© Piffl (aus "Undine")

Die Lust an der Verwandlung

Sonntag, 28.06.2020

Ein Interview mit der Schauspielerin Paula Beer über „Undine“ und die Zusammenarbeit mit Christian Petzold, über Schwerelosigkeit und die Kunst, in andere Personen zu schlüpfen

Diskussion

Jede neue Rolle beginnt für die Schauspielerin Paula Beer mit einer kleinen Krise und der Furcht vor dem Sprung ins Unbekannte. Die Lust an der Verwandlung, die Neugier und das Verlangen, in die Haut einer anderen zu schlüpfen, nicht sich, sondern die Figur zu spielen, ist gleichzeitig aber auch das, was sie beflügelt. Ab Donnerstag, 2. Juli, ist sie als moderne „Undine“ in Christian Petzolds gleichnamigem Film zu sehen.


Vor zehn Jahren waren Sie in „Poll“ von Chris Kraus zu sehen, da waren Sie gerade mal 14 Jahre alt. Wie haben Sie das damals erlebt?

Paula Beer: Je älter man wird, desto mehr denkt man über so etwas nach. Es war schon absurd, dass mich die Casterin überhaupt gesehen und gefragt hat, ob ich schon mal vor der Kamera gestanden sei. Ich musste einen Text aufsagen und singen. Kurz nach Ostern 2009 kam der Anruf, dass ich mit dabei bin. Dann saß ich auch schon im Flieger nach Estland. Zur Vorbereitung habe ich mit der Kindercoachin Gudrun Bahrmann zusammengearbeitet. Es gab Kostümproben und andere Dinge, die ich nicht kannte und von denen ich auch nicht wusste, dass sie zum Filmemachen dazugehören. Es war ein Riesenabenteuer, in Estland zu sein, wo dieses Haus ins Wasser gebaut wurde – wie ein Kinderspielplatz. Plötzlich sieht alles wie vor 100 Jahren aus und man hat alte Kostüme an. Das war ein großer Spaß. Erst später sind mir andere Dinge bewusst geworden. Jedes Kind spielt gerne, ich habe das nicht als Arbeit empfunden. Das kam erst nach der Schule: Was mache ich jetzt? Wie soll es weitergehen?

Wie hat die Casterin Sie entdeckt?

Beer: Das war Britt Bayer, die das Kindercasting für „Poll“ übernommen hatte. Sie ist damals tatsächlich an die Schulen gegangen. Sie wollte mit unserem Schuldirektor sprechen und hat mich dabei auf dem Flur gesehen. Das ist schon absurd, wenn man in der Schule auf dem Weg zum Mathe-Unterricht ist und plötzlich angesprochen wird.

Vom Mathe-Unterricht ans Set: Paula Beer in "Poll" von Chris Kraus (© Piffl)
Vom Mathe-Unterricht ans Set: Paula Beer in "Poll" von Chris Kraus (© Piffl)

Ihr internationaler Durchbruch war 2016 mit dem Film „Frantz“ von François Ozon. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Ozon erlebt?

Beer: Das hat ganz verrückt begonnen. Damals wurde ein Projekt abgesagt, dass ich gerne gemacht hätte. Das nagt schon an einem, wenn man sich in einen Film hineingedacht hat und dann eine Absage erhält. Dann aber kam ganz kurzfristig die Anfrage, ob ich am nächsten Tag in Berlin bei einem Casting sein könnte. Es gäbe noch keine Szenen, aber das Vorsprechen sei auf Französisch. François Ozon hat sich sehr viel Zeit genommen; es war ein schönes, sogar ein lustiges Casting. Sechs Wochen später haben wir mit den Dreharbeiten begonnen. Es war klar, dass wir auf Französisch drehen würden. Ich habe Französisch zwar als Fremdsprache gelernt, doch das ist etwas ganz anderes, weil die Emotionen dabei abgekoppelt sind. Man fühlt sich in der Sprache nicht so zuhause. Ozon arbeitet sehr schnell und sehr konzentriert. Er vertraut einem total. Er wählt ganz präzise aus und braucht dafür seine Zeit. Dann geht es aber sofort los. Deswegen war das ein ganz tolles Arbeiten, auch sehr aufregend, weil ich zum ersten Mal Teil eines französischen Teams war.

Sie haben nach „Frantz“ mehrere Preise gewonnen, Nachwuchspreise, Filmpreise, für „Bad Banks“ einen „Bambi“ und mehr. Wie wichtig sind Ihnen diese Preise?

Beer: Durch Preise werden Menschen aufmerksam, auch auf die Projekte. Die Arbeit wird gesehen. Das ist ein Riesengeschenk, eine tolle Anerkennung und Ehrung. Es ist aber nicht der Grund, warum ich mich für einzelne Filme entscheide. Das hat vielmehr mit der Fantasie zu tun, die sie in mir auslösen; eine Neugier und ein Verlangen, das spielen zu wollen. Ich möchte mit dem Regisseur oder der Regisseurin zusammenarbeiten. Wenn mich ein Projekt reizt und dieses Projekt dann einen Preis bekommt, freue ich mich vor allem für das Projekt.

In der zweiten Staffel von „Bad Banks“ gibt es eine Szene, in der Barry Atsma Sie zu einem Bekenntnis zwingt. Sie sollen etwas sagen, was Sie nicht sagen wollen. Wir haben Sie sich dieser Szene genähert?

Beer: Das war heftig. Geholfen hat, dass wir beide unsere Figuren schon gut kannten; es fällt leichter, wenn man schon viele Erfahrungen mit den Figuren gesammelt hat. Man kann sich dann freier bewegen, weil man einzelne Gewichtungen schon gut kennt. Bei der ersten Staffel haben Christian Schwochow und ich ganz viel danach gesucht, wer diese Jana Liekam ist und wie sie funktioniert. Wenn man das vier Monate lang gemacht hat, dann fällt der Zugang zu einer Figur leichter. Es gibt einem auch viel Kraft, wenn man ein tolles Gegenüber wie Barry Atsma hat. Das ist der Vorteil bei einer Serie: Man versteht die eigene Figur besser und besser, weil der Dreh so viel Zeit erfordert. In dieser Szene geht es darum, ob Jana das sagt, weil sie es sagen soll, oder weil sie es auch selbst meint. Ich hatte sehr viel Respekt vor dieser Szene, weil darin so viele Dinge zusammenkommen. Aber es hat geklappt!

Eine Herausforderung: Die Rolle der Jana Liekam in "Bad Banks" (ZDF)
Eine Herausforderung: Die Rolle der Jana Liekam in "Bad Banks" (© ZDF)

Ihre Figur in „Bad Banks“ ist so ganz anders als die in „Frantz“ oder jetzt in „Undine“. Ist diese Vielseitigkeit etwas, das Sie am Schauspielberuf reizt?

Beer: Das ist der Grund, warum ich spielen möchte. Ich möchte Figuren erschaffen und verstehen. Jedes Mal, wenn ich das Drehbuch bekomme, befällt mich aufs Neue die Furcht, dass ich das vielleicht überhaupt nicht darstellen kann. Es ist jedes Mal ein neues Suchen, weil jede Figur so anders ist. Das, was beim letzten Mal so gut funktioniert hat, stimmt jetzt vielleicht gar nicht. Jedes Projekt beginnt mit einer kleinen Krise: Wie fange ich an? Aber dann lasse ich mich inspirieren. Was macht das erste Lesen mit mir? Ich möchte ja nicht mich spielen, sondern Figuren. Je unterschiedlicher sie sind, umso mehr Spaß bringt das mit sich.

Stimmt es, dass die Idee zu „Undine“ auf „Transit“ zurückgeht, den Film, den Christian Petzold davor gedreht hat?
Beer: Ja. Er hat uns schon während des Drehs zu „Transit“ von dieser Geschichte erzählt, die er gern verfilmen würde. Die Figuren Georg und Marie finden in „Transit“ kein Ende. Sie verschwindet mit einem Schiff, das untergeht. Hat sie überlebt oder nicht? Ist sie überhaupt an Bord gegangen? Jetzt sind Franz Rogowski und ich als Christoph und Undine sozusagen die Fortführung. Jetzt kommt sie aus dem Wasser und ist wieder da.

Ein Wasserwesen: Paula Beer in "Undine" von Christian Petzold
Ein Wasserwesen: Paula Beer in "Undine" von Christian Petzold (© Piffl)

Für mich ist Undine eine sehr starke Frau, weil sie Macht über Männer hat und auch töten kann. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Beer: Man hat im Grunde die Geschichte der Meerjungfrau im Kopf, ein Märchen über ein zartes Mädchen. Sirenen und Nymphen sind sensible weibliche, aber auch erotische oder sexuelle Wesen. Das verbindet sich mit dem Fluch: „Wenn du mich verlässt, werde ich dich töten.“ Da gibt es kein Ausweichen; es sind quasi Naturgesetze, die mit Undine einhergehen. Dieser große Märchen-Mythos wird jetzt in die Gegenwart transportiert, ähnlich wie das Petzold in „Transit“ mit einer Welt gemacht hat, von der man nicht weiß: Ist das damals oder heute? Dadurch, dass das so eine Allgemeingültigkeit bekommt, werden auch hier große Themen nahbar. Ich habe mich darauf vorbereitet, indem ich viele Märchen gelesen habe, die sich mit Wasser und all diesen Wesen beschäftigen. Märchen sind ja auch dafür da, dass man sich das, was man an der Welt nicht versteht, zu erklären versucht. Dass es so viele Geschichten über Wasser gibt, zeigt, dass dieses Naturelement den Menschen fasziniert. Ich fand es spannend, dass man das ins heutige Berlin übersetzt. Der Film ist wie ein Traum, weil es um Liebe und Sehnsucht geht – obwohl Undine auch eine Mörderin ist. Wer weiß, wie viele Männer sie schon ertränkt hat, weil sie verraten wurde? Trotzdem geht es ums Geliebtwerden. Was ist diese Liebe, die nur die Menschen beherrschen? Dass es so sehr um bedingungslose Liebe geht, fand ich von Anfang an spannend.

Es gibt eine schöne Anekdote, dass Sie, unabhängig von „Undine“, in einer Besprechung mit Christian Petzold einmal gesagt haben, Sie müssten jetzt zum Tauchtraining…

Beer: Bei den Dreharbeiten zu dem französischen Film „Le Chant du Loup“ gab es Tauchszenen. Ich fand das damals unheimlich, unter Wasser zu sein, mit all diesen Tauchgeräten. Aber ich wollte mich dieser Angst stellen, auch weil so viele Menschen tauchen. Es kann doch nicht sein, dass so viele Menschen tauchen, ich aber Beklemmung verspüre, wenn ich unter Wasser bin! Ich habe also in Vorbereitung auf „Le Chant du Loup“ den Tauchschein gemacht, privat motiviert, angeschubst von einem Projekt. Als ich dann zum Training musste, kam Christian Petzold auf das Tauchen, zumal Christoph, die männliche Hauptfigur, Berufstaucher ist.

Wie schwierig war das Unterwasser-Shooting in „Undine“?

Beer: Dieses Mal war es ganz einfach. Ich erhielt auch ein Apnoe-Training, weil man auch ohne die ganze Apparatur unter Wasser ist. Wir hatten dieses Becken gebaut, komplett schwarz. Auf der einen Seite war die Schleuse, wo Christoph schweißt, auf der anderen Seite der Bogen mit den ganzen Wasserpflanzen. Es gibt auch Scheinwerfer, die man unter Wasser stellen kann. Plötzlich war man in einer Märchenwelt. Das Tolle an den Tauchanzügen ist dabei, dass man sich schwerelos vorkommt. Mit jedem Einatmer steigt man nach oben, mit jedem Ausatmer nach unten. Man bekommt wirklich das Gefühl, fliegen zu können. Plötzlich schwebt eine Filmcrew um dich herum. Das war sehr, sehr schön.

Sie erwähnten, dass Sie in Vorbereitung auf „Undine“ viel gelesen haben. Kennen Sie auch „Ondine“ von Neil Jordan?

Beer: Den habe ich mir bewusst nicht angeschaut. Das hätte mich innerlich behindert. Die Märchen sind Geschichten ohne Bilder; man findet selbst die Bilder dazu. Bei „Transit“ habe ich den Roman angefangen zu lesen, dann aber gemerkt, dass er mir nicht hilft. Im Buch ist es so, bei uns aber ist es so – da fangen Verklemmungen an. Petzold hat uns ein paar Filme gegeben, etwa „20.000 Meilen unter dem Meer“ oder „Unter den Brücken“. Dadurch haben wir noch mehr verstanden, worum es ihm als dem Regisseur geht.


In Petzolds Undine-Version ist die Titelfigur zur Stadtführerin mutiert
In Petzolds Undine-Version ist die Titelfigur zur Stadtführerin mutiert (© Piffl)

Als schönes Gegengewicht gibt es in „Undine“ ja den Beruf der Stadthistorikerin, die nichts Mythisches und Märchenhaftes mehr hat, sondern Fakten vermittelt. Wie haben Sie sich diese Rolle angeeignet, insbesondere mit den Vorträgen, die manchmal 16 Drehbuchseiten lang sind?

Beer: Ich musste ein bisschen lachen, als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe. Der will mich doch ärgern, dachte ich. Das Tolle an den Texten aber ist: Sie sind so gut geschrieben, dass sie die Chronologie der Stadt in sich tragen, mit Jahreszahlen, Namen und all den architektonischen Dingen. Undine macht das schon eine ganze Weile. Sie hält nicht zum allerersten Mal diesen Vortrag. Sie muss nicht nach Wörtern suchen, das ist ihr Dasein. Wenn man Undine dann noch mythischer interpretiert, weiß sie das alles sowieso, weil sie die Geschichte Berlins miterlebt hat. Sie muss sich das nicht erarbeiten, sie muss nur den Vortrag auswendig lernen. Dafür braucht es vor allem Zeit, damit man sich die Texte peu à peu erarbeitet. Diese Zeit hatte ich zum Glück.

Nach „Transit“ war das Ihre zweite Zusammenarbeit mit Christian Petzold. Was schätzen Sie an ihm?

Beer: Ich mag generell seine Arbeitsweise und seine Fähigkeit, eine Atmosphäre um sich herum zu schaffen. Weil er mit den Leuten schon sehr, sehr lange zusammenarbeitet, gibt es eine wahnsinnige Ruhe, die eine große Konzentration ermöglicht. Man redet offener miteinander, weil man sich kennt und vertraut, es ist ein geschützter Rahmen. Dadurch geht es immer um die Sache. Es gibt den Raum, über das, was passiert, zu diskutieren oder weiter zu suchen. In diesem Punkt ist seine Arbeitsweise einmalig. Er schafft es, so effektiv zu arbeiten, weil wir morgens im Kostüm proben. Dann schauen sich alle vom Team die Szene an. Wir werden in der Maske gut vorbereitet, dann wird gedreht. Christian macht immer nur ein oder zwei Takes. Das ist ein sehr angenehmes Arbeiten: So entspannt kann das vonstattengehen, und doch so konzentriert und auf den Punkt. Wenn man sich dann noch so gut versteht, macht das Riesenspaß.

Haben Sie auch schon mal Theater gespielt?

Beer: Ich habe im Friedrichstadt-Palast angefangen. Das ist eine Riesenbühne, die haben auch ein Kinderensemble. Mich interessiert Theater sehr. Es ist aber ein anderer Beruf. Das vermisse ich beim Film bisweilen, dass man nicht im Kontakt mit den Zuschauern steht. Eigentlich bekommt man nur bei den Premieren mit, wie die Menschen auf das alles reagieren. Mir fehlt das. Man macht ja Filme, weil man Geschichten erzählen möchte. Im Theater hat man viel mehr Möglichkeiten, darauf zu reagieren, wie die Geschichte gerade angenommen wird; eigentlich erzählt man diese Geschichte jeden Abend neu. Das Theaterschauspiel ist eine reizvolle Sache, vor dem ich aber auch sehr viel Respekt habe, weil es so anders ist.

Gehen Sie eigentlich gern ins Kino?

Beer: Ja. In letzter Zeit habe ich es nicht so oft geschafft, aber ich gehe manchmal bis zu fünf Mal in der Woche ins Kino. Es geht darum, zu sehen, was im Kino gerade passiert. Ich mag Kino einfach verdammt gerne.

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