© imago images / ZUMA Press (Joan Didion, aufgenommen im November 2005)

Das Multiversum der Joan Didion

Mittwoch, 05.08.2020

Die amerikanische Autorin begleitet seit 60 Jahren Hollywood und die US-amerikanische Gesellschaft als Chronistin

Diskussion

2020 jährt sich das Erscheinen von Joan Didions Romanklassiker „Spiel dein Spiel“ („Play It As It Lays“) zum 50. Mal – ein desillusionierendes Porträt des 1960er-Zeitgeists, fokussiert auf Kalifornien und nicht zuletzt auf Hollywood. Die Traumfabrik und ihre Wechselwirkung mit dem „American Way of Life“ spielten im Schaffen der Journalistin und Schriftstellerin, die auch als Drehbuchautorin reüssierte, eine wichtige Rolle. Eine Erinnerung an eine ebenso zerbrechliche wie scharfe Chronistin.


„Die Mitte hielt nicht mehr. Es war ein Land der Bankrotterklärungen, der alltäglichen Berichte von beiläufigen Morden, verlorengegangenen Kindern, verlassenen Häusern und Vandalen, die selbst noch die Schimpfwörter, die sie hinkrakelten, falsch schrieben ... Jugendliche strichen von Stadt zu verkommener Stadt, streiften Vergangenheit und Zukunft ab wie eine Schlange ihre Haut, Kinder, denen man die Spiele der Erwachsenen nie beigebracht hatte und die sie nun auch nicht mehr erlernen würden.“ Der Weltuntergang scheint begonnen zu haben. Doch das Lamento entstammt einer früheren Zeit: „Es waren die Vereinigten Staaten von Amerika im Spätfrühling 1967.“ Was den Nachgeborenen heute als goldene Hippiezeit aus der Geschichte leuchtet, klingt bei der US-amerikanischen Schriftstellerin, Essayistin und Drehbuchautorin Joan Didion wie die Vorhölle. Für ihre Reportage „Slouching Towards Bethlehem“ heftete sie sich an die Fersen jugendlicher Gestrandeter in San Francisco, die von LSD, Acid und Crystal schwer gezeichnet waren.


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Ihre Karriere begann Joan Didion in den 1950er-Jahren als Reporterin bei der „Vogue“. Sie brillierte als Essayistin, machte sich mit „Play it as it Lays“ (deutscher Titel: „Spiel dein Spiel“) und „Run River“ („Menschen am Fluss“) aber auch als Romanautorin einen Namen. Mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller John Gregory Dunne, gehörte sie in den 1960er- und 1970er-Jahren zu den intellektuellen Stars in Hollywood. Während sich Ende der 1960er-Jahre das New-Hollywood-Kino aufmachte, Konventionen über Bord zu werfen, blühte in den Zeitschriften der sogenannte „New Journalism“, der wegen seines Stils auch als „Literary Nonfiction“ bezeichnet wurde; der Reporter bringt sein Ich in den Text mit ein, wird Teil dessen, was er berichtet. In Joan Didions sparsamem Erzählen, das stark von Hemingway beeinflusst ist, spielt die Struktur der Sätze eine entscheidende Rolle. Sie versteht es, Gegensätzliches in kurzen Sentenzen zusammenzuführen. Einprägsame Worte wiederholt sie wieder und wieder.


„Wir sind in Hollywood erwachsen geworden und müssen uns jetzt allein in die Welt aufmachen“

Didion wurde im Dezember 1934 in Sacramento geboren, der kalifornischen Hauptstadt, die mental Lichtjahre von Hollywood entfernt liegt. Didions Texten ist ein kulturkonservativer Zug eigen. An den Hippies scheint sie besonders deren drogenbedingter Kontrollverlust schockiert zu haben. In dem Band „Slouching Towards Bethlehem“ sind einige ihrer Essays über Hollywood, die Filme und das Geschäft mit ihnen versammelt. So spürt sie in „John Wayne: Ein Liebeslied“ der Faszination nach, die der Western-Darsteller auf sie als Kind auslöste. John Wayne stand für eine Welt, „die es einst gegeben haben mochte oder auch nicht... in der ein Mann, wenn er tat, was er tun musste, sich eines Tages das Mädchen nehmen, mit ihm durchs Tal reiten und dann zu Hause und frei sein konnte und nicht in einem Krankenhaus, weil etwas in ihm falsch lief, nicht in einem hohen Bett mit den Blumen und den Medikamenten und dem gezwungenen Lächeln, sondern dort an der Biegung des schimmernden Flusses, wo die Pappeln frühmorgens in der Sonne blinkten.“ Wayne, den Didion am Set von „Die vier Söhne der Katie Elder traf, zog seinen stoischen Stil auch dann noch durch, als er schon sichtbar vom Lungenkrebs gezeichnet war.

Mit Argwohn beobachtete Didion, wie die Traumfabrik als Punching Ball für alles Falsche und Kommerzielle herhalten musste: „Wir sind in Hollywood erwachsen geworden und müssen uns jetzt allein in die Welt aufmachen. Wir sind nicht mehr in den Klauen eines Riesenungeheuers.“ Mitte der 1960er-Jahre galt es nicht mehr, den bösen Alleszermalmer Hollywood zu geißeln, denn die alte Welt befand sich längst in Abwicklung. Eine neue Zeit zeichnete sich am Horizont ab – Zeit des Verfalls, Zeit des Aufbruchs.


Zarte Gestalt, harte Urteile

So zart Joan Didion auch war und schrieb, so scharf urteilte sie mitunter über das Handwerk von Kino-Autoren: „Niemand, der ,Boccaccio 70‘ gesehen hat, kann das Wort Formel jemals wieder mit dem Attribut Hollywood belegen.“ Über Visconti schreibt sie: „Statt seines ,Leoparden‘ hätte man sich ebenso gut ein paar Standaufnahmen ohne erkennbare Reihenfolge ansehen können.“ Zu Fellini und Bergman notiert Didion, dass beide „eine überwältigende visuelle Intelligenz und eine einschläfernd banale Sicht der menschlichen Erfahrung“ besäßen. Anstatt wie die jungen Wilden der Nouvelle Vague die Autorenschaft von Studioregisseuren wie John Ford und Howard Hawks zu betonen, scheint für Didion mit ihrer Wertschätzung für Strukturen das Genie eher im System zu liegen.

In Jerry Schatzbergs „Panic in Needle Park“, nach einem Drehbuch von Didion und John Gregory Dunne, spielen Al Pacino und Kitty Winn das Junkie-Pärchen Bobby und Helen. Nach einer heimlichen Abtreibung zu Beginn des Films kümmert sich Bobby rührend um die kindlich wirkende Helen. Doch die aufkeimende Romanze wird von ihrer Drogensucht überlagert. Das Gefühl des Kontrollverlusts vermittelt sich exemplarisch, wenn der Hundewelpe des Pärchens von einer Fähre in die Fluten stürzt, während sich die beiden auf dem Klo einen Schuss setzen. Der Film ist eine einprägsame Schilderung der New Yorker Drogenszene der frühen 1970er-Jahre. Die Rolle des überdrehten Bobby passte gut zu Al Pacino, und Kitty Winn wurde beim Filmfestival in Cannes sogar als beste Darstellerin ausgezeichnet.

"Panic in Needle Park" (© Twentieth Century Fox)
"Panic in Needle Park" (© Twentieth Century Fox)

Auch in Didions L.A.-Roman „Play it as it lays“, den sie gemeinsam mit John Gregory Dunne 1972 als Drehbuch für Frank Perry umarbeitete, spielt eine Abtreibung eine Rolle. Tuesday Weld mimt die ätherische Schauspielerin Maria, die ein Kind mit dem Regisseur Carter Lang hat. Als sie erneut schwanger wird, organisiert er ihr eine Abtreibung. In Rückblicken erzählt der Film von Marias Absturz und einer Lieblosigkeit, die sie mit Drogen betäubt. Die beklemmende, existenzialistische Atmosphäre des Buches vermittelte sich auch auf der Leinwand, wo die Handlung aus verschiedenen Perspektiven wunderschön manieriert in Szene gesetzt wird.

Kein großer Ruhm war dem Duo Didion & Dunne mit dem Drehbuch zum zweiten Remake von „A Star is Born“ beschieden: Das Urteil der Kritik klang ernüchternd: Der Film verschenke sein Thema „durch die oberflächliche Psychologisierung der Personen und die auf äußerliche Schauwerte ausgerichtete Inszenierung“. An der süßlichen Musical-Romanze mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson stachen vor allem die opulente Kostümierung und Überlänge hervor.

"A Star Is BornW (© Warner)
"A Star Is Born" (© Warner)

Der Stil ist ein Argument

ln der US-amerikanischen Frauenbewegung der 1970er-Jahre, mit der Didion wenig anfangen konnte, war die Autorin schlecht gelitten. Barbara Grizzuti Anderson sah in ihr eine „neurasthenische Cher“, in deren Werk es eigentlich nur um Didion selbst gehe. Deren hochsensible Introspektionen sollen Gloria Steinem angeblich bewegt haben, einer Interviewerin auf dem Weg zu Didion zuzurufen: „Fragen Sie sie doch mal, wo sie die Energie fürs Schreiben hernimmt, wo sie doch die ganze Zeit nur mit Heulen, Schwimmen und den mühsamen Versuchen, eine Autotür zu öffnen, beschäftigt ist.“ Nicht, dass Didion das Image des zerbrechlichen Stars nicht gepflegt hätte: Viele ihrer Bücher ziert ein Foto der hübschen, erschreckend schmalen Frau, die von der Veranda eines mondänen Strandhauses in die Leere blickt oder unbeteiligt aus dem geöffneten Fenster einer weißen Corvette schaut. Bei Didion ist Stil ein Argument. Vor lauter Stil vergisst man manchmal, worauf sie hinauswill. Man weiß immer, was sie fühlt, aber selten, was sie denkt. Manchmal ahnt man, was sie von den Dingen hält.

Mit dem Krimi „True Confessions“ unternahm John Gregory Dunne Ende der 1970er-Jahre einen Abstecher ins Hard-Boiled-Genre. Er und Didion adaptierten den Stoff auch fürs Kino. Robert Duvall ermittelt in „Fesseln der Macht“ als Cop in einem Mordfall an einer Prostituierten. Hauptverdächtiger ist ein großzügiger Spender der Katholischen Kirche, der dem Bruder des Cops (Robert De Niro) als Priester dient. Beide Brüder sind korrupt, versuchen sich aber zu bessern, womit sie sich Feinde machen. Die Zeitreise ins verfilzte Los Angeles der 1950er-Jahre skizziert eine Welt rauer Männer im Stil der späteren James-Ellroy-Verfilmung „L.A. Confidential“. „Fesseln der Macht“ setzte die in der Beichte exemplarisch gezeigte formelhafte Leere täglicher Rituale geschickt in Szene – auch wenn Roger Ebert beklagte, dass die Handlung nicht abgeschlossen sei.

Wer sich für die historischen Hintergründe von Brian de Palmas blutgetränkter „Scarface“-Variation interessiert, wird in Didions Langstreckenreportage „Miami“ aus den späten 1980er-Jahren fündig – ein Ort, in dem lateinamerikanische Emigranten seit jeher Stellvertreterkonflikte aus ihren Herkunftsländern austragen. Historische Passagen stehen neben Porträts immer noch besessener Veteranen der US-Invasion in der Schweinebucht in Kuba – einer Mission, der John F. Kennedy auf halber Strecke die Unterstützung entzogen hatte und so zum „der zweitgehasstesten Mann Miamis“ (nach Castro) avancierte.

"Fesseln der Macht" (© Warner)
"Fesseln der Macht" (© Warner)


Didion nahm sich schon 1991 der „Central Park Five“ an

In Didions Essayband „After Henry“ aus dem Jahr 1991 findet sich eine Reportage über fünf junge Schwarze, die 1989 des Mordes an einer weißen Bankerin im New Yorker Central Park bezichtigt wurden. Die fünf saßen bis zu ihrer Rehabilitierung 2014 hinter Gittern. Ein Vierteljahrhundert bevor die Serie „When They See Us“ im Zuge von #BlackLivesMatter den Fall aufgriff, nahm sich Didion des Falles an. Sie zeigte, mit welch rassistischen Klischees seriöse Medien die Beschuldigten zeichneten.

Auf Netflix läuft seit Februar 2020 auch „The Last Thing He Wanted“, eine Verfilmung des letzten Romans von Joan Didion. Eine unermüdliche Anne Hathaway versucht darin als Reporterin, Waffenlieferungen der Reagan-Administration an die rechten Contras in Nicaragua aufzuklären, wird aber nach einer Intervention von ganz oben von ihrem Chef abgezogen. Ein Thriller mit autobiografischen Bezügen – Didion hatte sowohl aus Südamerika als auch von den US-Wahlkämpfen der 1980er-Jahren berichtet.

"The last Thing he Wanted" (© Laura T. Magruder)
"The Last Thing He Wanted" (© Laura T. Magruder)

Einem breiteren Publikum ist Joan Didion durch ihre tieftraurigen Familienmemoiren „Das Jahr des magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ bekannt geworden. Sie erzählt darin von Schicksalsschlägen, die ihre unmittelbare Umgebung trafen. Einmal mehr zeigt sie sich darin als hypersensible Seismografin von Schwingungen, die die wenigsten benennen können. Wollte man Zerbrechlichkeit an einem einzigen Menschen veranschaulichen, landet man fast zwangsläufig bei Joan Didion. Und so passt ihre äußere Erscheinung wie auch ihr ebenso luzider wie flüchtiger Stil ziemlich gut zum Titel des Filmporträts „The Center Will Not Hold“, das ihr Neffe Griffin Dunne 2017 gedreht hat. Die Frau, die Hollywood und die US-amerikanische Gesellschaft seit 60 Jahren als Chronistin begleitet, kann man hier endlich mal vor der Kamera erleben.

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