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Filmklassiker: Das Vermächtnis des Prof. Bondi

Dienstag, 18.08.2020

Hinter dem in der deutschen Kinofassung aus dem Jahr 1959 kurios entstellten Horror-Klassiker kommt in der Originalversion eine pointierte Satire auf den Kunstmarkt zum Vorschein

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Wie viele als „B-Movies“ abgetane Werke kam der Film, der im Original „A Bucket of Blood“ heißt und von Roger Corman stammt, in Deutschland in kurios entstellter Form ins Kino. Eine wertige Mediabook-Edition lädt nun zur Wiederentdeckung des Horror-Klassikers ein, in dem sich eine pointierte Kunstmarkt-Satire verbirgt.


Nichts veraltet schneller als die „cheap thrills“ von gestern – besonders im Reich des Unheimlichen und Übernatürlichen. Die B-Movies von einst, rasch und günstig produziert, waren oft schneller vergessen als das Wochenende, an dem man sie gesehen hat. Wen interessierte schon ein „Roger Corman“ von gestern? Bald kam ja ein neuer „Corman“ und sorgte für den ein oder anderen unverbindlichen Kick.

Ob die Organisatoren des Unterhaltungskinos der 1950er- bis 1970er-Jahre wirklich so gedacht haben? Steckte hinter all den Knochenbrechern aus Fernost, den Gummimonstern aus dem Weltall und den Mad Scientists aus den schäbigen Laboren Hollywoods wirklich nicht mehr?


Kein Sequel zu „Das Kabinett des Professor Bondi“

In Deutschland kam seinerzeit kaum eines dieser Werke so in die Kinos, wie sie von den Filmemachern ursprünglich gedacht waren, sondern in mitunter abenteuerlich verzerrender „Aufbereitung“. Dass in „Das Vermächtnis des Prof. Bondi“ weder ein Professor Bondi vorkommt noch ein Vermächtnis, hat nichts mit Roger Corman zu tun; im Original heißt der Film schlicht und drastisch „A Bucket of Blood“.

Beim ersten Sehen des gerade mal 65 Minuten langen Werks aus dem Jahr 1959 könnte man auf die Idee kommen, dass der im Zentrum der Handlung stehende arme Irre, der in einer schäbigen Beatnik-Community als Künstler anerkannt werden will und daher aus ermordeten Menschen erstaunlich realistische Skulpturen kreiert, jenem Professor Bondi aus „Das Kabinett des Professor Bondi“ nahesteht, der 1953 ganz Ähnliches in seinem Wachsfigurenkabinett veranstaltete.

Roger Corman kannte sicher den Erfolgsfilm seines Kollegen André De Toth, da er alle Horrorfilme jener Jahre kannte. Doch die Nähe zu Professor Bondi stammt nicht aus Skript von Cormans Freund Charles B. Griffith, sondern aus einer Marketing-Idee des Bielefelder Mercator Verleihs, der in den 1950er-Jahren einige Filme von Roger Corman, Bert I. Gordon oder Bernard L. Kowalski auf den deutschsprachigen Markt brachte.

Wer letztendlich für den knapp zehnminütigen deutschen „Bondi“-Prolog verantwortlich zeichnet, in dem ein verunstalteter Professor einen Prolog des sinnfreien Wahnsinns im Angesicht einer Schaufensterpuppe deklamiert, bevor mit einem Gewitterschlag der Jumpcut zur eigentlichen Titelsequenz von Cormans „A Bucket of Blood“ gewagt wird, ist auch den beiden Trash-Experten nicht bekannt, die für die Heimkino-Ausgabe des Films den deutschen Audiokommentar eingesprochen haben. Aber diese Minuten rücken den Film in ein neues Licht, geben ihm einen vertrauteren Titel als „Ein Eimer Blut“ und überdies eine Länge von 75 Minuten, für die man im Kino Eintritt verlangen konnte.

Artwork zu "A Bucket of Blood" aus dem Jahr 1959 (Anglo Amalgamated Film)
Artwork zu "A Bucket of Blood" aus dem Jahr 1959 (Anglo Amalgamated Film)

Die Mediabook-Edition erlaubt den Vergleich der Fassungen

Hätten diese deutschen Ergänzungen Roger Corman amüsiert? Man könnte den Filmemacher, der mittlerweile im Alter von 94 Jahren auf ein Oeuvre von etwa 400 Filmen (55 davon unter eigener Regie) zurückblickt, dazu noch befragen. Im umfangreichen Bonusmaterial des Blu-ray-Mediabook findet sich dazu nichts, denn die Interviewer kannten die ominöse deutsche Fassung sicherlich nicht.

Verloren ist sie indes nicht, da sie ist unter dem leicht variierten Titel „Das Vermächtnis des Prof. Bondi“ ebenso konserviert ist wie der vom einstigen Originalmaster in 4K gescannte „A Bucket of Blood“, der inzwischen als Klassiker jener B-Picture firmiert, denen das Museum of Modern Art in New York schon Retrospektiven gewidmet hat.


Absurd-komische Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb

Schaut man sich die von Corman intendierte Fassung noch einmal an, so gewinnt der Film beträchtlich. Er liegt auf halber Strecke zwischen den grimmigen Slashern und den komödiantischeren Filmen, die Corman etwa mit „Der Rabe – Duell der Zauberer“ in den 1960er-Jahren realisiert hat. Doch eine Komödie sollte man „A Bucket of Blood“ nicht nennen, eher eine Satire, eine bissige zumal, nämlich auf den Kunstbetrieb, der damals schon die Beatnik-Community als hipp und einträglich vereinnahmen wollte.

Es ist auch eine Satire auf jene Bohemians, die in ihrer Kunst zum hemmungslosen Überinterpretieren neigten. Die Shows, die die Künstler in „A Bucket of Blood“ im angesagten Künstler-Café inszenieren, sind köstlich überzeichnet und herrlich absurd. Kein Wunder, dass der arme Tropf Walter Paisley, den die deutsche Fassung zum Nachkommen des wahnsinnigen Professor Bondi erklärt, langsam, aber sicher zum Mörder und zum Star des Zirkels avanciert. Komisch ist das nicht, eher tragisch und auch ein wenig unheimlich, wenn die Geister der Opfer – wie weiland bei Edgar Allen Poes „Das verräterische Herz“ – im Kopf des Täters herumspuken und ihn zum letzten aller Schritte drängen.


Eine Paraderolle für den Schauspieler Dick Miller

„Bucket of Blood“ ist ein höchst interessanter und – insbesondere in der Hauptrolle – differenziert gespielter Psychothriller, der zu Cormans reichlich verkannten Werken gehört. Dick Miller, der die tragikomische Hauptfigur Walter mit überbordenden Emotionen füllt, ist ohnehin eine ganz besondere Type im Ensemble, das Corman über die Jahrzehnte um sich versammelte. Er zählt zu den beliebtesten Nebendarstellern der 1950er- bis 1990er-Jahre, spielte unter anderem in allen Filmen des Corman-Schülers Joe Dante mit (gerne unter dem inzwischen kultigen Rollennamen Walter Paisley) und konnte, als er mit 90 Jahren starb, auf ein Oeuvre von knapp 190 Filmen zu Recht stolz sein.

2014 widmete Elijah Drenner dem Schauspieler einen eigenen Dokumentarfilm („That Guy Dick Miller“), der eine immens kurzweiligen Tour de Force durch dessen (Film-)Leben bietet. Auch diesen Film addiert das deutsche Label Koch Media zum Bonusmaterial des brillant kuratierten Blu-ray-Mediabooks, das zwischen seinen betont kitschig gestalteten, aber wertigen Buchdeckeln einen wahren Schatz versteckt.




Discografische Hinweise:

Das Vermächtnis des Prof. Bondi. USA 1959. Regie: Roger Corman. Mit Dick Miller, Julia Burton, Barboura Morris, Anthony Carbone, Ed Nelson. 75/65 Min. FSK: ab 16.Mediabook-Edition (2 Blu-Rays, 1 DVD) bei Koch Media. Extras: Trailer, mehrere Schnittfassungen, Doku "That Guy Dick Miller", Audiokommentar, Interviews, Bildergalerie. Bezug: hier.

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