt. Aus dem Entstehen und dem Vergehen von Licht, Farbe und Strukturen am Firmament wird eine Symphonie aus Raum und Zeit.

„Wolken – Briefe an meinen Sohn“ © Pegasos
„Wolken – Briefe an meinen Sohn“ © Pegasos

Wenn die Kamera dem Fußabdruck des Menschen und seines Gestaltungswillens nachspürt, wird der ganzheitliche, ja fast philosophische Ansatz der belgischen Regisseurin deutlich. Präsent nur in den nicht verschickten Briefen an ihren 1983 geborenen, mittlerweile erwachsenen Sohn Jan. Eine mütterliche Beziehung von der Schwangerschaft, der Begleitung in der Adoleszenz und dem Tag der Trennung, dem Abschied, der ihr drohenden Einsamkeit. Dass sich da auch Pathos, große Gefühle einschleichen, ist manchmal vielleicht etwas zu viel, aber auch sehr sympathisch und aufrichtig. In der deutschen Synchronisation wurden Hänsels Worte von Barbara Auer nachempfunden.


Ein Faible fürs literarisch angehauchte Arthouse-Kino

Marion Hänsel hat keine kommerziellen Spielfilme gemacht, sie bevorzugte das ambitionierte, literarisch angehauchte Arthouse-Kino mit ausdrucksstarken, auch bekannten Schauspielern. So liefern sich Jane Birkin und Trevor Howard in dem dichten Psychodrama Dust (1986) eine unglückliche, nervenaufreibende Vater-Tochter-Beziehung; Grundlage war der Roman „Im Herzen des Landes“ des südafrikanischen Schriftstellers J.M. Coetzee. Auf einer abgelegenen Farm in Südafrika, die von der unerbittlichen Steppenlandschaft und der flirrenden Sonne wieder zurückerobert wird, seziert Hänsel in der Versuchsanordnung menschlicher Dissonanzen eine archaische Familientragödie, eine Hassliebe im Abhängigkeitsverhältnis zwischen Schwarz und Weiß, sexuelles Begehren und Vergewaltigung, Schweigen und Einsamkeit. Bilder von Gesichtern, Landschaften, Vexierbilder aus Traum und Realität, ein innerer Monolog. „Diese Frau muss ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, dafür kämpfen und sich aus ihren Fesseln befreien. Frauen warten zu oft darauf, aus ihren Problemen herausgelöst zu werden“, notierte die Filmemacherin. Und: Der Ödipus-Komplex sei „die schwierigste Sache, die eine Frau zu überwinden hat.“

„Dust“ © Lichtblick
„Dust“ © Lichtblick

Hänsels Spielfilmdebüt Die Kraft der Liebe(1982) schilderte den Abschied vom Leben in einem surrealen Niemandsland zwischen Liebe und Tod. Im winterlichen Antwerpen pflegt eine Frau (Natasha Parry) ihren älteren Mann (Heinz Bennent). Ihr Film Barbarische Hochzeit(1987) adaptierte den gleichnamigen melodramatischen Roman von Yann Queffélec. Es geht um die quälenden Erfahrungen einer frühreifen Jugendlichen (Marianne Basler), die von drei US-Soldaten vergewaltigt wird. Der daraus hervorgehende Sohn bleibt ungeliebt, verhasst, wird ins Heim gesteckt. Hänsel kreist um die provinzielle Enge, das Scheitern an sich und an den anderen, den Verlust eines „normalen“ Lebens und die Suche nach Menschlichkeit.

Das Geheimnis des Dirigenten (1990) mit Malcolm McDowell in der Titelrolle war ein Blick zurück in die Vergangenheit eines jüdischen Künstlers in der Toskana 1943/44. Mit der Geschichte der Freundschaft eines zehnjährigen Mädchens zu einem Matrosen konkurrierte Hänsel dann im Wettbewerb um die „Goldene Palme“ von Cannes: Der Teufel und die tiefe blaue See (1995). 2006 verfilmte sie den Roman Als der Wind den Sand berührte über den Weg einer Familie am Horn von Afrika, auf der Suche nach Wasser während einer Dürre. Die Beschäftigung mit der eigenen familiären Vergangenheit prägte Stromaufwärts (2016), in der zwei Halbbrüder (Oliver Gourmet, Sergi López) nach dem Tod ihres Vaters auf einer Bootsfahrt eine bizarre Fluss- und Gebirgslandschaft erkunden. Traumata bildeten ein festes Motiv in den Filmen von Marion Hänsel.

„Der Teufel und die tiefe blaue See“ © Man's Films
„Der Teufel und die tiefe blaue See“ © Man's Films

Eine Galionsfigur des belgischen Kinos

Hänsel war in den 35 Jahren ihrer filmischen Verwirklichung keine bekennende, militante Feministin. Aber auf die tiefen Risse der Beziehungen hat sie genauer und subtiler als viele ihrer Geschlechtsgenossinnen hingewiesen, mit großer Sensibilität, als ästhetischer Kompass der Visualität und Langsamkeit. Sie stieß ein Kaleidoskop aus Erinnerungen an. Die unaufgearbeitete Vergangenheit, Gefühle des Vergessens und der Schuld, familiäre Verletzungen und Wunden, das Geheimnis und das Wunder des Lebens überhaupt spielten eine wichtige Rolle. Ein zutiefst humanistischer, auch religiöser Ansatz.

Neben der 1950 geborenen Chantal Akerman war Marion Hänsel eine der wenigen international anerkannten Filmemacherinnen aus Belgien. Beeinflusst von der französischen Nouvelle Vague, mit Agnès Varda als Vorbild, gründete sie 1977 ihre eigene Produktionsfirma Man’s Films. Ihr Engagement als Schauspielerin, Drehbuchautorin, Produzentin und als Präsidentin der wallonischen Filmförderung eröffnete dem Nachwuchs viele Türen. 1987 wurde sie als „Frau des Jahres“ ausgezeichnet. Sie wollte die Kontrolle, den Überblick über die gesamte Entstehungskette einer Produktion behalten, eine einzigartige Figur der belgischen Kinematografie.

1995 erzählte sie einmal von der großen Leidenschaft, Filme zu machen. Der Großvater weckte die Liebe zum Zirkus, zum Western, den weiten Landschaften. „An einem Morgen bin ich aufgewacht, das Fenster war offen und der Himmel blau. Und ich habe zu mir gesagt – also, ich mache Kino, das ist mein Metier.“

„Stromaufwärts“ © Peripher
„Stromaufwärts“ © Peripher

Kommentar verfassen

Kommentieren