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Robin Hood - Die Serie auf Blu-ray

Freitag, 07.08.2020

Eine der originellsten und facettenreichsten Annäherungen an die Legende des Robin von Loxley aus dem Geist der 1980er-Jahre

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Legionen von Robin Hoods haben sich schon im Sherwood Forest versteckt und habgierigen Sheriffs und anderen Ausbeutern die Stirn geboten. Eine der originellsten und facettenreichsten Annäherungen an die Legende ist die von 1984 bis 1986 produzierte britische „Robin Hood“-Serie. Hier wird der Robin-Hood-Mythos mit „Sword-and-Sorcery“-Elementen gekreuzt und an den 1980er-Jahre-Zeitgeist angepasst. Am 6. August erscheint die Serie erstmals in Deutschland auf Blu-ray.


Errol Flynn, Kevin Costner, Russell Crowe und Taron Egerton in allen Ehren – aber wenn es um Robin-Hood-Verfilmungen geht, haben die, die in den 1980ern aufgewachsen sind, wahrscheinlich zuerst reflexhaft Michael Praeds Vokuhila-Föhnfrisur vor dem inneren Auge und die mystisch raunenden Synthie-Folk-Klänge der irischen Band Clannad im Ohr. „Robin of Sherwood“ (1984-1986), unter dem Titel „Robin Hood“ 1984 im Vorabendprogramm des ZDF in Deutschland erstausgestrahlt, war damals ein TV-Ereignis, dem man von Woche zu Woche entgegenfiebern konnte. Die Abenteuer des britischen Volkshelden mit dem Langbogen, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, interpretierte die Serie auf eine zeitlose und doch auch zeitgeistige Weise neu. Zeitlos, weil die Gestaltung der altbekannten Figuren – Robin, Marian, Little John, Bruder Tuck, der Sheriff von Nottingham usw. – ebenso wie die Einbettung des Stoffs in seinen historischen Hintergrund, das 11. Jahrhundert, nach wie vor trägt. Und zeitgeistig, weil im Look und im Clannad-Sound, aber auch in diversen motivischen Aspekten doch ständig die 1980er-Jahre durchscheinen.

Als Showrunner verantwortlich zeichnete Richard Carpenter, der als Serien- und Romanautor in den 1970ern durch „Catweazle“ bekannt geworden war; und wie in seinen Geschichten um den zeitreisenden, in der Gegenwart strandenden angelsächsischen Magier verband Carpenter auch in seiner Variation des Robin-Hood-Stoffs seine Vorliebe für die britische Geschichte des Mittelalters mit Fantasy-Elementen – womit er „Robin of Sherwood“ zum Besten machte, was es in Sachen des damals florierenden „Sword & Sorcery“-Genres zu sehen gab, wenn man noch zu klein war, um sich im Kino Filme wie „Conan, der Barbar“, „Highlander“ und „Excalibur“ anzusehen.

Robin Hood und seine "Merry Men" (© Koch)
Der Held von Sherwood und seine "Merry Men" - hier mit Jason Connery als Robert of Huntingdon (der Blonde in der Mitte), der Michael Praed in Staffel 3 als Anführer-Figur ablöste (© Koch)

Herne sei mit uns!

Robin bekommt es in Carpenters Version entsprechend nicht nur mit einem habgierigen Sheriff von Nottingham (herrlich süffisant-sadistisch: Nickolas Grace), seinem Handlanger Guy of Gisburne (ein boshaftes Milchgesicht: Robert Addie) und historischen Figuren wie Richard Löwenherz und Prinz John zu tun, sondern muss sich auch mit übersinnlichen Schurken wie einem Zauberer und einem Orden satanistischer Nonnen herumärgern. Und in dem (wahrscheinlich aus Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ abgeschauten) „Herne dem Jäger“ – einer mit einem Hirschkopf gekrönten Figur, die Robin in schwierigen Situationen immer mal wieder zu Hilfe kommt – wird dem Volkshelden ein Mentor zur Seite gestellt, der nebulös zwischen schamanistischem Priester und angelsächsischer Gottheit changiert und Robins Kampf gegen die adligen Ausbeuter mythisch überhöht: In der ersten Folge bekommt Robin von Herne ein besonderes Schwert verliehen, was Assoziationen zur Artus-Figur abruft; als „Hernes Sohn“ ist er ab dann nicht nur einfach ein Rebell, sondern ein Auserwählter.

Gerade diese angelsächsisch-esoterische Ebene ist ein schönes Beispiel dafür, wie geschickt Carpenter Zeitloses und Zeitgeistiges zusammenführte: Einerseits rückt sie Robin als Figur noch mehr in Richtung klassischer Heldenmythos, als sie es ohnehin schon ist, andererseits geht mit der Waldgott-Figur des Herne eine Natur-Mystik einher, die ganz im Sinn der sich gegen das Waldsterben starkmachenden Umweltbewegung der 1980er – mein Freund, der Baum! – den Wald-Schauplatz sozusagen vermenschlicht und zugleich „heiligt“.


Richard Löwenherz ist nur ein eigensüchtiger Machtmensch

Ähnliches gilt für die zentralen Konfliktlinien der Serie. Dass Robin der Held und Rächer des einfachen Volkes ist, das vom Adel geknechtet und durch Steuern geschröpft wird, ist natürlich der Kern der Robin-Hood-Folklore; Richard Carpenter akzentuiert ihn aber so, dass er fürs Thatcherismus-Jahrzehnt nochmal eine forciert klassenkämpferische Note bekommt, die das gute Volk und die bösen reichen Herrenmenschen als unversöhnliche Gegner präsentiert.

Vor allem zeigt sich das in dem (besonders starken) Staffelfinale der ersten Staffel, in dem die in vielen Robin-Hood-Versionen beschworene Verbindung von Robin zu König Richard Löwenherz thematisiert und auf dramatisch-tragische Weise gekappt wird: Nach einer zufälligen Begegnung in Sherwood sieht es so aus, als würde Robin tatsächlich in Richard einen König finden, den er akzeptieren kann – bis im Lauf der Folge klar wird, dass diejenigen von Robins „Merry Men“, die ihn von Anfang an vor Richard warnten, nur zu recht hatten: Löwenherz ist auch nur ein weiterer Machtmensch, dem die eigenen Ambitionen viel näherstehen als sein Volk, weswegen sich Robin schließlich verbittert von ihm abwendet: „Wir kämpfen weiter für die Armen!“

Gegner aus der dritten Staffel: Gulnar (Richard O'Brien) und Owen of Clun (Oliver Cotton) © Koch
Gegner aus der dritten Staffel: Gulnar (Richard O'Brien) und Owen of Clun (Oliver Cotton) (© Koch)


Buntes Mittelalter und anschlussfähige „Merry Men“

Neben solch interessanten Modifikationen punktet die Serie mit einem sinnlichen Mittelalter-„World Building“, das sich nicht nur in der Ausstattung und in den Settings manifestiert (gedreht wurde viel „on location“ in Wäldern, Burgen und an historischen Stätten im West Country und Northumberland), sondern sich auch in den Abenteuern niederschlägt, die Robin und die „Merry Men“ erleben: Carpenter baut da ein buntes Spektrum historischer Facetten ein. So geht es etwa in einer Episode um die Hexenverfolgung, in einer anderen werden Pogrome gegen Juden thematisiert, in einer anderen die Tempelritter und die Kreuzzüge. Vor allem aber gelingen der Serie Neuentwürfe der bekannten Figuren der Robin-Hood-Folklore, die in Hinsicht auf die Überlieferung stimmig, trotzdem aber zeitgenössisch-anschlussfähig sind.

Robin etwa vereint in sich die Tradition als patriotisch-angelsächsischer Widerständler gegen die Normannen und den modernen linken Öko-Rebellen; der Sheriff von Nottingham, der hier eine fast schon nihilistische Respektlosigkeit nicht nur gegenüber seinen Untertanen, sondern auch gegen Kirche und Glaube, Vaterland und sowieso alles außer dem eigenen materiellen Vorteil an den Tag legt, hat Züge eines modernen Haifisch-Kapitalisten, und Marian betont, nachdem Robin sie zu Beginn der Serie ganz „old school“ aus den Händen eines Finsterlings befreit hat, dass sie ab nun keineswegs die beschützte Maid zu sein gedenkt, sondern boxt emanzipatorisch durch, dass sie Robin und die Jungs bei ihren Abenteuern begleiten und an ihrer Seite kämpfen darf. Und zu den „Merry Men“ gehört hier nicht nur die klassische Besetzung Much der Müllersohn, Will Scarlett und Little John, sondern mit der Figur des Schwertkämpfers Nasir auch erstmals ein Muslim – eine kulturelle Erweiterung, die mittlerweile schon wieder Standard geworden und in diversen neueren Robin-Hood-Adaptionen wiederholt worden ist.


Will Scarlett sorgt für emotionalen Zunder

Die spannendste Figur der „Merry Men“ ist Will Scarlett – weil sie dank Ray Winstone am meisten schauspielerische Power mitbekommt, aber auch, weil sie in den Drehbüchern als „bad boy“ unter Robins Gefährten angelegt ist (inklusive leicht punkigem Igel-Haarschnitt), der immer mal wieder an Robin und der gemeinsamen Mission zweifelt, vom Helden der Armen zum schlichten Strauchdieb changiert und Robins Anführer-Status in Frage stellt, was der Serie zusätzlich zu den Abenteuern emotionalen Zunder gibt. Auf der Gegenseite gibt es den biestigen Guy of Gisburne (Robert Addie), der grausam seine Machtposition gegenüber Schwächeren ausspielt, seinerseits aber als Prügelknabe seines Herrn, des Sheriffs, dient und durch dessen ständige Demütigungen einen explosiven Vorrat an Frustration ansammelt, der ihn ein ums andere Mal zu Kurzschlüssen und rebellischen Alleingängen bringt – eine in ihrer sehr menschlichen Verkorkstheit schon wieder sympathische Fieslings-Figur.

Lady Marion (Judi Trott) und ihr Vater (George Baker) © Koch
Lady Marion (Judi Trott) und ihr Vater (George Baker) (© Koch)

Von der Serie existieren drei Staffeln mit jeweils sechs, sieben und dreizehn ca. 50-minütigen Episoden (im deutschen Fernsehen wurden sie jeweils auf 45 Minuten gekürzt, weswegen in den deutschen Synchronfassungen der DVD/BD/VoD-Ausgabe jeweils einige Minuten englisches Original zu hören sind, die damals nicht synchronisiert wurden). Wobei der eigentlich Kern der Serie die ersten beiden Staffeln sind, da für die dritte Staffel Hauptdarsteller Michael Praed nicht mehr zur Verfügung stand (weil er sich an einer Broadway-Karriere versuchte) und Sean Connerys Sohn Jason als „Robert of Huntington“ in die Fußstapfen Robins als neuer Anführer der „Merry Men“ trat. Für viele Fans kein angemessener Ersatz – doch da Robert Carpenter weiterhin mit manchen guten Drehbuch-Einfällen, die Inszenierung mit liebevoll gemachten Actionszenen und historischen Schauwerten aufwartet, bleibt die Serie weiterhin durchaus unterhaltsam. Und akzentuiert, dass es, bei aller Liebe zum elfenhaften Michael Praed, nicht nur einen geben kann: Robin muss immer wieder in neuer Gestalt auferstehen, wenn die Unterdrückten ihn brauchen.

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