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Serie: Ramy - Staffel 2

Donnerstag, 06.08.2020

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Von der Crux, in den Post-9/11-USA eine muslimische Identität zu leben: Die brillante Sitcom von und mit Ramy Youssef schickt ihren tragikomischen Helden in der zweiten Staffel auf neue absurde Sinnsuche-Abenteuer.

Zu viel Porno, zu wenig Erleuchtung: Am Anfang von Staffel 2 ist Ramy einmal mehr weit davon entfernt, mit sich im Reinen zu sein. Seine gegen Ende von Staffel 1 unternommene Reise nach Ägypten, eigentlich geplant als Selbstfindungs-Trip, brachte nur neue emotionale Verwicklungen mit sich – nicht zuletzt wegen einer attraktiven Cousine. Wieder zurück in New Jersey, igelt er sich zuhause ein und beschränkt sich aufs selbstmitleidige Vor-sich-hin-Brüten und aufs Porno-gestützte Masturbieren – Selbstbefriedigung will man das nicht nennen, denn von Befriedigung kann bei Ramy weder in sexueller noch in sonst einer Hinsicht die Rede sein. Der Imam der Moschee, die Ramy regelmäßig besucht, weiß auch keinen Rat, sondern rät lediglich zum fleißigen Suren-Beten, womit Ramy dem quälenden Gefühl von innerer Leere aber auch nicht beikommt. Zum Glück hat er Freunde, die ihn doch wieder aus seinem Schneckenhaus locken. Einer von ihnen nimmt ihn mit in ein neues Gemeindezentrum, in dem eine sufistische Spielart des Islam praktiziert wird. Ramy schnappt nach diesem neuen Orientierungspunkt auf seiner spirituellen Sinnsuche wie der Hund nach der Wurst. Und merkt bald, dass er mit dem gestellten Ziel, „sein Ego zu überwinden“, vielleicht mehr abgebissen hat, als er schlucken kann.

Prominenter Neuzugang: „Oscar“-Preisträger Mahershala Ali

Schon mit der ersten Staffel seiner Sitcom hatte Showrunner und Hauptdarsteller Ramy Youssef einen großen Wurf hingelegt: Die Serie, mit der der 1991 in New Jersey als Sohn einer ägyptisch-stämmigen Familie geborene Komiker die eigenen Erfahrungen und Identitätskonflikte als muslimischer US-Millennial zwischen zwei Kulturen fiktionalisiert und satirisch überhöht, lieferte ein ungemein pointiertes, facettenreiches (Selbst-)Porträt; Youssef wurde dafür mit einem „Golden Globe“ als bester Hauptdarsteller in einer Comedy-Serie geehrt. Staffel 2, die in den USA Ende Mai startete und ab 6.8.2020 bei Starzplay zu sehen ist, hat sich mehrere „Emmy“-Nominierungen verdient – u.a. für Mahershala Ali: Der „Green Book“-Darsteller ist der wichtigste Cast-Zuwachs in Staffel 2; er spielt den charismatischen, freundlich in sich ruhenden Scheich Malik, den sich Ramy als neuen spirituellen Führer ausersieht.

Die erste Hälfte der zehn Episoden langen Staffel lebt primär von den Reibungen zwischen den beiden: Ramy stürzt sich mit Feuereifer in die Herausforderung, mit Anleitung Maliks ein besserer, selbstloserer Mensch und Muslim zu werden; das ehrliche Bestreben nach Läuterung verquickt sich bei ihm aber bald mit einer gewissen Gefallsucht und Pedanterie, schießt übers Ziel hinaus und sorgt so dafür, dass Ramy sich selbst, aber auch Malik und seine Sufi-Gemeinde in üble Scherereien bringt. Der Versuch, diese wiedergutzumachen, zeugt neue Verwicklungen, bei denen dann auch eine neue Frau Ramys Weg kreuzt – ausgerechnet die Tochter des Scheichs, was sein Verhältnis zu seinem Lehrer nicht unbedingt entspannter macht. Bei Ramys amouröser Vorgeschichte ist klar: Das kann nur im Chaos enden!

Diesen Handlungskern rund um Ramys holprige Sinnsuche balanciert die Serie einmal mehr perfekt zwischen existenziellem Tiefgang und absurder Situationskomik aus, befeuert von Ramys Tendenz, die religiöse und lebenspraktische „Selbstoptimierung“ mit dem Eifer eines Schauspielers zu betreiben, der einen schwierigen Part einstudiert, ohne freilich die Kluft zwischen Rolle und wahrem Ich je überwinden zu können.

Die Weisheit der Hunde

Diese Spannung zwischen Schein und Sein, zwischen äußerer „Performance“ und eigenen Gefühlen, zieht sich als roter Faden durch die Staffel, die sich in der zweiten Hälfte einmal mehr die Zeit nimmt, den Fokus von Ramy weg zu anderen Mitgliedern seiner Familie zu verlagern und so das Problem, in den Post-9/11-USA eine muslimische Identität zu leben, um andere Perspektiven zu bereichern: Höchst gelungen sind Episoden um Ramys Vater (der durch einen Jobverlust in eine handfeste Identitätskrise gerät) und seinen Onkel Naseem, eine bisher vor allem als urkomische Karikatur borniert-erzkonservativer, chauvinistischer Männlichkeit eingesetzte Figur, die nun beim genaueren Hinsehen ungeahnte, ängstlich versteckte Seiten offenbart. Und einen herrlich ironischen Dreh findet schließlich eine Episode, die Ramys von Hiam Abbas gespielter Mutter gewidmet ist: Auch sie will auf gewisse Weise ein „neuer Mensch“ werden – nämlich endgültig eine Amerikanerin! Der Entscheid über ihre US-Staatsbürgerschaft steht an; ein positiver Ausgang ist allerdings ungewiss, und beim Versuch, diesem nachzuhelfen, verrennt sie sich genauso heillos wie ihr Sohn bei seinen Versuchen, ein guter Muslim zu sein.

Wahrscheinlich hat Scheich Malik völlig recht, wenn er an einer Stelle frustriert von der Aufgabe, Ramy zu unterweisen, zurücktritt und diesem stattdessen kurzerhand einen Hund aufs Auge drückt, dem er nun nicht mehr von der Seite weichen und den er als seinen neuen Meister ansehen soll. Vom ganz natürlichen Bei-sich-Sein des Tieres könnten sich auch so ziemlich alle anderen Figuren der Serie eine Scheibe abschneiden.

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