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Serie: how to sell drugs online (fast) - Staffel 2

Mittwoch, 29.07.2020

Diskussion

„Wenn man im Internet im großen Stil Drogen verkauft, sollte man eine Sache auf gar keinen Fall machen: Wildfremden Menschen davon erzählen. Also, außer natürlich: Netflix ruft an und sagt, sie wollen ’ne Serie über dein Leben machen. Badamm!“ Ironie ist die Mentalität der Generation Z. Alles könnte ernst gemeint sein, muss es aber nicht. Ein lockenköpfiges Bübchen im weißen Rollkragenpullover wendet sich mit Zwinkersmiley-Grinsen der Kamera zu, das akustische Logo des Streamers erklingt. Badamm!

Die allererste Szene setzt den Ton: In der Serie „how to sell drugs online (fast)“ geht es auf diversen selbstreflexiven Meta-Ebenen um das rasante und grundironische Leben im digitalen Raum. Hier sind alle gleich, hier kann jeder alles sein, sogar Serienstar. Da werden langweilige Teenager zu trendigen Influencern, muskelbepackten Fitness-Gurus oder eben zu Drogenbaronen à la Walter White. Das Internet ist die neue Religion.

Produziert hat die Serie die Kölner bildundtonfabrik, die auch für das „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann verantwortlich ist; „how to sell drugs online (fast) ist das erste fiktionale Format der Produktionsfirma. Die erste Staffel hatte im Mai 2019 Premiere und gewann einen Grimme Award in der Kategorie „Kinder & Jugend“; nun folgt im Juli 2020 Staffel 2.

Aus MyTems wird MyDrugs

Ob dieser Junge im Rollkragenpullover nun ein Drogenbaron mit Nerven wie Drahtseilen oder ein ziemlicher Maulheld ist, stellt sich bald heraus: irgendwie ist er beides. Er heißt Moritz Zimmermann, ist 17 Jahre alt und im realen Leben ein Computer-Nerd und Streber. Mit seinem besten Kumpel Lenny will er ein Start-up für den Handel mit digitalen Gamer-Gegenständen aufziehen: MyTems. Als seine Jugendliebe Lisa sich von ihm trennt, erlebt Moritz seine erste Sinnkrise, bei der ihm ein paar Sicherungen durchbrennen. Damit Lisas neuer Schwarm Dan, der die ganze Schule mit Ecstasy versorgt, blöd dasteht, kauft Moritz kurzerhand die Bestände bei dessen Zulieferer auf und programmiert MyTems zu MyDrugs um – einen Versandhandel für Drogen im Darknet.

„Jeder von uns könnte mit einem Klick berühmt werden und von seinem Kinderzimmer aus die Welt verändern“, sagt Moritz. Gesagt, getan, und Lenny ist auch mit dabei, denn der hat nicht sonderlich viel zu verlieren. Er lebt seit Jahren mit immer wiederkehrenden Krebsdiagnosen und will auf alle Fälle noch etwas erleben, bevor er stirbt – und er wird nicht enttäuscht. Ein Drogenkartell im Reiterhof, eine als hippe Limonadenfabrik getarnte Drogenküche in Rotterdam und Moritz’ Vater, der Dorfpolizist, sind nur einige der Hürden, die das Duo in der ersten Staffel überwinden müssen. In der zweiten Staffel kommen dann obendrein noch Streitereien untereinander dazu.

Ein Kinderzimmer und Steve Jobs

MyDrugs läuft erstaunlich gut, und Moritz wird in der Tech-Branche schnell zum neuen Start-up-Mastermind stilisiert, in gedanklich direkter Erbfolge von Jeff Bezos, Elon Musk und Mark Zuckerberg. Die Homebase der Firma: Moritz’ winziges Kinderzimmer, in dem ein Poster von Steve Jobs hängt – „think different“ steht darauf. Jobs schaut dem Jungunternehmer wohlwollend über die Schulter, wenn er auf dem Bett lümmelnd auf seinen Laptop einhackt. Darauf laufen parallel unzählige Apps und Programme, die gleichzeitig auch über den Fernsehbildschirm rauschen, der kaum ausreicht, um die Flut an Chatverläufen, Emojis und Push-Nachrichten abzubilden. Rasante Dialoge und Threads verhandeln nahezu zeitgleich Herzschmerz und Geschäftsbesprechungen und enden nicht selten in verbalem wie physischem Slapstick mit perfektem Timing.

Der mediale Overkill ist für sich schon ein quietschbunter Trip und hat Methode, doch die rasanten Schnitte zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und Kommunikationsebenen der Figuren beschleunigen diesen Effekt noch weiter. Das alles soll überfordern. Für die Millenials und noch ältere Generationen, also alle, die vor 1990 geboren sind, gibt es mitleidige Zwischenschnitte gratis – da erzählt dann beispielsweise Jonathan Frakes aus der Mystery-Serie „X Factor“ in einem Erklärvideo zu bedeutungsschwangeren Synthie-Klängen und 1990er-Jahre-Schriftzügen, was das Darknet ist.

Zwinkersmiley: Vorsicht, Ironie

In Zwischensequenzen sitzen die Protagonisten einzeln in einem Fernsehstudio und berichten rückblickend von ihren Erlebnissen, durchbrechen wie Moritz schon zu Beginn die vierte Wand, inszenieren sich als die Tech-Genies, die sie gerne sein wollten, räumen aber auch ein, beizeiten zu flunkern – vor und hinter der Kamera. Eindeutig uneindeutig ist das und lässt reales und digitales Leben zu einem verschmelzen – Deutungshoheit hat keine der beiden Seiten mehr. Als Moritz am Abendessentisch lautstark herausposaunt, dass er Drogen dealt und dann sein Zwinkersmiley-Grinsen aufsetzt, halten das alle für Ironie und lachen mit ihm über seinen vermeintlichen Scherz.

Dass „how to sell drugs online (fast)“ lose auf einem realen Fall basiert, dreht diese um sich selbst rotierende Wirklichkeit noch einen Schritt weiter: 2015 wurde ein damals 15-jähriger Dealer in Leipzig festgenommen, der international an Kunden versendete. Bei seiner Verhaftung lagerte er 360 Kilo Drogen in seinem Kinderzimmer und wurde anschließend zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Eine Milieustudie der Generation Z

Hier trifft eine klassische Coming-of-Age-Story auf einen Drogenkrimi, was alles andere als politisch korrekt ist, es aber auch gar nicht sein muss. Denn in der satirischen Überhöhung zweier Genres, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, entsteht eine in ihrer Überdrehtheit trotzdem feinsinnige Milieustudie der Generation Z, die kaum noch physisch, sondern hauptsächlich digital miteinander kommuniziert. Als Moritz ziemlich spät merkt, dass er sich bei seiner Freundin Lisa entschuldigen muss, zückt er sein Handy und muss von seinem besten Kumpel Lenny erinnert werden: „Mach es richtig“ – Lenny deutet über den Schulflur auf Lisa, Luftlinie fünf Meter. Solche Slapstick-Momente funktionieren in „how to sell drugs online (fast)“ außerordentlich gut, denn sie sind sowohl vom Drehbuch als auch vom schauspielerischen Timing klug gesetzt. Das ist gerade in deutschen Komödien keine Selbstverständlichkeit und macht diese Serie zu einer erfreulichen Ausnahme.

Je weniger ernst sich dieses Format nimmt, umso besser funktioniert es. So stolpern und schlingern Moritz und Lenny in einem Hin und Her zwischen Unbesiegbarkeit und kopfschüttelnder Ungläubigkeit in den internationalen Drogenhandel. Sie lassen keinen Witz auf Kosten der kultisch verehrten Start-up-Kultur aus, die Halbstarke mit Halbwissen zu Göttern macht. Bei aller Ironie hat die Serie dennoch auch einen nachdenklichen Kern. Moritz fragt sich in der zweiten Staffel, ob er ein Arschloch werden will wie Mark Zuckerberg – und kommt ins Schwanken. Denn er muss sich zwischen Ruhm und Reichtum und dem Verrat an seinem besten Freund und seiner Jugendliebe entscheiden.

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