© Locarno 2020/Irene Genhart

Locarnos verschenkte Chancen

Montag, 17.08.2020

Locarno 2020 war als hybride Ausgabe ein Erfolg. Jedenfalls sieht es das Festival so. Der Eindruck vor Ort war ein anderer

Diskussion

Am 15. August ging das Locarno Film Fest 2020 zu Ende – als eine hybride Veranstaltung, die in drei lokalen Kinos und gleichzeitig virtuell stattfand. Die offizielle Bilanz, die das Festival zog, unterscheidet sich deutlich vom Eindruck, den man als Besucher vor Ort und im Netz gewann.


Die Ergebnisse der ersten hybriden Ausgabe des Locarno Film Festivals hätten die Erwartungen voll erfüllt, hieß es von offizieller Seite. In der Zeit vom 5. Bis 15. August verzeichnete die Online-Version von „Locarno 2020 – The Future of Cinema“ rund 320 000 Unique Visitors; die Filme und Events des virtuellen Rahmenprogramms wurden rund 80 000 Mal aufgerufen. Das bedeutet eine Vervielfachung des üblichen Festivalpublikums durch die virtuelle Präsenz; in den kommenden Monaten will man diese Zahlen mit Blick auf die Zukunft genauer analysieren.

Auch, was die Vorführungen in den drei lokalen Kinos in Locarno betrifft, gibt man sich positiv: Rund 6000 Besuche wurden verzeichnet, das waren im Schnitt pro Vorführung 50 Personen. Eine deutlich bessere Auslastung, als man sie derzeit in den wiedereröffneten Kinos in der Schweiz findet. Dennoch ist sie um vieles niedriger, als sie unter Pandemie-Auflagen – Maskenpflicht, ein Sitz Abstand zwischen einzelnen Besuchern – bei Sälen von bis zu 400 Plätzen hätte ausfallen können.

Die am besten besuchte Sektion war mit im Schnitt 100 Besuchern pro Vorführung die als Carte Blanche an die Direktorin Lili Hinstin definierte Reihe „Secret Screenings“. Doch auch hier herrschte zum Teil gespenstische Leere. Als am ersten Freitagabend ein Fernsehteam vor dem Kinoeingang die Zuschauerschlange festhalten und Interviews führen wollte, tröpfelten die Besucher nur vereinzelt herein.

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Hauptpreis für den besten Schweizer Film: "Zahorí" von Mari Alessandrini (© Locarno Festival)

Gähnende Leere und Unsichtbarkeit vor Ort

Was vor Ort auffiel, war eine – trotz vieler Touristen und Feriengäste – gähnende Leere. Diese begründete sich vor allem damit, dass das Festival im Ort selbst weit weniger präsent war als in anderen Jahren. Das hing zum einen daran, dass auf der Piazza, auf der sonst die Open-Air-Abendvorführungen stattfinden, Leinwand, Bühne und die 7000 Stühle fehlten. Es hat aber auch damit zu tun, dass das Festival nur wenig Werbung betrieb. Auf der Piazza verwiesen nur einige Stelen mit Fotos aus früheren Jahren auf die aktuelle Veranstaltung. Auch die Geschäfte in Locarno, die sich sonst mit im Zeichen des Leoparden gehaltenen Schaufenstern übertrumpfen, gingen dieses Jahr kaum auf die Veranstaltung ein.

Man kam sich in Locarno also seltsam verloren vor. Traf man per Zufall dennoch einen Bekannten, meist (Schweizer) Kritiker oder Filmschaffende, unterhielt man sich kaum über neu entdeckte Filme, sondern darüber, dass Locarno, ursprünglich als Open-Air-Anlass ins Leben gerufen, als Nicht-Open-Air-Festival nicht funktioniert. Und wunderte sich gemeinsam, wieso das Festival diesbezüglich nicht innovativer agierte. Es gäbe in Locarno genügend Parks, Freibäder und Plätze, auf denen man eine Leinwand aufstellen und im kleineren Rahmen auch kurzfristig Kino hätte machen können. Denn Open-Air-Kinos funktionieren im Sommer 2020 in der Schweiz ganz gut; hier hat Locarno eindeutig eine Chance verpasst.


Die „Secret Screenings“ von Lili Hinstin

In Walter Benjamins Schriften taucht, ausgehend von der Betrachtung eines Bildes von Paul Klee, die Figur des Angelus Novus auf, eines Engels, der den Blick den Trümmern der Vergangenheit zugewandt, vom Sturm mit dem Rücken voran in die Zukunft betrieben wird. Es ist ein Bild, das seltsam gut in die von der Pandemie geprägte Gegenwart passt, in der sich viel Gewisses unverhofft in Ungewissheit verwandelt hat. Der Angelus Novus spiegelt treffend das Dilemma, in dem Locarno 2020 stattfand. Es ist das ins Festivalmotto „The Future of Cinema“ eingeschriebene Bewusstsein, dass sich in der Bewegtbild-Welt vieles verändern wird. Im Vorfeld des Festivals gab man sich denn auch innovativ, kündigte eine neue Plattform und einen neuen Lehrstuhl für Filmwissenschaft an. Und überschrieb die großen Festival-Preise der extra geschaffenen Sektion „The Films After Tomorrow“ an Projekte, deren Entstehung durch die Pandemie gestoppt oder bedroht wurde.

© Locarno Film Festival 2020
© Locarno Film Festival 2020

Das ist als Unterstützung der Filmbranche löblich. Aber es ist am Publikum vorbeigedacht. Denn das besucht Festivals, um Neues zu entdecken. Solche neuen Produktionen fehlten in Locarno schmerzlich. Stattdessen kaprizierte man sich, abgesehen von der Kurzfilmsektionen „Pardi di domani“, auf Filme, die schon früher zu sehen waren. Das war dort attraktiv, wo man – etwa im Programm „Through the Open Doors“ – gezielt den einen oder anderen früher verpassten Film nachholen konnte. Aber es passte nicht so recht zum Konzept der „Secret Screenings“-Sektion, in der man erst in letzter Sekunde erfuhr, was gezeigt wurde. Das Risiko, dass man – nachgerade als cinéphiler Locarno-Stammgast – bereits Bekanntes vorgesetzt bekam, war relativ groß.


Tatsächlich fanden sich in „Secrets Screenings“ nur drei neuere Werke: Thomas Imbachs bei den Solothurner Filmtagen 2020 uraufgeführter Dokumentarfilm „Nemesis“ über den Abbruch des alten Zürcher Güterbahnhofs und die auf dessen Gelände entstehende neue Polizeistation mit Gefängnis. Mohsen Makhmalbafs im September 2019 beim Vancouver Film Festival uraufgeführtes Drama „Marghe and Her Mother“ sowie Bojena Horackoves tatsächlich in Uraufführung gezeigter Film „Walden“, der von der Rückkehr der seit 30 Jahren im französischen Exil lebenden Jana nach Vilnius erzählt, den Ort ihrer ersten Liebe. Hätte man hier einige weitere neue Filme gehabt, wäre die Besucherbilanz vielleicht positiver ausgefallen. Tatsächlich entsprechen die rund 6000 während des Festivals gezählten Kinoeintritte ungefähr der Menge, die man in anderen Jahren in einer gut besuchten Abendvorführung auf der Piazza erreichte. Hier hat Locarno eine zweite Chance verpasst.

Hinzu kommt, dass die an warmen Sommertagen stattfindenden Online-Veranstaltungen – Preisverleihungen, Round Tables, Diskussionen und Gespräche – nach den mit virtuellen Sitzungen übervollen und im Lockdown verbrachten Monaten nicht sonderlich viel Reiz verströmten. Die (Erfolgs-)Zahlen sprechen zwar eine andere Sprache, doch sie sind mit Vorsicht zu genießen. Um darüber mehr Klarheit zu erlangen, wäre eine – auch für die zukünftige Ausrichtung des Festivals dringend zu wünschende – Analyse vonnöten, in welcher Region der Welt zu welcher Tageszeit die Viewings generiert wurden.


Preise

Die Hauptpreise von Locarno, der Pardo 2020, gingen in der internationalen Selektion von „The Films After Tomorrow“ an „Chocobar“ von Lucrecia Martel und in der Schweizer Auswahl an Marí Alessandrini für „Zahorí“. Den „Pardino d’Oro“ für den besten Kurzfilm der internationalen Auswahl erhielt Darol Olu Kae für „I Ran From It and Was Still in It“, der Preis für den besten Schweizer Kurzfilm ging an „Menschen am Samstag“ von Jonas Ulrich.


Szene aus "Chocobar" von Lucrecia Martel (Locarno Festival)
Szene aus "Chocobar" von Lucrecia Martel (© Locarno Festival)

Nachleben

Zum Weiterlesen und Nachschauen von „Locarno 2020 – For the Future of Films“ gibt es hier News.

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