© Universal (aus „We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte“)

Die Stunde der Verräter - Neue Filme über Whistleblower

Freitag, 07.08.2020

Whistleblower und die Folgen – über den Aufstieg des Verräters zur moralischen Instanz im Kino der letzten Jahre

Diskussion

Judas war gestern! Prominente Whistleblower haben die Verachtung für Verräter in Frage gestellt. Das Kino erzählt mittlerweile Geschichten über die Möglichkeit eines „guten“ Verrats durch integre Vorbildfiguren, was neben Filmbiografien über Edward Snowden & Co. auch unerwartete Umdeutungen hervorbringt. Aktuell beweist Marco Bellocchio mit „Il Traditore“, dass ein Verräter selbst im Mafiafilm zum Helden werden kann.


Beim großen Mafia-Gruppenfoto darf Tommaso Buscetta in die Mitte rücken, ein Zeichen der Wertschätzung seiner Kollegen von der Cosa Nostra. Respektgebietend mit maßgeschneidertem weißem Anzug, eingeölten Locken, tiefer Stimme und dem staatmachenden inoffiziellen Titel „Boss der zwei Welten“ präsentiert sich der von Pierfrancesco Favino gespielte Protagonist von Marco Bellocchios „Il Traditore – Kronzeuge gegen die Mafia (ab Donnerstag, 13. August, im Kino). Es ist ein immenser Kontrast zur gängigen Darstellung von Verrätern im Mafiafilm, wo sie seit jeher fest zum Personal gehören: als erbärmliche Kreaturen, denen jede „Klasse“ für eine Verbrecherorganisation von Format fehlt. Männer, wie sie vor allem der zweite Teil von Francis Ford Coppolas „Der Pate“-Saga mustergültig entwarf: mit dem älteren Mafioso Frankie Pentangeli (Michael V. Gazzo), eingeführt als ordinäre Witzfigur, die sich auf Familienfesten danebenbenimmt und nach einem vermeintlich vom „Paten“ Michael Corleone (Al Pacino) befohlenen Angriff mit dem FBI zusammenarbeitet, sowie als Gipfel des Verrats mit Michaels eigenem Bruder Fredo (John Cazale), der mit den Feinden der Corleone-Familie konspiriert. Ein durchweg als schwach und unsicher präsentierter Mensch, der bei der obligatorischen Schlussabrechnung seinem Mörder noch nicht mal ins Gesicht blicken darf, während der einsam vor sich hinbrütende Michael zur tragischen Figur stilisiert wird.

Der weiße Anzug ist bezeichnend: Die Hauptfigur in "Il Traditore" wird sich für ihr Gewissen und gegen den kriminellen Clan entscheiden (© Pandora Film Medien GmbH)
Den weißen Anzug kann man durchaus symbolisch verstehen: Die Hauptfigur in "Il Traditore" wird sich für ihr Gewissen und gegen den kriminellen Clan entscheiden (© Pandora Film)

Diese ikonischen Bilder stehen zwangsläufig vor Augen, wenn Bellocchio in Il Traditore den Verrat von Tommaso Buscetta inszeniert. Nach der Verhaftung in Brasilien, nach Verhören, Folter, einem Selbstmordversuch und der Auslieferung nach Italien behält dieser zunächst die Haltung bei, die er für den Ehrenkodex der Cosa Nostra hält: Niemals mit der Justiz reden. Dann jedoch schwenkt Buscetta um und kooperiert mit Italiens bekanntestem Mafia-Jäger der 1980er-Jahre, Richter Giovanni Falcone. Dutzende früherer Kumpane wandern vor Gericht und dank Buscettas Aussagen hinter Gitter, ein bis dahin ungekannter Schlag gegen die „ehrenwerte Gesellschaft“. Weit entfernt von der traurigen Gestalt eines Fredo Corleone bleibt Buscetta auch vor Gericht selbstbewusst und souverän, während die übrigen Mafiosi von Anfang an eine jämmerliche Show veranstalten, ein wahrhaftiges „Affentheater“, wie die düpierten Richter befinden.


Verrat als Akt der Vernunft

Es ist ein Spektakel, vor dem Regisseur Marco Bellocchio Buscettas Bruch mit den Treueschwüren seiner Vergangenheit als Akt der Vernunft und auch der Läuterung in Szene setzen kann, ohne dass er es nötig hätte, ihn als Heiligen auszugeben. Trotzdem muss man Buscetta als aufrichtig begreifen, wenn er in einem Fernsehinterview später erklärt: „Ich bin nur ein kleiner Mann mit einem Gespür für Anstand.“ Denn anständig sein, heißt für Buscetta, seine Organisation auch zu hinterfragen, sobald er deren Vorgehen als „falsch“ erkannt hat. Die Entscheidung, sich gegen die Gruppe zu stellen, der er jahrzehntelang angehörte, ist zwar ein „Verrat“, zugleich aber ein heroischer Akt. Wo die linientreuen Mafiosi sich als unflexibel und damit lächerlich erweisen, gewinnt Tommaso Buscetta an Größe, weil er fähig ist, seinem Gewissen zu folgen, anders zu denken und zu handeln.

Il Traditore ist zweifellos eine Zäsur in der Geschichte des Mafiafilms. Noch vor wenigen Jahren wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass ein Gangsterepos eine Verräter-Figur wie Tommaso Buscetta derart in den Fokus gestellt hätte – während sie als Nebencharakter selbstredend durch sämtliche Filme und Fernsehserien über Giovanni Falcone geisterte, die seit der Ermordung des Richters im Jahr 1992 in regelmäßigen Abständen entstanden. Indem Bellocchio den Verräter-Begriff sogar im Titel seines Films noch hervorhebt, rührt er darüber hinaus an ein Tabu, denn Verrat wird in allen Kulturen traditionell als besonders schwere Untat wahrgenommen.

Vom Mut, sich gegen die eigene Gruppe zu stellen: Pierfrancesco Favino in "Il Traditore" (© Pandora Film Medien GmbH)
Vom Mut, sich gegen die eigene Gruppe zu stellen: Pierfrancesco Favino in "Il Traditore" (© Pandora Film)

So verbannte ein Dichter wie Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“ die drei Erzverräter Judas Iskariot, Brutus und Cassius in den untersten Höllenkreis. Nicht umsonst sind die beiden ersteren Namen auch heute noch als Synonyme für die schlimmsten aller denkbaren Vertrauensbrüche gebräuchlich – ungeachtet der Diskurse, die schon sehr früh um die heilsgeschichtliche Notwendigkeit des Judas-Verrats an Jesus stritten, oder der Deutung von Brutus und Cassius als Mördern eines Tyrannen. Das populistische Urteil kennt keine mildernden Umstände, wo es um Verrat an den eigenen Leuten geht. In Bellocchios Film ist es Buscettas eigene Schwester, die ihn mit Judas vergleicht, nachdem die Cosa Nostra aus Vergeltung ihren Mann getötet hat. Rechenschaft fordert sie nicht etwa von den Mördern, sondern von ihrem Bruder.


Der Whistleblower als Weltverbesserer

Als Filmproduktion des Jahres 2019 steht Il Traditore allerdings auch in einer zweiten, wesentlich neueren Tradition, die sich erst im letzten Jahrzehnt im Kino etabliert hat. Während autoritäre Machthaber der Stunde wie Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan oder Jarosław Kaczynski ebenso wie populistische Bewegungen den Verräter-Begriff inflationär auf jeden anwenden, der ihnen missliebig erscheint, hat sich zur selben Zeit eine bestimmte Form des Verrats breites Ansehen erworben: Die öffentliche Enthüllung fragwürdiger bis illegaler Praktiken von Regierungen, Unternehmen oder anderen Institutionen mit weitreichendem Einfluss. Schon der Begriff des „Whistleblowers“ für solche Frauen und Männer, die als Beteiligte oder Eingeweihte diese Missstände aufdecken und damit oft Freiheit und Leben riskieren, kündet von einer Verschiebung der Perspektive: Hinter dem Verrat werden nun keine selbstsüchtigen Motive mehr ausgemacht (zumindest nicht primär), sondern Aufklärungsgedanken, Großherzigkeit und Altruismus. Der Whistleblower taugt inzwischen zum modernen Ideal eines Weltverbesserers.

Whistleblower werden zu modernen Heldenfiguren: Ein Still aus Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets" (2013), der die Geschichte der Internet-Plattform WikiLeaks aufrollt (© Universal)
Whistleblower werden zu modernen Heldenfiguren: Ein Still aus Alex Gibneys Dokumentarfilm "We Steal Secrets" (2013), der die Geschichte der Internet-Plattform WikiLeaks aufrollt (© Universal)

Seit 2010/2011 mit den Enthüllungen von WikiLeaks und Chelsea Manning Whistleblower einen Popularitätsschub erfuhren, der nur noch 2013 durch Edward Snowden überboten wurde, drängen sie zusehends auch als Heldinnen und Helden auf die Leinwand. Als Typus kamen sie natürlich schon lange vor der Begriffsetablierung vor, doch taten sich Filmemacher deutlich schwerer damit, das Handeln von Whistleblowern in die verfügbaren Heldenkonstruktionen einzupassen. Festmachen lässt sich das an einem Film wie Steven Soderberghs „Der Informant!“ (2009), der kurz vor dem historischen Markstein in die Kinos kam. Der von Matt Damon gespielte Protagonist des Films würde alle Voraussetzungen für eine Vorbildfigur erfüllen. Mark Whitacre ist Mitarbeiter eines Großkonzerns und in die illegalen Preisabsprachen seines Arbeitgebers bei Lebensmittelzusätzen involviert, bis ihn sein Gewissen dazu treibt, mit dem FBI zu kooperieren.

Soderbergh hat den Film und insbesondere die Hauptfigur jedoch satirisch angelegt: In seinem grenzenlosen Mitteilungsbedürfnis erscheint Mark Whitacre aufdringlich und selbstgefällig; sogar von seinen FBI-Kontakten wird er irgendwann gefragt, warum er so vieles preisgebe, nach dem er gar nicht gefragt worden sei. Zudem ist er ein unzuverlässiger Erzähler, der seine Enthüllungen mit Lügen bis hin zu vorgetäuschten Angriffen auf sich anreichert, weil er für die Bundesbehörde weiter interessant bleiben will. Wenn er am Ende länger hinter Gitter wandert als seine Chefs, kann sich der Film deshalb auch ein wenig Schadenfreude über diesen Dämpfer nicht verkneifen.


Follow the Money – Deep Throat & andere Hinweisgeber

Zwiespältig waren Whistleblower-Figuren im Kino auch dann, wenn sie in das gegenteilige Extrem verfielen und ihre Geheimnisse so zögerlich und verklausuliert enthüllten, dass sie mehr antiken Orakeln als hilfreichen Streitern für eine gute Sache glichen. In Alan J. Pakulas Thriller über die Aufdeckung der Watergate-Affäre, „Die Unbestechlichen“ (1976), verfügt der Reporter Bob Woodward (Robert Redford) über einen Informanten mit Kontakten in höchste Geheimdienst- und Regierungskreise, an sich eine Quelle von unermesslichem Wert. Der Film stellt den mit dem Decknamen „Deep Throat“ versehenen Mann (Hal Holbrook) allerdings als derart sicherheitsbesorgt dar, dass Treffen nur nachts in dunklen Tiefgaragen stattfinden können, wo er Woodward dann mit kryptischen Anweisungen („Geht dem Geld nach!“) abspeist und sich darauf beschränkt, Dinge zu bestätigen, die der eifrige Journalist bereits herausgefunden hat. Erst nach vielem Drängen ist „Deep Throat“ bereit, die Namen der Verantwortlichen für den Watergate-Einbruch zu nennen und von sich aus die Beteiligung von FBI und CIA aufzudecken; dennoch bleibt er durchweg ein – so auch ins Bild gesetztes – Schattenwesen, das nur widerwillig seine naturgemäße Passivität aufzugeben scheint.

In "Die Unbestechlichen" waren die journalisten die Helden und ihr Whistleblower nur eine Schatten-Figur (© Warner)
In "Die Unbestechlichen" waren die Journalisten die Helden und ihr Whistleblower nur eine Schatten-Figur (© Warner)

Pakula und Drehbuchautor William Goldman hatten seinerzeit nur bedingt eine Wahl bei der Konzeption ihres „Deep Throat“, da dessen wahre Identität jahrzehntelang geheim blieb. Erst 2005 gab der FBI-Beamte Mark Felt, zur Zeit der Nixon-Administration Vizedirektor der Bundesbehörde, zu, der Informant gewesen zu sein. Der 2017 von Peter Landesman gedrehte Film „The Secret Man“ machte daraufhin Felt zur Hauptfigur und kehrte die Perspektive auf die Ereignisse um: In der Darstellung durch Liam Neeson betont der Film von Beginn an die Integrität und Gewissenhaftigkeit Felts, der im FBI einen Beschützer des Volkes sieht. Als ein Berater des Präsidenten tadelt, warum Demonstranten gegen den Vietnamkrieg nicht verhaftet würden, druckst Felt nicht herum, sondern stellt klar: „Weil sie keine Straftat begangen haben.“ Im Umgang seiner Behörde mit der Watergate-Affäre gerät er dann immer wieder mit dem regierungstreuen FBI-Direktor Patrick Gray aneinander, der die Ermittlungen blockiert; schließlich wird Felt von sich aus aktiv und verständigt Woodward, dem er die Informationen mit dem ausdrücklichen Hinweis gibt, es handele sich um „hochexplosives Material“.

The Secret Man macht es nicht schwer, Felts Beweggründe für seinen Verrat nachzuvollziehen, dafür werden seine Gegner innerhalb des FBI von Anfang an zu deutlich als unmoralisch markiert. Allerdings verweist Landesman auch auf Widersprüche in Felts Charakter und vermeidet auf diese Weise weitgehend eine Verklärung seines Protagonisten, wie sie in manch anderer Filmbiografie über reale Whistleblower mittlerweile zu finden ist. Angesichts der Tendenz des kommerziellen Kinos, auf makellose Helden zu setzen, lag es nahe, dies auch bei Whistleblowern zu versuchen; im Resultat schießen manche dieser Filme aber deutlich übers Ziel hinaus. So läuft „Snowden“ (2016) von Oliver Stone im Bemühen, eine gerade in ihrer Farblosigkeit authentische Persönlichkeit wie Edward Snowden zu einer Art Superheld des Widerstands zu stilisieren, auf peinlichen Kitsch hinaus.

Allzu sehr zum makelloseen Helden stilisiert: Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden in "Snowden" (© Universum)
Allzu sehr zum makelloseen Helden stilisiert: Joseph Gordon-Levitt als Edward Snowden in "Snowden" (© Universum)

In Gavin Hoods „Official Secrets“ (2019) über die britische Geheimdienstübersetzerin Katharine Gun, die 2003 der Presse Informationen über die geplante Manipulation der UNO im Vorfeld des Irakkriegs durch die Regierungen der USA und Großbritanniens zukommen ließ, wird die Hauptfigur regelrecht von Sympathisanten überrannt, die beschwören, wie mutig sie doch gewesen sei – ein auf Dauer doch sehr penetranter Wink, wie das Geschehen interpretiert werden soll. Die Wahl von Joseph Gordon-Levitt und Keira Knightley für Snowden respektive Gun zeigt immerhin, dass Whistleblower-Rollen nunmehr auch für Stars attraktiv geworden sind; glaubhafter macht das ihre Hochglanz-Versionen whistleblowerhafter Unauffälligkeit nicht unbedingt.


Dem eigenen moralischen Kompass folgen

Filmisch etwas überzeugender erscheint daneben die Entscheidung von Regisseur Bill Condon und Drehbuchautor Josh Singer, bei „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ (2013) nicht den schillernden Julian Assange (Benedict Cumberbatch), sondern seinen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl) ins Zentrum zu stellen. Der Film belässt Assanges Motive im Zwielicht und betrachtet sein Vorgehen auch kritisch; dafür muss Domscheit-Berg sich in dieser Lesart am Ende überwinden, auch gegenüber seinem Förderer Assange zum Whistleblower zu werden – dieser ist als Kopf eines Medienimperiums selbst zu einer mächtigen Figur geworden, die niemand mehr Rechenschaft schuldig zu sein glaubt. Das ist eine interessante Variation, die ein Grundproblem der Filmgattung aber nicht lösen kann. Denn so ist es eben Domscheit-Berg, der ebenso gewissenrein wie eintönig wirkt, während seine Blauäugigkeit gegenüber Assange nicht recht mit der Vorstellung vom Whistleblower zusammenpassen will, der nur seinem eigenen moralischen Kompass folgt.

Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl in "Inside Wikileaks" (© Constantin)
Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl in "Inside Wikileaks" (© Constantin)

Als wohl durchdachteste unter den neueren Kino-Annäherungen an reale Whistleblower präsentiert sich bislang Roman Polanskis Auseinandersetzung mit der Dreyfus-Affäre, „Intrige“ (2019). Der historische Skandal um die antisemitisch motivierte Verurteilung von Alfred Dreyfus als angeblicher Hochverräter Ende des 19. Jahrhunderts ist ähnlich wie die Watergate-Affäre schon ein reichlich beackertes Feld im Kino. Polanskis Ansatz aber ist wie der des zugrundeliegenden Buches von Robert Harris tatsächlich neuartig. Während frühere Verfilmungen der Dreyfus-Affäre entweder den unglücklichen Offizier in den Mittelpunkt stellten, die Rolle von Emile Zola bei der Rehabilitierung von Dreyfus betonten oder Ensembledramen über die verschiedenen Gerichtsprozesse waren, bestimmt Intrige erstmals jenen Mann zur Identifikationsfigur, der die Beweise für die Unschuld von Dreyfus entdeckte und gegen Interesse und Anordnung der Armeeführung öffentlich machte: Colonel Marie-Georges Picquart.

In seinem Vorgehen verfolgt der Film eine Strategie der Gegenläufigkeit: Während Picquart (Jean Dujardin) seine Ansicht über Dreyfus’ Schuld revidiert, als wahren Spion den Offizier Ferdinand-Walsin Esterházy identifiziert und umso mehr auf der Veröffentlichung der Tatsachen besteht, je weniger seine Vorgesetzten dies zulassen wollen, bleibt seine eigene Aversion gegen Juden unberührt. Picquart lässt nie persönliche Sympathie für Dreyfus erkennen; in seinen Ressentiments steht er anderen Armeeangehörigen kaum nach. Im Unterschied zu diesen sorgt er sich jedoch um die Korrektur eines Unrechts, dessen Aufdeckung er als seine Pflicht betrachtet – aber als durchaus unangenehme, wie er erklärt: „Ich würde mir wünschen, er wäre schuldig. Das Leben wäre einfacher. Aber der Verräter ist Esterházy.“

Aufrichtigkeit vor Kadertreue: Jean Dujardin in "Intrige" (© Weltkino)
Aufrichtigkeit vor Kadertreue: Jean Dujardin in "Intrige" (© Weltkino)

Der moralische Konflikt moderner Whistleblower

Ähnlich wie es Marco Bellocchio bei Tommaso Buscetta gelingt, wirbt Picquart nicht durch seinen Charakter um die Gunst des Zuschauers, sondern durch seine Charakterstärke – und durch die Fähigkeit, der Organisation, der er sein Leben geweiht hat, nicht blind oder wider besseres Wissen in deren Irrwege zu folgen. Die wütenden Vorwürfe der verantwortlichen Generäle und aufgebrachter Dreyfus-Hasser aus dem Volk, dass er der Armee mit seinem Verrat schade, entlarvt der Film in all ihrer Absurdität: Nicht Picquart ist es, der sein militärisches Nest beschmutzt; vielmehr wagt der Colonel durch sein Vorgehen gerade den Vorstoß, die bereits verunreinigte Armee von Lügen und Vertuschung zu säubern. „Die beste Art, der Armee zu dienen, ist als ehrlicher Mann“, bringt er als Verteidigung gegen seine Ankläger vor; eine Ehrlichkeit als Grundsatzposition, die weit mehr umfasst als das Schicksal von Einzelpersonen wie Alfred Dreyfus.

Der moralische Konflikt ist das zentrale Drama aller neueren Whistleblower-Filme und definiert geradezu die Figuren: Wo um sie herum Vertreter eines geschlossenen Systems agieren, für die im Zweifel ethische und rechtliche Grundsätze weniger wichtig sind als die Geheimhaltung eines Verstoßes vor der Außenwelt, sind die Whistleblower gewissensabhängig und lernfähig. Angesichts hartnäckiger Leugnung von Missständen bleibt ihnen so gar nichts anderes übrig als der Verrat. „Damit kann ich nicht leben!“ ist die gemeinsame Losung, die man in der Konstruktion der Filme als buchstäblich begreifen muss, wenn das Vorgehen der Figuren verständlich bleiben soll. Schließlich fügen diese sich – und oft auch noch Menschen, die ihnen nahestehen – mit ihrem Verhalten irreparablen Schaden zu, schaffen sich unversöhnliche Feinde und riskieren ihre Zukunft, wenn nicht gar ihr Leben. Je anstandsresistenter sich die jeweilige Institution präsentiert, umso alternativloser können die Filme die Standhaftigkeit derer wirken lassen, denen ihre Gruppenzugehörigkeit nicht Augen und Mund vor schändlichem Fehlverhalten verschließt. Gefahr für Leib und Leben erscheint als das kleinere Übel.

Diese Vorgänge finden, wie Filme der letzten Jahre demonstrieren, auch nicht nur bei ohnehin rabiaten Vereinigungen wie der Cosa Nostra oder in Institutionen mit enormem Machtrückhalt wie dem französischen Armee-Staat-Geflecht um 1900 statt. Erfassen können sie jedes System mit der Tendenz zur Absolutsetzung und zum Totschweigen von unschönen Tatsachen. Neben den Werken über reale Whistleblower existiert der moralisch integre Verräter längst auch als Wunschfigur von Filmemachern aus aller Welt. So nahm sich die serbische Schauspielerin Mirjana Karanović – auf dem Balkan sowohl für ihre Filmrollen von „Papa ist auf Geschäftsreise“ bis „Esmas Geheimnis“ wie für ihre Versöhnungsarbeit nach den Jugoslawienkriegen berühmt – 2016 für ihr Regiedebüt Dobra zena/A Good Wife die fehlende Aufarbeitung der Kriegsverbrechen aus den 1990er-Jahren vor: Eine zurückhaltende Ehefrau (von Karanović selbst gespielt) entdeckt durch Zufall, welche Gräueltaten ihr Gatte damals begangen hat; nachdem alle anderen Versuche, diese Schuld zu thematisieren, gescheitert sind, steht am Schluss der Gang an die Öffentlichkeit – der Wille zum Anstand wird sogar über den engsten Familienzusammenhalt gestellt.


Glühende Verteidiger der eigenen Institution

Ein ganz ähnliches Ende bietet auch Gerd Schneiders Drama „Verfehlung“ (2014), in dem der Regisseur die Kindesmissbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufgreift, anhand einer bewusst schematischen Figurenaufteilung: Drei befreundete Priester, von denen der eine unter Missbrauchsverdacht gerät, der zweite die Wahrheit der Vorwürfe erkennt und den dritten vergeblich von einer Reaktion der Institution Kirche zu überzeugen versucht. Jakob (Sebastian Blomberg), der aufrichtige Priester, hat es mit der Freundschaft und der Kirche gleich mit zwei Loyalitäten zu tun, gegen die sich sein Pflichtgefühl behaupten muss. Dabei isoliert ihn sein Ringen mehr und mehr, je klarer er der abwiegelnden Haltung seines Freundes Oliver („Wir müssen unsere Glaubwürdigkeit bewahren!“) kontra gibt: „Die haben wir längst verloren!“

Wenn Verrat die eigentliche Treue zum Geist einer Institution ist: "Verfehlung" (© Camino)
Wenn Verrat die eigentliche Treue zum Geist einer Institution ist: "Verfehlung" (© Camino)

Da Jakob bei dem schuldig gewordenen Freund Dominik genauso wenig Einsicht weckt, bleibt auch ihm schließlich nur der radikale Bruch: der Gang zur Polizei. Zuvor steht eine Szene, in der Jakob angesichts eines Kreuzes am Weg Halt macht und umkehrt – ein hoher Grad von Symbolik, wie er im modernen Whistleblower-Film nicht selten ist. So erfährt die Protagonistin in Dobra zena fast zeitgleich zu den Taten ihres Mannes von ihrer eigenen Krebserkrankung – zwei Enthüllungen, die gleichermaßen radikale Schritte erfordern.

Bemerkenswert ist, dass die Verräter von heute im Kern oft die glühendsten Verteidiger ihrer Institutionen sind. Geheimdienste, Staat, Armee, Kirche, Familie, sie alle geraten zwar durch ihre Untaten in Misskredit; doch von Grund auf in Frage stellen die Filme sie nicht. Nur Tommaso Buscetta bildet hier eine Ausnahme: Er legt es in Il Traditore wirklich darauf an, die Cosa Nostra zu zerschlagen. Seine Kollegen im Verrat sind jedoch zu sehr Idealisten, um sich destruktiven Absichten hinzugeben. Ihnen muss reichen, dass sie mit ihrer Konsequenz den zentralen Irrtum ihrer internen Gegner entlarven: Nicht der Verrat zersetzt die Institution, sondern das Fehlverhalten. So beunruhigend die Enthüllungen der Whistleblower auch sein mögen, vertrauen die Filme doch auf die Selbstheilungskräfte von Demokratien und auf einen guten Ausgang für die noblen Verräter. Durchaus mit historischer Absicherung. Denn Buscetta entging der Rache der Cosa Nostra und starb im Bett, Picquart brachte es zum Kriegsminister, Felt beschloss sein Leben als angesehener Beamter. So hoch der Preis auch war – das Kino zeigt sie am Ende des Tages als Sieger der Geschichte.

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