© Concorde (aus: "Das süße Jenseits")

Weniger ist mehr

Montag, 22.06.2020

Ein Nachruf auf den britischen Schauspieler Ian Holm (12.9.1931-19.6.2020), der sich auch in kleinen Nebenrollen auf die Kunst verstand, mit sparsamer Mimik komplexe Charaktere zu umreißen

Diskussion

Der britische Schauspieler Ian Holm war ein Meister darin, auch Nebenrollen im Film zu begnadeten Darbietungen zu nutzen. Selbst bei kleinen Auftritten strich er souverän die Komplexität seiner Figuren heraus, wobei er die Reduktion dem exaltierten Ausbruch vorzog. In der Zusammenarbeit mit Autorenfilmern wie Atom Egoyan, David Cronenberg und Terry Gilliam interpretierte er gelegentlich auch eindrucksvolle Hauptrollen. Ruhm erwarb er sich mit „Alien“ und als Bilbo Beutlin in den „Herr der Ringe“-Filmen.


Zu Beginn von Atom Egoyans Drama „Das süße Jenseits“ (1997) fährt der Protagonist Mitchell Stephens durch eine Waschstraße. Am Telefon spricht er mit seiner drogenabhängigen Tochter Zoe. Der Anruf endet ebenso unvermittelt, wie der Automotor aussetzt. Stephens muss an spritzendem Wasser und Autobürsten vorbei zu Fuß den Ausgang suchen. Im späteren Verlauf springt der Film mehrmals zu einer Szene, die zwei Jahre später spielt; Stephens sitzt auf einem Flug neben einer Kindheitsfreundin der mittlerweile gestorbenen Zoe. Ihr Gespräch enthüllt einen verbitterten, gebrochenen Mann. Zeitlich dazwischen liegt der Großteil des Films, in dem Stephens das macht, womit sich Anwälte im Kino immer wieder ihren schlechten Ruf verdient haben: eine Leidenssituation trauernder, überforderter Menschen auszunutzen, um sie von einer Klage zu überzeugen, die einen fetten Anteil an dem zu erwartenden Schadensersatz verspricht.

Eine komplexe Figur: Ian Holm als Anwalt Mitchell Stephens in "Das süße Jenseits" (imago images)
Eine komplexe Figur: Ian Holm als Anwalt in "Das süße Jenseits" (© imago images)

Die Szenen am Anfang und Ende des filmischen Zeitstrahls stellen aber klar, dass Stephens nicht nur ein gieriger Verführer ist. Unsicherheit, Überforderung und Gewissensbisse sind ebenso Teil seiner Persönlichkeit wie sein Talent zur Manipulation. Diese Absicherung des Films, um die Figur vor Missverständnissen zu bewahren, bräuchte es aber gar nicht zwingend, da sein Hauptdarsteller Ian Holm die komplexe innere Struktur des Anwalts schon durch sein Spiel verdeutlichen kann. In den Szenen, in denen Stephens nach und nach die Einwohner einer kanadischen Kleinstadt besucht, die ihre Kinder bei einem verheerenden Busunfall verloren haben, zeigt Holm, wie der Anwalt aus den Augenwinkeln die jeweilige Umgebung erfasst, um daraus die richtigen Worte abzuleiten. Oft senkt er die Augen vor seinem Gegenüber, als würde die Trauer der Eltern auch seine Perspektive auf den Unglücksfall lähmen, um den Blick erst dann zu heben, wenn er zum insistierenden Einflüstern ansetzt. So etwas wie einen Unfall gäbe es nicht, bekommen die Trost Suchenden dann zu hören, ein Verantwortlicher finde sich immer. Und wie um dem Gesagten noch mehr Nachdruck zu verleihen, gibt der Anwalt seine sitzende Position auf und rutscht auf Knien an die Opfer seiner Suggestion heran.


Das verschmitzte Lächeln eines Kobolds

Das süße Jenseits“ war für den 1931 nahe London geborenen Ian Holm mit 66 Jahren die erste Kino-Hauptrolle; einige weitere sollten in den Jahren danach noch folgen. So verlockend es gewesen wäre, ihn öfters im Zentrum von Filmen zu sehen, hatte der Schauspieler sich jedoch in den drei Jahrzehnten zuvor doch gleichermaßen in einer Vielzahl von Nebenrollen auf der Leinwand profiliert; Atom Egoyan hatte den Briten gerade auch deshalb für sein Seelendrama ausgewählt, weil er diesen „oft als denkwürdigsten Teil der Filme, in denen er mitspielte“ wahrgenommen habe. Ein berechtigtes Lob, denn Ian Holm stach tatsächlich auch in kurzen Auftritten stets hervor, indem er äußere Schein-Nachteile zu seinen Gunsten umfunktionierte: Ein militärisch-kurzer Schnitt und prägnante Geheimratsecken wirkten den spärlicher werdenden Haaren entgegen und ließen die hohe Stirn und die lebhaften Augen besser zur Geltung kommen; seine Körpergröße von 1,65 Metern machte er durch Agilität vergessen. In Kombination mit seinem verschmitzten Lächeln ließ Ian Holm oft an Kobold-Wesen denken, die er tatsächlich auch immer wieder spielte: Auf der Bühne als Puck im „Sommernachtstraum“, als Vater der „Borger“ in einer Fernsehadaption des Kinderbuchs, als später populärer Höhepunkt seiner Filmkarriere schließlich als abenteuerfreudiger Hobbit Bilbo Beutlin in Peter Jacksons „Herr der Ringe“- und „Hobbit“-Trilogien.

Populärer Höhepunkt: die Rolle des Bilbo Beutlin, hier in "Der Hobbit" (imago images)
Populärer Höhepunkt: die Rolle des Bilbo Beutlin, hier in "Der Hobbit" (© imago images)

Entgegen dem schauspielerischen Drang, sich mit Effekten in den Vordergrund zu spielen, setzte Ian Holm bei seinen Leinwandrollen oft auf Reduktion und leise Töne. Kenneth Branagh, der ihn in „Henry V.“ (1989) als Fluellen und in „Mary Shelley’s Frankenstein“ (1994) als Vater des Wissenschaftlers besetzte, sprach sogar von einer „Ian-Holm-Schule“ des Schauspiels mit dem Grundsatz: „Alles, was du kannst, kann ich mit weniger.“ Tatsächlich sind viele der besten Filmszenen mit Ian Holm solche, in denen er zurückhaltend und mit sparsamer Mimik agiert und damit eine größere Konzentration auf die Tiefen (und Untiefen) seiner Figuren erlaubt.

Kaum ein Darsteller hat der Filmgeschichte so viele eindrucksvolle Momente beschert, die er ganz oder wenigstens teilweise sitzend absolvierte: In „Die Stunde des Siegers“ (1981), für den Ian Holm seine einzige „Oscar“-Nominierung erhielt, wartet er als Sprinttrainer in einem Hotelzimmer angespannt auf das Ergebnis des olympischen 100-Meter-Laufs, bei dem sein Schützling Harold Abrahams (Ben Cross) antritt; als feststeht, dass Abrahams gewonnen hat, schlägt er in spontaner Begeisterung ein Loch in seinen Strohhut. Bei Holms Verkörperung von Lewis Carroll in „Das wahre Leben der Alice im Wonderland“ (1985) liegt in den Blicken, die der Autor bei einer Ruderpartie und einem Picknick dem Mädchen Alice Liddell zuwirft, die volle Tragik einer sich verbietenden Zuneigung. In „Brazil“ (1985) und „Big Night“ (1996) sitzen Holms Figuren erhöht, um ihrem Gegenüber eine Position der Überlegenheit zu demonstrieren, die sich rasch als heiße Luft erweist. Und in „Alien“ (1979) braucht Ian Holm am Ende nicht einmal mehr einen Körper, um Eindruck zu hinterlassen: Als Android, von dem nur noch der abgetrennte Kopf funktioniert, erklärt er der menschlichen Raumschiff-Besatzung mit eisigem Gleichmut, dass sie gegen die außerirdische Tötungsmaschine an Bord keine Chance hätten.

Der Überraschungserfolg „Die Stunde des Siegers“ brachte Ian Holm eine „Oscar“-Nominierung © Fox
Der Überraschungserfolg „Die Stunde des Siegers“ brachte Ian Holm eine „Oscar“-Nominierung (© Fox)


Der Wille zur Macht

Unangenehme Wahrheiten wie diese mit süffisantem Lächeln zu vermitteln, fiel oft in die Zuständigkeit von Holms Leinwandfiguren. Im Historiendrama „King George“ (1995) lässt er als Irrenarzt die Ausfälle des geistig instabilen George III. (Nigel Hawthorne) über sich übergehen, befiehlt seinen Männern dann aber, den Monarchen festzuhalten und zu knebeln, und schleudert dessen fassungslosem „Ich bin der König von England!“ ein nachdrückliches „Nein, Sir. Sie sind der Patient!“ entgegen. Ähnlich entschieden ist in „Naked Lunch“ (1991) sein Umgang als etablierter Schriftsteller mit dem halluzinierenden Kollegen Bill Lee (Peter Weller).

Bemerkenswert oft hat Ian Holm Menschen mit Macht (oder dem Willen zur Macht) gespielt, die ihrer geringen Körpergröße widersprach: Dreimal gab er Napoleon (unter anderem in „Time Bandits“, 1981), außerdem Ben Gurion ebenso wie Himmler und Goebbels oder auch einen Drahtzieher der „Jack the Ripper“-Morde in „From Hell“ (2001). Im Theater hatte er früh als Shakespeares Heinrich V. und Richard III. geglänzt, 1998 folgte noch ein gefeierter Lear, eine der wenigen Bühnenrollen, zu denen sich Ian Holm nach einem Nervenzusammenbruch bei einer Inszenierung in den 1970er-Jahren noch überwinden konnte. Er dürfte der einzige Schauspieler mit chronischem Bühnen-Lampenfieber sein, der in den Adelsstand erhoben wurde.

Für Kino und Fernsehen war die Theater-Auszeit jedoch ein Glücksfall, da Holm ab Ende der 1970er sein Arbeitsgebiet dorthin verlagerte und nicht als einfache Möglichkeit des Broterwerbs, sondern als Herausforderung begriff. Autorenfilmer wie David Cronenberg, Woody Allen, Steven Soderbergh und Danny Boyle sicherten sich seine Experimentierfreude, „Alien“, „Der Herr der Ringe“ und „Das fünfte Element“ (1997) sorgten für Publikumsruhm.

Auch Luc Besson setzte in "Das fünf Element" auf Ian Holm (© Tobis)
Auch Luc Besson setzte in "Das fünf Element" auf Ian Holm (© Tobis)

Seine Begabung für Akzente machte Ian Holm auch für spezifisch US-amerikanische Stoffe interessant, wo er von „Nacht über Manhattan“ (1996) bis „Garden State“ (2004) dominante Väter spielte und von Stanley Tucci nach der Zusammenarbeit in „Big Night“ auch als obdachloser Autor in „Joe Goulds Geheimnis“ (1999) besetzt wurde. Um dem bereits an Parkinson erkrankten Darsteller zu ermöglichen, in den „Hobbit“-Filmen noch einmal als Bilbo aufzutreten, brach Peter Jackson 2011 sogar mit seiner Absicht, die Trilogie ausschließlich in Neuseeland zu drehen, und nahm Holms Szenen in London auf. Am 19. Juni 2020 starb der Schauspieler dort im Alter von 88 Jahren.

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