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Adieu Leinwand, hallo Bildschirm?

Mittwoch, 08.07.2020

Erstes Kino mit LG LED Cinema Display in Taiwan eröffnet

Diskussion

Können Kinos in der Konkurrenz zum Heimkino besser bestehen, wenn sie sich von der guten, alten Leinwand verabschieden und auf LED-Bildschirme setzen? Nach Samsung hat nun auch der Elektronik-Konzern LG ein erstes speziell für Kinos entwickeltes LED Display auf den Markt gebracht, das beste Bildqualität verspricht. In Taiwan ist bereits ein Kinosaal mit dem neuen Riesen-Bildschirm ausgestattet, und auch in der EU ist das Gerät mittlerweile erhältlich. Über die Vorteile der neuen Technik – und einen entscheidenden Nachteil.


So etwas nennt man eine antizyklische Initiative. Während weltweit das Coronavirus die Kinobranche wochenlang zum Stillstand zwingt und es noch ungewiss ist, wie viele finanziell angeschlagene Filmtheater die Krise überstehen werden, bringt der südkoreanische Konzern LG Electronics ein teures, speziell für Kinos entwickeltes LED-Display auf den Markt. Das Unternehmen, das vor allem Fernseher und andere Unterhaltungselektronik herstellt, präsentiert damit eine innovative Alternative zur konventionellen digitalen Projektion zu einem Zeitpunkt, in dem sich viele Kinobetreiber mit größeren Investitionen erst einmal zurückhalten.

Zu besichtigen ist das selbst entwickelte LED-Display von LG Electronics in einem Kino in der taiwanesischen Millionenstadt Taichung. Dort hat die Kinokette Showtime Cinema ihren ersten Kinosaal mit dem LED-Display von LG in Betrieb genommen. Es steht in einem Saal mit 300 Sitzen.

Exakte Farben, perfekte Kontrast

Der Display-Spezialist LG Electronics debütiert hier mit einer Bildwand, die auf 7 mal 14 Metern eine Auflösung von 4K mit 4096 x 2160 Bildpunkten aufweist und „ein unvergleichlich brillantes Sehvergnügen“ bieten soll. Die fast neun Millionen einzeln ansteuerbaren Pixel des Großbildschirms sorgen einer Mitteilung zufolge „für exakte Farben und einen perfekten Kontrast an jedem Punkt der fast hundert Quadratmeter großen Fläche“. Das Bild bleibe „auch an den Rändern völlig verzerrungsfrei“.

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Das 98 Quadratmeter große Display besteht aus 176 Quadern – im Fachjargon Cabinets genannt. Durch den nahtlosen Einbau und eine präzise Kalibrierung nehmen die Zuschauer bei normalem Sitzabstand den Screen im Ruhezustand als solide schwarze Wand wahr. LG sichert den Kunden eine Betriebsdauer von 100.000 Stunden zu, dann liefern die eingebauten LEDs nur noch die Hälfte ihrer ursprünglichen Helligkeit. Das entspricht bei einer Laufzeit von 16 Stunden am Tag einer „Lebenszeit“ von mehr als 17 Jahren.

Nach Angaben von LG ist das Cinema Display nach DCI-Norm zertifiziert, die strenge Anforderungen unter anderem zu Lichtstärke und Bildqualität definiert. DCI steht für Digital Cinema Initiatives. In diesem Verband haben sich 2002 sieben Hollywood-Studios zusammengeschlossen, um die technischen Vorgaben für das digitale Kino festzulegen.

Das LG LED Cinema Display soll mit scharfem Bild und starker Tonqualität für einmalige Erlebnisse sorgen (© LG Electronics)
Das LG LED Cinema Display soll mit scharfem Bild und starker Tonqualität für einmalige Erlebnisse sorgen (© LG Electronics)

Erste Verhandlungen über Installationen in deutschsprachigen Ländern laufen

Die LG-Installation in Taichung wird wohl nicht die einzige bleiben. „Wir sind bereits in Verhandlungen mit mehreren Kunden in Taiwan“, sagt Kevin Haase, Marketing Manager für den Bereich Information Display DACH bei der LG Electronics Deutschland GmbH in Eschborn bei Frankfurt am Main. Früher oder später dürfte das High-Tech-Gerät auch nach Europa kommen. „Das Display ist ab sofort auf Anfrage in der Europäischen Union und Deutschland erhältlich“, erklärt Haase auf Anfrage. „Im Moment ist es in der EU noch nicht ab Lager lieferbar, deswegen beträgt die Lieferzeit etwa zwei Monate.“

Auch erste Verhandlungen über Installationen in den deutschsprachigen Ländern seien bereits angelaufen. „Wir stehen schon in Kontakt mit den ersten Interessenten in der DACH-Region.“ Mit DACH-Region sind Deutschland, Österreich und die Schweiz gemeint. Das Unternehmen will zudem künftig weitere Versionen der Bildwand anbieten. „Geplant sind vorerst eine größere und eine kleinere Version des LED Cinema Display“, sagt der Marketing Manager. Weitere Details seien aber noch nicht bekannt.

„Wir möchten Kinobesuchern ein visuelles Erlebnis bieten, das das Gewohnte weit übertrifft“

In Sachen Helligkeit, Kontrast und Farbraum ist die neue Bildwand herkömmlichen Projektionsanlagen im Kino deutlich überlegen. Kein Wunder, wenn Paik Ki-mun, Leiter der LG-Geschäftseinheit Information Display, ins Schwärmen gerät: „Wir möchten Kinobesuchern ein visuelles Erlebnis bieten, das das Gewohnte weit übertrifft.“ Der Manager fügt hinzu: „Wir sind guter Dinge, dass wir unseren Marktanteil dank der fortschrittlichen Technologien ausbauen können, die im LG LED Cinema Display und in den Lösungen unseres Partners Dolby Laboratories zum Einsatz kommen.“

Das Unternehmen Dolby hat zu der Display-Installation in Taiwan seinen Integrated Media Server (IMS3000) und das High-Tech-Tonsystem Dolby Atmos beigesteuert. „Dolby Atmos schafft eine Klangbühne, die den Zuschauer umgibt und ins Filmgeschehen zieht. Erst die Kombination aus Bild und Ton macht den Kinobesuch unvergesslich magisch“, schreibt LG. „Wir sind begeistert von der Zusammenarbeit mit LG Electronics, die uns erlaubt, das Publikum in Taiwan ganz in den Bann zu ziehen“, sagt Jed Harmsen, Vice President of Cinema & Content Solutions bei Dolby Laboratories, Inc.

Interessierte Kinobetreiber müssen das LED-Display aber nicht unbedingt zusammen mit dem Dolby-Atmos-Tonsystem kaufen und installieren. „Was die Soundlösungen angeht, ist LG flexibel. Wir haben Partnerschaften mit führenden Soundspezialisten, die weitere Lösungen einbringen können“, erläuterte Haase. „Dolby ist zwar unser Premium-Partner für dieses Produkt. Wenn ein Kunde das wünscht, sind aber Alternativen möglich.“

Die Konkurrenz von Samsung hat, u.a. in Esslingen, bereits vorgelegt (© Traumpalast Esslingen)
Die Konkurrenz von Samsung hat, u.a. in Esslingen, bereits vorgelegt (© Traumpalast Esslingen)

LED-Screens von Samsung stehen schon in 35 Kinos in 17 Ländern

Der weltweit erste Kinobildschirm mit DCI-Zertifizierung ist jedoch nicht das LG-Gerät, sondern das LED Cinema Display von Samsung. Der südkoreanische Konzern hatte seine Neuentwicklung bereits 2017 auf der Kinomesse CinemaCon in Las Vegas vorgestellt. Im Juli 2017 präsentierte Samsung den ersten Kinosaal mit seinem LED-Display in Seoul. Im März 2018 wurde in Zürich der erste Kinosaal in Europa mit einer LED-Wand ausgerüstet. Zum Einsatz kam ein Samsung Screen mit einer Breite von 10,24 Metern und einer Höhe von 5,40 Metern und 96 Cabinets, der seit April 2018 unter der Marke Onyx firmiert.

Im Juli 2018 wurde der erste LED-Screen des südkoreanischen Konzerns in Deutschland in Betrieb genommen – im Esslinger Kino Traumpalast. Im September 2018 folgte die zweite deutsche Onyx-Installation im Kinopolis im Main-Taunus-Zentrum in der Nähe von Frankfurt am Main. Im Dezember feierte der große Bruder dieser Displays in Peking Weltpremiere: Dort wurde eine 14 Meter breite Version in einem Saal des Kinos Capital Cinema eingebaut. Inzwischen stehen in 35 Kinos in 17 Ländern LED-Screens von Samsung. Eindeutiger Schwerpunkt ist Asien mit 21 Installationen in sieben Ländern, gefolgt von Europa mit sieben Installationen in fünf Ländern, Amerika mit sechs Installationen in vier Ländern und Australien mit einer.

„Der Preis von LED verglichen mit digitalen Kinoprojektoren ist einfach noch zu hoch“

Nach einer schnellen ersten Welle von Installationen ist es um die Samsung-Screens in letzter Zeit ruhiger geworden. Als erstes Filmtheater in Europa hatte – wie erwähnt - im März 2018 das Multiplexkino Arena Cinemas Sihlcity in Zürich einen Onyx-Saal eröffnet. Die Bildwand mit 24 Millionen LEDs war zugleich der weltweit erste Onyx mit 3D-Technologie. Der innovationsfreudige Zürcher Kinobetreiber Edouard Stöckli zog zwei Jahre später ein gemischtes Fazit. Im Magazin „Invidis“ hebt er einerseits die Vorteile hervor: die LED-Technologie funktioniert gut, die Besucher genießen die Bildqualität und die Kinobetreiber benötigen weniger Platz als bei Projektionssystemen.

Andererseits fällt die Bilanz auf geschäftlicher Seite weniger gut aus: „Der Preis von LED verglichen mit digitalen Kinoprojektoren ist einfach noch zu hoch.“ Zudem könne das Potenzial der Technik nicht ausgenutzt werden, da die genannten DCI-Branchenstandards allein auf die Projektion ausgelegt sind. Überlegene technische Formate wie High Dynamic Range (HDR), die bei LCD- oder OLED-Fernsehern längst Standard sind, würden von den großen US-Studios nicht unterstützt. Diese seien im Übrigen erst dann bereit, ihre Filmproduktionen an das höhere Leistungsniveau der LED-Screens anzupassen, wenn eine ausreichende hohe Zahl an Installationen erreicht sei.

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