© Imago images/Poolfoto (DFFB-Pokalfinale der Saison 2019/2020: Bayer-Leverkusen und Bayern München treten vor leeren Rängen gegeneinander an)

Im Affekt #13: Geisterspiele

Montag, 06.07.2020

Über den Schwund des Kinos aus dem Fußball als Auswirkung der sogenannten Geisterspiele

Diskussion

Der Schnitt auf weinende Tribünen fehlt. Zum Beispiel letztes Wochenende in Berlin: Union macht ernst, obwohl’s um nichts mehr geht für sie, stürzt die Fortuna ins Unglück, die sich schon gerettet wähnte, und dann ist Schluss, das Spiel ist aus, Düsseldorf steigt ab, aber der Schnitt auf trauernde Fans fehlt.

Wie viel Fußball mit Kino zu tun hat, bemerkt man erst mit den sogenannten Geisterspielen. Die Tragweite eines Schlusspfiffs wird ja spürbar erst durch die Montage. Erst ihr obliegt es zu erklären: Hier ist nicht nur ein Spiel zu Ende, hier stirbt gerade etwas in vielen Menschenseelen. Ein Jahr der Leidenschaft endet mit dem Gang in die zweite Liga, und wer weiß schon, wann man wiederkommt. Geister können so nicht weinen.

Die Bundesliga wird zum Bolzplatz

Als Nerd hatte man sich das eigentlich anders vorgestellt: Fußball ist ja nicht nur Spektakel, sondern durchaus feingeistig, durch Taktik bestimmt, durch kollektive Abläufe, ein Rädchen greift ins andere, ein gelungenes Positionsspiel umschifft die Pressinglinien, ein Steilpass findet den Weg zwischen die Ketten, wer braucht für den Genuss eines solchen Spielzugs schon Fans?

Ich, fürchte ich. Schnitt aufs elterliche Sofa, erster Spieltag der Post-Corona-Saison: Schon nach zehn Minuten der verzweifelte Griff zur Fernbedienung, um den Fake-Stadionton anzuschalten, weil das doch so nicht geht. Das Kino ist weg, der Fußball eine profane Tätigkeit auf diesem Planeten, eine unter vielen, fürchtet man auf einmal. Man hört sie alle rufen, die Spieler, die Trainer, den Schiri, im Schnitt eher stumpfsinnig, und die Bundesliga wird zum Bolzplatz. Das Grundrauschen im Hintergrund war immer mehr als ein Grundrauschen, es war der Rahmen, es war die Leinwand.

Der Fake-Stadionton verschafft dann auch tatsächlich erstmal Beruhigung, das Erhabene ist zurück, das Spiel wirkt wichtiger, die Fallhöhe größer. Aber bald ist klar: Das ist hier eher Experimentalfilm als Neorealismus, die Schalker singen noch ihre Lieder, obwohl sie gerade mit 4:0 abgeschlachtet werden; gibt es da keinen DJ, der den Stadionsound ein bisschen plausibler abmischen kann? Also wieder runter vom Fake-Stadionton, zurück auf den Bolzplatz, man darf sich ja nichts vormachen: Wir sind in einer Pandemie, und dass die überhaupt wieder spielen, ist albern und setzt das falsche Zeichen, also sollte man so ehrlich dann auch sein. Es darf sich nicht richtig anfühlen.

Vielleicht hatte Matthias Brandt also recht, als er ankündigte, die Geisterspiele boykottieren zu wollen. Wenn man die Fans aus dem Stadion nehme, erklärte er schlüssig, dann nehme man auch ihn vor dem Fernseher weg. Er habe dort keinen Platz mehr, weil seine Stellvertreter nun fehlten: nicht die Spieler, sondern die Fans, die den Bewegungen von Ball und Spielern überhaupt erst jene Resonanz schenken, über die der Fußball als Kino funktioniert.

Keine Emotionen und völlige Affektfreiheit

Am Fußball lässt sich schön der Unterschied zwischen dem Begriff des Affekts und den so gern beschworenen Emotionen deutlich machen. Mit den Emotionen habe ich angefangen, der Schnitt auf die heulenden Fans, die jetzt abgestiegen sind: persönliche, biografisch grundierte, von außen erkennbare, kommentierbare Gefühle, Bilder, zu denen man sich Musik vorstellt.

Aber noch viel schmerzhafter als der fehlende Schnitt auf die Tränen ist die völlige Affektfreiheit des Spiels selbst. Ein volles Stadion sorgt ja erstmal dafür, dass noch der winzigste physische Sachverhalt – ein Ball prallt an eine Latte, ein Stollen auf ein Schienbein, ein Handschuh stört die Flugbahn des Balles – unmittelbar und ohne nennenswerte Verzögerung das Verhalten von Zehntausenden beeinflusst. Ein Fußballspiel mag aus 22 Spieler*innen bestehen, die einem Ball hinterherjagen, aber ein Fußballspiel ist auch ein Dirigent der Affekte.

Ich bin BVB-Fan, seit ich fünf Jahre alt bin, und ich habe keinerlei Kontrolle über mein Verhalten, wenn der BVB ein Tor schießt. Der Torjubel ist die letzte affektive Verbindung zu anderen Positionen auf der persönlichen Zeitachse, vielleicht die einzige Kontinuität, die jeden Sinnes- und Lebenswandel, jeden Wechsel von Vorlieben und Styles, jede Radikalisierung und jede Abmilderung überlebt hat. Wenn der Ball im Tor des Gegners zappelt, führt das unmittelbar und ohne Umschweife zu einem kurzen oder längeren „Ja!“ oder „Yes!“, das mir in keiner anderen Lebenssituation entfährt – als gäbe es da eine direkte Verbindung von Netz und Kehlkopf, als wäre da kein Hirn vonnöten. Das ist die Kraft des Affektiven, und die ganz besonders Gläubigen halten sie nicht einmal für die romantische Fantasie, die sie ist, denn nichts ist unmittelbar.

An diesem Nachmittag jedenfalls ist selbst jener Tor-Affekt, an den ich so gewohnt bin, ganz und gar außer Kraft gesetzt. Selbst das erste Tor im Revierderby entlockt mir keinen Ton, denn dort im Fernseher sind ja nur Menschen, die ein bisschen Sport treiben. Sie können rufen und schreien, so oft sie wollen, all die Dinge, die man jetzt hört am Fernseher, die nicht mehr untergehen im Stadionrauschen, das „Schiri, das war nix!“, das „Ruhig, Männer!“, der „Jawoll!“-Jubel, all das sind keine erhabenen Affekte, sondern Bolzplatz-Sounds, albernes Gemeckere und Gemackere.

Der Spuk macht Angst

„Geisterspiele“, das soll, glaube ich, an Geisterstädte denken lassen, an gruselige Abwesenheit von Personen. Aber der Name trifft noch besser: Das Unheimliche an Geistern ist ihre Affektfreiheit, der Spuk macht Angst, weil er latent ist, nicht präsent, weil er geahnt und nicht gespürt wird. Die eben getroffene Bestimmung war also ungenau, die Tribünen sind nicht voller Geister, die nicht weinen können. Der Fußball selbst ist nur noch ein Geist, ein Körper ohne Affekte.

Es war noch kurz vor der Corona-Pause, als der Leverkusener Spieler Karim Bellarabi nach einem Spiel gefragt wurde, was er gedacht habe, als er gesehen hatte, dass sein Schuss im Tor gelandet war. Bellarabi überlegte kurz, und antwortete dann ehrlich: „Tor.“ Der kurze Clip ist schnell Kult geworden, war aber wohl eigentlich eine tragische Vision. Im Geisterspiel spürt man das fallende Tor nicht mehr, man denkt es, und sich dann seinen Teil dazu. Fußball ist Fernsehen, kein Kino mehr.

Alle Beiträge des Blogs „Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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