© Cross Cult (Peter Bergtings Darstellung von Haku aus "Chihiros Reise ins Zauberland")

Hic sunt dracones

Montag, 17.08.2020

Ein Bildband des schwedischen Illustrators und Comic-Künstlers Peter Bergting huldigt den mythischen Riesenechsen und ihrer modernen Imagination in der Popkultur, nicht zuletzt im Medium Film

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„Hic sunt dracones“, hieß es früher auf Seekarten, um unerforschte und gefährliche Regionen zu markieren. Dort, wo die Ränder des menschlichen Erfahrungskreises liegen und Fantasie und Mythen an die Stelle gesicherter Kenntnisse treten, wo die „comfort zone“ der vermessenen Welt aufhört und das Unerhörte, Ungesehene und Wunderbare beginnt – da sind die Drachen! Das Kino strebt seit jeher danach, ein solcher „Hic sunt dracones“-Ort zu sein – im übertragenen, aber auch im ganz wörtlichen Sinn. Drachen gehören deshalb zu den Monstern, von denen das Medium Film nie genug bekommt.

Seitdem Karl Vollbrecht, einer der Production Designer von Fritz Langs „Die Nibelungen“, einen 20 Meter langen Modell-Drachen baute und von 17 Männern von innen heraus bewegen ließ, um Siegfried einen würdigen Gegner zu verschaffen, haben die majestätischen Echsen die Filmemacher immer wieder herausgefordert, technisch über sich hinauszuwachsen. Von Ray Harryhausens mittels Stop-Motion animierter Bestie Taro aus „Sindbads siebente Reise“ über Draco aus „Dragonheart“, mit dem 1996 das Zeitalter der Computeranimation für die Drachen begann, bis zur charakterstarken Motion-Capture-Perfektion von Smaug aus Peter Jacksons „Hobbit“-Trilogie ging es stets darum, den erhaben-schrecklichen Vorstellungen immer noch ein Stückchen gerechter zu werden, die Drachen im Gedächtnis fast aller Kulturen hinterlassen haben.

Der Glücksdrache Fuchur in der Version von Peter Bergting
Der Glücksdrache Fuchur aus "Die unendliche Geschichte" in der Version von Peter Bergting (© Cross Cult)

Eine illustrierte Hommage an die erhabenen Echsen

Der schwedische Illustrator und Comic-Künstler Peter Bergting (nicht zuletzt bekannt durch seine Arbeiten für die „Dungeons and Dragons“-Welt) hat die jüngere (Pop-)Kulturgeschichte der Drachen mitgeprägt. Sein Band „Drachen“, der kürzlich beim Verlag Cross Cult in deutscher Übersetzung erschien, ist nun eine liebevolle Hommage an die fantastische Spezies. Das Buch verbindet zeichnerische Re-Imaginationen populärer Drachen aus Sagen, Fantasyliteratur, Filmen, Rollenspielen und Serien mit kleinen Texten, die die erzählerischen und gestalterischen Wurzeln der Drachen beleuchten und Entwicklungen skizzieren, die sie in verschiedenen Medien und in der Imagination unterschiedlichster Künstler durchlaufen haben.

„Drachen“ beginnt mit knappen kulturgeschichtlichen Exkursen, die die unterschiedliche Bedeutung von Riesenechsen und Erzähltraditionen skizzieren, Theorien über ihre nahezu globale Verbreitung umreißen und grundlegende Gestaltungsvarianten vorstellen, die auch in den filmischen und anderen medialen Interpretationen immer wieder variiert worden sind.


Markante Drachen von Tolkien bis zu „Game of Thrones“

Der Hauptteil versammelt markante Drachen-Charaktere, wobei der Schwerpunkt auf englischsprachiger Fantasy in Buch-, Film- und Serienform liegt, wohl auch, weil das Genre, das zur popkulturellen Heimat der mythischen Wesen geworden ist, nicht zuletzt von englischsprachigen Autoren wie J.R.R. Tolkien und Ursula K. LeGuin geprägt wurde. Durch Gestalten wie den von Michael Ende ersonnenen, von fernöstlichen Vorstellungen beeinflussten Fuchur („Die unendliche Geschichte“) oder den Drachen Haku (aus dem Film „Chihiros Reise ins Zauberland“) gibt es aber durchaus auch internationale Weitungen. Und natürlich darf auch Katla nicht fehlen, das grauenerregende Drachenweibchen aus Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“; für Bergting (und für viele andere, die mit dem Kinderbuch und seiner Verfilmung aufgewachsen sind) ein so schrecklicher Drache, dass sich danach keiner mit ihm an Grauenhaftigkeit messen konnte.

Das Buch zollt aber nicht nur den Drachen Tribut, sondern auch den Künstlern, die sie in der kollektiven Imagination präsent gehalten haben. Bergting erweist darin seinen eigenen Kollegen Reverenz – IllustratorInnen wie Greg & Tim Hildebrandt, Larry Elmore, Inger Edelfeldt und John Howe; er spart aber auch nicht mit Anmerkungen zum kreativen Beitrag von Schriftstellern und Filmemachern oder Schauspielern/Synchronsprechern wie Sean Connery und Patrick Stewart (in den Filmen der „Dragonheart“-Reihe) sowie Benedict Cumberbatch (in der „Hobbit“-Reihe), die Drachen ihre Stimmen und teilweise auch ihre Mimik und Bewegungen geliehen haben. So rundet sich der Band zum liebevollen Kompendium, das handfeste Kenntnisse vermittelt – ohne der Magie der Drachen Abbruch zu tun.




Drachen – Die geflügelten Bestien. Die berühmtesten Drachen aus Film, Literatur und Popkultur. Von Peter Bergting. Cross Cult Verlag, Ludwigsburg 2020. 128 S., 25 EUR. Bezug: hier.

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