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Das Gewicht der Bilder: Die Filme von Hartmut Bitomsky

Donnerstag, 20.08.2020

Gedanken zum vielschichtigen Werk von Hartmut Bitomsky, der als Kritiker, Autor und Filmemacher seit den 1970er-Jahren ein außergewöhnliches Instrumentarium entwickelt hat, um (Film-)Bilder „lesend“ zu erschließen

Diskussion

Das Werk von Hartmut Bitomsky umfasst mehr als 40 Filme, die seit den 1970er-Jahren entstanden sind. Das Label „dokumenatrisch“ greift bei ihnen zu kurz, weil der Autor selbst als Figur eine wichtige Rolle spielt. Das Zeughauskino in Berlin versammelt bis Mitte September wichtige Film von Bitomsky, die dazu einladen, genauer hinzuschauen.


Hartmut Bitomsky kommt aus einer Zeit, in der man noch wirklich über das Kino schreiben wollte. Seine Sprache folgt einer eigenen Rhythmik, in der das Denken zwischen den Augen und den Bildern greifbar wird. Er beschreibt statt zu interpretieren. Er verdeutlicht statt zu urteilen. Das gilt sowohl für sein Schreiben als auch für seine Film- und Fernseharbeiten. Bitomsky gehört zu einer Reihe deutscher Filmdenker, die in ihrem Schaffen das kritische und politische Denken mit dem von der Nouvelle Vague herübergeschwappten Rest-Enthusiasmus fürs Kino verbinden. Das Kino aber war für ihn, der 1968 zusammen mit 18 weiteren Kollegen aufgrund seiner „radikalen“ Haltung von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin entlassen wurde, schon oft im Sterben begriffen. Was ihm geblieben ist, sind Filme und ihre Bilder.

Anlässlich der Veröffentlichung von „Hartmut Bitomsky. Die Arbeit eines Kritikers mit Worten und Bildern“ von Frederik Lang im Wiener Synema Verlag zeigt das Zeughauskino in Berlin seit dem 14. August bis zum 12. September einige repräsentative Werke aus seinem Schaffen – auch wenn es sich fast von selbst erklärt, dass man das vielschichtige Schaffen von Bitomsky eigentlich umfassender greifen müsste.

Hartmut Bitomsky (Carlos Bustamante)
Hartmut Bitomsky im Jahr 1982 (© Carlos Bustamante)

Die Filme stapeln sich im Vordergrund

Schreibt man über Bitomsky, sollte man sich bewusst machen, von wo aus man dessen Bilder betrachtet und seine Worte liest. Das war ihm immer wichtig. Ganz ähnlich, aber eigentlich deutlich vielschichtiger als Jean-Luc Godard, der eine große Rolle im Werk von Bitomsky spielt, inszenierte er sich in Arbeiten wie „Das Kino und der Tod oder „Das Kino und der Wind und die Photografievor alten Röhrenfernsehern mit Stapeln von VHS-Kassetten sitzend. Die Kamera wird angesprochen, die Arbeit des Kritikers, des Zusehers, aber auch die des Filmemachers wird sichtbar. Filmstills gleiten durch die Hände, Papiere werden gehalten, es gibt ein Material, das die Arbeit ausmacht und bedeutet. Er starrt auf die Bildschirme oder spricht zu Studenten in den universitären Hinterzimmern, die er mit seiner tiefen Stimme ausfüllt.

Bitomsky hat einmal selbst zwei Linien des Filmemachens definiert. Danach gibt es eine Art, in der Filmemacher mit dem Rücken zum Publikum ihren Gegenstand anschauen, und eine andere Art, in der Filmemacher mittels ihres Films das Publikum ansprechen. Er selbst zeigt sich gern mit Blick zum Gegenstand, der bei ihm allerdings bereits aus Bildern besteht. Weniger durch als aufgrund dieser Bilder richtet er dann eben jene Bilder zum Publikum. Wir sind es, die zu Filmemachern werden sollen, die einen Gegenstand sehen und etwas erkennen sollen. Die Bilder, die er zeigt, etwa jene in „Deutschlandbilder“, die Nationalsozialisten zur Erziehung des deutschen Volkes gedreht haben, lässt er gerne stehen; er gibt ihnen Raum und Zeit, lässt sie für sich selbst sprechen. Für Bitomsky haben Bilder gleichermaßen etwas Verlogenes wie Evidentes. Er glaubt daran, dass Bilder jederzeit ihre eigene Unwahrheit beweisen können. So sagt er über „Nanuk, der Eskimo“ von Robert Flaherty, dass das schelmische In-die-Kamera-Lächeln des Protagonisten, dieser Moment, in dem der Film sichtbar macht, dass etwas vorgespielt wird, die Authentizität des Werks ausmacht.


Es geht um das Leben – und damit auch um den Tod

Heute findet man Bitomskys Filme als digitale Kopien von Videokassetten im Internet; seine Texte haben Eingang in einige bemerkenswerte Bücher gefunden und sind auf dem längst vergilbten Papier der Zeitschrift „Filmkritik“ zu finden, deren Mitherausgeber und Redakteur Bitomsky von 1973 an war. In seinem Schreiben erspürt man einen Spagat zwischen einer Hinwendung zum und einer Ablehnung vom Kino. Christian Petzold hat dieses Schreiben einmal mit Straßenkreuzungen verglichen. Manchmal geht es auch in mehrere Richtungen gleichzeitig. So füllte er 1978 ein ganzes Heft der „Filmkritik“ als eine kinoliebende „Passage durch Filme von John Ford“ und beklagte im selben Jahr zusammen mit Felix Hofmann im Text „Was aus dem Kino geworden ist?“: „Die Gleichzeitigkeit ist weg, alles läuft nur noch nebeneinander“.

So oder so geht es ihm beim Kino immer um das Leben, aber eben auch um den Tod. Dass Bitomsky in seinem Gebaren und seinen wie von Whiskey durchtränkten Ausflügen in US-amerikanischen Landschaften und Worthülsen manchmal an einen Cowboy erinnert oder zumindest an einen einsamen Bluessänger, muss man akzeptieren. „Highway 40 West“, ein Reisefilm, ist womöglich der Höhepunkt dieser Schaffensader. Im Film verbindet Bitomsky sein Interesse für Geschichte mit den Bildern, die ihm als Reisenden begegnen. Die Lederjacken-Schweigsamkeit gehört zu einem heute kaum mehr vorhandenen Amerika-Schick (das Bild der USA hat sich verändert, das Kino aber auch), jenen Sam Peckinpah liebenden Männern, die mit wenigen Worten alles sagen wollen.

Bei der Lektüre: Hartmut Bitomsky (Carlos Bustamante)
Bei der Lektüre: Hartmut Bitomsky (© Carlos Bustamante)

Was Bitomsky auszeichnet, ist, dass er das kann. Seine Wahrnehmung ist präzise in einer Art, wie man sie heute kaum noch lesen geschweige denn sehen kann. Er denkt das Kino nie ohne jenen poetischen Hauch, der es einst größer als das Leben werden ließ. Das alles vermischt er mit einer kritischen Haltung, die sich für die Produktionsweisen interessiert, egal ob es sich dabei um die Reichsautobahn handelt oder einen Filmdreh. „Genau darum geht es beim Schreiben über Film: Dass man etwas sieht, was so noch keiner gesehen hat, obwohl es für alle sichtbar wäre“, hat Michael Althen über Bitomsky geschrieben, und man kann ihm nur beipflichten.


Flügel wie Blei

Manchmal hat man fast das Gefühl, dass ihm das Kino im Weg stand bei seinem Nachdenken über Bilder. Ganz so wie ein Vogel, dessen Flügel zu schwer zum Fliegen geworden sind. Ein Text wie jener über „Moderne Bilder“ in der „Filmkritik“ löst sich immer wieder aus den beschriebenen Filmen der Gebrüder Lumière. Er reibt sich gegen die Filme, durchkämmt sie, hält sich aber auch an ihnen fest. Mit der von Denkern wie Walter Benjamin ausgehenden Linie des „Kritikers“ hat es Frederik Lang in seiner Publikation wahrscheinlich gut getroffen. Die Kritik ist bei Bitomsky nicht an einen Gegenstand gebunden, sie ist eine Haltung zur Welt. Dass der Gegenstand häufig das Kino war und ist, hat damit zu tun, dass Bitomsky aus einer Generation kommt, in der das Kino alles in sich aufzunehmen schien.

Mehr als 40 Filme hat Bitomsky selbst realisiert. Häufig im Umfeld des WDR-Filmredakteurs Werner Dütsch und manchmal in Zusammenarbeit mit Kollegen wie Harun Farocki drehte der gebürtige Bremer viele unterschiedliche Filme. Insbesondere seine Spielfilme wie „Auf Biegen und Brechen hatten es schwer bei der Kritik. Die Brücke zwischen einem intellektuellen Aufbegehren und genrehaften Sinnlichkeitsbestrebungen war nicht für alle begehbar. Dabei lässt sich genau auf dieser Brücke viel über Bitomsky erfahren. In einer Notiz zu „Auf Biegen und Brechen“ schrieb er: „Ich habe immer beides gewollt: Die Realität und das Bild, das Konkrete und die Idee, die Tatsache und die Imagination, das Gefundene und das Erfundene.“ Ein Autor, der filmtheoretische Überlegungen mit dem Titel „Die Röte des Rots von Technicolor“ (1972) versieht, ist auch ein Romantiker. Dieser aber hadert mit der eigenen Romantik; er möchte losziehen, hinaus in die Welt, weil das Kino ihm genau diese Welt näherbringt.


Auf dem Friedhof der Bilder

Heute hat man nicht nur Bitomsky, sondern viele seiner schreibenden Kollegen der „Filmkritik“ aus der Wahrnehmung verdrängt. Dabei wäre es gerade dieser bewusste Umgang mit Bildern in Verbindung mit einer moralischen Haltung, der uns im visuellen Wirrwarr der Zeit guttun würde. Aber was wird von Bitomsky und den anderen Kino-Denkern bleiben, die am Ende der Bilder schrieben und die übriggebliebenen Bilder aus den Verwertungsketten entfernten, um sie in ihrer Schönheit, Einsamkeit, Belanglosigkeit oder Ideologie sichtbar zu machen? Sie haben mit dem Kino am Nullpunkt getanzt und den folgenden Generationen einen Friedhof der Bilder zurückgelassen. Aus diesem kann man nun entweder aufsteigen wie ein Phoenix oder in bisweilen trostlosem Gleichmut weitermachen. Und dann „nehme ich in dem grauen Bild all die Farben wahr, die einst dort waren“, wie Humphrey Jennings es einmal formulierte (in einem Text, den Bitomsky einem eigenen Text über die Filme von Peter Nestler einmal vorangestellt hat).



Hinweise

Hartmut Bitomsky. Die Arbeit eines Kritikers mit Worten und Bildern. Von Frederik Lang. Synema Verlag, Wien 2020. 302 S., 80 teils farbige Abb., 28 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung, beim Verlag oder hier.


Das Zeughauskino in Berlin zeigt zwischen 14. August und 12. September einen Querschnitt des Œuvres von Hartmut Bitomsky. Geplant sind noch ein „dffb: Studium & Politik“ überschriebenes Kurzfilmprogramm (Sonntag, 23. August, 18.00 Uhr), „Auf Biegen oder Brechen“ (Freitag, 28. August, 18.00 Uhr), „Das goldene Zeitalter der Kinematographie“ & „Kulturrevue“ (Donnerstag, 3. September, 19.00 Uhr, „Das Kino und der Tod“ & „Das Kino und der Wind und die Photographie“ (Samstag, 5. September, 18.00 Uhr) sowie „Der VW Komplex“ (Samstag, 12. September, 18.00 Uhr). Detaillierte Informationen zum Programm und den Filmen finden sich auf der Website des Zeughauskinos.

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