© Universal (aus: "The Outsiders")

Uniform der Individualisten

Samstag, 20.06.2020

Über die denkwürdigen Auftritte der Jeansjacke im Kino

Diskussion

Die Jeansjacke ist kein Kleidungsstück wie jedes andere. Wie bei kaum einem anderen Modeartikel hat das Kino dazu beigetragen, Jeansjacken zum Symbol für zahllose Formen des Außenseitertums zu machen. Wo sie in Filmen auftauchen, weisen sie ihre Figuren als Outlaws, Rebellen und Einzelgänger aus, die abseits der Mehrheitsgesellschaft stehen und diese demonstrativ für ihre Konventionen verachten. Eine Hommage.



In Breakfast Club – Der Frühstücksclub (1985) schickt Regisseur John Hughes fünf High-School-Archetypen zum Nachsitzen. Das sind der einfach gestrickte Sportler, die „Prinzessin“ aus gutem Haus, der Mathe-Nerd, die leicht psychopathische Außenseiterin sowie der gegen alles rebellierende Problemschüler. Der heißt John (Judd Nelson), stammt aus einer zerrütteten Familie, steuert auf eine kriminelle Zukunft hin und tritt seinem Umfeld mit provokativer Verachtung entgegen. Er ist ein nervtötender und asozialer Typ, aber mit seiner konfrontativen Art gelingt es ihm schließlich, die Ängste und Sehnsüchte seiner Mitschüler freizulegen.

Ein wesentliches Detail ist, was John trägt: eine Jeansjacke; genau genommen das im Jahr 1962 auf den Markt gebrachte Levi’s Trucker Jacket mit Brust-, aber keinen Seitentaschen und konisch zulaufenden gelben Nähten. Dabei ist es nicht nur das Kleidungsstück, in dem sich die Unangepasstheit der Figur manifestiert, sondern auch die Art, wie es getragen wird: Mit den aufgeknöpften Ärmelenden und dem verloren abstehenden Kragen signalisiert John auf aggressive Weise Gleichgültigkeit.

Signal der Unangepasstheit: Die Levis Trucker Jeansjacke von Judd Nelson (r.) in "Breakfast Club"
Signal der Unangepasstheit: Die Levi's Trucker Jeansjacke in "Breakfast Club" Universal)

Als „The Breakfast Club“ in die Kinos kam, besaß die Jeansjacke bereits eine lange, mit Bedeutung aufgeladene Tradition. Erfunden wurde sie wohl vor 140 Jahren von dem deutschen Auswanderer Levi Strauss in den USA – als Ergänzung zu der bereits einige Jahre zuvor gemeinsam mit dem Schneider Jacob W. Davis patentierten Jeanshose. Der Ursprung des belastbaren, diagonal gerippten und meist blau gefärbten Bauwollstoffs Denim lässt sich bis ins französische Nîmes und ins italienische Genua zurückverfolgen. Doch erst in den USA bekamen die Hosen und Jacken durch die mit Nieten verstärkten Nähte ihr charakteristisches Aussehen.


Von der Arbeitskleidung zur Ikone der Popkultur

Wie viele Klassiker der Freizeitmode war auch die Jeansjacke ursprünglich als Arbeitskleidung gedacht. Entworfen wurde sie für Goldgräber und diente später Berg- und Schienenarbeitern sowie natürlich den Cowboys. Eine zentrale Stellung in der Popkultur nahm sie dagegen erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Wie leicht man mit einem solchen Outfit anecken konnte, musste der nicht besonders rebellische Sänger Bing Crosby im Jahr 1951 erfahren. Als er nach einem Jagdausflug mit voller Jeansmontur in einem kanadischen Hotel einchecken wollten, verwehrte man ihm aufgrund seines unschicklichen Äußeren ein Zimmer. Als Marketinggag entwarf Levi’s daraufhin ein Denim-Sakko für den Star. Noch heute bezeichnet man die Kombination aus Jeansjacke und -hose deshalb als Canadian Tuxedo.

Im selben Jahr wie dieser Vorfall filmte Hans Namuth den Künstler Jackson Pollock bei der Entstehung eines seiner abstrakten, mit Farbtropfspuren übersäten Gemälde. Die Jeansjacke, die der Künstler am Anfang des Films trägt, dient dabei nicht nur als Arbeitskleidung, sondern verkörpert die Wildheit eines Einzelgängers, der abseits der Mehrheitsgesellschaft lebt.

Diesen Outsider-Look greift auch Martin Ritts Western Der Wildeste unterTausend (1963) auf. Paul Newman spielt darin den zynisch versoffenen Cowboy Hud, der nicht sonderlich sympathisch ist, aber eine ungemeine Faszination auf seinen Neffen und die Frauen im Dorf ausübt. Das Storm Rider Jacket der Marke Lee mit seinem hellen Cordkragen verleiht ihm raue Eleganz und eine individuelle Note. Im Gegensatz zum festen Sitz an der Taille ist dieses Modell an den Oberarmen und Schultern weiter geschnitten.

Betont die maskuline Shilouette von Paul Newman (.): eine der Marke Lee
Betont die maskuline Silhouette von Paul Newman (l.): ein Storm Rider Jakcket der Marke Lee (© Paramount)

Die an ein umgedrehtes Dreieck erinnernde, betont maskuline Silhouette hebt Newman noch zusätzlich hervor, indem er die unteren beiden Knöpfe geschlossen lässt. Wichtig ist jedoch auch das Bewusstsein, mit dem die Jacke getragen wird. Newman posiert immer ein wenig, tut es aber lässig genug, um es natürlich erscheinen zu lassen.


Die nonkonformistische Aura der Jeansjacke ist universell

Das Storm Rider Jacket mag neben Newmans Charisma und seinem guten Aussehen einer der Gründe gewesen sein, warum der Protagonist besonders bei den jungen Zuschauern extrem gut ankam. Dass Hud häufig egoistisch und unmoralisch handelt, war dabei wohl weniger entscheidend als die Tatsache, dass er sich mit diesem Verhalten gegen die Regeln des guten Anstands und gegen die Werte seines prinzipientreuen Vaters auflehnte. Seine respektlose Haltung gegenüber Tradition und Autorität ist letztlich nichts anderes als der Kern jeder Gegenkultur. Obwohl die Jeansjacke für einen typisch US-amerikanischen Freiheitsgedanken steht, ist ihre nonkonformistische Aura universell. So trug sie neben Newman etwa auch Werner Enke als Münchner Slacker in May Spils’ Zur Sache, Schätzchen (1968) oder Hongkong-Star Andy Lau als krimineller Draufgänger in dem actionreichen Pop-Melodram „A Moment of Romance“ (1990) von Benny Chan.

Obwohl die Jeansjacke meist Außenseiter kleidet, bleibt sie politisch ambivalent. Von Punks wurde sie ebenso geschätzt wie von rechten Skins. Brad Pitt spielt in Once Upon a Time in Hollywood (2019) einen Kriegsveteranen und Stuntman, der mit den überall in der Stadt herumlungernden Hippies wenig am Hut hat. Seine – ungewöhnlicherweise mit Reißverschluss versehene – Wrangler-Jacke wirkt formlos und doch schick. Dabei demonstriert sie sein Einzelgänger-Dasein, aber auch eine gefährliche Unberechenbarkeit. Mehrmals wird im Film gemutmaßt, dass er vielleicht seine Frau umgebracht habe.

Bemerkenswert ist auch, dass der männlich-herbe, athletische Stuntman alterslos wirkt, obwohl Brad Pitt zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon fast Mitte fünfzig war. Wenn ältere Herren die Jeansjacke aus dem Schrank holen, ist das nicht selten ein Statement, mit dem ihre Jugendlichkeit demonstriert wird – so wie es etwa Sylvester Stallone gerade in Rambo: Last Blood (2019) getan hat. Das kann, muss aber nicht würdelos wirken. Man sehe sich nur den über 70-jährigen Clint Eastwood an, wie er als Boxtrainer in Million Dollar Baby (2004) seine über die Jahrzehnte unverändert drahtige Figur in dunkelblaues Denim hüllt. Das Besondere am Jeansstoff ist, dass er zunächst hart und spröde wirkt, mit der Zeit aber weicher wird und sich dem Körper anpasst. Gerade in Eastwoods Erzählkosmos, wo Lebenserfahrung häufig auf weltfremde Bürokratie trifft, wird die Jeansjacke zum ultimativen Accessoire für jemanden, der sich die Hände schmutzig macht.


Sinnlich, offensiv, antibürgerlich

Weil die Jeansjacke einst für harte, körperliche Arbeit stand, verbindet man mit ihr auch eine ursprüngliche und ungezügelte Sinnlichkeit. Herausfordernd wirkt sie, weil sie durch ihren meist recht schmalen und kurzen Schnitt nicht nur den Oberkörper kompakter wirken lässt, sondern auch den Blick auf Schritt und Hintern freilegt. Bei kaum einem Schauspieler wirkt dieser bodenständige Look so offensiv sexy wie bei Joe Dallesandro. Wenn der einstige Herumtreiber und Kleinkriminelle in den Filmen von Andy Warhol und Paul Morrissey auftrat, bestach er mit seiner entwaffnenden Unverstelltheit ebenso wie mit seiner Liebe für Denim. In Filmen wie Lonesome Cowboys oder Flesh (beide 1968) erwies er sich wegen seiner Freizügigkeit und entspannt kernigen Art als ideale Projektionsfläche für die Sehnsucht nach einer Sexualität, die entschieden proletarisch, dabei aber eher offen als streng heterosexuell war.

Wegen ihrer Herkunft im prekären Amerika grenzt sich die Jeansjacke auch automatisch von der bürgerlichen Gesellschaft ab. In Francis Ford Coppolas Die Outsider (1983) ist Jeans die abgewetzte Alltagskleidung einer Jugendgang aus prekären Verhältnissen, deren Erzfeinde glänzende College-Jacken tragen. In Rainer Werner Fassbinders Faustrecht der Freiheit (1975) geht es um den vom Regisseur selbst verkörperten Arbeiterjungen Franz, der von einem schnöseligen Unternehmersohn ausgebeutet wird. Sein hautenges Jeans-Outfit steht dabei auch für eine Aufrichtigkeit und Unschuld, die einen scharfen Kontrast zur Niedertracht und Verlogenheit der gelackten Anzugträger darstellt.

Die abgewetzte Jeansjacke signalisiert die Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht
Die abgewetzte Jeansjacke signalisiert in "Die Outsider" die Zugehörigkeit zur Arbeiterschicht Neue Constantin)

Dabei verdeutlicht Franz’ Jacke – auf deren Rückseite mit Strasssteinen sein Schausteller-Künstlername Fox prangt – das ewige Paradox dieses Kleidungsstücks: Einerseits ist es wie eine Uniform, die alle gleichmacht, andererseits ein Ausdruck von Individualismus. Es gibt viele Aneignungen der Jeansjacke. In der Sitcom „Der Prinz von Bel-Air“ (1990-96) besitzt Will Smith ein Oversize-Modell mit Comicbildern, das zu dem verspielten Charakter seiner Figur ebenso passt wie zum typischen 1990er-Jahre-Hip-Hop-Style. Und im Elton-John-Biopic Rocketman (2019) trägt Taron Egerton eine mit allerlei bunten Aufnähern gepflasterte Jacke, die Ausdruck seiner schillernden Bühnenpersönlichkeit ist.


Variationen machen den Unterschied

Doch selbst bei den klassischen Modellen offenbaren schon die kleinen Unterschiede etwas über ihre Träger. In der israelischen Sexkomödie Eis am Stiel (1978) tragen die Freunde Benny und Momo zwar beide eine Jeansjacke, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Während sie beim schüchternen und noch etwas kindlichen Benny in Kombination mit einem roten T-Shirt fast ein wenig brav aussieht, lässt Momos schlichtes weißes Shirt und der hochgestellte Kragen den Mädchenschwarm ungleich verwegener wirken.

Auch ein einfacher Fellkragen als Kontrast zum rauen Denim kann viel über die Zerrissenheit eines Protagonisten verraten. Der heimlich schwule, aber völlig unrebellische Held in Love, Simon (2018) trägt so eine Jacke, genau wie die gehörlose Tochter im Horrorfilm A Quiet Place (2018). Sie beschreibt den Zwiespalt des Mädchens, einerseits schutzbedürftig zu wirken, andererseits aber schon im Begriff zu stehen, im Kampf gegen die Monster über sich selbst hinauszuwachsen.

Ohnehin wird die Jeansjacke häufig auch von Frauen getragen. Im Sommercamp-Jugendfilm Kleine Biester (1980) bedient sich Kristy McNichol als burschikoses Arbeiterkind eher männlicher Attribute, offenbart aber auch, wie man mit den Mitteln der Mode Härte vortäuschen kann, um von der eigenen Verletzlichkeit abzulenken. Der Film La Boum II – Die Fete geht weiter (1982) zeigt dagegen ein Kleidungsstück, das so weit in den Mainstream vorgedrungen ist, dass es seine ursprünglichen Eigenschaften scheinbar verloren hat. Für die 15-jährige Vic (Sophie Marceau) und ihre Popper-Clique ist die Jeansjacke nur ein austauschbares Outfit unter vielen. Sieht man jedoch genauer hin, entdeckt man, dass die Rebellion des angepassten Mädchens einfach im Kleinen stattfindet.

Letztlich will auch sie sich über die Verbote ihrer fast schon notorisch aufgeschlossenen Eltern hinwegsetzen und mit verschiedenen Jungs rumprobieren, obwohl sie den Richtigen schon gefunden hat. Sie weiß zwar, dass sie ohnehin bald wie die spießigen Erwachsenen sein wird, aber bis es so weit ist, will sie sich wenigstens ein bisschen austoben. Jeansjacke und Halstuch sind dafür das passende Kostüm. Dass der von Vic verehrte Sänger der Band „Cook da Books“ genau dasselbe trägt, verdeutlicht, dass es bei der Garderobenwahl weniger um Authentizität geht als um das Kokettieren mit einem überhöhten Image.


Kleidungswechsel und innerer Wandel

In Ridley Scotts Road Movie Thelma & Louise (1991) verfügt die Jeansjacke ebenfalls über die Kraft, eine Verwandlung in Gang zu setzen. Die etwas unterwürfige texanische Hausfrau Thelma (Geena Davis) trägt zu Beginn noch eine mädchenhafte, mit weißen Rüschen verzierte Jeansjacke, die sie jedoch bald gegen das dunklere, blouson-artige Exemplar ihrer toughen Freundin Louise (Susan Sarandon) austauscht. Mit diesem Kleidungswechsel entwickelt sich Thelma dann auch immer mehr zum selbstbewussten Outlaw.

Kleider machen Outlaws: Geena Davis in "Thelma & Louise"
Kleider machen Outlaws: Geena Davis in "Thelma & Louise" Tobis)

Auch der insgeheim schwule Lehrer in Ron Pecks Nachtfalken (1978) nutzt die Jacke, um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Während er tagsüber altmodisch gemusterte Pullunder und biedere Sakkos trägt, zieht er nachts im Denim-Outfit durch die Londoner Szeneclubs. In der schwulen Mode setzte sich in den 1970er-Jahren der sogenannte Clone-Look durch; eine Ausgehuniform, die von Jeans, Leder, Flanellhemden, Stiefeln und Bärten dominiert war und mit den Codes proletarischer Männlichkeit spielte. Dabei ging es aber weniger um Imitation als um eine lustvolle Verkleidung, die der Selbstentfaltung dient, zugleich aber auch die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft signalisiert.

Wie in „La Boum II“ erweist sich auch in „Nachtfalken“ der Einsatz der Jeansjacke als bewusstes Spiel mit der Fantasie. Überhaupt ist dieses Kleidungsstück häufig nicht nur authentischer Ausdruck eines unangepassten und freiheitsliebenden Wesens, sondern zeigt auch, wer jemand sein könnte oder wie er oder sie gesehen werden will. Letztlich entlarvt auch „The Breakfast Club“ den rebellischen Archetypen als lediglich eine von vielen Möglichkeiten, eine komplexe Persönlichkeit auszudrücken. Für die dann wieder typisch US-amerikanische Maxime, dass jeder alles sein kann, findet der Film ein schönes Schlussbild: Bevor John wie ein moderner Cowboy im Sonnenuntergang verschwindet, steckt er sich noch den funkelnden Ohrring der „Prinzessin“ an.

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