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Liebe hinterlässt Spuren: Claude Lelouch zu „Die schönsten Jahre eines Lebens“

Freitag, 03.07.2020

Der französische Regisseur über die Fortschreibung seines Kinoklassikers „Ein Mann und eine Frau“ (1966)

Diskussion

Der französische Regisseur Claude Lelouch hat seinen Kinoklassiker „Ein Mann und eine Frau“ (1966) 53 Jahre später weitergesponnen. In seinem 49. Film „Die schönsten Jahre eines Lebens“ (hier geht es zur Kritik) trifft das Traumpaar Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant noch einmal aufeinander. Ein Gespräch über die Fortführung einer großen Liebesgeschichte.


Über 50 Jahre nach dem weltweiten Erfolg von „Ein Mann und eine Frau“ erzählen Sie von einer neuen Begegnung der Protagonisten Anne und Jean-Louis. Und wir treffen Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant wieder.

Claude Lelouch: Es ist das erste Mal in der Geschichte des Kinos, dass ein Regisseur die Chance hat, mit seinen Schauspielern nach über fünf Dezennien noch einmal zusammenzuarbeiten. Wir sind alle drei über 80. Wahnsinn, wie die Zeit verfliegt. Es war für mich toll, über die Zeit zu sprechen, die vergeht und über die Gegenwart. Und zwar mit Menschen, die Erfahrungen gemacht und ein Leben gelebt haben. Die inzwischen frei sind von Zwängen und Konventionen und jetzt Dinge leichter aussprechen können als in jungen Jahren.

Was macht diese beiden Schauspieler für Sie so einzigartig?

Lelouch: Anouk und Jean-Louis waren 1966 schon bekannt, aber ich wollte keinen Schauspieler oder eine Schauspielerin, sondern wie der Filmtitel schon sagt eine Frau und einen Mann. Und das funktionierte auch. Heute hat Anouk nichts von ihrem Charme, ihrer Eleganz und Attraktivität verloren. Wenn ich sie sehe, möchte ich sie immer noch in den Arm nehmen, und Jean-Louis strahlt immer noch diesen speziellen Humor aus, auf seinem Gesicht spiegelt sich das Gesagte und Ungesagte. Er ist so etwas wie der beste Freund, den ich immer haben wollte. Beide sind fantastisch gealtert und waren nie besser als jetzt.

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Wie wählen Sie ansonsten Ihre Schauspieler aus?

Lelouch: So, wie ich meine Frauen und Freunde auswähle. Bei einem Casting zählt nicht nur Talent. Ich muss auch Lust spüren, mit den Schauspielern im Restaurant gemütlich zu essen und zu trinken, zu diskutieren. Ein gemeinsamer Film bedeutet mehr als nur Technik oder eine Maschinerie in Gang setzen oder auf ein fertiges Produkt hin zu arbeiten. Bei guten Schauspielern führt man keine Regie, man liebt sie. Das erleichtert die Arbeit. Ich könnte nie mit jemandem arbeiten, den ich nicht mag.

Wieder vor der Kamera vereint: Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée (© Wild Bunch)
Wieder vor der Kamera vereint: Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée (© Wild Bunch)

Kam die Idee zu „Die schönsten Jahre eines Lebens“ aus heiterem Himmel?

Lelouch: Nicht ganz plötzlich, sie schlummerte in mir. Der finale Anstoß kam durch die Digitalisierung des Originals. Bei der Vorführung steckten Jean-Louis und Anouk die Köpfe zusammen, redeten ständig, kicherten und nahmen sich bei der Hand. Ich hatte das Gefühl, die Geschichte geht weiter. Erst haben beide abgewinkt, sie seien zu alt, dann freundeten sie sich mit der Idee an. Anouk hat schnell Ja gesagt. Den Film haben wir in weniger als zwei Wochen und ohne Proben oder große Vorbereitung abgedreht. Ich glaube, die großen Liebesgeschichten widerstehen allem. Meistens dauern sie nicht lange, aber gleichzeitig enden sie nie, weil wir sie mit uns herumtragen, sie an uns nagen. Wir alle haben das Recht auf eine große Liebesgeschichte, und das wollte ich erzählen.

Im Film heißt es aber „Liebesgeschichten enden immer böse, nur im Kino nicht…“

Lelouch: Wir können nicht mit der Glaskugel in die Zukunft schauen. Das einzige, was wir haben, ist die Gegenwart, und die sollten wir nicht vergeuden, sondern genießen bis zum letzten Atemzug. Glauben Sie mir: Ob mit 20, 50 oder 80, die Gefühle sind im Alter so stark wie in der Jugend. Wir machen nur den Fehler, immer mehr zu verlangen, uns nicht mit dem erreichten Glück zufriedenzugeben. Und dann folgt das böse Erwachen. Liebe, Geld und Macht dominieren unser Handeln. Am meisten lieben die Menschen das Geld, dem ordnen sie alles unter. Das ist unser Problem.

Wenn man die Zeit Revue passieren lässt, was waren für Sie die größten Änderungen im Mann-Frau-Verhältnis?

Lelouch: Alles hat sich geändert, eine wahre Revolution. Manchmal geht das sehr weit, bis hin zum Krieg der Geschlechter. Männer sind Lügner, Falschspieler und unzuverlässig. Wenn sie Liebe machen, investieren sie zwei Stunden ihres Lebens, eine Frau nähert sich den Gefühlen anders. Meistens jedenfalls. Es gefällt mir, dass Frauen sich nun nicht mehr gängeln lassen und Männern blindlings vertrauen, sondern sich selbst. Sie verfügen heute über mehr Macht, deren Eroberung hat viel zu lange gedauert. Auch das spiegelt sich im Film.


Also sind Männer schwächer?

Lelouch: Wir Männer sind wie verwöhnte Kinder und haben uns trotzdem wie Könige aufgeführt. Jetzt verhandeln Frauen auf Augenhöhe mit uns, das verunsichert uns. Ich glaube, von der Evolution her sind Frauen weiter als wir, das sieht man schon an ihrer emotionalen Reife und an der Ernsthaftigkeit, mit der sie Verantwortung übernehmen. Frauen haben mein Leben geprägt und mich groß werden lassen. Ich habe sieben Kinder mit fünf verschiedenen Partnerinnen.

Sie erzählen von den schönen Momenten der Zweisamkeit, aber auch von den Narben, die das Leben schlägt. Wie haben Sie diese beiden Komponenten zusammengefügt?

Lelouch: Mein Film spielt mit der Erinnerung. Im Leben eines jeden von uns gibt es Momente, die man nicht vergisst, obgleich unser Gedächtnis wie ein Sieb ist, da fällt vieles durch. Warum gibt es immer diese zwei, drei Dinge, die wir nicht vergessen? Die sich in unsere Erinnerung eingebrannt haben? Darauf basiert mein Film, gleichzeitig versuche ich die Autopsie einer Liebesgeschichte. Ich mag es, wie Jean-Louis seine Schuld realisiert, schmerzhaft erkennt, dass Anne die Frau seines Lebens ist, und verklausuliert um Entschuldigung bittet. In dem Augenblick, in dem sie sich wiederfinden, ist er endlich bereit. Er brauchte sein ganzes Leben, um sich dessen bewusst zu werden.

Erkennt er Anne in lichten Momenten oder nicht? Für mich bleibt das offen.

Lelouch: Er spielt mit ihr, weil er sich schämt. Ihm ist zwischendurch klar, dass er etwas Großes im Leben verpasst hat, die Liebe einer außergewöhnlichen Frau. Jean-Louis hat immer andere manipuliert, sich nie der Wahrheit gestellt. Ich habe im zarten Alter von 14 die Frau meines Lebens getroffen. Das war sehr früh, und ich war davon überfordert. Erst nach Jahrzehnten habe ich das kapiert und mir gesagt: Merde. Aber da war es zu spät. Auch so eine Situation wollte ich zeigen.

Glauben Sie an die ewige Liebe?

Lelouch: Ich würde sagen, wirkliche Liebesgeschichten hinterlassen Spuren, wie auch die in „Ein Mann und eine Frau“. Trotz Trennung, diese „Amour“ hat ihre Existenz determiniert. Wir wollen geliebt werden, nur ist es im Allgemeinen so, dass man sich selbst am meisten liebt. Und dann geschieht plötzlich ein Wunder. Wir treffen einen Menschen, den wir mehr lieben als uns selbst, stellen unser Ego zurück. Das ist wahre Liebe. Ich muss allerdings gestehen, dass meine große Liebe das Kino ist. Dem habe ich mein Leben gewidmet, und mit dem Kino habe ich meine Frauen betrogen.

Das Kino befindet sich im Umbruch. Stimmt es, dass Sie Ihren nächsten Film mit dem Handy drehen?

Lelouch: Mit jeder neuen Technologie hat sich das Arbeiten geändert. 35mm-Film war eine tolle Sache, hatte aber auch Nachteile – das Material war anfällig, und vom Gewicht möchte ich gar nicht reden. Die Leistung der digitalen Kameras finde ich beeindruckend, nicht nur für Amateure, sondern auch für Profis. Die alten Kameras dienen der Nostalgie. Für mich ist ein Dreh wie Urlaub, ein Abenteuer auf Zeit, eine Möglichkeit, immer etwas dazuzulernen.


Warum sind Sie nach dem weltweiten Erfolg von „Ein Mann und eine Frau“ mit zwei „Oscars“, „Goldener Palme“ in Cannes und zahlreichen internationalen Auszeichnungen nicht dem Ruf Hollywoods gefolgt?

Lelouch: Ich war 28, als ich den Film drehte, und ziemlich naiv. Kein Produzent interessierte sich für das Drehbuch, wohl weil meine vorherigen Filme kommerzielle Flops waren. Ich wusste: Jetzt oder nie! Dieses Projekt war eine Obsession, dafür habe ich mich dann schrecklich verschuldet. Der überraschende Erfolg hat mich total umgehauen und mein Leben verändert. Schon damals war ich ein freiheitsliebender Mensch, ich wollte immer meinen Visionen folgen. Es hätte mich zwar gereizt, mit Stars wie Steve McQueen oder Marlon Brando zu drehen, aber in den USA hätte ich meine künstlerische Unabhängigkeit verloren, da stecken die Produzenten überall ihre Nase rein – vom Drehbuch bis zum Schnitt. Sogar jede Dialogzeile wird im Vertrag mit den Studios festgeklopft. Und die Gewerkschaften sind auch nicht ohne. „Non merci“, kann ich da nur sagen. Ich muss meine Kreativität und meine Spontaneität auch am Set ausleben. Sonst macht mir der Beruf keinen Spaß.

Was heißt Spontaneität?

Lelouch: Spontaneität ist eine Kombination aus Lüge und Wahrheit. Wahrheit ist weniger faszinierend als die Lüge, ohne Lüge kann man nicht träumen. Wer spontan reagiert, ist ehrlicher, kann aber auch Unsinn von sich geben oder unüberlegt seine Wünsche und Utopien offenbaren. Diese Melange macht’s. Auch in „Die schönsten Jahre eines Lebens“ setze ich auf Spontaneität. So wusste Anouk bei der ersten Wiedersehensszene nicht genau, was sie erwartete. Ich habe beiden während des Spiels die Dialoge eingeflüstert und die Kamera hat ihre spontanen Reaktionen eingefangen. Durch Proben oder langwierige Analyse der Texte wären Zauber und Authentizität verflogen.

Um was geht es in Ihrem 50. Film?

Lelouch: Ich würde ihn als eine musikalische Komödie bezeichnen, weil Musik eine sehr große Rolle spielt. Aber auch als Ensemblefilm mit vielen Schauspielern und Schauspielerinnen, die ich liebe und denen ich damit auch danken will. Gleichzeitig ist der dreistündige Film auch ein Dank an die Zuschauer, die mir 50 Jahre lang die Treue gehalten haben.


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