© Koch Media

Im Affekt #14: Tier-Werden am Strand

Freitag, 24.07.2020

Über Jennifer Kents "The Nightingale"

Diskussion

Man spricht viel über die rassistische und sexuelle Gewalt von Jennifer Kents Western „The Nightingale“, weniger über die politischen Fluchtlinien, die ihn durchziehen. Aktuell läuft der Film im Kino und ist außerdem bereits als DVD/BD und VoD verfügbar. In seinem Affekt-Blog widmet sich Till Kadritzke dem Film mit dem Begriff des Tier-Werdens und seiner Kritik am Humanismus.


Das Ende am Strand, wie so oft im Kino: Die Nachtigall singt ein gälisches Lied, der schwarze Vogel Mangana breitet seine Flügel aus, tanzt auf dem Sand, erklärt sich frei. Jennifer Kents „The Nightingale“, der zur Zeit in wenigen Kinos läuft und bereits auf DVD/BD und als VoD erhältlich ist, endet nicht mit dem kolonialen Schrecken, den er seinem Publikum zuvor so ausführlich zugemutet hat, aber auch mit keinem Sieg über diesen Schrecken. Die Sonne geht auf über Tasmanien, aber der Film geht unter. Was allein Hoffnung macht: Die irische Strafgefangene Clare und der indigene Tasmanier Billy, die Helden dieses Westerns aus den 1820er-Jahren, lassen das mit dem Menschsein endgültig. Das Ende, ein Tier-Werden.

Das könnte Sie auch interessieren:


In diesem letzten Akt des politischen Trotzes geht es nicht um die Ehre der weißen Frau, die man genommen hat, und nicht um die kulturelle Identität des schwarzen Mannes, die man genommen hat. Jennifer Kents Film denkt nicht in diesen Kategorien, sondern konsequent in Bildern kolonialer Gewalt: Vergewaltigen und Töten. Und wenn Clare und Billy zum Ende von „The Nightingale“ die Rape-Revenge-Struktur des Films zu ihrem logischen Ende führen, die übrig gebliebenen Peiniger Clares mit einem Speer töten, dann ist diese poetische Gerechtigkeit angesichts der historischen Tatsachen doch etwas wenig. Dass die beiden nach der Rache noch am Strand landen, ist deshalb wichtig.

Rache-Allianz: Aisling Franciosi, Baykali Ganambarr in "The Nightingale" (© Koch Media)
Rache-Allianz: Aisling Franciosi, Baykali Ganambarr in "The Nightingale" (© Koch Media)

Von den Grenzen des aufklärerischen Humanismus

Den Begriff des Tier-Werdens haben Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihren „Tausend Plateaus“ geprägt. In ihm ist eine Kritik am Humanismus enthalten, die ich auch in „The Nightingale“ erkenne, und die sich aus der Haltung speist, dass eine universale Idee der Menschlichkeit oder der Menschenrechte nicht ausreicht, um eine Politik zu artikulieren. Die emphatische Idee des Menschen, wie sie in der Aufklärung entstanden ist, scheint zu eng mit sozialen Hierarchien aller Art verbandelt, als dass sie in der Lage wäre, diese Hierarchien wie von Zauberhand aufzulösen.

Das Tier-Werden dagegen hat „nichts mit einen Ähnlichwerden zu tun“, heißt es bei Deleuze und Guattari, es verweist auf eine „Zone der Unbestimmtheit oder Ungewissheit“ und es „kommt durch Bündnisse zustande“. Ein Bündnis schmieden Clare und Billy, wenn sie die britischen Kolonialisten per Speer in den Tod schicken. Ein Bündnis muss nicht harmonisch sein, es beruht auf keiner umfassenden Verständigung, es kann strategisch sein, fliehend, unmittelbar, von einem politischen Begehren in die Welt gesetzt, ein Ziel vor Augen. „Geschichte wird nur von denen gemacht, die gegen die Geschichte ankämpfen.“

Eine nicht vorgesehene Allianz der Unterdrückten

Wenn Clare und Billy sich nach anfänglichem gegenseitigem Missmut auf der Jagd nach den englischen Soldaten, die sie beide gepeinigt haben, an langen Lagerfeuernächten aufeinander einlassen, dann nicht, weil sie sich allmählich als Gleiche erkennen, sondern weil sie einen gemeinsamen Feind ausgemacht haben. Hier findet keine Verständigung statt, sondern eine Einsicht: Nicht Wir als Menschen, sondern Wir als Unterdrückte. Hier am Lagerfeuer erklärt Billy erstmals, er sei eigentlich Mangala, der Blackbird. Clare, die Nachtigall, hat schon längst gesungen, am Anfang des Films vor versammelter Mann-schaft, und dann vom grausamen Lieutenant dazu gezwungen. Sie wird ihm noch ein Lied singen, wenn sie ihn wiedersieht, und dann „on her own terms“.

Verkörpert die ganze Menschenverachtung eines kolonialen Unrechtssystems: Sam Claflin als Leutnant Hawkins (© Koch Media)
Verkörpert die ganze Menschenverachtung eines kolonialen Unrechtssystems: Sam Claflin als Leutnant Hawkins (© Koch Media)


„The Nightingale“ erschafft ein koloniales Panorama, eine komplexe Gemengelage auf einer australischen Insel, mit einer Rangordnung der britischen Soldaten, die sich im Krieg befinden, die leicht auszubeutenden und vorwiegend irischen Kleinkriminellen, die zum Abbüßen ihrer Strafe in die Kolonie versetzt wurden, die Aboriginal Australians, die nominell Kriegsgegner sind, von denen aber kaum einer übrig bleiben wird. Die Nachtigall und der Blackbird durchziehen diese Ordnung als Fluchtlinien. Wo das Menschsein sich kolonial ausdrückt, bleibt nur die Flucht ins Tier, in andere Körper, der Eintritt in eine Zone des Affekts, in der nicht vorgesehene Allianzen möglich sind.

Die einzige Möglichkeit der Emanzipation

Deleuze und Guattari waren ungeduldig mit tradierten Vorstellungen des Menschen, etwa der psychoanalytischen, die in jedem Tier nur „einen Repräsentanten der Triebe oder eine Repräsentation der Eltern“ erkennen, die dabei nicht sehen, „dass das Tier-Werden real ist, dass es der Affekt selber und der Trieb in Person ist und nichts repräsentiert“. Die Nachtigall und der Blackbird, das sind also keine Metaphern, sondern die einzigen Möglichkeiten der Emanzipation in einer Gesellschaft, die Clare und Billy den Weg zum souveränen Subjekt verwehrt.

Doch das Tier-Werden ist ein philosophisches Experiment, keine praktikable Lösung angesichts politischer Gefahren. Als ästhetische oder ethische Strategie hat sie dem Humanismus voraus: die Idee eines Neuen, das nicht die neueste Variante des Immergleichen ist, sondern sich noch gar nicht denken lässt. „Es entwickelt sich keine Form, und es bildet sich kein Subjekt, sondern es verschieben sich Affekte, Arten des Werdens schießen empor.“

Aisling Franciosi (© Koch Media)
Aisling Franciosi (© Koch Media)

Clare und Billy erkennen sich als Opfer kolonialer Identitätspolitik, doch ihr Kampf führt nicht in die Identität, sondern ins Tier-Werden – weil „ein Werden kein Subjekt hat, das von ihm unterschieden wäre“. Es bleibt in Bewegung, nur so kann es fliehen. So wie das Kino. Das Problem mit dem Tier-Werden ist, dass es auf der Leinwand passiert, und selbst dort ist nicht ganz klar: Ist der Strand ein Ende oder ein Anfang, ist der Horizont ein Versprechen oder eine Grenze?


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren