© 1942 Disney Enterprises Inc. Quelle: DFF (Disney Studio Artists, "Bambi", 1942, Publicity Filmstill, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater und Schaustellerei)

Komponisten mit dem Zeichenstift - Zur "Disney"-Ausstellung in Frankfurt

Mittwoch, 26.08.2020

Die Ausstellung „The Sound of Disney“ im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main

Diskussion

Der Sound ist der Motor des Films. Das hatte Walt Disney noch vor Einführung der „Talkies“ begriffen und sehr früh mit Musik, Geräuschen und Sprache experimentiert. Die Ausstellung „The Sound of Disney“ im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt gewährt einen multimedialen Einblick in die Klangwelt der Disney-Klassiker und präsentiert einen wenig bekannten Schatz: die 1963 nach einer Welttournee in München verbliebenen Originale der „How Walt Disney Animation Is Made“.


Wenn es einen laut hörbaren Urknall gab, mit dem sich nach den Erinnerungen vieler früher Disney-Zeichner der große Durchbruch ihrer Arbeit ankündigte, dann war es eine improvisierte Filmvorführung im Jahr 1928. Walt Disneys Bruder Roy Disney hatte ein Bettlaken an einem Studiofenster befestigt, vor dem Freunde und Angehörige der Zeichner warteten, um die gerade fertig gestellte Anfangsszene des Micky-Mouse-Films „Steamboat Willie“ zu sehen. Doch sie sahen nicht nur die der restlichen Welt noch unbekannte Maus, wie sie als Küchenhilfe eines Dampfschiffs mit dessen Pfeife um die Wette flötete; sie konnten sie auch hören. Walt Disney und seine Zeichner hatten sich mit allem bewaffnet, was Geräusche machte, und vertonten das Geschehen live durch eine improvisierte Lautsprecheranlage. Die bange Frage, ob ein Publikum bereit wäre, Trickfiguren Gehör zu schenken, klärte sich zur vollsten Zufriedenheit. Für Ub Iwerks, der gemeinsam mit Walt Disney die Maus entworfen hatte, war es ein Schlüsselmoment: „Ich war noch nie in meinem Leben so begeistert. Dieser Abend bewies, dass unsere Idee umgesetzt werden konnte.“

Wo anfangen mit einer Ausstellung über die so elementare Bedeutung von Musik, Geräusch und Sprache im Werk von Walt Disney? Vielleicht hätte man vor Corona-Zeiten dem Publikum selbst einmal das Geräuschwerkzeug an die Hand gegeben, um Disneys schon als Stummfilm so rhythmische und klangvolle Filmbilder zu vertonen. Gut möglich, dass dies ohne die Kontaktbeschränkungen in der Pandemiezeit ein idealer Einstieg für „The Sound of Disney“ gewesen wäre. So sind es vorrangig Kopfhörer-Terminals und Noten in Vitrinen, die das Geheimnis der Synästhesie in der Disney-Animation lüften wollen.

Key visual zur DFF-Ausstellung THE SOUND OF DISNEY (DFF)
Plakat zur DFF-Ausstellung "The Sound of Disney" (© DFF)

Disney war stets ein großer Geschichtenerzähler

Doch nicht alles, was Disney an „behind the scenes“-Aufnahmen hinterließ, entsprach der Realität. Walt Disney war stets ein Geschichtenerzähler. In seiner filmischen Studiotour „The Reluctant Dragon“ („Walt Disneys Geheimnisse“, 1941) erfährt man wenig über die spezielle Arbeitsweise in der Animation, das Bild meist erst nach dem Ton zu produzieren. Stattdessen sieht man eine konventionelle Synchronisationsszene: Umso leidenschaftlicher scheinen Clarence Nash als Donalds Ducks Stimme und die seiner Schnatterpartnerin Florence Gill als Clara Kluck ihren Charakteren nachzueifern.

Wie eng Klang und Bild bei Disney verbunden sind, lässt sich auch daran ermessen, dass es erst Nashs Talent als Stimmenimitator war, der Walt Disney auf die Idee brachte, eine Ente zum Star zu machen. Dass Nash mit seinem berühmten Näseln eher ein Lämmchen darstellen wollte, kümmerte ihn wenig. Für ihn war es die ideale Stimme einer Ente.

Tatsächlich sind Ton und Musik untrennbar in Disneys Welterfolg. Zwar hatten auch seine Stummfilme internationalen Erfolg und inspirierten sogar den großen Komponisten Paul Dessau, der in den 1920er-Jahren in Berlin als Kinokapellmeister wirkte, zu Originalkompositionen. Aber Micky Maus war eben – wie ein seltenes Plakat im Frankfurter Museumsbestand verkündet – „das Tonfilmwunder“.

Ausstellungsansicht (Foto: Uwe Dettmar, Quelle: DFF)
Ausstellungsansicht (Foto: Uwe Dettmar, Quelle: DFF)

Der russische Filmavantgardist Sergej Eisenstein bewunderte, als er das Disneystudio besuchte, die „exposure sheets“, auf denen der Filmablauf exakt nach den Taktschlägen der Musik festgelegt war. Für den bekennenden Disney-Verehrer war damit eine Grundlage zum synthetischen Film gelegt. Bedauerlich ist, dass sich das Disney-Archiv offenbar nicht zu einer Leihgabe bereitgefunden hat.

Das soll auf den ersten Taktschlag passieren

Doch die Ausstellung „The Sound of Disney“ beinhaltet natürlich mehr als Stimmen und Geräusche. Man kann argumentieren, dass die Animationsfilmmusik eine eigene Richtung in der Musikgeschichte einschlug. Der Komponist Carl Stalling, der schon die ersten Stummfilme des 21-jährigen Walt Disney als Kinokapellmeister vertonte, perfektionierte diese Kunstform später mit der „Looney Tunes“-Serie im Warner-Brothers-Studio.

Leider nur als Reproduktionen zeigt das Filmmuseum seltene Storyboard-Zeichnungen früher Disney-Cartoons. Darunter sind kaum bekannte Bleistiftzeichnungen von Ub Iwerks, die nacherleben lassen, wie die erste Silly Symphony, „The Skeleton Dance“, zum Leben erwachte.

Besonders interessant sind aus Stallings Nachlass die Storyboard-Zeichnungen aus dem frühe Micky-Film „The Opry House“, dem ersten Film, indem Micky Mouse seine berühmten Handschuhe trug. Die wunderbaren frühen Zeichnungen enthalten dezidierte Anweisungen für oder vom Klangkünstler (die Handschrift lässt sich nicht eindeutig zuordnen): „Das sollte auf dem ersten Taktschlag passieren“, heißt es an einer Stelle. An der anderen wird geraten, nur noch in der Stummfilmversion des Films Noten als Bildelemente zu verwenden. 1929, als dieser Film erschien, wurden Kinos, die noch nicht für Ton ausgerüstet waren, weiterhin mit Stummfilm-Versionen beliefert.

Seltenes Notenmaterial präsentiert die Ausstellung aus dem Nachlass von Pinto Colvig, einem Disney-Künstler, der viele Figuren sprach, darunter auch Goofy. Die Hauptquelle der Leihgaben ist allerdings das Münchner Stadtmuseum, wo seit nunmehr 57 Jahren die bedeutendste deutsche Disneys-Sammlung ansässig ist. Die Geschichte dieser Sammlung wäre eine eigene Ausstellung wert.

„How Walt Disney Animation Is Made“

Es sollte die Krönung seines Schaffens werden, doch stattdessen wurde „Dornröschen“ bei Kritik wie an der Kasse Walt Disneys „Waterloo“: Sein letzter zu Lebzeiten vollendeter Märchenfilm,1959 von Zeitgenossen in seinem Stilwillen häufig als steril empfunden, gilt erst posthum als Meisterwerk. Zur Feier des Films, der den Großteil der 1950er-Jahre über in Produktion gewesen war, hatte Disney mit seinem Team zwei große Ausstellungen über seine Arbeitsweise kuratiert und von 1959 bis 1963 auf Welttournee geschickt. Am Ende war das Defizit der Multi-Millionen-Produktion verbucht, und auf eine Rücksendung der Exponate aus den letzten Stationen in Japan und München wurde dankend verzichtet.

Disney Studio Artists, SLEEPING BEAUTY (US 1959) Publicity Cel Setup, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater und Schaustellerei,, © Disney Enterprises Inc. Quelle: DFF
Disney Studio Artists, "Dornröschen" (USA 1959), Publicity Cel Setup, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Puppentheater und Schaustellerei (© Disney Enterprises Inc., Quelle: DFF)

Besonders die Hintergrundgemälde des Künstlers Eyvind Earle, die bei Auktionen seit langem hoch gehandelt werden, bezeugen Disneys besondere Ambition. Inspiriert von mittelalterlichen Stundenbüchern, schlagen die Bilder zugleich eine Brücke zu einem für Disney seltenen Modernismus. Ebenso erfuhr Tschaikowskys Ballettmusik eine diskrete Modernisierung.

Eine ganze Wand füllt im Deutschen Filmmuseum eine prunkvolle Auswahl von 16 dieser hochfeinen Gouachen der Wald- und Schlossszenen, vielfach komplett mit den bemalten Animationsfolien der Figuren und Vordergründe. Dass diese außerhalb des Disney-Archivs bedeutendste Sammlung überhaupt erhalten blieb, spiegelt Triumph und Tragik dieser Unternehmung wider.

Sensationelle Überbleibsel aus den Ateliers

Die Rekonstruktion historischer Ausstellungen ist seit einigen Jahren eine erfreuliche Mode im Kunstbetrieb. So baute man vor einigen Jahren im Palazzo Grassi in Venedig eine exakte Replik von Harald Szeemans 1969er-Basler-Schau „When Attitudes Become Form“ auf – in den exakten Proportionen der ursprünglichen Räume. Was kann es für die Nachgeborenen Schöneres geben? Vielleicht kann man im Münchner Stadtmuseum ja auch einmal die Disney-Ausstellung so aufbauen, wie sie damals war.

Bedauerlicherweise hat man bei der Neubeschriftung der Exponate ihren Ursprung nicht genau geprüft. Zwei sogenannte Cel-Setups (also bemalte Folien vor Hintergründen) mit den „kleinen Schweinchen“ werden fälschlich dem 1933er-Welterfolg „The Three Little Pigs“ zugeordnet. Dort sind sie aber nicht zu finden – ebenso wenig in den beiden Fortsetzungen. Höchstwahrscheinlich wurden sie erst in den 1950er-Jahren zu Illustrationszwecken geschaffen.

ack Campbell SNOW WHITE AND THE SEVEN DWARFS (US 1937) Cleanup Animation Drawing / Produktionszeichnung, DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (© Disney Enterprises Inc. Quelle: DFF
Eine Produktionszeichnung von Jack Campbell zu "Schneewittchen" (US 1937) (© Disney Enterprises Inc., Quelle: DFF

Leider ist auch Walt Disneys wichtigster Musikfilm, die Klassik-Adaption „Fantasia“, in der Ausstellung unterrepräsentiert. Im Münchner Sammlungsbestand finden sich dazu nur einige Animationszeichnungen von Micky Maus als Zauberlehrling. Und auch die sind nicht aus der Hand des Animators Les Clark, wie jetzt zu lesen ist, sondern auf erst später verwendetem Animationspapier gefertigt. Dafür dürfte man eine ganze Wand erlesener Bambi-Zeichnungen um den Namen ihres Schöpfers Marc Davis ergänzen.

Zu den sensationellen Überbleibseln der originalen Disney-Schau gehören außerdem meisterliche Storyboard-Zeichnungen aus „Susi und Strolch“, darunter ein besonderer musikalischer Moment, die berühmte Spaghetti-Szene zum Lied „Bella Notte“. Sehr interessant und nie gesehen sind auch Synchronbücher der deutschen Fassungen, darunter zu „Das Dschungelbuch“. In keinem Land der Welt ist dieser Film so erfolgreich gewesen wie in Deutschland, wo Disneys letztes, noch weitgehend zu Lebzeiten realisiertes Meisterwerk alle Kassenrekorde brach. Dialogautor und Song-Übersetzer Heinrich Riethmüller dürfte dabei ähnliches erreicht haben wie in der Comicwelt die Enten-Versteherin Erika Fuchs.

Seit einigen Jahren besitzt das Deutsche Filmmuseum in seiner Sammlung ein schönes „Cel-Setup“ aus dem „Dschungelbuch“; auch das ein besonderer musikalischer Moment – die ausgelassene Party im Domizil des Affenkönigs King Louie. Sie lockt nun als Plakatmotiv an den Schaumainkai.

Zwei neue Blicke auf Disneys akustische Kunst

Zwei Installationen von Gegenwartskünstlern ergänzen den Blick auf diese Verfilmung des Kolonial-Schriftstellers Rudyard Kipling um eine willkommene, dekonstruierende Perspektive: Der belgische Videokünstler David Claerbout kopierte die Animation mit der Hand und stellte sie zugleich in einen neuen narrativen Kontext. Ihres erzählerischen Auftrags enthoben, denken Balu und Baghira nun nicht mehr an die Rückführung des Menschenkindes in die Zivilisation, sondern probieren es mit der wahren Gemütlichkeit des Tierreichs. Sein französischer Kollege Paul Bismuth hat in seinem „The Jungle Book Projekt“ jeder der Figuren eine eigene Sprache zugeordnet, was angesichts der weltweiten Verbreitung des Films nicht schwierig war. Die Crux liegt in der Mischung: Während Shir Khan noch immer das feine Englisch seiner Originalstimme von George Sander zelebriert, spricht Baghira arabisch, Balu hebräisch.

Die Frankfurter Ausstellung „The Sound of Disney“ ist also eine vielfältige Schatzsuche geworden und eine seltene Begegnung mit den wunderbaren Originalen von vielen der besten Disney-Zeichner. Weitere Höhepunkte wird das umfangreiche Begleitprogramm auffahren, darunter – zum krönenden Abschluss am 12 Januar 2021 ein Sinfoniekonzert in der Alten Oper in Frankfurt. Auf dem Programm stehen Disneys frühe musikalischen Meisterwerke, die Kurzfilme der Reihe „Silly Symphonies“, die in den 1930er-Jahren weltweit gefeiert wurden. In der Tat gab es nur wenige Kritiker, die sich an Disneys Musikverständnis stießen. Den wohl prominentesten gibt die Ausstellung – trotz des Frankfurter Bezugs – keine Stimme. Von einer „unglücklichen Dopplung“ sprachen sie, wenn in die Filmmusik lautmalerisch arbeitete. Ihr despektierlicher Begriff dafür hat sich bis heute in der Musikkritik erhalten: „Mickeymousing“.

Ausstellungsansicht (Foto: Uwe Dettmar, Quelle: DFF)
Ausstellungsansicht (Foto: Uwe Dettmar, Quelle: DFF)


Hinweise

Die Ausstellung „The Sound of Disney. 1928 - 1967“ über die Klangwelt der klassischen Disney-Animationsfilme im „DFF - Deutschen Filmmuseum Frankfurt“ läuft bis Sonntag. 10. Januar 2021. Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Aufgrund der Corona-Beschränkungen steht nur eine begrenzte Anzahl von Tickets pro Zeitfenster zur Verfügung. Das Museum empfiehlt deshalb, Tickets vorab online zu erwerben. Das umfangreiche Begleitprogramm umfasst Führungen, Kinovorführungen, Workshops, Vorträge, Diskussionen, Konzerte und ein digitales Begleitprogramm. Aktuell findet sich dort beispielsweise ein Gespräch mit Andreas Deja, der von 1980 bis 2010 als Zeichner für Disney gearbeitet hat.

Kommentar verfassen

Kommentieren